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Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.

30.1.2015 | Von:
Marcel Serr

Zur Geschichte der deutsch-israelischen Rüstungskooperation

Deutsche Nahostkrise

Im Herbst 1964 wurde in der ägyptischen Presse von der deutsch-israelischen Rüstungskooperation berichtet. Schlagartig verschärfte sich die Rhetorik der arabischen Staaten: Sie drohten, die DDR anzuerkennen, sollte die Bundesrepublik den jüdischen Staat weiterhin militärisch unterstützen. Als Reaktion auf die Waffenlieferungen kündigte Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser im Januar 1965 den Besuch des DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht an. In Bonn schrillten die Alarmglocken. Sollte dies der erste Schritt zur Anerkennung der DDR sein? Entsprechend der Hallstein-Doktrin würde dies automatisch den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Kairo nach sich ziehen. Die Regierung unter Ludwig Erhard wurde nervös und ließ verlauten, fortan Waffenlieferungen in Spannungsgebiete einzustellen – dies treffe auch auf Israel zu. Bonn versuchte, die Israelis von der Umwandlung der Waffenlieferungen in andere Güter zu überzeugen. Doch Jerusalem reagierte verärgert, verwies auf die Erpressbarkeit Bonns und bestand auf die Lieferung der vereinbarten Waffensysteme. Israels Premierminister Levi Eshkol erklärte in der Knesset: "Deutschland trägt eine beispiellose, schwere Verantwortung. Es ist seine Pflicht, Israel mit der für seine Sicherheit notwendigen Ausrüstung beizustehen; eine Entschädigung und Ersatzleistung können nicht an Stelle der Erfüllung dieser Verpflichtung treten."[11]

Gleichzeitig versuchte Bonn, Nasser vom Verzicht oder zumindest vom Aufschub des Ulbricht-Besuchs zu überzeugen. Doch vergeblich – vom 24. Februar bis 1. März 1965 besuchte Ulbricht das Land am Nil. Die Bundesrepublik stellte daraufhin die Wirtschaftshilfe für Ägypten ein und zog den Botschafter zurück. Die DDR sprang mit bilateralen Abkommen über die Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen ein (Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft). Im Gegenzug kündigte Kairo die Eröffnung eines Konsulats in Ost-Berlin an.[12]

Auch das Verhältnis zwischen Bonn und Jerusalem war eisig. Im März 1965 wurde daher der CDU-Abgeordnete Kurt Birrenbach nach Israel geschickt, um als Kompensation für die ausbleibenden Waffenlieferungen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anzubieten. Jahrelang hatte sich die Bundesrepublik vor diesem Schritt gescheut. Denn in Zeiten der Hallstein-Doktrin fürchtete Bonn die Gegenreaktion der arabischen Staaten: die Anerkennung der DDR und – dem Automatismus der Doktrin folgend – der Abbruch der Beziehungen seitens der Bundesrepublik zu diesen Staaten.[13] Nach zähen Verhandlungen einigten sich Deutschland und Israel, die ausstehenden Lieferungen in eine Ablösesumme von 140 Millionen DM umzuwandeln. Mit diesem Geld konnte Israel die Waffen anderweitig einkaufen. Nachdem dies geklärt war, stand der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen am 12. Mai 1965 nichts mehr im Wege.[14]

Gegenseitiger Nutzen im Kalten Krieg

Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen und den Beteuerungen deutscher Politiker, keine Waffen mehr in den Nahen Osten zu liefern, ging die Rüstungskooperation in angepasster Form weiter. Zum einen rückten unauffälligere Rüstungsgüter (wie Funk-, Radar- und Navigationsgeräte) sowie Einzelteile für die Waffenproduktion ins Zentrum deutscher Exporte nach Israel. Eine gewichtige Rolle spielten hierbei Dieselmotoren der Motoren- und Turbinen-Union Friedrichshafen (MTU) und Getriebe der Augsburger Firma Renk für die israelischen Merkava-Kampfpanzer. Dagegen wurden die Munitionslieferungen Israels nach Deutschland unverändert beibehalten. Zwischen 1977 und 1991 nahmen sie einen Umfang von rund 1,3 Milliarden DM an.[15]

Zum anderen konzentrierte sich die Zusammenarbeit auf die gemeinsame Beurteilung von gegnerischen Waffensystemen und die Waffenentwicklung. Israel war aufgrund fortdauernder Konflikte mit den arabischen Staaten und des entsprechenden kontinuierlichen Zugangs zu sowjetischer Militärtechnologie ein wertvoller Partner.[16] Israels Auslandgeheimdienst Mossad teilte mit der Bundesrepublik die Auswertung der erbeuteten Waffensysteme, teilweise wurde deutschen Experten auch direkter Zugang zu den Waffen gewährt. Die deutsche Rüstungsindustrie profitierte davon enorm, da diese Erkenntnisse in die Entwicklung und Produktion neuer Waffensysteme einflossen. Die Kenntnisse über den sowjetischen T-62-Panzer und BMP-1-Schützenpanzer, die die Israelis im Jom-Kippur-Krieg erbeutet hatten, wirkten sich direkt auf die Entwicklung des deutschen Leopard-II-Panzers und des Marder-Schützenpanzers aus: So wurde festgestellt, dass das Standardkaliber der NATO mit 105mm nicht genug Schaden an der neuen sowjetischen Panzerung anrichtete. Der Leopard II wurde daher mit einer 120mm Glattrohrkanone ausgestattet. Die technologischen Rückschlüsse der deutschen Ingenieure wurden wiederum an das israelische Militär weitergegeben. Die gleiche Kanone wurde Ende der 1980er Jahre auch im israelischen Merkava III verbaut.[17]

In den 1970er Jahren kam es zum geheimen und bis dahin größten deutsch-israelischen Rüstungsprojekt: Unter dem Codenamen "Cerberus" wurde Israel mit der Entwicklung eines Radarstörsenders für den neuen Tornado-Kampfbomber der deutschen Luftwaffe beauftragt. Das elektronische Kampfmittel (im Militärjargon: Tornado Self-Protection Jammer, TSPJ) sollte es dem Flugzeug erlauben, von sowjetischen Radarstationen unentdeckt Ziele weit hinter dem Eisernen Vorhang zu bekämpfen.[18] Nach der Fertigstellung wurden die deutsche Luftwaffe und die Israeli Air Force (IAF) mit dem damals weltweit fortschrittlichsten System ausgestattet, das seine Leistungsfähigkeit im Libanonkrieg 1982 beeindruckend unter Beweis stellte. Die IAF zerstörte 16 syrische Luftabwehrbatterien an einem Tag und schoss über 120 syrische Kampfflugzeuge ohne eigene Verluste ab. Nach diesem Erfolg blieb die elektronische Kriegsführung ein Sektor mit besonders engen Kontakten zwischen Deutschland und Israel.[19]

Ab den 1970er Jahren rückten für die Bundesrepublik neben der Bedrohung durch den Warschauer Pakt die Gefahren des nationalen und internationalen Terrorismus verstärkt in den sicherheitspolitischen Fokus. Hierbei bot sich Israel mit seiner langen Erfahrung in der Terrorbekämpfung als Ideengeber und Berater an. So waren Israels Spezialeinheit Sajeret Matkal und die Antiterroreinheit YAMAM Vorbilder beim Aufbau der deutschen GSG 9 der Bundespolizei.[20]

Aus Rücksichtnahme auf die arabischen Staaten war Geheimhaltung stets ein wichtiger Faktor der Kooperation. In Bonn und Jerusalem präferierte man daher persönliche, informelle Kontakte, um unkompliziert und ohne großes Aufsehen agieren zu können.[21]

Intensivierung nach dem Ende des Kalten Krieges

Mit der Vereinigung Deutschlands 1990 und dem Ende des Kalten Krieges veränderte sich die Rüstungszusammenarbeit der beiden Länder. Es kam vermehrt zur offenen und direkten Zusammenarbeit von deutschen und israelischen Rüstungsunternehmen und zu intensiveren Beziehungen im Bereich der militärischen Forschung und Entwicklung.[22] Zunächst lieferte Deutschland eine Großzahl sowjetischer Waffensysteme aus den NVA-Beständen an Israel. Zur Tarnung wurden die brisanten Gerätschaften vom BND als zivile Güter ausgegeben. Doch im Oktober 1991 entdeckte die Polizei in Hamburg eine dieser Lieferungen: 14 Container voll mit Waffen – darunter Panzerwagen, Raketen, Ersatzteile für den T-72-Panzer und die Radareinheit des MiG-29-Kampfjets – waren als "land- und forstwirtschaftliches Gerät" deklariert worden.[23]

Mit der erfolgreichen Entwicklung des Cerberus-Systems hatte sich Israel als kompetenter Partner in komplexen Hightech-Rüstungsprojekten etabliert. Die israelische Rüstungsindustrie konzentrierte sich auf hochtechnologische und vielseitig kompatible Komponenten in den Bereichen Avionik, Sensorik, Kommunikationselektronik und elektronische Kriegsführung. Die Kooperation mit deutschen Rüstungsunternehmen als Türöffner für den europäischen Markt ermöglichte deutsch-israelischen Joint Ventures lukrative Geschäfte. So erhielten die deutsche DASA und die israelische Firma Elbit 1999 den Zugschlag zur Modernisierung der griechischen Phantom-Kampfflugzeuge. Zeiss Optronics und das israelische Unternehmen Rafael bieten gemeinsam die Aufklärungs- und Zielerfassungssysteme Litening Pod und Recce Lite an.[24]

Fußnoten

11.
Zit. nach: N. Hansen (Anm. 5), S. 257f.
12.
Vgl. Dalia Abu Samra, Deutschlands Außenpolitik gegenüber Ägypten, Diss. FU Berlin 2002, S. 66ff. Zu den deutsch-deutschen Zusammenhängen siehe auch den Beitrag von Lorena De Vita in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
13.
Vgl. S. Peres (Anm. 4), S. 68, S. 83ff.
14.
Vgl. N. Hansen (Anm. 5), S. 260–263. Unmittelbar nach Aufnahme der Beziehungen zogen 13 arabische Länder ihre Botschafter aus Bonn ab. In einigen arabischen Ländern kam es auch zu Demonstrationen vor den bundesdeutschen Botschaften. Vgl. D.A. Samra (Anm. 12), S. 80–83.
15.
Vgl. Otfried Nassauer, Besondere Beziehungen. Die deutsch-israelische Rüstungskooperation, Berlin 2010, http://www.bits.de/public/bes-beziehungen.htm« (2.1.2015).
16.
So hatte Israel beispielsweise als erstes westliches Land direkten Zugriff auf einen MiG-21-Kampfjet. Vgl. Ian Black/Benny Morris, Israel’s Secret Wars, New York 1991, S. 206–210.
17.
Vgl. O. Nassauer (Anm. 15); S. Shpiro (Anm. 3), S. 322f.
18.
Vgl. S. Shpiro (Anm. 3), S. 323f.
19.
Vgl. ders., Shadowy Interests. West German-Israeli Intelligence and Military Cooperation, 1957–1982, in: Clive Jones/Tore T. Petersen (Hrsg.), Israel’s Clandestine Diplomacies, Oxford 2013, S. 182ff.
20.
Vgl. S. Shpiro (Anm. 3), S. 317. Die GSG-9 wurde 1972 gegründet. Anlass hierzu gab der gescheiterte Polizeieinsatz zur Beendigung der Geiselnahme der israelischen Mannschaft während der Olympischen Spiele in München durch palästinensische Terroristen.
21.
Vgl. O. Nassauer (Anm. 15).
22.
Vgl. ders./Christoph Steinmetz, Rüstungskooperation zwischen Deutschland und Israel, Berlin 2003, S. 5.
23.
Vgl. S. Shpiro (Anm. 3), S. 325f.
24.
Vgl. O Nassauer (Anm. 15); ders./C. Steinmetz (Anm. 22), S. 28f.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Marcel Serr für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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