Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Ines Stolpe

Truly Nomadic? Die Mongolei im Wandel

Nomadismuspolitik, räumliche und soziale Mobilität

Es ist ein orthodoxes Narrativ, Nomadismus und Sozialismus seien Antipoden gewesen, und letzterer hätte allerorts danach getrachtet, ersteren durch Sesshaftmachung abzuschaffen. Drei Aspekte werden bei einer solch undifferenzierten Betrachtung ausgeblendet: erstens, dass diese Aussage nicht pauschal zutrifft, zweitens, dass Nomadismus beiderseits des "Eisernen Vorhangs" lange Zeit als Modernisierungshindernis und antiquiert-unrentable Wirtschaftsform galt,[11] und drittens, dass forcierte Sesshaftigkeit oft (und gerade im Postsozialismus) mit Privatisierung und land grabbing einhergeht.

Ein kurzer Blick in die Geschichte Zentralasiens zeigt, dass während der Zarenzeit angesichts der Ausdehnung des Russischen Reiches und der Kolonisierung durch russische Bauern die kasachische Intelligenz selbst Sesshaftwerdung proklamierte, um die Landfrage zugunsten der eigenen Leute zu entscheiden.[12] Die dann im 20. Jahrhundert in der Sowjetunion der Stalin-Ära erzwungenen Kollektivierungen und Sesshaftmachungen und ihre katastrophalen Folgen sind vielfach dokumentiert. Im Vergleich zur ebenfalls destruktiven Nomadismuspolitik anderer Staaten[13] jedoch scheint die räumliche Mobilität weniger eingeschränkt worden zu sein. Retrospektiv diagnostiziert die Sozialanthropologin Carol Kerven für Kasachstan und Turkmenistan: "Soviet administration preserved some important elements of the nomadic system."[14] Die Wanderdistanzen gingen erst nach 1990 zurück, woraufhin die Produktivität sank. Gleiches lässt sich für die postsozialistische Mongolei feststellen. Doch wie sah es zuvor aus?

Von 1924 bis 1992 existierte die Mongolische Volksrepublik (VR), die nach der Sowjetunion als zweiter sozialistischer Staat galt. Wiewohl stark beeinflusst vom "großen Bruder im Norden" (chojd ach), war die Mongolische VR keine Sowjetrepublik. Gerade die Nomadismuspolitik war einer der Bereiche, in dem der Satellit zu seinem Leitstern Distanz hielt: Anders als Sowjetisch-Zentralasien blieb das Land von Programmen zur Sesshaftmachung verschont, und die extensive Weideviehhaltung war als landwirtschaftliche Hauptproduktionsform anerkannt. Unterschiede zur Nomadismuspolitik der Sowjetunion gab es auch bei der Kollektivierung: Während diese in den Sowjetrepubliken trotz Widerstands gewaltsam umgesetzt wurde, brach man in der Mongolischen VR den ersten Versuch angesichts drohender Volksaufstände zunächst ab.[15] Der nächste Anlauf wurde erst dreißig Jahre später genommen und führte durch anreizbasierte Herangehensweisen und attraktive Rahmenbedingungen schließlich zum Ziel.[16] Die Unterschiede zu Kasachstan waren erheblich: "Pastoralism did not experience any economic, political or ideological marginalisation in Mongolia because its importance in economic respects and its being a fundamental feature of traditional Mongolian culture was generally acknowledged. There was no decline in livestock numbers during the collectivisation here as occurred in Kazakhstan, and pastoralism did not lose that much importance in relation to other sectors of the economy. The collectives were also not as rigidly organised and in every-day life there was a high level of individual decision making concerning livestock management."[17]

Die Kollektivierung war flankiert von der Etablierung moderner Institutionen wie Schulen, Krankenhäusern, Poststationen, Veterinärzentren, Läden, Klubs und Bibliotheken. Mitunter werden die so entstandenen ländlichen Zentren als Bestrebungen zur Sesshaftmachung interpretiert, obwohl, wie unter anderem Caroline Humphrey und David Sneath in einer vergleichenden Studie nachgewiesen haben, die Existenz immobiler Infrastruktureinrichtungen kein Indikator für sinkende räumliche Mobilität ist. Auf der Basis länderübergreifender Analysen bewerten sie die Modernisierungen in der Mongolischen VR als gelungene Integration von mobilem und sesshaftem Lebensstil.[18] Ebendies ist in der Mongolei Konsens und wird mit der Formel "ein Staat, zwei Zivilisationen" (neg uls, chojor irgenšil) auf den Punkt gebracht. Die Wortwahl ist durchaus kein Zufall, wird doch Zivilisation mit Modernität und Fortschritt assoziiert.

Fokussiert man den für gesellschaftliche Modernisierung zentralen Faktor soziale Mobilität, so ist die Mongolische VR ein wohl einzigartiges Beispiel für "Nomad-Mainstreaming", insofern staatliche Politik und Institutionen auf Gleichstellung ausgerichtet waren. Hierdurch sind auch die international anerkannten Erfolge im Bildungsbereich zu erklären, denn das Land war bei mehrheitlich mobiler Bevölkerung der erste Staat in Asien, der bis Ende der 1960er Jahre eine flächendeckende Alphabetisierung erreicht hatte.[19] Gelungen war dies vor allem dadurch, dass die Bildungspolitik auf schulorganisatorischer Ebene stark auf die Viehwirtschaft Bezug nahm und das Bildungssystem eine hohe Durchlässigkeit aufwies.[20] Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal war die sogenannte Gender-Inversion: je höher der Bildungsgrad, desto höher der Frauenanteil. Seit Geschlechterparität in den 1970er Jahren erreicht wurde, verzeichnen mongolische Hochschulen mehr Absolventinnen als Absolventen. Waren Frauen in der mongolischen Gesellschaft von jeher vergleichsweise autonom, so ist es seit der Modernisierung verbreitet, Töchter mit möglichst hohen Bildungsabschlüssen ausgestattet in die Ehe zu entlassen.[21] Zum Ende des Sozialismus 1989/90 lag die Alphabetisierungsrate bei 96,5 Prozent.[22] Damit hatte die von mobiler Viehwirtschaft geprägte Mongolei "a higher literacy rate than the United Kingdom or the United States, and a higher tertiary education rate than most countries in the developed world".[23]

Fußnoten

11.
Vergleichend dazu Elliot Fratkin, Pastoralism: Governance and Development Issues, in: Annual Review of Anthropology, 26 (1997), S. 235–261.
12.
Vgl. Peter Rottier, The Kazakhness of Sedentarization: Promoting Progress as Tradition in Response to the Land Problem, in: Central Asian Survey, 22 (2003) 1, S. 67–81.
13.
Vergleichend u.a. zu Skandinavien, Nordamerika und Ostafrika John G. Galaty/Douglas L. Johnson (Hrsg.), The World of Pastoralism. Herding Systems in Comparative Perspective, New York–London 1990.
14.
Carol Kerven (Hrsg.), Prospects for Pastoralism in Kazakstan and Turkmenistan. From State Farms to Private Flocks, London–New York 2003, S. 2.
15.
Vgl. Charles R. Bawden, The Modern History of Mongolia, London 1968.
16.
Vgl. David Sneath, Lost in the Post: Technologies of Imagination, and the Soviet Legacy in Post-Socialist Mongolia, in: Inner Asia, 5 (2003) 1, S. 39–52; I. Lchagvasüren, XX zuuny Mongolčuud, Osaka 2003.
17.
Peter Finke, Contemporary Pastoralism in Central Asia, in: Gabriele Rasuly-Paleczek/Julia Katschnig (Hrsg.), Central Asia on Display, Wien 2004, S. 397–410, hier: S. 398.
18.
Vgl. C. Humphrey/D. Sneath (Anm. 1).
19.
1970 erhielt die Mongolische VR hierfür eine Auszeichnung der UNESCO.
20.
Vgl. Ines Stolpe, Schule versus Nomadismus? Interdependenzen von Bildung und Migration in der modernen Mongolei, Frankfurt/M. 2008.
21.
Vgl. Sodnomyn Zambaga, Mongolische Frauen: Traditionen und Veränderungen, in: Interkulturelle und Internationale Prozesse in der Frauenforschung und Frauenbewegung, 5 (1992), S. 34ff.
22.
Vgl. Mongol Ulsyn Zasgyn Gazar/United Nations Development Programme (UNDP), Mongol chünij chögžlijn iltgel, Ulaanbaatar 1997, S. 7.
23.
The Mongol Messenger vom 20.8.1997, S. 7.
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