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Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.

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30.1.2015 | Von:
David Witzthum

Israelische Deutschlandbilder - Essay

Deutschland als Spiegel

Eine Erklärung für diese Diskrepanz ist das Paradox, dass trotz der scheinbar end- und grenzenlosen Informationen, die jedermann zur Verfügung stehen, sowohl Israelis als auch Deutsche fehlerhafte Informationen übereinander und ein fehlerhaftes Verständnis voneinander haben. Ich selbst habe von deutschen Reportern in Israel häufig die Klage gehört, dass sie hauptsächlich über den israelisch-palästinensischen Konflikt berichten müssen und dass ihnen kaum Zeit oder Raum für andere Themen eingeräumt wird. Kein Wunder, dass auch faire Berichterstattung über Israel das Land so darstellt, als würde es sich ausschließlich um den Kampf gegen Araber kümmern, wohingegen die Berichterstattung über Deutschland, wie ich noch ausführen werde, in den israelischen Medien sehr vielfältig ist.

Wenn wir jedoch tiefer in die Materie eindringen, stellen wir fest, dass die israelische Berichterstattung über Deutschland sehr stark vom Charakter der eigenen Gesellschaft und Kultur ausgeht – und die Ereignisse in Deutschland entsprechend interpretiert und bewertet werden. Informationen werden jeweils nach ihrem Bezug zum israelischen Diskurs bewertet. Genau wie der Fall der Mauer als Metapher für die versteckten Sehnsüchte der Israelis wahrgenommen wurde, so handeln auch viele andere Geschichten (nicht nur) aus Deutschland tatsächlich von uns, und in gewisser Weise erfüllen die Deutschen in diesen Geschichten dabei den gleichen Zweck wie Figuren in einer Parabel.[5]

Überdies: Über Deutschland wird hauptsächlich aus der Ferne berichtet – denn in den vergangenen Jahren schicken die israelischen Medien immer weniger Korrespondenten dauerhaft nach Deutschland, und die großen Medienunternehmen verlassen sich auf freischaffende Reporter, Nachrichtenagenturen und das Internet. Bei wichtigeren Angelegenheiten – etwa Besuche von Staatschefs, große nationale oder internationale Veranstaltungen – arbeiten sie mit Korrespondenten, die nicht zur Auslandsredaktion gehören, aber Spezialisten für Diplomatie, Militär oder den Nahen Osten sind. Die Redakteure selbst ziehen Geschichten vor, die einen israelischen Bezug oder Kontext haben (eine Tendenz, die überall in den Medien anzutreffen, aber in Israel besonders stark ausgeprägt ist), und so kann man in den Berichten über Kultur, Sport oder Wirtschaft in Deutschland auch "israelische" Geschichten finden, etwa wenn es um israelische Künstler, Sportler oder Unternehmer in Deutschland geht. Aber auch Geschichten über den Holocaust zählen dazu – über Überlebende, Experten oder andere, die daran beteiligt sind, das kollektive Gedächtnis und Gedenken aufrechtzuerhalten.

Sogar Skandale mit Ursprung in Deutschland scheinen "israelisch" zu werden, wenn sie hier behandelt werden: Dies war im April 2012 etwa der Fall bei dem idiotischen "Gedicht" von Günter Grass über die Gefahr und das Schweigen zur israelischen Atombombe im Vergleich mit dem iranischen Regime. Nachdem die israelischen Medien sich einen Tag lang mit Grass und seiner SS-Vergangenheit beschäftigt hatten, wandten sie sich zügig unserem eigenen Innenminister Elijahu Yishai zu, der entschied, Grass in Israel zur persona non grata zu erklären. Hohn und Kritik an Yishai drängten Grass selbst rasch an den Rand der Berichterstattung. Dasselbe geschah mit Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, als er im Februar 2014 in der Knesset ein paar unglückliche Sätze zum ungleichen Wasserverbrauch der Palästinenser und Israelis sprach. Die Berichterstattung wandte sich fast sofort der grundlegenden Frage nach Palästinensern, Siedlern und dem Zugang zu Wasser zu. Und so stritten linke und rechte israelische Stimmen über Nachrichtenquellen und die Frage, ob die nationalreligiöse Partei "Jüdisches Heim" taktlos gehandelt habe, als sie aus Protest den Saal verließ, während der Gast aus Europa noch sprach.

Sogar als das Landgericht Köln im Juni 2012 die (jüdische wie muslimische) Beschneidung von minderjährigen Jungen für ungesetzlich erklärte, weil diese eine Körperverletzung darstelle, mobilisierte diese Nachricht in Israel keine antideutschen Gefühle. Vielmehr hatte dies für viele mit der jüdischen Gemeinschaft und Existenz in Deutschland zu tun, die in Israel traditionell als problematisch erachtet wird. Ezer Weizmann, von 1993 bis 2000 israelischer Präsident, verlieh dieser Geisteshaltung typischen Ausdruck, als er im Januar 1996 während eines Deutschlandbesuchs sagte: "Ich kann nicht verstehen, wie Juden hier leben können." Überdies werden die orthodoxen Rabbiner, die ihre Stimme gegen das Kölner Urteil erhoben, von der säkularen und liberalen Öffentlichkeit in Israel als Bedrohung für ihren Lebensstil wahrgenommen, weshalb sie in den israelischen Medien ohnehin nur wenig Sympathie für ihre Anliegen wecken können.

Wenn wir uns nun wieder der Berichterstattung über Israelis in Berlin zuwenden, ist die Ironie augenfällig: Während junge Israelis in Berlin als "Berliner Israelis" eine Identität zurückfordern, die ihren Vorfahren geraubt wurde, sehen wir sie in den israelischen Medien, und unser Diskurs über sie und Berlin dreht sich eigentlich nicht wirklich um Deutschland, sondern nur um uns selbst. Er dreht sich um Israel und die Schwierigkeiten, die das Land seiner jungen Generation bereitet – und sie zwingt, im Ausland nach einem besseren Leben zu suchen.[6]

Deutschland in den Fernsehnachrichten

Tabelle: Deutschland in den Nachrichten von Channel 1Tabelle: Deutschland in den Nachrichten von Channel 1
Um meine These vom "israelzentrischen" Charakter des Images von Deutschland in den israelischen Medien zu untermauern, habe ich eigens für diesen Beitrag die Hauptthemen mit Deutschlandbezug untersucht, die in den zurückliegenden zehn Jahren in der Abendnachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Channel 1 aufgegriffen wurden. Die Ergebnisse (Tabelle) belegen die beschriebenen Hauptargumente: Sogar in Berichten über Deutschland nehmen die bilateralen Themen, das heißt der Umgang mit Israel und den Israelis, mit 69 (von 335) Berichten den ersten Platz ein: Dies ist natürlich auch ein klares Zeichen dafür, dass die bilateralen Beziehungen selbst für Israel umfassend, eng und wichtig geworden sind. Ein dominantes Thema in dieser Berichterstattung sind die häufigen Zusammenkünfte in Berlin und Jerusalem, nicht nur von Staatschefs, sondern auch von ganzen Regierungen. Besondere Aufmerksamkeit schenkten die israelischen Medien auch der Rolle Deutschlands als Mediator zwischen Israel und der Hamas oder Israel und der Hisbollah.

Neben den bloßen Zahlen steht qualitativ der Eindruck, dass die allgemeine Einstellung der israelischen Medien gegenüber Deutschland außerordentlich zustimmend ist. Kanzlerin Merkel wird als ideale Staatschefin gesehen – und schneidet im Vergleich mit der israelischen Führung positiv ab. Wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht, wird als tief greifend und ernsthaft wahrgenommen, und überhaupt wird es als freundliches und einladendes Land angesehen – sei es für Tourismus, Geschäftsbeziehungen oder gar als Wohnort für Studium, Arbeit oder noch mehr.

Sogar im Zusammenhang mit den Konflikten zwischen Deutschland und Griechenland wegen der europäischen Hilfsprogramme und den Forderungen nach griechischen Reformen berichteten die israelischen Medien positiv über die deutsche Position. Davon ausgenommen war nur ein Thema: die Abwicklung des griechischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, was uns in Israel daran erinnerte, dass Channel 1 selbst am Rande der Schließung steht. Daher handelt auch diese Geschichte eigentlich von uns.

Fazit

70 Jahre nach der Zerstörung Deutschlands, Europas und des europäischen Judentums kann man möglicherweise zum ersten Mal sagen, dass die Erinnerung an die Shoah die israelisch-deutschen Beziehungen nicht trübt. Im Gegenteil: Sie trägt zu diesen Beziehungen Tiefe und Ernsthaftigkeit bei, sowohl als Ergebnis der anhaltenden "Auseinandersetzung" mit der Vergangenheit als auch mit der fortdauernden Verantwortung, zu der Deutschland sich nach wie vor bekennt. Israelische Medien berichten auch über Themen, die sie für die Unzulänglichkeiten Deutschlands halten – übertriebene political correctness, konservative und manchmal übermäßige Vorsicht, die radikalen bis extremen Stimmen am Rande von Politik und Gesellschaft oder Projektionen von Schuld auf das Handeln Dritter. Aber verglichen mit den gegenteiligen Tendenzen geht der Anteil der kritischen Berichte immer stärker zurück.

Israels Problem liegt nicht nur in den Medien, sondern auch in der Politik. Und solange die gegenwärtigen Tendenzen darin anhalten, werden sich viele Deutsche der jüngeren Generationen den kritischen und antiisraelischen Stimmen anschließen, die sich beispielsweise in Kampagnen wie der internationalen BDS-Kampagne (boycott, divestment, sanctions) ausdrücken und einen vollständigen Boykott Israels und seiner Produkte fordern. Diese Stimmen sind, sowohl in Deutschland als auch in Israel, bislang vor allem außerhalb der etablierten Massenmedien zu hören – im Internet und in sozialen Netzwerken, die von Einzelpersonen und zivilgesellschaftlichen Gruppen betrieben werden. Dieser neue Diskurs jedoch, von alten Einschränkungen und Verpflichtungen befreit, kann die Art und Weise verändern, in der wir einander sehen und wahrnehmen – nicht nur in Deutschland und Israel, sondern auch in unseren stark unterschiedlichen Regionen, Gesellschaften und Kulturen.

Fußnoten

5.
Die Historikerin Yfaat Weiss behauptet, dass das schwache Echo deutscher Angelegenheiten in Israel ein Ergebnis tief verwurzelter Stereotype ist. Vgl. Yfaat Weiss, The Faint Echoes of German Discourse in Israel, in: Partisan Review, 68 (2001) 3, S. 396–404.
6.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Yoav Sapir in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: David Witzthum für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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