Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule

27.3.2015 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Freiwilliges Engagement von Zuwanderern: Verkannte Potenziale der gesellschaftlichen Teilhabe

Engagement von Türkeistämmigen und Einheimischen im Vergleich

Die Daten wurden mittels einer repräsentativen Telefonbefragung (CATI) im Herbst 2010 erhoben. Zielgruppe waren türkeistämmige Personen ab 18 Jahren in Nordrhein-Westfalen, wobei mit türkeistämmig jene Personen gemeint sind, die familiäre Wurzeln in der Türkei haben, unabhängig ihrer eigenen ethnischen Zugehörigkeit (Türken, Kurden, Armenier und Andere) und ihrer gegenwärtigen Staatsangehörigkeit.

Um eine repräsentative Auswahlgrundlage für zufällige Telefonnummernziehungen zu bilden, wird vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) ein spezifisches Verfahren verwendet, das sich an der Onomastik orientiert.[7] Dabei werden Adressen und Telefonnummern von einem elektronischen Telefonverzeichnis (KlickTel 2010) über eine vom ZfTI erstellte und ständig aktualisierte Liste von rund 15.000 türkischen Nachnamen und einer ebensolchen Liste mit rund 10.000 türkischen Vornamen selektiert, um ein möglichst umfangreiches Verzeichnis der Grundgesamtheit, nämlich Haushalte mit türkeistämmigen Personen in Nordrhein-Westfalen, zu bekommen. So wird gewährleistet, dass sich keine systematische Verzerrung sozialer Gruppen ergibt und die Sozialstruktur der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland angemessen widergespiegelt wird. Darüber hinaus wird die Zufallsauswahl der zu befragenden Personen im Haushalt dadurch sichergestellt, dass nur jenes Haushaltsmitglied befragt wird, das zuletzt Geburtstag hatte. Somit wird auch auf der Ebene der Personenauswahl im Haushalt ein Verfahren genutzt, das eine von systematischen Fehlern und Verzerrungen weitestgehend bereinigte Stichprobe erzeugt, womit die Repräsentativität gesteigert wird. Die Befragung selbst erfolgte auf Deutsch oder auf Türkisch, je nachdem, welche Sprache von den Respondenten besser beherrscht wurde. Befragt wurden insgesamt 1000 Personen.

Tabelle 1: Stichprobe (Türkeistämmige Personen ab 18 Jahren)Tabelle 1: Stichprobe (Türkeistämmige Personen ab 18 Jahren)
Die genauen Stichprobendaten stellen sich folgendermaßen dar (Tabelle 1): Die geschlechtsspezifische Verteilung zeigt ein nahezu ausgewogenes Verhältnis. Bei der altersspezifischen Verteilung dominiert die Gruppe der 25- bis 45-Jährigen, was unter anderem auch der deutlich jüngeren Altersstruktur der türkeistämmigen Bevölkerung geschuldet ist. Bei der Erwerbstätigkeit, die für die Frage des bürgerschaftlichen Engagements nicht unerheblich ist, sehen wir mit rund 43 Prozent einen ziemlich hohen Anteil von Nichterwerbspersonen.

Wo und in welchem Maße beteiligen sich Türkeistämmige? Zunächst wird deutlich, dass der weitaus größte Teil im Bereich Religion engagiert ist. Mit deutlichem Abstand folgen Sport, Bildung, Kultur und sozialer Bereich. Etwas geringer sind die Beteiligungswerte im Freizeitbereich und am geringsten bei Fragen der Umwelt, Gesundheit und Politik (Abbildung 1).
Abbildung 1: Engagementbereiche und BeteiligungsratenAbbildung 1: Engagementbereiche und Beteiligungsraten

Tabelle 2: Engagementbereiche im VergleichTabelle 2: Engagementbereiche im Vergleich

Vergleicht man diese Beteiligungsraten zum einen über den Zeitverlauf und zum anderen im Verhältnis zu Einheimischen, so ergeben sich die in Tabelle 2 aufgezeigten Veränderungen und Unterschiede. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gibt es zwar einige deutliche Differenzen in der Rangfolge, aber zumindest auf den ersten Plätzen scheinen die Muster sich sehr zu gleichen: In der Gesamtbevölkerung liegt Sport an erster und Religion an zweiter Stelle; hingegen liegt der Bereich Jugend-/Bildungsarbeit in der Gesamtbevölkerung auf dem zehnten Rang, bei Türkeistämmigen auf dem fünften. Auffällig ist der Unterschied auch bei dem Engagement in Schule/Kindergarten: Dieser belegt in der Gesamtbevölkerung den dritten Rang, bei Türkeistämmigen hingegen den sechsten.

Werden die Merkmale der Engagierten analysiert, so zeigt sich, dass im wichtigsten Bereich, der Religion, überdurchschnittlich häufiger Frauen vorzufinden sind; im Sport hingegen engagieren sich deutlich häufiger Männer. Bei den Engagierten in der Jugend- und Bildungsarbeit sind Frauen leicht überrepräsentiert, vielfach junge und eher religiöse Frauen. Hingegen sind Engagierte im Bereich Kultur und Musik eher männlich, mittleren Alters an und selten religiös. Im Kontext Schule und Kindergarten sind erwartungsgemäß Frauen deutlich überrepräsentiert; sie sind eher überdurchschnittlich alt und etwas seltener religiös. Im interethnischen Vergleich ist der türkische Bereich stets dort stärker präsent beziehungsweise dominant, wo ein direktes Analogon beziehungsweise Formen einheimischer Vergesellschaftung aus naheliegenden Gründen, wie etwa Religion und Musik, nicht in Frage kommen.

Während in der ersten Generation noch eine unterdurchschnittliche Beteiligung vorzufinden ist, hat die Beteiligungsrate in den Nachfolgegenerationen leicht zugenommen. Sowohl Angehörige der ersten Generation als auch Heiratsmigranten beteiligen sich mehrheitlich im türkischen Kontext, in den Nachfolgegenerationen steigt vor allem das Engagement in multikulturellen Kontexten. Zu vermuten ist, dass genau durch diese Konstellation auch interkulturelle Netzwerke entstehen und ausgebaut werden, Formen von bridging social capital generiert wird, also Sozialkapital, das ethnische Begrenzungen überwindet.

Mit Blick auf die Intensität des Engagements (Tabelle 3) wird deutlich, dass die meiste Zeit in den sozialen Bereich investiert wird, im Durchschnitt etwa 8,6 Stunden pro Woche. Als ebenso zeitintensiv erweist sich das Engagement im Bereich Jugend- und Bildungsarbeit mit 7,0 Stunden sowie im religiösen Bereich mit 6,3 Stunden pro Woche. Am geringsten hingegen ist das zeitliche Engagement im Bereich Kultur und Musik.
Tabelle 3: Zeitaufwand des Engagements nach wichtigen BereichenTabelle 3: Zeitaufwand des Engagements nach wichtigen Bereichen

Bürgerschaftliches Engagement ist in der Regel ein motiviertes Handeln und wie nahezu jede Handlung an bestimmte Erwartungen und Motive geknüpft. Diese können sich primär auf die eigenen Interessen und Lebenslagen beziehen, aber auch, als altruistische Motive, die Lebenslagen anderer im Mittelpunkt haben. Nicht selten mischen sich dabei auch unterschiedliche Motive. Vor diesem Hintergrund wurde den Engagierten eine Liste möglicher Motive für das Engagement vorgelegt, die sie danach beurteilen sollten, ob diese für sie selbst wichtig oder weniger wichtig waren. Dabei zeigten sich folgende Motivlagen als dominant (Tabelle 4): Erkennbar wird, dass das stärkste Motiv der Altruismus ist, also in der Hilfe für andere Menschen liegt. Darüber hinaus sind es auch Tätigkeiten, die Spaß machen, in der das Individuum mit anderen Menschen zusammenkommt, für die es eine Sympathie hegt sowie in der eigene Kompetenzen und Kenntnisse erweitert werden. Hier lassen sich die Kernelemente des intrinsisch motivierten Handelns nach Deci und Ryan wiederfinden.
Tabelle 4: Motive und Erwartungen des Engagements (Mittelwert und Prozentwerte)Tabelle 4: Motive und Erwartungen des Engagements (Mittelwert und Prozentwerte)

Die geringsten Werte innerhalb der vorgelegten Motive wurden dem Eigennutz des Engagements zugeordnet. In diesem Kontext ist jedoch zu erwähnen, dass die zunächst gezielt ehrenamtliche Tätigkeit als Vorbereitung auf eine hauptamtliche Tätigkeit in den Herkunftsländern weniger bekannt ist, während sie, zumindest im westeuropäischen Kontext, eine wirksame Aktivität darstellen kann, um in den Arbeitsmarkt integriert oder nach Zeiten ohne Beschäftigung wieder eingegliedert zu werden. Denn durch eine freiwillige Tätigkeit in Arbeitskontexten werden faktisch die Wiederbeschäftigungschancen erhöht, weil zum einen kognitive arbeitsmarktnahe beziehungsweise -relevante Fähigkeiten eingeübt werden und allgemeine Bereitschaft signalisiert wird, für den Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, aber auch nicht-kognitive Merkmale wie etwa Zielstrebigkeit und Verantwortungsbewusstsein demonstriert werden.[8]

Fazit

Das freiwillige Engagement von Zuwanderern ist ein wichtiger Bestandteil der Zivilgesellschaft und fördert auch ihre gesellschaftliche Teilhabe. Die Ergebnisse belegen, dass zum Teil bedeutsame Unterschiede in Art, Umfang und Motivlage im Vergleich zur deutschen Bevölkerung vorliegen und deshalb Maßnahmen zur Engagementförderung bei dieser Gruppe andere Schwerpunkte setzen und andere Sensibilitäten zeigen sollten; unter anderem auch deshalb, weil trotz gravierender sozialer Problemlagen mehrheitsgesellschaftliche Unterstützungsangebote Zuwanderer oft nicht erreichen.

Generell lässt sich das Engagement von Zuwanderern auf zwei Arten fördern, die einander nicht ausschließen, sondern komplementär zueinander sind: Einerseits können und sollten die persönlichen Engagementvoraussetzungen gestärkt werden, und andererseits sollten strukturelle Engagementhürden und Barrieren abgebaut werden.

Unsere Daten zeigen ein überdurchschnittliches Interesse an Engagement bei Frauen, bei jungen Zuwanderern von 16 bis 24 Jahren sowie in der Altersgruppe von 35 bis 44 Jahren, aber auch bei höher Gebildeten und bei Neuzuwanderern. Diese gilt es, gezielt für bürgerschaftliches Engagement anzusprechen.

Ferner sollte zur Erhöhung des Engagement eine Ansprache von bereits Engagierten erfolgen, aber auch innerorganisatorische Partizipationsstrukturen müssen in Richtung einer stärkeren interkulturellen Öffnung verändert werden. Nicht zuletzt ist die gesellschaftliche Anerkennung und Akzeptanz des Engagements in und von Migrantenorganisationen als ein Vehikel sozialer Kohäsion zu verstehen und nicht in der stets pejorativen Wendung der "parallelgesellschaftlichen Aktivitäten" zu diskreditieren. Gerade der Staat beziehungsweise die Politik kann künftig das Engagement von Zuwanderern durch eine stärkere Einbeziehung der Migrantenorganisationen in den politischen Diskurs fördern und dadurch einen Beitrag zu deren Sichtbarkeit und Kenntnis ihrer Aktivitäten leisten. Die Anerkennung dieses Engagements kann bei deren Mitgliedern zu einem verstärkten Engagement führen. Darüber hinaus kann der Förderumfang von Migrantenorganisationen an den der deutschen Organisationen angeglichen werden, wodurch sich die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit verbessern und sie beispielsweise auch als ernsthafte Alternativen in der Wohlfahrtspflege in Frage kommen können.

Aber auch eine stärkere interkulturelle Sensibilisierung deutscher Organisationen in ihrer inhaltlichen Ausrichtung sowie in ihrer Personalstruktur – indem Personen mit Migrationshintergrund auf allen Ebenen, explizit auch auf der Leitungsebene, beschäftigt werden – kann das potenzielle Engagement von Zuwanderern dort erhöhen. Nicht zuletzt kann auch an weitergehende Maßnahmen spezifisch für Zuwanderer gedacht werden, wie etwa positiver Diskriminierung, in Form von ermäßigten oder ausgesetzten Mitgliedsbeiträgen, um diesen höhere Anreize für den Eintritt in Vereine und Organisationen zu setzen.[9]

Fußnoten

7.
Vgl. Thorsten Schneider-Haase, Personen mit Migrationshintergrund in der Umfrageforschung – einige Anmerkungen zum Handwerk, in: Matthias Knuth (Hrsg.), Arbeitsmarktintegration und Integrationspolitik – zur notwendigen Verknüpfung zweier Politikfelder. Eine Untersuchung über SGB II-Leistungsbeziehende mit Migrationshintergrund, Baden-Baden 2010, S. 185–196.
8.
Vgl. S. Strauß (Anm. 4).
9.
Vgl. D. Halm (Anm. 2).
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