Blick auf die Landschaft im Projektgebiet Magoma bei Korogwe/Tansania.

6.2.2015 | Von:
Thomas Pogge

Weltarmut und Menschenrechte – Essay

Fiktive Geschichten

Andere, die nicht historisch legitimierte Gerechtigkeitskonzeptionen vertreten, sind möglicherweise der Meinung, es sei statthaft, jedwede ökonomische Verteilung aufrechtzuerhalten, und sei sie auch noch so schieflastig, wenn sie nur auf einem moralisch akzeptablen Weg zustande gekommen sein könnte. Sie beharren darauf, wir seien berechtigt, selbst auf Kosten Millionen Toter jährlich unseren Besitz zu behalten und zu verteidigen – es sei denn, es gebe einen schlüssigen Beweis dafür, dass ohne die Gräuel der europäischen Eroberungen die gravierende Armut weltweit heute substanziell geringer wäre. Da jedoch jede Verteilung, so ungleich sie auch sein mag, eine Folge selbstgewählter Risiken und Wagnisse sein könnte, würde die Berufung auf eine solche fiktive Geschichte alles rechtfertigen und wäre daher völlig unplausibel.

John Locke zufolge kann eine fiktive Geschichte den Status quo nur rechtfertigen, wenn die mit ihr verbundenen Veränderungen in Sachen Besitz und gesellschaftliche Ordnung so gestaltet sind, dass alle Beteiligten ihnen rational hätten zustimmen können. Darüber hinaus vertritt er die Ansicht, in einem Urzustand hätten Menschen das Recht auf einen gleichwertigen Anteil an den natürlichen Rohstoffen der Erde. Wer anderen "genug und gleich Gutes" vorenthalte – sei es mittels einseitiger Aneignungen oder institutioneller Regelungen wie ein radikal inegalitäres Eigentumsrecht –, schade ihnen durch die Verletzung einer negativen Pflicht. Für Locke hängt die Gerechtigkeit jedweder institutioneller Ordnung daher davon ab, ob es den von ihr am meisten Benachteiligten mindestens so gut geht wie Menschen in einem Urzustand mit gleichem Zugang zu Rohstoffen. Nach Locke’s permissivem Ansatz darf eine kleine Elite zwar von dem gewaltigen gemeinschaftlichen Überschuss, den eine moderne soziale Organisation produziert, in Gänze Besitz ergreifen, sie darf dabei jedoch niemanden unter die Basislinie des Urzustands herabsetzen.

Diese Basislinie ist natürlich unscharf, genügt jedoch für meine zweite These: Wie auch immer man sich einen menschlichen Urzustand vorstellen mag, könnte man ihn realistischerweise nicht mit so viel Leid und vorzeitigen Todesfällen wie im heutigen Umfang ersinnen. Nur eine straff durchorganisierte soziale Ordnung kann eine solche Not hervorbringen und eine fortwährende jährliche Todesrate von 18 Millionen Menschen aufrechterhalten. Die gegenwärtige Verteilung ist daher nach Lockeschen Maßstäben insoweit inakzeptabel, als die Bessergestellten erhebliche Vorteile bei der Nutzung natürlicher Rohstoffe genießen, während die Schlechtergestellten von dieser Nutzung und den daraus resultierenden Gewinnen weitgehend und ersatzlos ausgeschlossen sind. Wenn wir als Bürgerinnen und Bürger sowie Regierungen der wohlhabenden Staaten Hand in Hand mit den Herrschenden vieler ärmerer Länder die Armen der Welt zwangsweise von einem gleichwertigen Rohstoffanteil und jedwedem Substitut ausschließen, verletzen wir eine negative Pflicht. Daher schlägt auch der Versuch fehl, die heutige, zwangsweise aufrechterhaltene radikale Ungleichheit durch die Berufung auf einen irgendwie moralisch akzeptablen fiktiven historischen Prozess zu rechtfertigen, der zu ihr geführt haben könnte.

Gegenwärtiges globales Institutionengefüge

Eine dritte Perspektive auf die Gerechtigkeit radikaler Ungleichheit führt über eine Reflexion über die institutionellen Regelungen, die diese Ungleichheit reproduzieren. Dabei kann eine Wirtschaftsordnung und die von ihr hervorgebrachte Verteilung ungeachtet historischer Überlegungen gerechtfertigt werden, indem sie mit praktikablen institutionellen Alternativsystemen und den Verteilungsprofilen verglichen wird, die diese hervorbringen würden. Als Beispiel für diesen Ansatz dienen zahlreiche im weiteren Sinne konsequentialistische und kontraktualistische Gerechtigkeitskonzeptionen, die jeweils eine andere Ausgestaltung der wirtschaftlichen Institutionen unter modernen Bedingungen favorisieren. Diese stimmen jedoch darin überein, dass eine Wirtschaftsordnung ungerecht ist, wenn sie vorhersehbare und vermeidbare massive Menschenrechtsdefizite hervorruft – wie etwa die im feudalen Russland oder Frankreich vorherrschenden Systeme der Leibeigenschaft und Zwangsarbeit.

Dementsprechend lautet meine dritte These, dass die wohlhabenden Länder ihre großen wirtschaftlichen Vorteile durch eine globale Wirtschaftsordnung aufrechterhalten, die angesichts der massiven und vermeidbaren Entbehrungen, die sie vorhersehbar reproduziert, ungerecht ist. Diese institutionelle Ordnung trägt zur Reproduktion radikaler Ungleichheit insofern bei, als es praktikable institutionelle Alternativen gibt, mit deren Hilfe sich solch schwere und weitverbreitete Armut abschaffen oder zumindest erheblich reduzieren ließe, ohne zugleich andere Schäden vergleichbaren Ausmaßes zu verursachen wie etwa schwere Umweltzerstörungen.

Drei Begriffe von Schaden

Diese drei Thesen münden in die Schlussfolgerung, dass die Armen der Welt ein zwingendes moralisches Anrecht auf einen Teil unseres Wohlstands haben und dass wir, indem wir ihnen verweigern, wozu sie moralisch berechtigt sind und was sie dringend benötigen, aktiv zu ihren Entbehrungen beitragen. Und doch richten sich diese Thesen an verschiedene Zielgruppen und sprechen daher unterschiedliche und zueinander in einem schwierigen Spannungsverhältnis stehende moralische Konzeptionen an.

Zudem verwenden sie unterschiedliche Begriffe von Schaden. Gewöhnlich wird "Schaden" meist in einem historischen Sinne verstanden, entweder diachron oder konjunktivisch: Jemandem wird geschadet, wenn sie oder er schlechter gestellt wird als es zu einem vorherigen Zeitpunkt der Fall war oder der Fall gewesen wäre, wenn zuvor getroffene Regelungen weiterhin unberührt geblieben wären. Meine ersten beiden Thesen begreifen Schaden auf diese gewöhnliche Art und Weise und begreifen daraufhin Gerechtigkeit zumindest teilweise in Hinblick auf Schaden: Wir verhalten uns ungerecht gegenüber den Armen der Welt, indem wir ihnen die anhaltenden Auswirkungen historischer Verbrechen auferlegen oder sie unterhalb jedweder glaubwürdigen Basislinie eines Urzustands halten.

Meine dritte These jedoch begreift Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit nicht bezogen auf einen unabhängig festgelegten Begriff von Schaden. Vielmehr verbindet sie Schaden und Gerechtigkeit auf die umgekehrte Art, indem sie Schaden bezogen auf eine unabhängig festgelegte Konzeption von sozialer Gerechtigkeit begreift: Wir schaden den Armen der Welt, falls und soweit wir daran mitwirken, ihnen eine ungerechte globale institutionelle Ordnung aufzuerlegen. Diese ist definitiv ungerecht, falls und soweit sie vorhersehbar große Menschenrechtsdefizite aufrechterhält, die sich vernünftigerweise, also ohne andere Schäden vergleichbaren Ausmaßes zu verursachen, mittels praktikabler institutioneller Änderungen vermeiden ließen.

Meine dritte These ist empirisch anspruchsvoller als die beiden anderen, da ich hier drei Behauptungen belegen muss: Globale institutionelle Regelungen stehen in ursächlichem Zusammenhang mit der Reproduktion extremer Armut; für diese tragen die Regierungen der wohlhabenden Länder die Hauptverantwortung und können ihre abträglichen Auswirkungen vorhersehen; und die Bürger dieser wohlhabenden Länder tragen wiederum die Verantwortung für das, was ihre Regierungen in ihrem Namen aushandeln.

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