Das Bismarck-Denkmal in Goslar
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20.3.2015 | Von:
Jürgen Zimmerer

Bismarck und der Kolonialismus

"Ich will auch gar keine Kolonien. Die sind bloß für Versorgungsposten gut. (…) Diese Kolonialgeschichte wäre für uns genauso wie der seid(e)ne Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben."[1]

Während Bismarck als europäischer Machtpolitiker und Architekt der deutschen Reichseinigung im kollektiven Gedächtnis immer noch präsent ist, wird seine Bedeutung für die Geschichte des deutschen und europäischen Kolonialismus und damit für die Globalgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts kaum erinnert. Dabei sind gerade auf diesem Gebiet Spuren seines Handelns bis heute zu finden, ist er doch Geburtshelfer des modernen, nationalstaatlich organisierten Afrika und der Begründer des deutschen Kolonialreiches. Bismarck selbst war kein Kolonialenthusiast. Er wollte keine Kolonien, dafür war er viel zu sehr Realist. Schon am Vorabend der Reichsgründung versuchte er sich gegen die immer stärker werdende koloniale Begeisterung in deutschen Landen zu stemmen:

"Einerseits beruhen die Vortheile, welche man sich von Colonien für den Handel und die Industrie des Mutterlandes verspricht, zum größten Theil auf Illusionen. Denn die Kosten, welche die Gründung, Unterstützung und namentlich die Behauptung der Colonien veranlaßt, übersteigen (…) sehr oft den Nutzen, den das Mutterland daraus zieht, ganz abgesehen davon, daß es schwer zu rechtfertigen ist, die ganze Nation zum Vortheile einzelner Handels- und Gewerbszweige, zu erheblichen Steuerlasten heranzuziehen. (…) Endlich würde der Versuch, Colonien auf Gebieten zu gründen, deren Oberhoheit andere Staaten, gleich ob mit Recht oder mit Unrecht, in Anspruch nehmen, zu mannigfachen und unerwünschten Conflikten führen können." [2]

Auch nach der Reichseinigung 1871, als der politische Rahmen für eine aktivere Kolonialpolitik zu bestehen schien und Stimmen nach einer Teilhabe Deutschlands an der kolonialen Aufteilung der Welt immer lauter wurden, wiederholte er seine Ablehnung apodiktisch:

"So lange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Erdteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht." [3]

Nach dem deutsch-französischen Krieg, der die Kräfteverhältnisse in Europa insbesondere durch die Annexion Elsass-Lothringens auf den Kopf gestellt hatte, erklärte Bismarck das Deutsche Reich als "saturiert", um die anderen Mächte zu beschwichtigen. Er hatte kein Interesse, diese Strategie für ein koloniales Abenteuer zu gefährden, von dessen Nutzen und Machbarkeit er nicht überzeugt war. Dies war auch knapp zwanzig Jahre später noch zu spüren, als Bismarck seine geopolitische Maxime gegenüber dem bekannten Afrikareisenden Eugen Wolf folgendermaßen zusammenfasste:

"Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Hier liegt Russland und hier (…) liegt Frankreich, und wir sind in der Mitte. Das ist meine Karte von Afrika." [4]

Deutlicher kann man jegliche Art kolonialer Weltmachtträume nicht zurückweisen. Dennoch war inzwischen ein deutsches Kolonialreich entstanden, hatte Bismarck selbst die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Mächten befeuert und mit der Berliner Afrika-Konferenz deren völkerrechtliche Absicherung in die Wege geleitet. Über die Gründe sind sich Historikerinnen und Historiker nach wie vor nicht einig.

"Balgerei um Afrika"

Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war geprägt durch eine imperiale Rivalität europäischer Kolonialmächte. Eine multipolare Mächtekonstellation trat an die Stelle eines britisch dominierten Systems mit dem Vereinigten Königreich als einziger Weltmacht, wie es sich nach Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo 1815 herauskristallisiert hatte. Vordergründig war dies eine Zeit imperialer Ruhe gewesen, wenn auch nicht wirklich imperialer Abstinenz. Vielmehr hatte das Vereinigte Königreich auf einen Imperialismus des Freihandels gesetzt, denn solange es selbst die bei Weitem mächtigste Wirtschaftsnation war, bedeutete das Erzwingen freien Handels auf allen Kontinenten im Grunde eine Marktöffnung zugunsten der britischen Wirtschaft und de facto eine Durchsetzung der ökonomisch-politischen Weltmachtstellung Großbritanniens.[5] Formaler Kolonialbesitz lag aufgrund der damit verbundenen Kosten nicht im britischen Interesse, da es niemanden gab, der Großbritannien hätte Konkurrenz machen können. Dies änderte sich mit der Erstarkung europäischer (und amerikanischer) Rivalen. Die Sicherung von ökonomischen und politisch-strategischen Einflusszonen wurde nun zum Ziel. Vor diesem Hintergrund kam es binnen weniger Jahre zu einer Aufteilung der Welt in Interessensphären und Kolonien.

Außer im indisch-afghanischen Grenzgebiet und in China war dies am deutlichsten in Afrika zu beobachten. Beschränkte sich der europäische Einfluss Mitte des 19. Jahrhunderts im Grunde auf einige Küstenregionen und das südliche Afrika, konnten bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges nur Äthiopien und Liberia ihre Unabhängigkeit bewahren. Freihandel als globale Doktrin funktionierte eben nur so lange, wie sich alle europäischen Mächte daran hielten. Beanspruchte eine Seite eine bestimmte Region als Kolonie oder Protektorat exklusiv, folgten andere diesem Beispiel, teilweise aus keinem anderen Grund, als präventiv eine Inbesitznahme durch Konkurrenten zu verhindern. Wie Dominosteine fielen die "freien" Gebiete und wurden an ihrer Stelle formale Kolonien errichtet.

Die Bestätigung des Anspruchs Frankreichs auf Tunesien im Jahre 1878 war dabei ein wichtiger Schritt, wenn nicht gar der Startschuss dieser Entwicklungen. Der Berliner Kongress von 1878, die wohl bedeutendste diplomatische Zusammenkunft zwischen Wiener Kongress (1815) und den Friedensverhandlungen von Versailles (1918/19), sollte eigentlich die "Orientalische Frage" lösen. Gemeint war damit der Niedergang des Osmanischen Reiches und das daraus resultierende Machtvakuum vor allem auf dem Balkan, wo sowohl Russland als auch Österreich-Ungarn Einflusssphären geltend machten und worüber es zu einem allgemeinen Krieg zu kommen drohte. Bismarck sah keine territorialen Interessen des Deutschen Reiches bedroht, erkannte aber das Potenzial, das darin lag, sich als Vermittler zu präsentieren. So erklärte er im Reichstag:

"Die Vermittlung des Friedens denke ich mir nicht so, dass wir nun bei divergierenden Ansichten den Schiedsrichter spielen (…) sondern (…) mehr die eines ehrlichen Maklers, der das Geschäft wirklich zustande bringen will." [6]

Vordergründig schien dieses Kalkül aufzugehen, mit dem Bismarck auch innenpolitischen Prestigegewinn anstrebte, indem er sich ebenfalls als "ehrlicher Makler" über den Parteiinteressen zu stilisieren suchte. Der Kongress tagte in Berlin, und ein weiterer Krieg wurde zumindest aufgeschoben.[7] Die "Orientalische Frage" verband aber auch die Interessenpolitik der großen Mächte in Afrika mit jener in Europa, da auch dort die Erbmasse des Osmanischen Reiches Begehrlichkeiten weckte.

Der vielleicht wichtigste Gewinner des Berliner Kongresses war Großbritannien, das nicht nur die für die Kontrolle des Mittelmeeres zentrale Sperrung der Dardanellen für russische Kriegsschiffe im Kriegsfalle durchsetzte, sondern sich auch die Herrschaft über Zypern sicherte. Um den alten Rivalen Frankreich zufriedenzustellen, bot London Paris die Herrschaft über Tunesien an, die auch Italien beanspruchte. Bismarck, der Frankreich von der "Wunde" Elsass-Lothringen ablenken wollte, machte den Handel perfekt und sicherte so den Erfolg des Kongresses. Die französischen Ansprüche auf Nordafrika waren damit abgesichert, auch wenn es noch ein paar Jahre dauern sollte, bis Paris diesen auch Taten folgen lassen und sein Gebiet militärisch besetzen sollte. Der Berliner Kongress wurde damit zum Startschuss für die Aufteilung Afrikas.[8]

Gründung des deutschen Kolonialreiches

War auf Seiten Bismarcks bisher lediglich Machtpolitik im Spiel gewesen, die das Schicksal von nicht-europäischen Völkern und Nationen ignorierte und sie als Schachfiguren in einem europäischen Spiel missbrauchte, so trat er nur sechs Jahre nach dem Berliner Kongress selbst als Interessent kolonialer Erwerbungen auf. Entgegen seiner bereits zitierten Abneigung gegen jede Form kolonialer Abenteuer erklärte das Deutsche Reich in den Jahren 1884/85 Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Neuguinea zu eigenen Schutzgebieten. Mit Ausnahme kleinerer Besitzungen in der Südsee sowie Kiautschou (1897) und Deutsch-Samoa (1899) war damit das deutsche Kolonialreich in nur wenigen Monaten komplettiert und Bismarck sein Geburtshelfer.[9]

Über die Motive Bismarcks für diesen abrupten Kurswechsel ist viel gerätselt worden. Die Erfüllung des Wunsches konservativer Wirtschaftskreise, vor allem aus Ostelbien, der politischen Basis Bismarcks, wurden dabei ebenso genannt wie "Sozialimperialismus" (Hans-Ulrich Wehler), also die Entschärfung sozialer Konflikte durch die Erschließung fremder Märkte sowie die Ableitung innenpolitischer sozialer Spannungen nach außen durch prestigeträchtige Abenteuer, die ein Gemeinschaftsgefühl nach innen erzeugen sollten. Auch das Ziel, einen Keil zwischen Deutschland und Großbritannien zu treiben, um so eine Liberalisierung des Deutschen Reiches durch den Thronfolger Friedrich zu vermeiden, der bekanntermaßen ein Anhänger des politischen Systems des Vereinigten Königreiches und mit einer Tochter Queen Victorias verheiratet war, wurde als Grund genannt.[10] Der Ablauf der Ereignisse lässt einen Zusammenhang zwischen Wirtschaftsinteressen und außenpolitischen Erwägungen vermuten. Es waren schließlich nicht nur koloniale Träumer, humanitäre und missionarische Weltverbesserer und sozialdarwinistische Untergangspropheten, deren Motive sich nicht immer eindeutig trennen ließen, welche eine aktive deutsche Kolonialpolitik forderten, sondern auch Wirtschaftskreise.

Die Speerspitze stellten hier die Überseehandelshäuser und Reedereien dar. Hamburger Kaufleute hatten schon unmittelbar nach der Reichsgründung einen militärischen Schutz ihrer Handelsniederlassungen und Geschäftsaktivitäten gefordert.[11] 1882 zeitigten die zahlreichen Hamburger "Flottenpetitionen" Erfolg, und die Kaiserliche Admiralität ordnete "das häufige Zeigen der deutschen Flagge" durch Kriegsschiffe an und bat die Hamburger Handelskammer um die Übersendung einer Liste mit schützenswerten Stützpunkten. Nur ein Jahr später erarbeitete der Hamburger Reeder und Politiker Adolph Woermann im Auftrag der Hamburger Handelskammer eine 25-seitige Denkschrift, in der er die Vorstellungen der am Westafrikahandel beteiligten Kaufleute skizzierte. Darin plädierte er unter anderem für die "Erwerbung eines Küstenstriches in West-Afrika zur Gründung einer Handelskolonie". Noch im Dezember 1883 wurde die "SMS Sophie" an die westafrikanische Küste in Marsch gesetzt, um deutsche Interessen zu schützen, und am 12. Juli 1884 kauften die Firmen C. Woermann und Jantzen & Thormälen von den Duala (Kamerun) einen Küstenstreifen. Am 14. Juli bestätigte der neu ernannte Reichskommissar Gustav Nachtigal diese Erwerbungen und hisste die deutsche Flagge, ehe er nach Südwestafrika weiterfuhr, wo Bismarck mittlerweile die Besitzungen des Bremer Kaufmannes Adolf Lüderitz unter deutschen Schutz gestellt hatte.

Die Kommunikation wurde sicherlich dadurch vereinfacht, dass Bismarck selbst in unmittelbarer Nachbarschaft Hamburgs in Friedrichsruh residierte. Dass Adolph Woermann ihn dort mehrfach aufsuchte und so zu einem Umdenken in der Kolonialfrage bewegen konnte, mag ebenso ins Reich der Anekdoten gehören wie ein Zusammenhang mit dem Umstand, dass Bismarck selbst Schnapsproduzent war und die Reederei Woermann vor allem Schnaps nach Westafrika exportierte. Es ist aber bezeichnend für die Wahrnehmung der Zeitgenossen, die in Bismarcks kolonialer Kursänderung auch Lobbyisteneinfluss und Klientelpolitik am Werk sahen. All das spielte sich ab vor dem Hintergrund eines generellen Übergangs in der deutschen Politik vom Freihandel zum Protektionismus, als Reaktion auf die sogenannte Gründerkrise, der ersten Wirtschaftskrise seit der Reichseinigung; ein Kurswechsel, der – wie gesehen – eine Entsprechung auch in der globalen Politik fand.[12]

Klientelinteressen und ökonomische Belange allein reichten jedoch nicht aus. Dazu gesellte sich auf internationaler Bühne eine kurzzeitige Schwächung Großbritanniens, das durch verschiedene Probleme in seinen Kolonien in die Defensive geriet. Bismarck sah darin die Gelegenheit, einem generellen Vormachtanspruch Londons in kolonialen Fragen eine Abfuhr zu erteilen und zugleich innenpolitisch bei bestimmten Kreisen zu punkten. Dies lässt sich am Beispiel Südwestafrikas gut zeigen, eines öden, sandigen Landstrichs nördlich der Kapkolonie, an dem keine der traditionellen Kolonialmächte zuvor Interesse gezeigt hatte. Schließlich beschloss der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz, dort Land als Grundlage für eine spätere Kolonie zu erwerben. Um diese abzusichern, suchte er bereits Ende 1882 um Reichsschutz nach. Bismarck lehnte noch ab, ließ aber in London vermelden, dass er es begrüßen würde, wenn Großbritannien den an der Küste Handel treibenden Deutschen Schutz gewähren würde.[13] Als Großbritannien nur zögerlich reagierte und zum einen erklärte, dass lediglich das weiter nördlich gelegene Walvis Bay britisch sei, es sich zum anderen aber jegliche Einmischung einer anderen europäischen Macht verbat, reagierte der Reichskanzler und stellte das Gebiet nun unter den Schutz des Deutschen Reiches. Einen Pauschalanspruch Großbritanniens auf alle unbeanspruchten Gebiete Afrikas wollte er auf keinen Fall gelten lassen.

Dass er glaubte, einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden zu haben, keine Finanzen und kein Personal für koloniale Abenteuer aufbieten zu wollen, gleichzeitig aber dem immer stärker werdenden kolonialen Drängen nachzugeben, erleichterte ihm die Kehrtwende wahrscheinlich ebenso wie der Umstand, dass außen- und innenpolitische Interessen sich zu treffen schienen. Verwaltet werden sollten die neuen Schutzgebiete nämlich nicht durch das Deutsche Reich, sondern durch private Wirtschaftsgesellschaften, die sogenannten Chartered Companies, die mit Hoheitsrechten ausgestattet ohne Kosten für den Staat tätig werden sollten. Binnen weniger Jahre stellte sich dies allerorten als Fehlschlag heraus. Allerdings war es da für einen Rückzug aus den Kolonien bereits zu spät, der innen- wie außenpolitische Prestigeverlust schien zu hoch. Und so musste der Staat die Lücke ausfüllen und die Kosten tragen.

Berliner Afrika-Konferenz

Ob zur Befriedigung innenpolitischer Forderungen, bei der Zurückweisung außenpolitischer Zumutungen oder als Verfügungsmasse im berühmten "Spiel mit den fünf Kugeln" – auch Bismarck bewegte sich trotz seiner Geringschätzung für Kolonialbesitz zunehmend in einer kolonialen Welt. Die "Balgerei um Afrika"[14] nahm Fahrt auf, und wie von ihm vorhergesagt wuchsen damit auch die politischen Spannungen zwischen den um Einfluss konkurrierenden europäischen Mächten. Insbesondere das Zentrum Afrikas, das Gebiet des Kongobeckens, wurde zum Zankapfel. Es war ökonomisch und strategisch zu bedeutsam, als dass eine europäische Macht es einer anderen überlassen wollte, gleichzeitig war aber keine stark genug, es sich gegen den Willen aller anderen einzuverleiben. Ohne eine von allen Seiten akzeptierte Lösung bot es beständiges Konfliktpotenzial. In dieser Situation berief Bismarck nun erneut eine internationale Konferenz nach Berlin ein.[15] Diskussionsthemen der sich vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 in der deutschen Hauptstadt versammelnden Diplomaten Europas, der USA und des Osmanischen Reiches – eine afrikanische Beteiligung gab es nicht – waren die Handelsfreiheit im Kongobecken, freie Schifffahrt auf Niger und Kongo sowie Regelungen darüber, wie die europäischen Kolonialmächte neue Gebietsansprüche in einem geordneten Verfahren anmelden konnten.

Bismarcks Erklärung bei der Konferenzeröffnung, Ziel sei es, "den Eingeborenen Afrikas den Anschluß an die Zivilisation zu ermöglichen, indem das Innere dieses Kontinents für den Handel erschlossen" werde, kann als Paradebeispiel kolonialistischer Weltsicht gelten.[16] Der Nutzen der Kolonisierer wurde gleichgesetzt mit den Interessen und Wünschen der Kolonisierten, die selbst keine Stimme hatten. Dagegen tummelten sich in Berlin "Experten" vom Schlage eines Henry Morton Stanley oder Carl Peters, welche ihren Nimbus als "Entdecker" und "Forscher" ausspielten, verschweigend, dass sie selbst handfeste Interessen vertraten. Stanley etwa, durch seine Suche nach David Livingstone berühmt geworden und sicherlich der bekannteste "Afrikareisende" seiner Zeit, stand direkt im Solde Leopolds II. von Belgien.

Letzterer fand sich im Mittelpunkt des Kongresses wieder. Offenbar durch die Regierung seines Königreiches nicht ausgelastet, verfolgte er seit Jahren Pläne, ein eigenes Kolonialreich zu gründen. Dabei hatte er seine Begehrlichkeit auch auf das riesige Gebiet im Zentrum Afrikas gerichtet. Seine persönlichen Ambitionen hinter einer humanitären Fassade versteckend, bot er den großen europäischen Mächten einen Ausweg aus dem Dilemma, wie man das Herzstück Afrikas machtpolitisch neutralisieren könne: Man privatisierte es! So wurde der Kongo-Freistaat Leopolds persönlicher Besitz, der erst nach seinem Tode 1908 und den anhaltenden Skandalen um die äußerst unmenschliche Ausbeutungspolitik, die von keinem nationalen Parlament gebremst wurde und bis zu zehn Millionen Opfer forderte, vom belgischen Staat übernommen wurde.[17] Auf Leopold konnten sich in Berlin alle einigen, denn machtpolitisch war er für niemanden eine Bedrohung und wirtschaftspolitisch musste er sich zum freien Zugang aller verpflichten. Die Interessen der im zukünftigen Kongo-Freistaat lebenden Menschen spielten keine Rolle.

Die historische Bedeutung der Berliner Afrika-Konferenz ist nicht leicht zu bestimmen. In das kollektive Gedächtnis hat sich das Bild von Diplomaten eingeprägt, die, vor einer riesigen Afrikakarte versammelt, ihre Grenzen mit dem Lineal zogen und Afrika aufteilten. Das ist nur zum Teil richtig. Die Aufteilung Afrikas hatte bereits vorher begonnen. Die Berliner Konferenz bestätigte sie im Grunde nur, wobei zentrale Abkommen nicht in den Plenarsitzungen erörtert wurden, sondern in bilateralen Gesprächen am Rande. Bismarck hatte mit der Einberufung der Versammlung den Kommunikationsraum geschaffen, in dem diese Gespräche und Einigungen möglich wurden. Die innereuropäischen Spannungen über Afrika konnte er so erfolgreich entschärfen; über die Folgen für Millionen von Afrikanerinnen und Afrikaner machte er sich, nach allem, was wir wissen, kaum Gedanken. Dabei hatte die Berliner Zusammenkunft für Letztere auch außerhalb des Kongo-Freistaates unmittelbare Auswirkungen. Um eine pauschale Beanspruchung von Territorien durch europäische Mächte zu erschweren, hatte man sich darauf geeinigt, dass Kolonialansprüche durch den Aufbau einer Verwaltung in den jeweiligen Gebieten dokumentiert werden müssten. Eine der Folgen war, dass nun in vielen Gegenden der koloniale Staat die Küstenregionen verließ und Verwaltungsstützpunkte im Hinterland aufbaute, was viele Afrikaner erstmals in direkten Kontakt mit dem Kolonialismus brachte, oftmals in Form von Steuern, Zwangsarbeit und anderem mehr.[18]

Bismarck dürfte all dies wenig gekümmert haben. Seine Interessen waren auf Europa konzentriert, auf die Vermeidung von Spannungen mit den anderen Großmächten, wobei er die Möglichkeit, über koloniale Gefälligkeiten sein Bündnissystem zu stabilisieren, gerne ergriff. Von der wachsenden Kolonialbegeisterung im Deutschen Reich ließ er sich nicht anstecken, und dass er vom Kolonialismus ökonomische Wunder erwartete, ist nicht bekannt. Dennoch nutzte er diesbezügliche Hoffnungen aus, um sich innenpolitisch Optionen zu erschließen und sich mit mächtigen Interessengruppen wie etwa den Hamburger Kaufleuten gut zu stellen. All diese Motive Bismarcks ändern jedoch nichts daran, dass er in entscheidenden Schlüsselmomenten des Hochimperialismus mit wegweisender Bedeutung eingriff. Sicherlich stieß er diese nicht alleine an, dazu war die koloniale Bewegung zu dynamisch, zu international, ja zu global. Aber die Richtung, die sie nahm, veränderte er mit – und sei es nur, dass er den Rahmen zur einvernehmlichen europäischen Einigung bereitstellte.

Für die Menschen in Afrika oder der Südsee sind seine Motive von untergeordnetem Interesse: Sie wurden zu Opfern europäischer Rivalitäten und Machtkämpfe. Die in Berlin sanktionierten Kolonialgrenzen wurden zur Grundlage der postkolonialen Staatsgründungen und haben weitgehend bis heute Gültigkeit. Die Rücksichtslosigkeit gegenüber afrikanischen Interessen und afrikanischen Herrschaftszusammenhängen – die kolonialen Grenzen durchschnitten Clan- und Gesellschaftsstrukturen, trennten Zusammengehöriges und pferchten Fremde und sogar Verfeindete in gemeinsame staatliche Strukturen –, wurden zur Hypothek auch des unabhängigen Afrika und Ursache teils virulenter Minderheitenkonflikte. Eine globalhistorische Würdigung und Erinnerung Bismarcks muss die globalen Auswirkungen seines Handelns berücksichtigen.
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Fußnoten

1.
Otto von Bismarck 1871, zit. nach: Axel Riehl, Der "Tanz um den Äquator". Bismarcks antienglische Bündnispolitik und die Erwartung des Thronwechsels in Deutschland 1883 bis 1885, Berlin 1993, S. 22.
2.
Otto von Bismarck 1868, zit. nach: ebd., S. 22.
3.
Otto von Bismarck 1881, zit. nach: Winfried Baumgart, Bismarcks Kolonialpolitik, in: Johannes Kunisch (Hrsg.), Bismarck und seine Zeit, Berlin 1992 S. 141–153.
4.
Otto von Bismarck 1888, zit. nach: A. Riehl (Anm. 1), S. 751, Hervorhebung im Original.
5.
Vgl. Ronald Robinson/John Gallagher, Africa and the Victorians: The Official Mind of Imperialism, London 1961.
6.
Otto von Bismarck 1878, zit. nach: Deutscher Reichstag, Stenographischer Bericht vom 19.2.1878, S. 98ff.
7.
Vgl. Konrad Canis, Bismarcks Außenpolitik 1870 bis 1890, Paderborn 2004, S. 109–140.
8.
Vgl. Hendrik L. Wesseling, Teile und Herrsche. Die Aufteilung Afrikas 1880–1914, Stuttgart 1999.
9.
Vgl. Sebastian Conrad, Deutsche Kolonialgeschichte, München 2008; Winfried Speitkamp, Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005; Dirk van Laak, Über alles in der Welt. Deutscher Imperialismus im 19. und 20. Jahrhundert, München 2005.
10.
Für einen Überblick zu den Forschungspositionen vgl. A. Riehl (Anm. 1).
11.
Zu Hamburg und dem Kolonialismus vgl. Heiko Möhle (Hrsg.), Bibel, Branntwein und Bananen. Der deutsche Kolonialismus in Afrika. Eine Spurensuche, Hamburg 20113, insbesondere S. 25–30.
12.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1849–1914, München 1995; Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1914, 2 Bde., München 1990/92; Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen, Bd. 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, München 2000.
13.
Vgl. Udo Kaulich, Die Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1884–1914), Frankfurt/M. 2001, S. 48f.
14.
Wolfgang Reinhard, Kleine Geschichte des Kolonialismus, Stuttgart 20082.
15.
Es finden sich zeitgenössisch auch die Begriffe "Kongo-Konferenz" und "Westafrika-Konferenz". Vgl. Andreas Eckert, Die Berliner Afrika-Konferenz (1884/85), in: Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Frankfurt 2013, S. 137–149.
16.
Zit. nach: Frank Thomas Gatter (Hrsg.), Protokolle und Generalakte der Berliner Afrika-Konferenz 1884–1885, Bremen o.J.
17.
Vgl. Adam Hochschild, Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen, Stuttgart 1999; David van Reybrouck, Kongo: Eine Geschichte, Berlin 2012.
18.
Als Einführung in die Geschichte Afrikas vgl. Christoph Marx, Geschichte Afrikas, Paderborn 2004.
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