Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule
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27.3.2015 | Von:
Frank Gesemann
Roland Roth

Engagement im Quartier

Konzepte, Strategien und Programme der Stadtentwicklungspolitik haben zunehmend bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung als wichtige Erfolgsfaktoren in ihre Zielkataloge aufgenommen. Dies gilt vor allem für das Städtebauförderungsprogramm "Soziale Stadt", das Teilhabe und Integration in sozial benachteiligten und strukturschwachen Stadtquartieren stärken will. Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass entgegen landläufiger Vorurteile auch in sozial benachteiligten Gebieten ein ausgeprägtes und vielfältiges Engagement von Bewohnerinnen und Bewohnern beobachtet werden kann.[1] Diese Studien verdeutlichen aber auch, dass sich viele Formen lokalen Engagements vor allem auf die eigene Lebenswelt, das eigene Milieu und die unmittelbare Nachbarschaft beziehen. Der Beitrag des freiwilligen Engagements zum sozialen Zusammenhalt ist begrenzt und zeichnet sich durch ein hohes Maß an Eigensinn aus, das einer Vereinnahmung für politisch-strategische Ziele entgegensteht. Die Forschungsergebnisse belegen zudem, wie wichtig begünstigende Rahmenbedingungen und lokale Ermöglichungsstrukturen für die Erschließung von Engagementpotenzialen und die Verstetigung von Engagement insbesondere in Quartieren mit sozialen Problemlagen sind.

Der folgende Beitrag präsentiert einige Ergebnisse aus der Studie "Engagement im Quartier",[2] die das Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration (DESI) im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) sowie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) erstellt hat. Im Rahmen des Forschungsfeldes "Orte der Integration im Quartier"[3] wurden acht Kommunen von 2011 bis 2014 dabei unterstützt, Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen in sozial benachteiligten Gebieten weiterzuentwickeln, Bildungsangebote zu bündeln und zentrale Akteure zu vernetzen. In der Studie "Engagement im Quartier" haben wir in diesem Kontext untersucht, welchen Beitrag freiwilliges Engagement für die Entwicklung sozial benachteiligter Quartiere leisten kann und mit welchen ehrenamtlichen Angeboten Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen unterstützt werden können.

Das Forschungsvorhaben basierte auf dem Einsatz quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden. Hierzu gehörten eine bundesweite Online-Befragung von 115 Freiwilligenorganisationen, die in Gebieten des Städtebauförderprogramms "Soziale Stadt" aktiv sind, leitfadengestützte (Telefon-)Interviews mit etwa 20 Vertretern von Dachorganisationen (Bundesarbeitsgemeinschaften von Freiwilligenagenturen und Seniorenbüros, Migrantenorganisationen), Multiplikatoren aus Stadtverwaltungen, Freiwilligenorganisationen, Trägern der Wohlfahrtspflege, Quartiersmanagement, Stiftungen und Wissenschaft sowie Gesprächsrunden mit Freiwilligen und Akteuren aus innovativen Projekten. Unter Freiwilligenorganisationen wurden in diesem Zusammenhang Einrichtungen verstanden, zu deren hauptsächlichen Tätigkeitsbereichen die Vermittlung, Organisation und Unterstützung von bürgerschaftlichem Engagement gehört. Dazu zählen beispielsweise Freiwilligenagenturen und -zentren, Ehrenamtsbörsen, Kontakt-, Koordinierungs- und Vermittlungsstellen, Bürgerbüros, anerkannte Träger der Wohlfahrtspflege und von Freiwilligendiensten, Stadtteilzentren oder Mehrgenerationenhäuser. Mit der Befragung wurden daher nicht nur Freiwilligenagenturen oder -zentren mit einem stadtweiten oder regionalen Aktionsradius, sondern auch kleinere lokale Einrichtungen mit einem besonderen Fokus auf sozial benachteiligte Stadtteile erreicht.

Die Freiwilligenorganisationen, die sich an der Online-Befragung beteiligt haben, sind überwiegend durch relativ geringe Ressourcen und eine hohe Abhängigkeit von Projektförderung gekennzeichnet: Knapp 60 Prozent der Einrichtungen haben keine oder weniger als eine Personalstelle.[4] Etwas über 70 Prozent der Freiwilligenorganisationen verfügen über ein Jahresbudget von unter 50.000 Euro. Das Budget der Organisationen setzt sich aus einer Vielzahl von Finanzierungsquellen zusammen, wobei kommunale Mittel (70 Prozent) und Spenden (58 Prozent) am häufigsten genannt werden. Rückmeldungen von Kommunen, Ansprechpartnern der "Sozialen Stadt" und Einrichtungen deuten zudem darauf hin, dass es in vielen sozial benachteiligten Gebieten keine Freiwilligenorganisationen gibt und gesamtstädtische Einrichtungen häufig keinen besonderen sozialräumlichen Fokus aufweisen. Das gilt insbesondere für Kleinstädte, auf die immerhin 30 Prozent der Programmgebiete der "Sozialen Stadt" entfallen.[5]

Bedeutung von Engagement

Abbildung 1: Bedeutung von Engagement für die Entwicklung des Quartiers nach Bereichen (in Prozent)Abbildung 1: Bedeutung von Engagement für die Entwicklung des Quartiers nach Bereichen (in Prozent)
Freiwilligem Engagement wird von den befragten Freiwilligenorganisationen eine große Bedeutung für die Entwicklung sozial benachteiligter Quartiere beigemessen. Im Vordergrund stehen dabei die Förderung des nachbarschaftlichen Miteinanders, die Verbesserung der Bildungschancen vor Ort sowie die Verbesserung der Integration und Teilhabechancen von Migranten. Mehr als 80 Prozent der Befragten bezeichnen das Engagement in diesen Bereichen als außerordentlich oder sehr wichtig (Abbildung 1).

Die von uns befragten Expertinnen und Experten unterstreichen zwar die Bedeutung freiwilligen Engagements für die Entwicklung sozial benachteiligter Gebiete, verweisen aber stets darauf, dass der Einsatz von Ehrenamtlichen die professionelle Arbeit nur unterstützen, aber nicht ersetzen kann: "Wenn die Bewohner merken, dass die Strukturen, die sich dauerhaft um sie kümmern sollen, nicht existieren oder abgebaut werden, und sie mit dem Ehrenamt nur Lücken füllen sollen, dann wirkt das demotivierend. Eine der wichtigen Rahmenbedingungen für ein Gelingen der Engagementförderung im Quartier ist daher eine erkennbare Bereitschaft der Kommune und deren Partnern im Stadtteil, dauerhafte Anlaufstellen und Leistungen sowie eine Infrastruktur für Engagement zur Verfügung zu stellen", so Ansgar Klein, Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement. [6]

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Freiwilligenorganisationen in sozial benachteiligten Gebieten über ein eng geknüpftes Netzwerk von Kooperationsbeziehungen verfügen und Bildungseinrichtungen dabei eine zentrale Bedeutung zukommt. Von den befragten Freiwilligenorganisationen kooperieren die meisten mit Schulen (84 Prozent), Kindertageseinrichtungen (76 Prozent) oder Jugendfreizeiteinrichtungen (70 Prozent). Zu den am häufigsten genannten Angeboten in Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen gehören dabei Lesepaten in Schulen (48 Prozent) und Kindertageseinrichtungen (42 Prozent), ehrenamtliche Lotsen beim Übergang Schule-Beruf (38 Prozent), Mentoren- und Patenprogramme (37 Prozent) sowie Integrationslotsen (35 Prozent).

Freiwilligem Engagement kommt in einem differenzierten Verständnis von Bildung und Lernen sowie der sozialräumlichen Öffnung von Bildungseinrichtungen eine besondere Bedeutung zu. Die Erschließung der Bildungspotenziale wird dabei durch die Einrichtung von Familienzentren und Ganztagsschulen, die Nutzung von Mentoren-, Paten- und Lotsenprojekten sowie die Entstehung lokaler und regionaler Bildungslandschaften gefördert.[7] Paten-, Mentoren- und Lotsenprojekte sind insbesondere für Kinder und Jugendliche, die in sozial benachteiligten Gebieten aufwachsen, eine Möglichkeit, ihre Bildungschancen zu verbessern. Die Kooperation von Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen, die Einbeziehung und Qualifizierung von freiwillig Engagierten sowie die Vernetzung und Kooperation von Akteuren im Sozialraum bieten die Möglichkeit, Bildungseinrichtungen stärker mit dem Gemeinwesen zu verknüpfen. Die Stärken des freiwilligen Engagements liegen vor allem in der individuellen Begleitung und Förderung von Menschen im Rahmen von Lotsen-, Mentoren- und Patenprogrammen.

Zu den Erfolgsfaktoren für eine gelingende Kooperation zwischen Freiwilligenorganisationen sowie Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen in sozial benachteiligten Gebieten werden von den Befragten in unserer Studie erstens "weiche Faktoren" wie persönliche Kontakte, Verlässlichkeit und Kontinuität, gegenseitige Akzeptanz und Wertschätzung, zweitens "strukturelle Bedingungen" wie professionelle Strukturen in Freiwilligenorganisationen und Bildungseinrichtungen, ausreichende personelle und finanzielle Mittel, Räume und Zeitressourcen, die Begleitung und Qualifizierung der Ehrenamtlichen sowie drittens die Ausrichtung der Engagementförderung auf einzelne Zielgruppen (bedarfsorientierte Angebote, Partizipation der Zielgruppen, Beteiligung der Engagierten an Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen) gerechnet.

Gesprächsrunden mit ehrenamtlich Engagierten und Professionellen zeigen, welche Bedeutung Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen für die Förderung von Engagement und Miteinander zukommt: Mit Elternvertretern und -mentorinnen, Familienbesuchern, Lese- und Bildungspatinnen, Sprachmittlern sowie Helfern im Elterncafé, bei Festen und Projekten ist beispielsweise das Bildungs- und Familienzentrum Hardt in der Stadt Schwäbisch Gmünd zu einem Kristallisationspunkt für Engagement im Quartier geworden.[8]

Engagement begünstigende Faktoren

Abbildung 2: Erfolgsfaktoren für freiwilliges Engagement in sozial benachteiligten Quartieren (in Prozent)Abbildung 2: Erfolgsfaktoren für freiwilliges Engagement in sozial benachteiligten Quartieren (in Prozent)
Es sind vor allem fünf Faktoren, die nach Angaben der befragten Freiwilligenorganisationen das Engagement im Stadtteil begünstigen: eine hohe Identifikation der Bewohner mit dem Quartier; sozialräumliche beziehungsweise stadtteilbezogene Angebote und Dienstleistungen; Quartiersmanagement und Stadtteilkoordination; Strukturen und Netzwerke der Engagementförderung; kommunale Engagementförderung sowie Merkmale des Quartiers (geringe Fluktuation der Bewohner, soziale Mischung der Bevölkerung) und Unterstützung durch EU-, Bundes- und Länderprogramme (Abbildung 2).

Eine Engagementkultur im Quartier kann vor allem dann entstehen, wenn es Freiwilligenorganisationen, Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen gelingt, Erfahrungen und Perspektiven der Wohnbevölkerung aufzugreifen, konkrete und vielfältige Anknüpfungspunkte für das Engagement vor Ort zu schaffen sowie lebensweltnahe Angebote der Engagementförderung zu entwickeln und miteinander zu vernetzen. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, wie sehr sich diese vier Faktoren gegenseitig beeinflussen: Die Stärkung sozialräumlicher Angebote und Einrichtungen, die Anerkennung und Wertschätzung von Engagement und Beteiligung, die Anregung von Vernetzung und Kooperation im Quartier sowie die Verzahnung mit der gesamtstädtischen Politik bilden die Grundlage für eine engagementfördernde Identifikation der lokalen Bevölkerung mit dem Stadtteil.

Motive und Erwartungen der freiwillig Engagierten

Die befragten Freiwilligenorganisationen erreichen engagementbereite Menschen vor allem über persönliche Ansprache und Begleitung, eine aktive Öffentlichkeitsarbeit sowie die Vernetzung und Kooperation mit Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen. Von Bedeutung sind dabei transparente und passgenaue Angebote, flexible Formen der Engagementgestaltung, innovative und interaktive Formate, Gelegenheiten für Begegnung und Austausch sowie eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung von Engagement.

Abbildung 3: Erwartungen der Engagierten (in Prozent)Abbildung 3: Erwartungen der Engagierten (in Prozent)
Für das Engagement der Freiwilligen sind drei Motivstränge wesentlich: Das Engagement soll erstens Spaß machen, anerkannt und wertgeschätzt werden. Zweitens möchten die Freiwilligen anderen Menschen helfen und etwas für das Gemeinwohl tun. Und drittens möchten sie etwas gestalten und bewirken können. Deutlich seltener verbinden Freiwillige mit ihrem Engagement den Wunsch, mit Menschen anderer Generationen, Herkunftsländer und Milieus zusammenzukommen. Die Freiwilligenorganisationen stehen daher vor einer dreifachen Herausforderung: Sie müssen erstens den übergeordneten Erwartungen von Freiwilligen gerecht werden, zweitens Freiwillige aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gewinnen, ihnen eigene Erfahrungs- und Engagementräume bieten, und drittens immer wieder Brücken zwischen verschiedenen Gruppen und Milieus bauen (Abbildung 3).

Besonders engagiert in sozial benachteiligten Quartieren sind nach Angaben der befragten Freiwilligenorganisationen vor allem ältere Menschen (85 Prozent), Frauen (76 Prozent), Bewohner des Stadtteils (62 Prozent), Menschen ohne Migrationshintergrund (61 Prozent) und Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen (61 Prozent).[9] Aktiv sind vor allem ältere, einheimische Bewohnerinnen im Stadtteil mit höherer Bildung, während jüngere, arbeits- und kinderlose Männer mit geringerer Bildung als vergleichsweise wenig engagiert erlebt werden – ein in der Engagementforschung geläufiges Sozialprofil.

Die Ergebnisse der qualitativen Befragung zeigen, dass es besonderer Ressourcen bedarf, um sozial benachteiligte Gruppen zu gewinnen, die in vielen Freiwilligenagenturen nicht vorhanden sind. Ihre finanzielle und personelle Ausstattung ist häufig prekär und unzulänglich, wenn es um das aktive Brückenbauen zwischen den Milieus und den Einrichtungen des Stadtteils oder um die gezielte persönliche Ansprache von beteiligungsfernen Gruppen geht.

Für die Stärkung von Engagement im Quartier sind aber dezentrale Strukturen und eine gute Erreichbarkeit für die Menschen vor Ort besonders wichtig. Die enge Verknüpfung von Quartiersmanagement und Freiwilligenagenturen wird dabei von Befragten als ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Erschließung von Engagementpotenzialen in sozial benachteiligten Stadtteilen angesehen. Es braucht aus Sicht von Matthias Sauter vom Institut für Stadtentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung an der Universität Duisburg-Essen zunächst einmal "diese lebensweltlichen Motoren, damit überhaupt genügend Humus bereitet wird", an die Freiwilligenorganisationen dann "andocken" können. Diese wiederum sollten sich "öffnen, mutiger werden und ihr Know-how stärker mit in solche lokalen Prozesse einbringen und nicht nur eine Komm-Struktur aufbauen. Das ist schön, dass es das gibt, aber da kommen niemals diese Menschen hin, die in solchen Quartieren leben, weil das für sie fremd ist."[10]

Um Menschen aus sozial benachteiligten Milieus für ein Engagement zu gewinnen, sind nach Markus Runge vom Nachbarschaftshaus Urbanstraße Berlin Kreuzberg darüber hinaus eine "besondere Aufmerksamkeit und eine besondere Ansprache" notwendig. Es komme darauf an, Themen aufzugreifen, die den Menschen vor Ort besonders wichtig sind, akzeptierte Orte für Begegnung und Austausch zu schaffen, milieuhomogene Gruppen aufzubauen mit Menschen, die zueinander passen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie persönlich einen anerkannten und willkommenen Beitrag leisten, die Erfahrung eines konkreten "Mehrwerts" in Form von Atmosphäre, Informationen oder Kontakten zu ermöglichen. Bei Menschen, die sich zum Beispiel in einer schwierigen finanziellen Situation befinden oder einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben, bedarf es manchmal auch einer langfristigen Begleitung und eines "Vorschusses an Unterstützung".[11]

Die Motivation für ein Engagement von sozial Benachteiligten speist sich nach Aussagen von Expert(inn)en vor allem aus der Erfahrung und Wertschätzung von geleisteter beziehungsweise empfangener Hilfe. Sie kann sich aber erst entfalten, wenn die eigene Existenzgrundlage gesichert ist, wie Birgit Bormann, Stadtteilkoordinatorin Hardt, Schwäbisch Gmünd, betont: "Viele Menschen finden erst einmal über eine Notsituation zu uns und wollen ganz konkrete Hilfe. Wir vermitteln sie dann weiter an Fachberatungsstellen. Aber der Kontakt ist geknüpft und viele sagen, dass sie helfen und das auch weitergeben wollen, weil ihnen die Hilfe wichtig ist.[12] Notwendig sei zudem, zumindest in Großstädten mit sehr heterogenen Milieus, eine Arbeit mit parallelen Gruppen, um Menschen aus sozial benachteiligten Milieus zunächst in einem geschützten Raum zu befähigen, ihre Interessen zu artikulieren und zu vertreten, und ihnen Ausgrenzungserfahrungen zu ersparen.

Engagementpotenziale von Migranten

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund von Freiwilligenorganisationen zwar als weniger aktiv eingeschätzt werden als Menschen ohne Migrationshintergrund, dem Faktor Migrationshintergrund aber eine geringere Bedeutung für das Engagement beigemessen wird als beispielsweise den Merkmalen Alter, Bildungsniveau oder Geschlecht. Als zusätzliche Barrieren für das Engagement von Zugewanderten werden von den befragten Freiwilligenorganisationen insbesondere migrationsspezifische Faktoren (mangelnde Sprachkenntnisse, unsicherer Aufenthaltsstatus), Besonderheiten der Lebenssituation (hohe Belastungen durch die private Situation) sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen (mangelnde interkulturelle Öffnung des bürgerschaftlichen Engagements) genannt.[13]

Die Erschließung von Engagementpotenzialen[14] erfordert vor allem eine Anerkennung und Wertschätzung des Engagements von Menschen mit Migrationshintergrund, bedarfsbezogene Beratungs- und Unterstützungsangebote, die interkulturelle Öffnung von Freiwilligenorganisationen, die Einbeziehung von Multiplikatoren und die Kooperation mit Migrantenorganisationen sowie die Stärkung von Lotsen-, Mentoren- und Patenprojekten.

Bildung und Erziehung sind in diesem Zusammenhang Schlüsselthemen für die Aktivierung und Teilhabe von Zugewanderten in sozial benachteiligten Quartieren. Zu den zentralen Erfolgsfaktoren gehören dabei niedrigschwellige und zielgruppengerechte Angebote und Engagementmöglichkeiten sowie die Mitgestaltung und Qualifizierung der freiwillig Engagierten. Bildungseinrichtungen müssen zudem durch die Bereitstellung von Personalressourcen und die interkulturelle Sensibilisierung der pädagogischen Fachkräfte in die Lage versetzt werden, das Engagement von Zugewanderten angemessen zu fördern und zu begleiten.

Resümee und Perspektiven

In Stadtteilen mit einer Kumulation sozialer Herausforderungen kann freiwilliges Engagement einen wesentlichen Beitrag zur Förderung des nachbarschaftlichen Miteinanders, zur Verbesserung der lokalen Bildungschancen sowie zu Integration und Partizipation von Zugewanderten leisten. Dies geschieht allerdings erst in Ansätzen. Es fehlt noch weitgehend an einer professionellen Engagementförderung, die besonders sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen dabei unterstützt, ihr "Recht auf Engagement" zu verwirklichen. Die Verknüpfung von Engagement-, Integrations- und Stadtentwicklungspolitik, die sozialräumliche und interkulturelle Ausrichtung von Freiwilligenorganisationen sowie starke Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen bieten dabei die Chance, auch neue Herausforderungen vor Ort wie beispielsweise die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und anderen Zuwanderern erfolgreich und gemeinsam zu bewältigen.

Wie die Ergebnisse unserer Studie zeigen, basiert die Herausbildung einer lokalen Engagementkultur auf sich wechselseitig verstärkenden Faktoren wie Identifikation der Wohnbevölkerung mit dem Quartier, konkreten und vielfältigen Angeboten für ein Engagement vor Ort sowie der Vernetzung und Kooperation von Einrichtungen der Engagementförderung mit Bildungs- und Gemeinschaftseinrichtungen. Gleichzeitig ist deutlich geworden, dass es noch vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten und Unterstützungsbedarfe für eine aktive und kohärente Engagementpolitik gibt, die unterschiedliche sozialräumliche Bedarfe und Bedingungen berücksichtigt, soziale Integration und Zusammenhalt fördert sowie die gesellschaftliche Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen auch und gerade in benachteiligten und strukturschwachen Quartieren ermöglicht. Unsere Handlungsempfehlungen[15] beziehen sich dabei insbesondere auf Gestaltungsmöglichkeiten von Bund, Ländern und Kommunen:

Kommunen können Bildungs- und Integrationspotenziale der lokalen Bevölkerung durch eine Verankerung der kommunalen Engagementförderung, die Sicherung einer ausreichenden finanziellen und personellen Ausstattung von Freiwilligenorganisationen, die Vernetzung und Kooperation insbesondere mit Bildungseinrichtungen in sozial benachteiligten Gebieten, die Entwicklung neuer Formen und Orte des Engagements, eine stärkere Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, die Anerkennung und Wertschätzung des Engagements von Menschen mit Migrationshintergrund sowie eine interkulturelle Öffnung von Organisationen erschließen.

Die Länder können freiwilliges Engagement durch eine Bündelung von Programmen und Projekten in einer Gesamtstrategie, die Förderung und Verzahnung von Strukturen des bürgerschaftlichen Engagements auf verschiedenen Ebenen und der konsequenten interkulturellen Öffnung der Engagementförderung unterstützen.[16] Der Absicherung von Freiwilligenagenturen, der Stärkung von Gemeinschaftseinrichtungen und der Öffnung von Bildungseinrichtungen für freiwilliges Engagement dürften dabei eine Schlüsselrolle für Bildung und Integration im Quartier zukommen.

Der Bund kann die Stärkung von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement zu einer ganzheitlichen, ressortübergreifenden und langfristig angelegten Reformaufgabe der deutschen Gesellschaft, ihres Institutionensystems und Politikverständnisses weiterentwickeln. Es kommt vor allem darauf an, die Einfluss- und Handlungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger im öffentlichen Raum zu erweitern, eine beteiligungsorientierte Kultur des Engagements zu etablieren sowie allen gesellschaftlichen Gruppen einen gleichberechtigten Zugang zum Engagement zu eröffnen.
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Fußnoten

1.
Vgl. insb. die Ergebnisse von Projekten des Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung: vhw, Engagement im Quartier und Kommunale Bürgerorientierung, Berlin 2010, sowie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung: Johanna Klatt/Franz Walter, Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement, Bielefeld 2011; Christian Hoeft et al., Wer organisiert die "Entbehrlichen"? Viertelgestalterinnen und Viertelgestalter in benachteiligten Stadtquartieren, Bielefeld 2014.
2.
Vgl. Frank Gesemann/Roland Roth, Engagement im Quartier, Bonn 2015 (i.V.). Alle Abbildungen in diesem Beitrag basieren auf den Ergebnissen dieser Studie.
3.
Weitere Informationen zum Forschungsfeld "Orte der Integration im Quartier" und zum Forschungsprogramm "Experimenteller Wohnungs- und Städtebau" sind auf den Webseiten des BBSR unter http://www.bbsr.bund.de« zu finden.
4.
Die Ressourcenausstattung der befragten Einrichtungen ist mit der von Freiwilligenagenturen vergleichbar. Vgl. Karsten Speck et al., Freiwilligenagenturen in Deutschland. Potenziale und Herausforderungen einer vielversprechenden intermediären Organisation, Wiesbaden 2012, S. 45ff.
5.
Vgl. F. Gesemann/R. Roth (Anm. 2), S. 27.
6.
Zit. nach: ebd., S. 60.
7.
Zu den vielfältigen Formen bürgerschaftlichen Engagements für moderne Bildung und gute Schulen siehe insb. Birger Hartnuß/Reinhild Hugenroth/Thomas Kegel (Hrsg.), Schule der Bürgergesellschaft: Bürgerschaftliche Perspektiven für moderne Bildung und gute Schulen, Schwalbach/Ts. 2013.
8.
Vgl. Frank Gesemann, Engagement im Quartier: "Nachdem wir eine große ehrenamtliche Gemeinschaft aufgebaut haben, sind auch andere neidisch auf den Hardt geworden." Ergebnisse von Gesprächsrunden mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern im Bildungs- und Familienzentrum Hardt in der Stadt Schwäbisch Gmünd, Berlin 2014.
9.
Die Befragten wurden gebeten, das Engagement von Menschen im Stadtteil in Bezug auf 17 verschiedene Merkmale zu bewerten. Die Prozentangaben beziehen sich auf den Anteil der Befragten, die den jeweiligen Bevölkerungsgruppen überwiegend ein besonderes Engagement zuerkennen (eher oder sehr zutreffend).
10.
Zit. nach: F. Gesemann/R. Roth (Anm. 2), S. 40.
11.
Zit. nach: ebd., S. 50.
12.
Zit. nach: ebd., S. 51.
13.
Vgl. ebd., S. 59.
14.
Zum Engagement von jugendlichen und älteren Migranten vgl. bspw. Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung an der Universität Duisburg-Essen (Hrsg.), Engagementförderung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Bonn 2008; Monika Alisch (Hrsg.), Älter werden im Quartier: Soziale Nachhaltigkeit durch Selbstorganisation und Teilhabe, Kassel 2014; dies./Michael May, Selbstorganisation und Selbsthilfe älterer Migranten, in: APuZ, (2013) 4–5, S. 40–45.
15.
Vgl. F. Gesemann/R. Roth (Anm. 2.), S. 73ff.
16.
Zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in den Ländern siehe auch F. Gesemann/R. Roth, Integration ist (auch) Ländersache! Schritte zur politischen Inklusion von Migrantinnen und Migranten in den Bundesländern, Berlin 20152, S. 91ff.
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