Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule
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27.3.2015 | Von:
Rabea Haß
Annelie Beller

Der Bundesfreiwilligendienst: Ein Erfolgsmodell für alle?

Derzeit engagieren sich etwa 100.000 Männer und Frauen aller Altersstufen in den verschiedenen Freiwilligendienstformaten Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) und Bundesfreiwilligendienst (BFD) sowie in unterschiedlichen Auslandsfreiwilligendiensten.[1] Das ist ein historischer Höchststand in Deutschland. Der verstärkte Auf- und Ausbau dieses Angebots wurde mit der Aussetzung der Wehrpflicht im Juli 2011 eingeleitet. Denn das Ende der Wehrpflicht bedeutete auch das Ende des Zivildienstes. Als Konsequenz führte die damalige Familienministerin Kristina Schröder den BFD mit einer Kapazität von 35.000 Vollzeitplätzen ein. Der Dienst dauert zwischen 6 und 18 Monaten und wird in der Regel in Vollzeit abgeleistet. Anders als im FSJ und FÖJ können die Freiwilligen im BFD auch über 27 Jahre (27+) alt sein. Für diese Freiwilligen gibt es im BFD die Möglichkeit, einen Teilzeitdienst mit mindestens 20 Wochenstunden zu absolvieren. Alle Freiwilligen sind sozialversichert, erhalten ein monatliches Taschengeld von derzeit maximal 363 Euro und teilweise unentgeltliche Unterbringung, Verpflegung sowie Arbeitskleidung.

In diesem Beitrag zeichnen wir die Entwicklung des Dienstes seit 2011 nach und diskutieren sie sowohl aus Sicht der Freiwilligen als auch aus der Perspektive der Organisationen, die die Freiwilligen aufnehmen. Einen besonderen Fokus legen wir dabei auf die Bewertung der Altersöffnung des Dienstes, denn die älteren Freiwilligen sind zweifelsohne Pioniere: Nicht nur in Deutschland, sondern auch europaweit ist es der erste Freiwilligendienst, an dem auch Menschen über 27 Jahre teilnehmen können. Neben Daten des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) beruht der Beitrag auf einer umfangreichen Medien- und Dokumentenanalyse, auf Fokusgruppeninterviews mit jüngeren und älteren Freiwilligen sowie auf Experteninterviews mit Vertreter(inne)n aus Politik und Drittem Sektor.[2]

Ein holpriger Start

Der BFD hatte keinen leichten Start. Für die Einführung des Dienstes gab es nur wenige Monate Vorlauf, gleichzeitig waren die Erwartungen der politischen Entscheidungsträger an die Einführung des neuen Freiwilligendienstformates hoch. Zum einen sollte der Dienst dazu beitragen, das bürgerschaftliche Engagement zu stärken. Zum anderen wollte man ein Format etablieren, in dem sich Personen jenseits von Altersgrenzen und Bildungsunterschieden in einer Vielzahl von Handlungsfeldern engagieren können. Zusätzlich bestand der Anspruch, dass die Freiwilligen während des Dienstes lernen – der BFD sollte als Bildungsdienst im Sinne eines lebenslangen Lernens ausgestaltet sein. Das neue Format verortet sich zwischen zwei Kulturen: Auf der einen Seite erwächst der Dienst strukturell aus dem Zivildienst. Staatliche Organisationen betreten als neue Akteure das Feld der Freiwilligendienste. Auf der anderen Seite knüpft der BFD an die Tradition der Jugendfreiwilligendienste (JFD) an, die sich durch ein diversifiziertes Träger- und Einsatzstellensystem und ein spezifisches Bildungskonzept auszeichnen. Insbesondere der bisher unbekannte Grad staatlicher Steuerung sorgte auf Seiten der etablierten Freiwilligendienstakteure anfangs für erhebliches Unbehagen.[3]

Abbildung 1: Gesamtzahl der Bundesfreiwilligen (31. 1. 2015)Abbildung 1: Gesamtzahl der Bundesfreiwilligen (31. 1. 2015)
Von den Medien wurde der Start des BFD kritisch kommentiert und anfangs gar als "Flop"[4] bezeichnet. Zudem suggerierten Schlagzeilen wie "Freiwillige dringend gesucht"[5] eine Versorgungslücke, die beim Wegfall des Zivildienstes entstehen würde. Und tatsächlich meldeten sich zu Beginn nur zögerlich Freiwillige. Doch nach der anfänglich geringen Nachfrage nahm das Interesse an dem Dienst kontinuierlich zu, sodass im Frühjahr 2012 das Kontingent von 35.000 Bundesfreiwilligen ausgeschöpft war (Abbildung 1). Der Dienst wurde nun plötzlich von einigen Medien und den politischen Entscheidungsträgern als Erfolg gefeiert, und die Nachfrage überstieg bald das Angebot an finanzierten Plätzen. Heute, gut dreieinhalb Jahre nach der Einführung, haben sich die anfänglichen Wogen geglättet und der Dienst wird gut angenommen, auch und gerade von älteren Freiwilligen.

Wer engagiert sich im BFD?

Aufgrund der kontinuierlich hohen Nachfrage sowie vielen Teilzeitverträgen mit Freiwilligen 27+ wurden zwischenzeitlich fast 50.000 BFD-Stellen besetzt. Diese hohe Zahl kann jedoch auf Dauer nicht finanziert werden und so pendelt sich der Wert nun bei etwa 40.000 Freiwilligen ein, jeweils mit leichten Schwankungen in den Sommermonaten, in denen gerade bei den jüngeren Freiwilligen der Wechsel zwischen den Jahrgängen stattfindet.

Abbildung 2: Prozentuale Altersverteilung (30. 12. 2014)Abbildung 2: Prozentuale Altersverteilung (30. 12. 2014)
Nach einem anfänglich hohen Anteil von Männern (57 Prozent im Oktober 2011), der wohl auf die Zivildiensttradition zurückzuführen ist, leisten inzwischen 54 Prozent Frauen und 46 Prozent Männer Dienst. Auch bezüglich der Alterszusammensetzung zeigt sich eine interessante Entwicklung: Im Januar 2012, also etwa sechs Monate nach Start des BFD, waren 23 Prozent 27 Jahre und älter.[6] Seitdem stieg der Anteil der älteren Freiwilligen kontinuierlich, bis er Ende 2013 über 40 Prozent erreichte. Durch eine gezielte Gegensteuerung des BAFzA sank der Anteil älterer Freiwilliger in der zweiten Jahreshälfte 2014 leicht.[7] Im Dezember 2014 lag er bei 32,8 Prozent (Abbildung 2).

Auffallend ist, dass in den ostdeutschen Bundesländern insgesamt mehr Freiwillige und insbesondere mehr Lebensältere als im Bundesdurchschnitt Dienst im Rahmen des BFD leisten. So engagierten sich im Dezember 2014 3884 Personen in Sachsen und 2263 Personen in Thüringen, in den bevölkerungsstarken Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg dagegen nur 3371 beziehungsweise 4750 Freiwillige im BFD.[8] In den ostdeutschen Bundesländern inklusive Berlin liegt der Anteil der Zielgruppe 27+ im Durchschnitt bei 75 Prozent, während er im Westen lediglich 12 Prozent beträgt.[9] Damit verzeichnet der BFD einen gegenläufigen Trend zu anderen Freiwilligendiensten, in denen überdurchschnittlich viele Bewerber aus den westdeutschen Bundesländern kommen.[10]

Für diese regionalen Unterschiede gibt es eine Reihe an Erklärungsvariablen, denn die ungleiche Zusammensetzung der Teilnehmenden im BFD ist nicht allein mit den unterschiedlichen demografischen Strukturen der Bundesländer in Ost und West zu begründen. Vielmehr spielen hier mehrere Faktoren zusammen: Der BFD wurde von den regionalen Berater(inne)n des BAFzA unterschiedlich stark beworben, beispielsweise durch gezielte Informationsveranstaltungen der Arbeitsagenturen, die insbesondere in Ostdeutschland den Dienst bei Personen über 27 Jahren bekannt machten. Zudem war das freiwillige Engagement in der ehemaligen DDR häufig obrigkeitsstaatlich geprägt, im Westen hingegen eher staatsunabhängig oder gar staatskritisch angelegt. Diese Unterschiede bezüglich der Ehrenamtstradition in Ost und West könnten erklären, warum gerade eine Engagementform mit "konkrete(n) Angebote(n) und feste(n) Strukturen"[11] in den ostdeutschen Bundesländern gut angenommen wird, während andere Engagementmöglichkeiten dort im Bundesvergleich weniger nachgefragt werden.[12]

In der Folge entwickelten einige Anbieter von Freiwilligendiensten in Regionen mit vielen älteren Freiwilligen unterschiedliche Konzepte für die Dienstformate und vermitteln jüngere Interessent(inn)en gezielt ins FSJ und FÖJ, um die Plätze im BFD mit Älteren besetzen zu können. Dies verstetigt offenbar den hohen Anteil der Zielgruppe 27+ im Osten. Und schließlich spielen Arbeitsmarktstrukturen eine Rolle: Für viele Arbeitssuchende ist der Dienst eine attraktive Alternative zum Arbeitsmarkt oder zu arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die in vielen Regionen zeitgleich mit Einführung des BFD gekürzt oder abgeschafft wurden.[13] "Attraktiv" insofern, dass die Freiwilligen sozialversichert sind und sie sich oftmals ein höheres gesellschaftliches Zughörigkeitsgefühl erhoffen. Diesen Punkt werden wir später noch ausführlicher beleuchten.

Auffallend ist zudem, dass der BFD durch die Altersöffnung bezüglich des Bildungsstatus eine andere Klientel als die Jugendfreiwilligendienste erreicht. 43 Prozent der Freiwilligen 27+ haben einen mittleren Schulabschluss, 20 Prozent einen Hauptschulabschuss und 5 Prozent keinen Abschluss. Im Vergleich haben bei den Jüngeren nur 0,5 (FSJ) beziehungsweise 1 Prozent (FÖJ und BFD) keinen Abschluss und 10 Prozent (FSJ) beziehungsweise 8 Prozent (FÖJ und BFD) einen Hauptschulabschluss. Alle anderen Freiwilligen sind höher qualifiziert.[14] Die Altersöffnung im BFD hat also für eine soziale Durchmischung der Freiwilligendienste gesorgt hat.

Im Fokus: Freiwillige 27+ und ihre Motive

Diese Diversifizierung der Freiwilligendienste war politisch gewollt und verfolgt das Ziel, möglichst vielen Personen positive Erfahrungen durch soziales Engagement zu ermöglichen und insbesondere einer Altersdiskriminierung entgegenzusteuern. Außerdem wurde die Altersöffnung als eine der "unabdingbare(n) Voraussetzungen für das Erreichen einer zum Erhalt funktionierender Strukturen erforderlichen Zahl von Teilnehmenden"[15] gesehen. Dennoch war bei Einführung des BFD unklar, ob sich ältere Menschen von einem Freiwilligendienst angesprochen fühlen würden, der durch einen hohen Grad an Verbindlichkeit geprägt ist. Aufgrund der fehlenden Erfahrung mit der neuen Klientel ist es besonders spannend, die Motive und Erwartungen dieser neuen Zielgruppe genauer zu analysieren. Es gilt zu bewerten, inwiefern die einst für junge Menschen entworfenen Dienstformate (Zivildienst, FSJ und FÖJ), die für den BFD Pate standen, auch für ältere Menschen tragen.

In Fokusgruppeninterviews an bundesweit neun verschiedenen Standorten bei unterschiedlichen Trägern haben wir 164 Freiwillige, nach Altersgruppen getrennt, befragt; 87 Freiwillige waren 27 Jahre und älter. Zu Beginn unserer Untersuchung erwarteten wir, dass sich aufgrund der Rahmenbedingungen des Dienstes nur bestimmte Personenkreise für einen BFD entscheiden würden: Personen, die auf "Taschengeldniveau" leben können, da sie beispielsweise noch bei den Eltern wohnen beziehungsweise durch Privatvermögen oder ein Familieneinkommen abgesichert sind. Außerdem kämen Freiwillige in Frage, die unter teilweiser Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber für den Dienst freigestellt werden, oder Personen, deren Lebensunterhalt durch Rentenbezüge oder Pensionsansprüche gesichert ist. Weiterhin könnten Menschen den BFD wählen, um eine (finanzielle) Statusverbesserung zu erfahren, beispielsweise durch das teilweise anrechnungsfreie Taschengeld zu Arbeitslosengeld (ALG) II-Bezügen oder als Aufstockung zu geringen Rentenbezügen. Schließlich könnten sich Personen von dem Dienst einen Mehrwert für ihre berufliche Zukunft erhoffen, sodass sie die finanziellen Einschränkungen während des Dienstes als (Bildungs-)Investition in ihre berufliche Zukunft sehen.[16]

Die Angaben der Fokusgruppenteilnehmenden bestätigen diese Annahmen. Aus den soziodemografischen Daten unserer Befragten sowie aus den statistischen Erhebungen des BAFzA können wir ableiten, dass die überwiegende Zahl der älteren Freiwilligen im erwerbsfähigen Alter ist, nämlich zwischen 27 und 65 Jahren. Zudem zeigt sich, dass vor Antritt des BFD 73 Prozent der Befragten in der Altersgruppe 27 bis 65 Jahre arbeitssuchend (ALG-II-Empfänger) waren. Ähnliches ergeben die ersten Ergebnisse der gemeinsamen Evaluation des Jugendfreiwilligendienst- und Bundesfreiwilligendienstgesetzes. In dieser repräsentativen Befragung gaben 65 Prozent der 27+-Freiwilligen an, vor dem BFD arbeitssuchend gewesen zu sein.[17] Viele ältere Freiwillige nehmen also weder eine bewusste Auszeit aus dem Erwerbsleben, noch begreifen sie den Dienst als Überbrückung zwischen zwei Ausbildungs- oder Arbeitsphasen. Zum Vergleich: Die Freiwilligen bis 27 Jahre kamen bis auf wenige Ausnahmen direkt von der Schule und wurden während ihres Dienstes in der Regel noch finanziell von den Eltern unterstützt. Einige wenige traten den BFD nach einer Ausbildung oder einem Studium an. Nur ein Freiwilliger unter 27 Jahren war vor dem Dienst arbeitssuchend.

Die Motive der Älteren unterscheiden sich aufgrund der unterschiedlichen Lebenssituationen daher deutlich von den Beweggründen der jüngeren Fokusgruppenteilnehmenden. Bei den Jugendlichen stehen der Wunsch nach Berufsorientierung, Persönlichkeitsentwicklung und das Sammeln von Praxiserfahrung im Vordergrund. Diese Befunde unserer qualitativen Studie werden von den ersten Ergebnissen der vom Bundesfamilienministerium beauftragten Evaluation weitgehend bestätigt: Während die Freiwilligen unter 27 Jahren in allen Dienstformaten die persönliche Weiterentwicklung und eine sinnvolle Überbrückung der Zeit zwischen Schule und Ausbildung beziehungsweise Studium als Hauptmotive nennen, sind es bei der Zielgruppe 27+ die gesellschaftliche Teilhabe und der finanzielle Anreiz.[18]

Alle Befragten unserer Fokusgruppen stellen ihre Erfahrungen als positiv dar. Sie betonen vor allem die Anerkennung und die Dankbarkeit, die sie für ihre Tätigkeit erfahren. Das grundsätzliche Fazit ist also erfreulich, die Erwartungen und Erfahrungen unterscheiden sich jedoch. Bei den älteren BFD-Leistenden lassen sich drei Typen identifizieren, die stark mit biografischen Lebensphasen und daraus abgeleiteten Motiven verbunden sind:

Typ 1: BFD als Qualifizierung. Diese Freiwilligen betonen besonders die Chancen, die sie im Dienst sehen. Für sie liegt der Fokus auf einem Ausbildungsabschnitt mit einer relativen Sicherheit, dass danach ein weiterer Ausbildungs- oder Weiterbildungsabschnitt folgt. Zu dem Personenkreis gehören unter anderem Freiwillige im Anerkennungsjahr, ausländische Freiwillige, die einen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt suchen, oder Personen, die sich beruflich neu orientieren wollen, beispielsweise nach einer Elternzeit. Hauptmotiv dieses Typus ist es also, durch den Freiwilligendienst eine Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit oder aber die Gewissheit für eine angestrebte berufliche Neuorientierung zu erreichen.

Typ 2: BFD als Alternative zur Erwerbsarbeit. Die Reflexionen der Freiwilligen, die den Dienst vor allem als Alternative zur Erwerbsarbeit ansehen, und die in den Fokusgruppen zahlenmäßig überwogen, zeichnen ein deutlich kritischeres Bild – nicht bezüglich der Tätigkeit selbst, aber hinsichtlich der strukturellen Rahmenbedingungen. Auffallend ist, dass sich diese Freiwilligen stark mit den hauptamtlichen Mitarbeiter(inne)n ihrer Einsatzstellen vergleichen, nicht aber mit anderen Ehrenamtlichen, die sich außerhalb eines Freiwilligendienstformates engagieren. Bedingt durch diesen Vergleich geben einige Freiwillige in den Fokusgruppen subjektive Erlebnisse über Stigmatisierungen und Diskriminierungen wider. Mitunter fühlen sie sich als Mitarbeiter(innen) zweiter Klasse. Dieser Typus entscheidet sich also für den Dienst hauptsächlich mangels besserer Alternativen.

Dem Ende des Dienstes sehen diese Freiwilligen besorgt entgegen, da viele keine Perspektive für die Zeit danach haben. Die oftmals implizit erhoffte Anschlussbeschäftigung, auch wenn kein Freiwilliger davon berichtete, dass eine solche zu Beginn des Dienstes von den Organisationen in Aussicht gestellt worden wäre, erfüllt sich für viele nicht. Hier wird erkennbar, dass die neue Klientel völlig neue Konzepte der Begleitung, auch über das Dienstende hinaus, braucht. Denn in den Jugendfreiwilligendiensten und im Zivildienst stellte sich die Frage, wie es danach weitergehen würde, in der Regel nicht: Ein Großteil der jüngeren Freiwilligen oder ehemaligen "Zivis" beginnt beziehungsweise begann im Anschluss eine Ausbildung oder ein Studium, oft sogar in einer anderen Stadt. Hier birgt die Altersöffnung grundsätzlich eine Chance für die Einsatzstellen, die älteren Freiwilligen durch attraktive Angebote langfristig zu binden, die, den Angaben in unseren Experteninterviews zufolge, bisher jedoch wenig genutzt wird.

Typ 3: BFD als sinnstiftendes Format. Freiwillige dieses Typus sehen den BFD als sinnstiftende Aufgabe – meist im Ruhestand – und berichten in den Interviews größtenteils über positive Erfahrungen. Sie genießen es "nicht mehr alleine zuhause zu sitzen" und ihre Freizeit sinnvoll gestalten zu können. Der Spaß an der Tätigkeit ist eines der wichtigsten Motive. Quantitativ sind jedoch die wenigsten Freiwilligen, nämlich drei Prozent aus den Fokusgruppen und knapp zwei Prozent im Bundesdurchschnitt, dieser Gruppe zuzuordnen. Grundsätzlich könnte dieser Typus auch Personen umfassen, die im berufsfähigen Alter sind, durch ihren Ehepartner oder ihre Ehepartnerin oder eigenes Vermögen finanziell abgesichert sind und sich als "Zeitvertreib" für einen BFD entscheiden. In unseren Fokusgruppen waren solche Teilnehmenden jedoch nicht vertreten und auch die Experteninterviews deuten darauf hin, dass sich diese Personen nur sehr vereinzelt für das Format BFD mit seiner hohen Verbindlichkeit entscheiden.

Alle drei Freiwilligentypen berichten von Schwierigkeiten bei der Integration in die organisationalen Abläufe. Dies betrifft insbesondere den unklaren Status der Freiwilligen in den Organisationen und sich daran anschließende Fragen bezüglich der Teilnahme an Teambesprechungen oder Feiertags-, Wochenend- und Urlaubsregelungen. In den Fokusgruppen mit den Freiwilligen unter 27 Jahren werden diese Punkte nicht thematisiert.

Der Großteil der Teilnehmenden würde den Dienst anderen Personen weiterempfehlen, am liebsten jedoch selbst länger weitermachen. Bei einem Träger, bei dem nach einem Jahr die Möglichkeit bestand, auf die maximalen 18 Monate Dienstzeit zu verlängern, haben 80 Prozent der Zielgruppe 27+ diese Chance wahrgenommen. Auch dieser Befund unterstreicht die These, dass der BFD für viele ältere Freiwillige die einzige Alternative zur Erwerbsarbeit darstellt und nicht primär als Passage, Orientierungs- oder Bildungsjahr genutzt wird.

Ein Erfolgsmodell für alle?

Das große Interesse an den Freiwilligendiensten spricht grundsätzlich für eine gut etablierte Engagementkultur in Deutschland. Menschen aller Altersgruppen und sozialer Herkunft sind bereit, sich gegen ein Taschengeld für das Allgemeinwohl einzusetzen. Die gemeinsame Evaluation des Jugendfreiwilligendienst- und Bundesfreiwilligendienstgesetzes ergibt, dass die Überrepräsentation der Hochqualifizierten durch die Altersöffnung durchbrochen werden konnte. Damit zeigt der BFD, dass sich auch Personen jenseits der klassischen Mittelschicht prinzipiell engagieren. Diese doppelt geglückte Öffnung in Bezug auf Alter und soziale Herkunft ist aus demokratischen Gesichtspunkten erstrebens- und begrüßenswert.

Gleichzeitig muss jedoch die Frage gestellt werden, ob für die neue Zielgruppe das bisherige Konzept des Freiwilligendienstes als Lern- und Orientierungsangebot trägt. Die Idee der (beruflichen) Orientierung in einem geschützten Raum taugt für ältere Freiwillige wohl oft nicht. Und auch die sozialisierenden Effekte hinsichtlich Rollenverständnis, Verantwortungsgefühl und sozialem Engagement, die dem ehemaligen Zivildienst zugeschrieben wurden,[19] dürften bei den älteren Freiwilligen geringe Bedeutung haben. Für die Zielgruppe 27+ ist eher die "Erfahrung sozialer Einbettung und Anerkennung als vollgültige Mitglieder der Gesellschaft"[20] zentral. Sie "wollen gebraucht werden und Zeit sinnvoll einsetzen".[21]

Für die Zielgruppe 27+ ist ein Freiwilligendienst also in der Regel kein Moratorium, und der Erwerb formaler Qualifikationen hat für sie meist eine nachgeordnete Bedeutung. Ihre Motivation, am BFD zu partizipieren, ist eine andere: Der Dienst bedeutet – zumindest für den beschriebenen Typ 2 und 3 – häufig eine Sinngebung und Strukturierung des Alltags, sei es im Ruhestand oder als Alternative zur Erwerbsarbeit. Spätestens dieser Befund löst eine neue und deutlich diffizilere Debatte um die Arbeitsmarktneutralität der Freiwilligendienste im Allgemeinen und des BFD im Besondern aus.[22]

Trotzdem: Der BFD hat seine Berechtigung, und auch die Altersöffnung war hinsichtlich der demografischen Entwicklung und im Sinne einer Teilhabe möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen im bürgerschaftlichen Engagement ein folgerichtiger Schritt. Gerade die älteren Freiwilligen verlangen allen Akteuren eine Neuausrichtung ab, von der am Ende alle Freiwilligendienste profitieren können: Sowohl die Bildungsangebote als auch die Positionierung zum Arbeitsmarkt muss neu verhandelt und überdacht werden. Wird diese Aufgabe von allen Akteuren (weiterhin) ernsthaft vorangetrieben, so kann das zu einer Qualitätssteigerung in allen Formaten führen – auch über den BFD hinaus. Eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Evaluierung der Dienste sollte den über 100.000 Freiwilligen in allen Formaten zugutekommen und zugleich aufzeigen, dass die derzeit 350 Millionen Euro, die der Staat jährlich in diesem Feld investiert, gut angelegt sind. Denn die Freiwilligendienste sind aus dem Engagementbereich nicht mehr wegzudenken – sie stellen eine nachgefragte Möglichkeit für gesellschaftliches Engagement dar.
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Fußnoten

1.
Vgl. Gisela Jakob, Freiwilligendienste zwischen Staat und Zivilgesellschaft, Betrifft: Bürgergesellschaft 40/2013, S. 13.
2.
Die Datenerhebung fand zwischen Juli 2011 und Januar 2013 im Rahmen eines Kooperationsprojektes der Hertie School of Governance und des Centrums für soziale Investitionen und Innovationen (CSI) der Universität Heidelberg statt und wurde von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung finanziert. Siehe u.a. Helmut K. Anheier et al., Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst. Erste Erkenntnisse einer begleitenden Untersuchung, Berlin 2012.
3.
Vgl. Gisela Jakob, Zwischen Aufwertung und Indienstnahme. Zur gesellschaftlichen Bedeutung von Freiwilligendiensten, in: Thomas Bibisidis et al. (Hrsg.), Zivil – Gesellschaft – Staat. Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und zivilgesellschaftlicher Gestaltung, Wiesbaden 2015, S. 47–62.
4.
Mike Szymanski, Der Freiwilligendienst – ein einziger Flop, in: Süddeutsche Zeitung vom 10.7.2011.
5.
Freiwillige dringend gesucht, in: Frankfurter Rundschau vom 6.6.2011.
6.
Eigene Berechnungen auf Grundlage der Daten des BAFzA, Stand: 10.1.2012. Die Daten des BAFzA sind online einsehbar, allerdings nur für den aktuellen Monat: https://www.bafza.de/
fileadmin/de.bafza/content.de/downloads/Abt2/201/BFD_nach_Alter_und_Geschlecht.pdf
(2.3.2015).
7.
Siehe Einstellungsstopp für ältere Bufdi-Bewerber, 6.2.2014, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-02/bufdi-einstellungsstopp« (2.3.2015).
8.
Daten des BAFzA, Stand: 30.12.2014.
9.
Eigene Berechnungen auf Grundlage der Daten des BAfZA, Stand: 30.12.2014.
10.
So z.B. im entwicklungspolitischen FWD "weltwärts". Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst "weltwärts", Bd. 1: Hauptbericht, Bonn 2011, S. 30.
11.
Michael Panse, Kommentar zu Olk: aus der Sicht eines neuen Bundeslandes, in: T. Bibisidis et al. (Anm. 3), S. 41–46, hier: S. 44.
12.
Vgl. Thomas Olk/Thomas Gensicke (Hrsg.), Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland. Stand und Perspektiven, Wiesbaden 2014.
13.
Vgl. Deutscher Bundestag, Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sabine Zimmermann, Jutta Krellmann, Diana Golze, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke. Rechtswidrige Ein-Euro-Jobs, Bundestags-Drucksache 17/8083, S. 15.
14.
Vgl. Susanne Huth/Dietrich Engels/Elisabeth Aram, Präsentation erster Ergebnisse der Evaluation von Bundesfreiwilligendienst und Jugendfreiwilligendiensten, Fachtagung "Freiwillig gestalten – erste Evaluationsergebnisse und aktuelle Entwicklungen der Freiwilligendienste", Berlin, 18.11.2013.
15.
Bundesbeauftragter für den Zivildienst, Bericht des Bundesbeauftragten für den Zivildienst zum Prüfauftrag aus der Kabinettsklausur vom 7.6.2010, S. 20.
16.
Vgl. H.K. Anheier et al. (Anm. 2), S. 12.
17.
Vgl. S. Huth/D. Engels/E. Aram (Anm. 14).
18.
Vgl. Susanne Huth, Motive und Erwartungen der Freiwilligen im Wandel, Präsentation, Fachtagung "Freiwillig gestalten – erste Evaluationsergebnisse und aktuelle Entwicklungen der Freiwilligendienste", Berlin, 18.11.2013.
19.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend (Hrsg.), Zivildienst als Sozialisationsinstanz für junge Männer, Abschlussbericht des Forschungsprojektes, Berlin 2011, S. 171ff.
20.
Teresa Lempp, Freiwilligendienste und Zivildienst als Übergänge, in: Wolfgang Schröer et al. (Hrsg.), Handbuch Übergänge, Weinheim–Basel 2013, S. 614–663, hier: S. 628.
21.
S. Huth (Anm. 18).
22.
Siehe u.a. Workshop "Arbeitsmarktneutralität in den Freiwilligendiensten", 16.1.2015, http://www.b-b-e.de/netzwerk/arbeitsgruppen/uu-3/veranstaltungen-3/#c13860« (10.2.2015).
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