Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule

27.3.2015 | Von:
Adalbert Evers
Thomas Klie
Paul-Stefan Roß

Die Vielfalt des Engagements. Eine Herausforderung an Gesellschaft und Politik

Herausforderungen an Politik in einer zivilen Gesellschaft

Gesellschaftlicher Wandel und mit ihm auch der Wandel der Engagementlandschaft ist von vielen Faktoren geprägt – wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen. Immer hat aber auch die Politik dabei eine wichtige Rolle gespielt. Sie förderte oder marginalisierte bestimmte Formen des Engagements; sie half beispielsweise ehrenamtliches Engagement, den Status der Gemeinnützigkeit, Mitbestimmungsformen und Verbandsrecht zu institutionalisieren. Unter ihrem Einfluss ergaben sich im demokratischen Deutschland der Nachkriegszeit eine korporatistische Ordnung, die Interessengruppen und Verbänden einen bestimmten Platz in der politischen Willensbildung zuwies, und eine sozialstaatliche Ordnung, die bestimmte Vorstellungen von der Mitverantwortung der Bürger in Familie, Gemeinde und Gesellschaft postulierte.

Welchen Platz soll Engagement mit seinen zuvor skizzierten vielfältigen Formen, Ansprüchen und Selbstverständnissen in Zukunft einnehmen? Welche Rolle sollen insbesondere jene Formen spielen, die im klassischen Kanon bislang nicht vorgesehen waren? Drei Maximen halten wir für besonders wichtig:

Die Vielfalt von Engagementformen wahrnehmen und respektieren. Es ist wiederholt kritisiert worden, die Engagementstrategie der Bundesregierung sei durch eine mehrfache Verengung von Engagement gekennzeichnet: Vom Eigensinn, der Freiheit und der politischen Einmischung ist nirgendwo die Rede, alles konzentriert sich auf den sozialen Nutzwert von Engagement, Helfen und Pflegen und das, was am ehesten mit einer Gemeinsinnrhetorik kompatibel ist.[13] Das in vielen öffentlichen Ansprachen gern benutzte (Un-)Wort vom Engagement als "Kitt" oder die Forderungen nach einem Pflichtdienst für Senioren passen gut zu solchen Bedeutungszuschreibungen. Indem hier einseitig bestimmte Dimensionen und Formen von Engagement fürs Ganze ausgegeben werden, wird daraus ein affirmativer Diskurs. Aber auch umgekehrt: Wie weit ist jener andere Engagement- und Partizipationsdiskurs vom kritischen, sich einmischenden, mitreden wollenden Bürger ein realitätstüchtiges Leitbild oder nicht vielmehr ein Wunschbild mit Blindflecken?

Es geht also um die Frage nach Profil und Selektivität vorherrschender Leitbilder von Engagement – in der Politik, aber auch der öffentlichen Meinung. Die Aufmerksamkeit für den sozialpolitischen Nutzen von Engagement und seine integrative Rolle drängt Engagement als Ferment der Demokratie, als Widerspruch und Infragestellung von Hierarchien und Kompetenzverteilungen zwischen Bürgern, Wirtschaft und (Sozial-)Staat oft in den Hintergrund.

Sich für Engagement jenseits traditioneller Trennungen und Kategorien sensibilisieren. Nachdem in Deutschland lange Zeit ein Diskurs dominierte, bei dem Engagement mit Helfen und Zivilgesellschaft mit Gemeinsinn enggeführt wurden, hat sich nicht zuletzt mit "Stuttgart 21" ein zweiter Strang rekonstituiert, in dem es um Partizipation der Bürger an staatlicher Politik und Planung, das Versprechen auf einen anderen Umgang mit Konflikten und widerstreitenden Interessen geht. Partizipations- und Engagementdebatten werden bislang allerdings sehr oft zweigleisig geführt. Tatsächlich geht es aber bei Partizipation nicht immer und allein darum, wie weit Politik und Experten die Einwände, Vorbehalte (und Eigeninteressen) der Bürger in ihrer ganzen Breite ernst nehmen, sondern auch darum, inwieweit Verfahren geeignet sind, die Kompetenzen, Alternativkonzepte, Projekte und mögliche dauerhafte eigene Beiträge von Gruppen aktiver Bürger in Beteiligungskonzepte einzubeziehen. In internationalen Studien zu lokalen "sozialen Innovationen",[14] aber auch bei entsprechenden Projekten in Deutschland zur Quartiersentwicklung, lokalen Energiepolitik, der Schulpolitik, im Umgang mit Flüchtlingen findet sich ein besonderes Potenzial an Erfahrungswissen und Kompetenzen. Von seiner Nutzung und Einbeziehung können beide profitieren, partizipative Politik und Projekte. Vieles spricht also dafür, dass Politiken des "Gehörtwerdens" wirksamer werden, wenn sie das Engagement des "Selbermachens" wertschätzen und einbeziehen.

Der Ruf nach Politiken der Vermittlung unterschiedlicher Formen und Orientierungen von Engagement lässt sich aber auch in Hinblick auf die anderen von uns bezeichneten Spannungslinien beobachten. Die derzeit so populäre Arbeit an Leitbildern für die zukünftige Entwicklung der eigenen Stadt und Gemeinde kann zum Beispiel nur dann mehr als Wohlfühlszenarien liefern, wenn sowohl in diesen Leitbildern wie auch im Prozess ihrer Erarbeitung Platz für das Engagement von und für Minderheiten, Divergenz und Unangepasstes ist. Eine erfinderische Politik der Engagementförderung ist auch da gefragt, wo man nicht in der traditionellen Gegenüberstellung von gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Formen des Engagements denkt, sondern – wie etwa bei der politischen Unterstützung von neuen gemeinsamen Wohnformen im Alter – die öffentliche und private Seite einer Aufwertung von care und neue Wege der Vergesellschaftung von Sorgeaufgaben zusammendenkt. Und jene Gruppen von Migranten, die in einem Zusammenschluss des bonding ihre religiösen und kulturellen Besonderheiten bewahren wollen, kommen in offenen Gesellschaften an interkultureller Verhandlung und einer darauf eingestellten Politik nicht vorbei; die Öffnung hin auf Allianzen des bridging und ein gemeinsames Engagement schwacher und starker Gruppen haben dabei eine Schlüsselrolle.

Bessere Beziehungen zwischen Regierungspolitiken und den verschiedenen Mitspielern in der Zivilgesellschaft finden. Eine international kontrovers diskutierte Frage betrifft Nähe und Distanz zwischen von Engagement (mit)getragenen Initiativen, Projekten und Organisationen des Dritten Sektors und der verfassten Politik und Verwaltung. Wo und inwieweit soll es um feste finanzielle Förderung von Beiträgen aus der Zivilgesellschaft gehen, ihre Angliederung an staatliche Politiken und Leistungskataloge? Und wo will man dem Eigensinn von Vereinen, Initiativen und Projekten mehr Raum geben, auch um den Preis, dass sie dann nur indirekt auf die Kultur staatlicher Angebote und Leistungen einwirken können? Die Anerkennung der Vielfalt von Engagement verlangt auch den Respekt verschiedener Arrangements von Nähe und Distanz. Angesichts dessen ist es nicht einfach, allgemein verbindliche Leitsätze, wie sie in anderen Ländern in compacts [15] gefasst worden sind, zu finden. In der Regel benennen sie eher Minima und Verfahren, vor allem das, was man in jedem Fall vermeiden sollte, wie beispielsweise instrumentelle Haltungen im Umgang mit Engagement.

Die Frage, wie das liberale Versprechen auf garantierte Freiheitsräume und Schutz vor staatlicher Einflussnahme verbunden werden kann mit republikanischen Traditionen der Einbindung in und Mitverantwortung der Bürger für die Belange des Gemeinwesens, bleibt kompliziert und strittig.[16] In den USA, die generell offener sind für Experimente, wird die Diskussion um neue Formen von Regierungspolitik unter anderem unter dem Schlagwort von "democratic experimentalism"[17] geführt. Die Frage nach den möglichen Rollen von Engagement ist hier eingebettet in eine Vorstellung von Politik, die fähig ist, von experimentellen Formen der Problemlösung unter zivilgesellschaftlicher Beteiligung zu lernen. In Deutschland legt das alles neben den bekannten Sozialstaats-, Eigenverantwortungs- und Partizipationsdiskussionen auch eine Debatte über die Erneuerung des Subsidiaritätsprinzips nahe,[18] das die vergangene politische und soziale Ordnung bei uns lange Zeit mitbestimmt hat.

Zum Schluss

Alles in Allem: Es geht um so etwas wie die soziale Ökologie des Engagementbereichs, die Wiederentdeckung und Neubewertung von Vielfalt, die Anerkennung von Verbindungen und wechselseitigen Abhängigkeiten, die Suche nach guten Balancen zwischen verschiedenen Kulturen und Arten von Engagement. Dafür braucht es eine Politik, die diese Vielfalt anerkennt und "kultiviert", neue verbindende Formen und Synergien fördert, sodass beispielsweise Partizipationskonzepte auf vorhandenes Engagement bauen und umgekehrt alternativen Projekten Wege in den Mainstream geebnet werden. Politik sollte dabei so intervenieren, dass beides – Schutz vor Übergriffen politisch Mächtiger und ein respektvolles Fördern und Fordern – möglich wird.

Das Plädoyer, die sich gegenwärtig entfaltende Vielfalt von Engagement in ihren verschiedenen Spannungsbögen zur Kenntnis zu nehmen und zu würdigen, wäre also gründlich missverstanden, würde es als Beliebigkeit interpretiert: "Hauptsache, Bürger tun etwas!" Damit würde man einem rein formalen Engagementbegriff das Wort reden, der in letzter Konsequenz den Einsatz für Flüchtlinge genauso umfassen könnte wie den für "ausländerfreie Zonen" und der zugleich Engagementförderung politischen oder ökonomischen Opportunitätskalkülen anheimstellen würde. Ein wesentlicher Ertrag der unter der Chiffre "bürgerschaftliches Engagement" geführten Debatte liegt darin, die Rede von Engagement in den Kontext der Idee der Zivilgesellschaft gestellt zu haben. Ohne Frage ist dieser Begriff mehrdeutig und die um ihn geführte Debatte vielschichtig. Gleichwohl hat sich ein Verständnis herausgebildet, das "Zivilgesellschaft" nicht auf die Bezeichnung eines gesellschaftlichen Teilbereichs (nämlich des Dritten Sektors der freien Assoziationen) beschränkt, sondern als Modell für die Entwicklung von Gesellschaft insgesamt, im Sinne einer guten Gesellschaft, versteht.[19] Mit der Idee der Zivilgesellschaft sind historisch und kulturell höchst unterschiedlich ausgeformte und in verschiedenem Umfang eingelöste Normen der Demokratie, zivilen Solidarität und Gerechtigkeit verbunden, die im Kern auf eine möglichst weitgehende politische, soziale und kulturelle Integration möglichst vieler Mitglieder einer Gesellschaft zielen.[20]

Der Umfang, in dem dieses zivilgesellschaftliche Teilhabe- und Gerechtigkeitsversprechen eingelöst (oder verfehlt) wird, bietet sich als zentraler normativer Bezugspunkt an, wenn es um Engagementpolitik und Engagementförderung geht. Entsprechende Qualitäten – seien es gesellschaftliche Kontextbedingungen, Einstellungen der Bürger oder institutionelle Strukturen – lassen sich in ihrem Einfluss auf das Engagementniveau empirisch nachzeichnen.[21] Engagementpolitik braucht beides, Maßstäbe und ein Bild des Ensembles von Engagementformen, die einer Engagementpolitik als Orientierung dienen.

Fußnoten

13.
Vgl. Thomas Röbke/Claudia Leitzmann, Für die Fortführung der Bauarbeiten. Nationale Engagementstrategie der Bundesregierung als erster Schritt einer Engagementpolitik, o.O. 2013.
14.
Vgl. Adalbert Evers/Benjamin Ewert/Taco Brandsen (Hrsg.), Social Innovations For Social Cohesion. Transnational Patterns and Approaches from 20 European Cities, 2014, http://www.wilcoproject.eu/ereader-wilco/« (1.2.2015); Adalbert Evers, Freiwilliges Engagement und politische Partizipation. Auf der Suche nach Verbindungen, in: BBE-Newsletter vom 8.1.2015.
15.
Vgl. Martha Reuter et al., Policy Tools or Mirrors of Politics. Government-Voluntary Sector Compacts in the Post-Welfare State Age, in: Nonproft Policy Forum, 3 (2012) 2, S. 1–22.
16.
Vgl. Paul-Stefan Roß, Demokratie weiter denken. Reflexionen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune, Baden-Baden 2012.
17.
Charles Sabel, Dewey, Democracy, and Democratic Experimentalism, in: Contemporary Pragmatism, 92 (2012) 2, S. 35–55.
18.
Vgl. Rolf Heinze/Thomas Klie/Andreas Kruse, Neuinterpretation des Subsidiaritätsprinzips und wohlfahrtsstaatliche Herausforderungen im demographischen und sozialen Wandel, in: Sozialer Fortschritt, (2015) (i.E.).
19.
Vgl. Adalbert Evers, Bürgergesellschaft light? Eine Wortmeldung, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 19 (2006) 2, S. 103–108.; P.-S. Roß (Anm. 16); Thomas Klie, Zivilgesellschaft und Aktivierung, in: Michael Hüther/Gerhard Naegele (Hrsg.), Demografiepolitik. Herausforderungen und Handlungsfelder, Wiesbaden 2015, S. 344–362.
20.
Vgl. Axel Honneth, Idee und Realität der Zivilgesellschaft. Jeffrey Alexanders Versuch, die Gerechtigkeitstheorie vom Kopf auf die Füße zu stellen, in: Leviathan, 41 (2013) 2, S. 291–308; Alexander Jeffrey, The Civil Sphere, Oxford 2006.
21.
Vgl. Baldo Blinkert/Thomas Klie, Zivilgesellschaftliches Engagement in Deutschland und Europa, Freiburg/Br. 2015.
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