Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule

27.3.2015 | Von:
Frank Gesemann
Roland Roth

Engagement im Quartier

Motive und Erwartungen der freiwillig Engagierten

Die befragten Freiwilligenorganisationen erreichen engagementbereite Menschen vor allem über persönliche Ansprache und Begleitung, eine aktive Öffentlichkeitsarbeit sowie die Vernetzung und Kooperation mit Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen. Von Bedeutung sind dabei transparente und passgenaue Angebote, flexible Formen der Engagementgestaltung, innovative und interaktive Formate, Gelegenheiten für Begegnung und Austausch sowie eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung von Engagement.

Abbildung 3: Erwartungen der Engagierten (in Prozent)Abbildung 3: Erwartungen der Engagierten (in Prozent)
Für das Engagement der Freiwilligen sind drei Motivstränge wesentlich: Das Engagement soll erstens Spaß machen, anerkannt und wertgeschätzt werden. Zweitens möchten die Freiwilligen anderen Menschen helfen und etwas für das Gemeinwohl tun. Und drittens möchten sie etwas gestalten und bewirken können. Deutlich seltener verbinden Freiwillige mit ihrem Engagement den Wunsch, mit Menschen anderer Generationen, Herkunftsländer und Milieus zusammenzukommen. Die Freiwilligenorganisationen stehen daher vor einer dreifachen Herausforderung: Sie müssen erstens den übergeordneten Erwartungen von Freiwilligen gerecht werden, zweitens Freiwillige aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gewinnen, ihnen eigene Erfahrungs- und Engagementräume bieten, und drittens immer wieder Brücken zwischen verschiedenen Gruppen und Milieus bauen (Abbildung 3).

Besonders engagiert in sozial benachteiligten Quartieren sind nach Angaben der befragten Freiwilligenorganisationen vor allem ältere Menschen (85 Prozent), Frauen (76 Prozent), Bewohner des Stadtteils (62 Prozent), Menschen ohne Migrationshintergrund (61 Prozent) und Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen (61 Prozent).[9] Aktiv sind vor allem ältere, einheimische Bewohnerinnen im Stadtteil mit höherer Bildung, während jüngere, arbeits- und kinderlose Männer mit geringerer Bildung als vergleichsweise wenig engagiert erlebt werden – ein in der Engagementforschung geläufiges Sozialprofil.

Die Ergebnisse der qualitativen Befragung zeigen, dass es besonderer Ressourcen bedarf, um sozial benachteiligte Gruppen zu gewinnen, die in vielen Freiwilligenagenturen nicht vorhanden sind. Ihre finanzielle und personelle Ausstattung ist häufig prekär und unzulänglich, wenn es um das aktive Brückenbauen zwischen den Milieus und den Einrichtungen des Stadtteils oder um die gezielte persönliche Ansprache von beteiligungsfernen Gruppen geht.

Für die Stärkung von Engagement im Quartier sind aber dezentrale Strukturen und eine gute Erreichbarkeit für die Menschen vor Ort besonders wichtig. Die enge Verknüpfung von Quartiersmanagement und Freiwilligenagenturen wird dabei von Befragten als ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Erschließung von Engagementpotenzialen in sozial benachteiligten Stadtteilen angesehen. Es braucht aus Sicht von Matthias Sauter vom Institut für Stadtentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung an der Universität Duisburg-Essen zunächst einmal "diese lebensweltlichen Motoren, damit überhaupt genügend Humus bereitet wird", an die Freiwilligenorganisationen dann "andocken" können. Diese wiederum sollten sich "öffnen, mutiger werden und ihr Know-how stärker mit in solche lokalen Prozesse einbringen und nicht nur eine Komm-Struktur aufbauen. Das ist schön, dass es das gibt, aber da kommen niemals diese Menschen hin, die in solchen Quartieren leben, weil das für sie fremd ist."[10]

Um Menschen aus sozial benachteiligten Milieus für ein Engagement zu gewinnen, sind nach Markus Runge vom Nachbarschaftshaus Urbanstraße Berlin Kreuzberg darüber hinaus eine "besondere Aufmerksamkeit und eine besondere Ansprache" notwendig. Es komme darauf an, Themen aufzugreifen, die den Menschen vor Ort besonders wichtig sind, akzeptierte Orte für Begegnung und Austausch zu schaffen, milieuhomogene Gruppen aufzubauen mit Menschen, die zueinander passen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie persönlich einen anerkannten und willkommenen Beitrag leisten, die Erfahrung eines konkreten "Mehrwerts" in Form von Atmosphäre, Informationen oder Kontakten zu ermöglichen. Bei Menschen, die sich zum Beispiel in einer schwierigen finanziellen Situation befinden oder einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben, bedarf es manchmal auch einer langfristigen Begleitung und eines "Vorschusses an Unterstützung".[11]

Die Motivation für ein Engagement von sozial Benachteiligten speist sich nach Aussagen von Expert(inn)en vor allem aus der Erfahrung und Wertschätzung von geleisteter beziehungsweise empfangener Hilfe. Sie kann sich aber erst entfalten, wenn die eigene Existenzgrundlage gesichert ist, wie Birgit Bormann, Stadtteilkoordinatorin Hardt, Schwäbisch Gmünd, betont: "Viele Menschen finden erst einmal über eine Notsituation zu uns und wollen ganz konkrete Hilfe. Wir vermitteln sie dann weiter an Fachberatungsstellen. Aber der Kontakt ist geknüpft und viele sagen, dass sie helfen und das auch weitergeben wollen, weil ihnen die Hilfe wichtig ist.[12] Notwendig sei zudem, zumindest in Großstädten mit sehr heterogenen Milieus, eine Arbeit mit parallelen Gruppen, um Menschen aus sozial benachteiligten Milieus zunächst in einem geschützten Raum zu befähigen, ihre Interessen zu artikulieren und zu vertreten, und ihnen Ausgrenzungserfahrungen zu ersparen.

Engagementpotenziale von Migranten

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund von Freiwilligenorganisationen zwar als weniger aktiv eingeschätzt werden als Menschen ohne Migrationshintergrund, dem Faktor Migrationshintergrund aber eine geringere Bedeutung für das Engagement beigemessen wird als beispielsweise den Merkmalen Alter, Bildungsniveau oder Geschlecht. Als zusätzliche Barrieren für das Engagement von Zugewanderten werden von den befragten Freiwilligenorganisationen insbesondere migrationsspezifische Faktoren (mangelnde Sprachkenntnisse, unsicherer Aufenthaltsstatus), Besonderheiten der Lebenssituation (hohe Belastungen durch die private Situation) sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen (mangelnde interkulturelle Öffnung des bürgerschaftlichen Engagements) genannt.[13]

Die Erschließung von Engagementpotenzialen[14] erfordert vor allem eine Anerkennung und Wertschätzung des Engagements von Menschen mit Migrationshintergrund, bedarfsbezogene Beratungs- und Unterstützungsangebote, die interkulturelle Öffnung von Freiwilligenorganisationen, die Einbeziehung von Multiplikatoren und die Kooperation mit Migrantenorganisationen sowie die Stärkung von Lotsen-, Mentoren- und Patenprojekten.

Bildung und Erziehung sind in diesem Zusammenhang Schlüsselthemen für die Aktivierung und Teilhabe von Zugewanderten in sozial benachteiligten Quartieren. Zu den zentralen Erfolgsfaktoren gehören dabei niedrigschwellige und zielgruppengerechte Angebote und Engagementmöglichkeiten sowie die Mitgestaltung und Qualifizierung der freiwillig Engagierten. Bildungseinrichtungen müssen zudem durch die Bereitstellung von Personalressourcen und die interkulturelle Sensibilisierung der pädagogischen Fachkräfte in die Lage versetzt werden, das Engagement von Zugewanderten angemessen zu fördern und zu begleiten.

Resümee und Perspektiven

In Stadtteilen mit einer Kumulation sozialer Herausforderungen kann freiwilliges Engagement einen wesentlichen Beitrag zur Förderung des nachbarschaftlichen Miteinanders, zur Verbesserung der lokalen Bildungschancen sowie zu Integration und Partizipation von Zugewanderten leisten. Dies geschieht allerdings erst in Ansätzen. Es fehlt noch weitgehend an einer professionellen Engagementförderung, die besonders sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen dabei unterstützt, ihr "Recht auf Engagement" zu verwirklichen. Die Verknüpfung von Engagement-, Integrations- und Stadtentwicklungspolitik, die sozialräumliche und interkulturelle Ausrichtung von Freiwilligenorganisationen sowie starke Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen bieten dabei die Chance, auch neue Herausforderungen vor Ort wie beispielsweise die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und anderen Zuwanderern erfolgreich und gemeinsam zu bewältigen.

Wie die Ergebnisse unserer Studie zeigen, basiert die Herausbildung einer lokalen Engagementkultur auf sich wechselseitig verstärkenden Faktoren wie Identifikation der Wohnbevölkerung mit dem Quartier, konkreten und vielfältigen Angeboten für ein Engagement vor Ort sowie der Vernetzung und Kooperation von Einrichtungen der Engagementförderung mit Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen. Gleichzeitig ist deutlich geworden, dass es noch vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten und Unterstützungsbedarfe für eine aktive und kohärente Engagementpolitik gibt, die unterschiedliche sozialräumliche Bedarfe und Bedingungen berücksichtigt, soziale Integration und Zusammenhalt fördert sowie die gesellschaftliche Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen auch und gerade in benachteiligten und strukturschwachen Quartieren ermöglicht. Unsere Handlungsempfehlungen[15] beziehen sich dabei insbesondere auf Gestaltungsmöglichkeiten von Bund, Ländern und Kommunen:

Kommunen können Bildungs- und Integrationspotenziale der lokalen Bevölkerung durch eine Verankerung der kommunalen Engagementförderung, die Sicherung einer ausreichenden finanziellen und personellen Ausstattung von Freiwilligenorganisationen, die Vernetzung und Kooperation insbesondere mit Bildungseinrichtungen in sozial benachteiligten Gebieten, die Entwicklung neuer Formen und Orte des Engagements, eine stärkere Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, die Anerkennung und Wertschätzung des Engagements von Menschen mit Migrationshintergrund sowie eine interkulturelle Öffnung von Organisationen erschließen.

Die Länder können freiwilliges Engagement durch eine Bündelung von Programmen und Projekten in einer Gesamtstrategie, die Förderung und Verzahnung von Strukturen des bürgerschaftlichen Engagements auf verschiedenen Ebenen und der konsequenten interkulturellen Öffnung der Engagementförderung unterstützen.[16] Der Absicherung von Freiwilligenagenturen, der Stärkung von Gemeinschaftseinrichtungen und der Öffnung von Bildungseinrichtungen für freiwilliges Engagement dürften dabei eine Schlüsselrolle für Bildung und Integration im Quartier zukommen.

Der Bund kann die Stärkung von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement zu einer ganzheitlichen, ressortübergreifenden und langfristig angelegten Reformaufgabe der deutschen Gesellschaft, ihres Institutionensystems und Politikverständnisses weiterentwickeln. Es kommt vor allem darauf an, die Einfluss- und Handlungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger im öffentlichen Raum zu erweitern, eine beteiligungsorientierte Kultur des Engagements zu etablieren sowie allen gesellschaftlichen Gruppen einen gleichberechtigten Zugang zum Engagement zu eröffnen.

Fußnoten

9.
Die Befragten wurden gebeten, das Engagement von Menschen im Stadtteil in Bezug auf 17 verschiedene Merkmale zu bewerten. Die Prozentangaben beziehen sich auf den Anteil der Befragten, die den jeweiligen Bevölkerungsgruppen überwiegend ein besonderes Engagement zuerkennen (eher oder sehr zutreffend).
10.
Zit. nach: F. Gesemann/R. Roth (Anm. 2), S. 40.
11.
Zit. nach: ebd., S. 50.
12.
Zit. nach: ebd., S. 51.
13.
Vgl. ebd., S. 59.
14.
Zum Engagement von jugendlichen und älteren Migranten vgl. bspw. Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung an der Universität Duisburg-Essen (Hrsg.), Engagementförderung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Bonn 2008; Monika Alisch (Hrsg.), Älter werden im Quartier: Soziale Nachhaltigkeit durch Selbstorganisation und Teilhabe, Kassel 2014; dies./Michael May, Selbstorganisation und Selbsthilfe älterer Migranten, in: APuZ, (2013) 4–5, S. 40–45.
15.
Vgl. F. Gesemann/R. Roth (Anm. 2.), S. 73ff.
16.
Zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in den Ländern siehe auch F. Gesemann/R. Roth, Integration ist (auch) Ländersache! Schritte zur politischen Inklusion von Migrantinnen und Migranten in den Bundesländern, Berlin 20152, S. 91ff.
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