Das Bismarck-Denkmal in Goslar

20.3.2015 | Von:
Volker Ullrich

Der Mythos Bismarck und die Deutschen

Deutungsversuche zwischen Glorifizierung und Verdammnis

Im konservativen Widerstand gegen Hitler begann man sich freilich in dem Maße auf Bismarck zurückzubesinnen, wie deutlich wurde, dass der Diktator mit seiner verbrecherischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik alle zivilisatorischen Normen außer Kraft und dabei die Existenz des Reiches selbst aufs Spiel setzte. "Kaum zu ertragen, ich war dauernd nahe an Tränen beim Gedanken an das zerstörte Werk", notierte der Diplomat Ulrich von Hassell nach einem Besuch in Friedrichsruh Anfang Juli 1944. "Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit Bismarck beschäftigt, und er wächst als Außenpolitiker dauernd bei mir. Es ist bedauerlich, welch falsches Bild wir selbst in der Welt von ihm erzeugt haben, als dem Gewaltpolitiker mit Kürassierstiefeln, in der kindlichen Freude darüber, daß jemand Deutschland endlich wieder zur Geltung brachte."[34]

Mit diesem Eingeständnis war eine Revision der nationalkonservativen Bismarck-Deutung eingeleitet, die sich nach dem Ende des "Dritten Reiches" fortsetzen und zu einem grundlegenden Wandel der Betrachtungsweise führen sollte. Den Anfang machte der damals bereits über achtzigjährige Friedrich Meinecke mit seinem Essay "Die deutsche Katastrophe" von 1946: "In der unmittelbaren Leistung Bismarcks selbst war etwas, das auf der Grenze zwischen Heilvollem und Unheilvollem lag und in seiner weiteren Entwicklung immer mehr zum Unheilvollen hinüberwachsen sollte", schrieb der Nestor der deutschen Geschichtswissenschaft. "Der erschütternde Verlauf des ersten und noch mehr des zweiten Weltkriegs läßt die Frage nicht mehr verstummen, ob nicht Keime des späteren Unheils in ihm von vornherein wesenhaft steckten."[35] Damit war die Kernfrage aufgeworfen, welche die deutsche Geschichtswissenschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten intensiv beschäftigen sollte: die nach der Kontinuität der deutschen Politik zwischen 1871 und 1933, zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich".[36] In diesem Kontext wurde die Auseinandersetzung mit Person und Werk Otto von Bismarcks zur Nagelprobe für die Bereitschaft der Historiker, die überkommenen Deutungsmuster einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.[37]

Auf die dreibändige, vor 1945 im englischen Exil geschriebene Bismarck-Biografie von Erich Eyck, die an die Kritik der linksliberalen Zeitgenossen des "Reichsgründers" anknüpfte, reagierte die Zunft noch mit verstockter Abwehr. Für den Freiburger Historiker Gerhard Ritter bedeutete das Werk des Außenseiters "eine verspätete Revanche der durch Bismarck vergewaltigten und korrumpierten deutschen Liberalen von 1862–66"; anstelle der alten werde nun "eine neue Bismarcklegende, mit umgekehrten Vorzeichen," etabliert.[38] Der Münchner Historikertag von 1949, der erste nach dem Zweiten Weltkrieg, stand denn auch ganz im Zeichen des Versuchs, jeden Zusammenhang zwischen der Politik Bismarcks und der Hitlers zurückzuweisen. Als Hauptredner hatte man sich schon früh um Hans Rothfels bemüht, den die Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft von seinem Königsberger Lehrstuhl vertrieben und in die Emigration gezwungen hatten. "Er wäre der vom Himmel gesandte Mann für das Bismarck-Thema", schrieb Hermann Aubin im November 1948 an Gerhard Ritter.[39] Und Rothfels enttäuschte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht. Sein mit viel Applaus bedachter Vortrag mündete in die Feststellung einer "Grundtatsache": dass "das Zweite Reich im Entscheidenden und in prinzipieller Grenzsetzung genau gegen all das stand, was das Dritte Reich propagierte oder tat."[40] Diese scharfe Grenzziehung ließ sich jedoch auf Dauer nicht halten. In den folgenden beiden Jahrzehnten wurde sie durch die historische Forschung zunehmend durchbrochen. Neben den Diskontinuitäten rückten nun auch die Kontinuitäten ins Blickfeld. Daran hatte vor allem das 1961 erschienene Werk des Hamburger Historikers Fritz Fischer über die deutsche Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg, "Griff nach der Weltmacht", entscheidenden Anteil. Parallel dazu differenzierte sich auch das Bild Bismarcks und der Bismarck-Zeit aus, traten die Schattenseiten seiner Herrschaft, vor allem in der Innenpolitik, schärfer hervor.

Die Revision des Bismarck-Bildes trug auch in Politik und Öffentlichkeit allmählich Früchte. Hatte Bundeskanzler Ludwig Erhard Bismarck zum 150. Geburtstag am 1. April 1965 noch als "Sinnbild" des Strebens nach nationaler Einheit gefeiert, so erklärte Bundespräsident Gustav Heinemann anlässlich des hundertsten Jahrestages der Kaiserproklamation von Versailles, dass 1871 nur "eine äußere Einheit ohne volle innere Freiheit der Bürger" erreicht worden sei. Der "Reichsgründer" gehöre folglich nicht in die "schwarz-rot-goldene Ahnengalerie".[41] Gewissermaßen die Quintessenz unter die jahrzehntelange Debatte zog Lothar Gall 1980 mit seiner großen, bis heute maßstabsetzenden Bismarck-Biografie. Ihm gelang das Kunststück, sich von einseitiger Glorifizierung und Verdammnis gleich weit entfernt zu halten und den "weißen Revolutionär" bemerkenswert kritisch unter den Bedingungen seiner Zeit zu porträtieren.[42] Fünf Jahre später veröffentlichte der Altmeister der DDR-Geschichtsschreibung, Ernst Engelberg, den ersten Band einer zeitgleich in Ost und West veröffentlichten Biografie, in der er sich dem vordem als stockreaktionär verschrienen Junker auf überraschend verständnisvolle Weise annäherte.[43] Als der zweite Band 1990 erschien, war die DDR bereits untergegangen, hatten sich die beiden Teilstaaten, die aus der Trümmermasse des ersten deutschen Nationalstaates hervorgegangen waren, vereinigt.

Endlich Geschichte?

Hat Bismarck seitdem wieder eine "neue, fast bedrängende Bedeutung" gewonnen?[44] Keineswegs, denn die Unterschiede zwischen 1871 und 1990 sind nicht zu übersehen: Der zweite deutsche Nationalstaat ist nicht durch "Blut und Eisen" entstanden, sondern unter demokratischem Vorzeichen im Zuge einvernehmlicher Verhandlungen mit den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges. Er ist keine Schöpfung "von oben", sondern der Anstoß ging "von unten" aus, von den Reformbewegungen in den osteuropäischen Staaten und der Friedlichen Revolution in der DDR. Und auch wenn manche das vereinigte Deutschland aufgrund seiner ökonomischen Stärke bereits wieder in die Rolle einer europäischen Hegemonialmacht hineinfantasieren, so sprengt es zumindest bislang nicht das Gleichgewicht auf dem Kontinent. Befürchtungen, der Bismarck-Mythos könne im Zusammenhang mit einem neuen deutschen Nationalismus wiederbelebt werden, haben sich bislang nicht bewahrheitet.

Als wohl bedeutendster deutscher Staatsmann seines Jahrhunderts ist Bismarck immer noch ein Gegenstand unseres historischen Interesses, aber er polarisiert nicht mehr. "Sein Bild, lange von der Parteien Gunst und Hass verzerrt, hat sich geklärt."[45] An die Stelle leidenschaftlich umkämpfter kollektiver Erinnerung ist eine konsequente Historisierung getreten, die den "Reichsgründer" nüchtern-abwägend, mit seinen Leistungen und Grenzen, seinen Widersprüchen und Ambivalenzen zeigt. Vielleicht lässt sich sagen, dass er erst jetzt, zweihundert Jahre nach seiner Geburt, ganz der Geschichte angehört.

Fußnoten

34.
Ulrich von Hassell, Vom andern Deutschland. Aus den nachgelassenen Tagebüchern 1938–1944, Frankfurt/M. 1964, S. 319 (10.7.1944).
35.
Friedrich Meinecke, Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen, Wiesbaden 1946, S. 26.
36.
Siehe auch Andreas Wirschings Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
37.
Vgl. Winfried Schulze, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, München 1989, S. 224.
38.
Gerhard Ritter, Das Bismarck-Problem (1950), in: Lothar Gall (Hrsg.), Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung nach 1945, Köln–Berlin 1971, S. 121, S. 134; vgl. Christoph Cornelißen, Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2001, S. 507ff.
39.
Zit. nach: Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003, S. 179.
40.
Hans Rothfels, Bismarck und das 19. Jahrhundert, in: L. Gall (Anm. 38), S. 95; vgl. Jan Eckel, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2005, S. 230.
41.
Zit. nach: R. Gerwarth (Anm. 26), S. 184, 189.
42.
Lothar Gall, Bismarck. Der weiße Revolutionär, Berlin 1980.
43.
Vgl. Ernst Engelberg, Bismarck, Bd. 1: Urpreuße und Reichsgründer, Berlin 1995; ders., Bismarck, Bd. 2: Das Reich in der Mitte Europas, Berlin 1990.
44.
Christian Graf von Krockow, Bismarck, Stuttgart 1997, S. 8.
45.
Theo Sommer, Mahnung zu Maß und Mitte, in: Die Zeit vom 30.7.1998, S. 1.
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