Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.

30.1.2015 | Von:
Sylke Tempel

Deutsche Israelbilder - Essay

Die Deutschen desinteressieren sich

Die Feststellung, dass die Antworten eben je nach Frage unterschiedlich ausfallen und dadurch zuweilen durch unmittelbar prägende Ereignisse schwankende Resultate entstehen, ist wahrlich auch für die Meinungsforschung nicht neu. Und dennoch lässt sich ein klarer Trend feststellen. Die deutsche Öffentlichkeit interessiert sich jenseits der Aufregungswellen im Rahmen des Konflikts mit den Palästinensern nicht weiter für Israel. Sie entfernt sich von Israel, aber auch von der politischen Elite in Deutschland. Deutsche Politiker, inklusive der Kanzlerin, mögen israelische Politik wie den Siedlungsbau offen und deutlich kritisieren. Auf politisch-diplomatischer Ebene aber sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel eng und vertrauensvoll. Die israelische ist eine der wenigen Partnerregierungen, mit denen die Bundesregierung regelmäßige Kabinettstreffen abhält. Seit vielen Jahren findet ein intensiver Austausch zwischen israelischen und deutschen Soldaten statt, zudem liefert die Bundesrepublik atomar bestückbare U-Boote an Israel. 2011 vermittelte die Bundesrepublik zur Freilassung des von der Hamas gekidnappten israelischen Soldaten Gilad Shalit. Und nicht zuletzt nimmt Berlin mit einem jüngst abgeschlossenen Abkommen konsularische Aufgaben für israelische Staatsbürger in Ländern wahr, in denen Israel keine diplomatische Vertretung besitzt – was ja nichts weniger bedeutet, als dass die israelische Regierung das Wohlergehen ihrer Bürger in manchen Ländern Deutschland anvertraut.

Die deutsche Öffentlichkeit allerdings scheint sich gerade im Nahostkonflikt politische Neutralität zu wünschen. Zwar befürworten laut der genannten Bertelsmann-Studie 48 Prozent der Deutschen eine diplomatisch-politische Unterstützung Israels, was diese jedoch konkret bedeutet, bleibt im Ungefähren. Man darf davon ausgehen, dass damit eine generelle Befürwortung einer Zweistaatenlösung gemeint ist, die eben auch Israel sichere Grenzen garantieren müsste. Nur 19 Prozent hingegen sprechen sich dafür aus, dass auch deutsche Waffen an Israel geliefert werden – in diesem Fall dürfte eben doch die Mehrzahl der Bundesbürger mit Günter Grass übereinstimmen, der ja gerade die Lieferung atomar bestückbarer U-Boote für einen "Skandal" hielt.

Auch "die" Vergangenheit scheint Deutschland nicht mehr so stark mit Israel zu verbinden. Die Mehrheit der Befragten in der Bertelsmann-Studie, nämlich 61 Prozent, erkennt zwar eine besondere, nicht näher bestimmte Verantwortung Deutschlands aufgrund seiner Geschichte an, aber die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und mit dem Mord an den europäischen Juden bleibt offensichtlich selbstbezogen und in gewisser Weise politisch konsequenzlos. Denn nur 40 Prozent der Befragten empfinden eine Verantwortung für das jüdische Volk. Klar ist: Dass die Sicherheit Israels – aus der der militärische Aspekt von "Sicherheit" ja nicht ausgeblendet werden kann – zur deutschen Staatsräson zählen soll, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 im israelischen Parlament betonte,[10] leuchtet einer großen Mehrheit der Bundesbürger wohl weder ein, noch wäre auf große Unterstützung der deutschen Gesellschaft zu hoffen, sollte diese Sicherheit tatsächlich auch durch deutsche Waffen garantiert werden müssen.

Ursachenforschung

Welche Gründe mag es für die Entfremdung geben? Deutsche und Israelis haben ganz verschiedene Lehren aus der Geschichte gezogen: "Nie wieder Krieg" auf der deutschen Seite, was in einer tiefen Abneigung gegen alles Militärische resultiert. Das gilt nicht nur in Bezug auf den Nahostkonflikt; die Ablehnung militärischer Interventionen, inklusive des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr, ist seit Jahrzehnten konstant. Für Israelis hingegen gilt die Lehre "Nie wieder Auschwitz" oder auch "Nie wieder wir".[11] Und dazu gehört selbstverständlich auch die Legitimität des Einsatzes militärischer Mittel. Hätte es, so die geradezu einhellige Auffassung in Israel, 1933 schon einen jüdischen, zur Selbstverteidigung und zur Rettung jüdischer Bürger fähigen Staat gegeben, dann wäre es nie zur Shoah gekommen.

Neben diesen nicht miteinander zu vereinbarenden Lehren aus der Geschichte könnten auch die Lebenswirklichkeiten von Israelis und Deutschen unterschiedlicher nicht sein. Deutschland ist postmilitärisch, postnationalistisch und postreligiös. Israel ist und kann nichts davon sein. Deutschland ist spätestens nach 1989 nur von Freunden umgeben; Europa befand sich wenigstens bis zur Ukraine-Krise in einer außergewöhnlich günstigen Sicherheitslage. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker in die Europäische Union integriert, ja es ist einer der wesentlichen Treiber der Integration. Israel war eine Integration in die Nachbarschaft verwehrt (mit Ausnahme des kalten Friedens mit Ägypten und Jordanien, der gänzlich auf Kontakte zwischen politischen Entscheidungsträgern beschränkt blieb). Deutschland verfügt (spätestens seit 1990) über sichere und klar definierte Grenzen; Israels Grenzverlauf ist bis zu einem Endstatus-Abkommen mit den Palästinenser umstritten, sein Existenzrecht wird von zahlreichen staatlichen und nichtstaatlichen Kräften in der Region bestritten, und der Zerfallsprozess arabischer Staaten in der Region scheint unaufhaltsam.

Einem vielleicht wachsenden Patriotismus in Deutschland zum Trotz ist und bleibt das Thema "Nation" ein schwieriges – zudem gibt Deutschland im Rahmen der EU nationale Souveränität bewusst ab. In Israel ist das nation-building dagegen nicht abgeschlossen, solange es auch nicht über sichere Grenzen verfügt. Zudem lehnt ein nicht geringer Teil der israelischen Bevölkerung – die Ultraorthodoxen – den jüdischen Staat aus religiösen Gründen ab, während die arabische Bevölkerung – immerhin fast ein Viertel der in Israel lebenden Menschen – den Gründungsmythos Israels nicht teilen kann. Sie ist ja nicht in das Land ihrer Vorväter zurückgekehrt, um dort endlich selbstbestimmt und als Mehrheit im eigenen Staat zu leben. Der jüdische Staat ist bei seiner Gründung 1948 in Form einer "Katastrophe" (Nakba) über sie gekommen.

Und schließlich: Über 60 Prozent der Israelis mögen sich als säkular bezeichnen, sie fühlen sich aber der jüdischen Tradition und Geschichte durchaus verpflichtet. Dies hat auch eine politische Dimension: Würde die jüdische Bevölkerung Israels ihre historische Verbindung zum "Heiligen Land" kappen, dann würde sie auch ihr Recht auf die Existenz eines jüdischen Staates an diesem Ort unterminieren. Die deutsche Gesellschaft hingegen wird immer säkularer, durchaus im Sinne von "religiös unmusikalisch" oder gar areligiös. Religiöse Aspekte eines Konflikts sind ihr zutiefst suspekt.

Diese trennenden Elemente sind nicht zu überwinden, da sie völlig unterschiedlichen politischen Umständen geschuldet sind. Sehr wohl aber könnten sie zur Kenntnis genommen – und als mögliche Ursache für die Unterschiedlichkeit politischen Handelns oder die Unterschiedlichkeit der Bewertung von politischem Handeln verstanden werden. Indes: Es fehlt, wie Shimon Stein, der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, einmal beklagte, an "Empathie"[12] – und das könnte man durchaus als mangelnde Bereitschaft interpretieren, den jüdischen Staat jenseits der Vergangenheit und innerhalb seiner gesamten schwierigen Gegenwart wahrzunehmen. Solange diese Empathie fehlt, solange Israel nur als Konfliktpartei wahrgenommen wird, nicht aber in seiner gesamten politischen Breite, nicht in seiner gesamten Komplexität, dürfte die Entfremdung der deutschen Öffentlichkeit von Israel wohl noch weiter wachsen.

Fußnoten

10.
Vgl. Merkel: Wir sind mit Israel auf immer verbunden, 18.3.2008, http://www.faz.net/-1513658.html« (14.1.2015). Siehe hierzu auch den Beitrag von Markus Kaim in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
11.
Diana Pinto, Ein Minenfeld von Missverständnissen, in: Internationale Politik (IP), (2015) 1, S. 120–132, https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/archiv/jahrgang-2015/januar-februar/ein-minenfeld-von-missverstaendnissen« (14.1.2015).
12.
Vgl. "Germany is a Bridgebuilder", in: IP – Transatlantic Edition, (2005) Fall, https://ip-journal.dgap.org/ip-journal/topics/„germany-bridgebuilder«" (14.1.2015).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sylke Tempel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Israel

Israel

Die Entwicklung Israels ist eine Erfolgsgeschichte: Seit seiner Gründung hat es Menschen aus über 120 Ländern in einen jüdisch-demokratischen Staat integriert. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Land ist eine Hightech-Nation geworden.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild Heimat? - Vielleicht

Heimat? - Vielleicht

In 16 Interviews berichten Kinder von Holocaust-
überlebenden, die in Deutschland aufgewachsen s...

Deutschland und Israel Bild

Deutschland und Israel

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis ist 40 Jahre nach der Aufnahme offizieller Beziehung...

Zum Shop

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2015

Der APuZ-Jahresband 2015: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" aus dem Jahr 2015.Weiter...

Zum Shop