Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Ines Stolpe

Truly Nomadic? Die Mongolei im Wandel

Von Nomadismus zu Migration

Vor diesem Hintergrund erklärt sich, weshalb die Herabstufung der Mongolei zu einem Entwicklungsland zu Beginn der 1990er Jahre einen Schock auslöste, entsprachen doch die Selbstwahrnehmung und die hohen Lebensqualitätsdaten des Human Development Index der Vereinten Nationen dieser Kategorisierung nicht. Doch angesichts der Wirtschaftskrise nach dem Kollaps des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON) sah sich die mongolische Regierung gezwungen, der als Stigmatisierung angesehenen Einstufung in die "Dritte Welt" nachzugeben, um Kredite zu erhalten. Diese wiederum waren an Privatisierungsauflagen gebunden und lösten Kontroversen aus, da es niemals in der mongolischen Geschichte Landeigentum gegeben hatte. Die Viehwirtschaft funktionierte stattdessen von jeher auf der Basis von Nutzungsrechten, denn es war allgemein bekannt, dass starre Grenzen einer nachhaltigen und witterungsangepassten Nutzung von Weideland in ariden (trockenen) Gebieten abträglich sind. Doch: "development planners (…) are uncomfortable with forms of collective land tenure".[24] Ungeachtet heftiger Kritik war die Entwicklungspolitik der 1990er Jahre noch immer vom Leitbild der Tragedy-of-the-Commons-These[25] inspiriert. Die der Mongolei angetragene sogenannte Schocktherapie basierte auf überkommenen Modellen, und die vielbeschworene Transition stellte sich im ländlichen Raum als Regression dar: Viehzüchter beschrieben die Umkehr des Entwicklungsprozesses als "having lost decades of improvement with conditions beginning to resemble those of the 1940s!"[26]

Was war geschehen? Zunächst stand die Dekollektivierung an der Spitze der Agenda. Dieser 1991 bis 1993 vollzogene erste Schritt der Reform des Landwirtschaftssektors rief positive Resonanz hervor und war mit optimistischen Erwartungen verbunden. Viele Familien nahmen ihre Kinder, vor allem Jungen, aus den Schulen, um den mit großen Privatherden[27] verbundenen Arbeitsaufwand bewältigen zu können. Nach der Privatisierung des etwa 26 Millionen Tiere umfassenden Viehbestandes war die Weidewirtschaft Anfang der 1990er Jahre der einzige ökonomische Sektor, der Wachstumsraten zu verzeichnen hatte. Doch durch die Abwicklung der Kollektive und den Rückzug des Staates brach die sozioökonomische Struktur der ländlichen Siedlungszentren zusammen. Viele Leistungsangebote in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Veterinärwesen, Kommunikation und Kultur fielen ersatzlos weg, inklusive der damit verbundenen Arbeitsplätze. 1991 bis 1994 führte dies in Kombination mit der miserablen Versorgungslage zum Rückzug in die ländliche Subsistenzwirtschaft und zum vielbeachteten Phänomen der "neuen Nomaden": Nach Privatisierung der Herden hatten landesweit etwa 95000 Personen aus anderen Berufsfeldern in die Viehzucht gewechselt.[28] Hierbei handelte es sich vorwiegend um ehemalige Angestellte, die nach der Dekollektivierung infolge von Arbeitslosigkeit und Warenknappheit mit "pre-modern means of subsistence"[29] ein Auskommen suchten. Dieser zuweilen etwas voreilig und romantisierend als "Konversion von der Sesshaftigkeit zum Nomadentum"[30] gefeierte Prozess kehrte sich Ende der 1990er Jahre um, als bereits 35,6 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebten,[31] in ländlichen Zentren keine suffiziente Infrastruktur mehr existierte und eine anhaltende Land-Stadt-Migration von mehr als einer halben Million Menschen die sogenannten Nomaden in eine Minderheit verwandelte.

Heute leben 68 Prozent der seit Januar 2015 drei Millionen zählenden Bevölkerung der Mongolei in Städten, davon mehr als 40 Prozent in Ulaanbaatar.[32] In der kältesten Hauptstadt der Welt, die jüngst durch Spitzenwerte in der Luftverschmutzung traurige Berühmtheit erlangte, wohnen knapp zwei Drittel der Einwohner in Jurtenvierteln mit mangelhafter Infrastruktur. Die Ursachen für den anhaltenden Zuzug sind vielfältig, neben ökonomischen Gründen spielt vor allem der Wunsch nach sozialer Mobilität eine Rolle. Denn paradoxerweise hatte die junge Generation auf dem Land nach der politischen Wende schlechtere Bildungschancen als die Generation ihrer Eltern. Der im Rahmen der Strukturanpassung erstellte erste Masterplan zur Reform des Bildungswesens sah für ländliche Regionen Low-Budget-Schulen mit Wanderlehrern und Mehrklassenunterricht vor, was von der an Chancengleichheit gewöhnten Landbevölkerung wegen Diskriminierung abgelehnt wurde. Erstmals in der Geschichte der Mongolei gab es ausgerechnet beim Übergang zur Demokratie eine signifikante strukturelle Benachteiligung von Kindern aus Nomadenfamilien. Der Rückgang der Schulbesuche in den 1990er Jahren führte zu einer statistisch relevanten Wiederkehr des Analphabetentums – ironischerweise zeitlich synchron, aber inhaltlich konträr zur globalen Bildungsprogrammatik der "Education for All"-UN-Dekade. In dieser Zeit sahen sich Viehzüchterhaushalte mit sozialen Mobilitätsambitionen zu Migration für Bildung gezwungen, nicht selten verbunden mit Trennung der Familie und nahezu immer mit Einschränkungen des Weidewechsels und der Wanderdistanzen.[33]

Im Umfeld ländlicher und urbaner Zentren, die Zugang zu Märkten, Informationen und Dienstleistungen versprachen, kam es nach 1990 zu Überweidung. Hierzu trug unter anderem der auf etwa 45 Prozent gestiegene Anteil profitabler Kaschmirziegen bei (die Mongolei ist neben China der weltgrößte Produzent von Kaschmirwolle). Katastrophale Auswirkungen hatten zudem konsekutive Dürren und Zud-Ereignisse. Letztere bezeichnen massenhaftes Viehsterben, zu dessen Ursachen hoher Schnee, überfrierende Nässe, Sturm und/oder Bodenverdichtung zählen, wobei das Ausmaß der Verluste von sozialen und politischen Faktoren abhängt. Nach Auflösung der Kollektive mit ihren Serviceleistungen wie Veterinär- und Transportdiensten, Futterproduktion sowie Notfallhilfe war Risikomanagement inklusive Zud-Prävention Privatsache. Regionen, in denen Heugewinnung nicht möglich ist, waren besonders von Viehverlusten betroffen, bevor die Regierung nach dem Verenden eines Fünftels der nationalen Tierbestände im Frühjahr 2010 erneut Notfallkapazitäten zur Zud-Intervention etablierte.[34] Doch ex post war die durch Verlust der Existenzgrundlage ausgelöste neue Welle der Land-Stadt-Migration nicht mehr aufzuhalten. Erst ab 2013 begann die Regierung, in einigen Landkreisen die Modernisierung der ruralen Infrastruktur zu fördern.[35]

Fußnoten

24.
E. Fratkin (Anm. 11), S. 242.
25.
Vgl. Garrett Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science, 162 (1968) 3859, S. 1243–1248.
26.
David Sneath, Mongolia in the ‚Age of the Market‘: Pastoral Land-use and the Development Discourse, in: Ruth Mandel/Caroline Humphrey (Hrsg.), Markets and Moralities. Ethnographies of Postsocialism, Oxford–New York 2002, S. 191–210, hier: S. 196.
27.
Während des Sozialismus waren Privatherden von maximal 50 (in der Wüste Gobi 75) Tieren je Haushalt gestattet.
28.
Vgl. Mongol Ulsyn Zasgyn Gazar/UNDP (Anm. 22).
29.
Ole Bruun, The Herding Household: Economy and Organization, in: ders./Ole Odgaard (Hrsg.), Mongolia in Transition, Richmond 1996, S. 65–89, hier: S. 65.
30.
Franz-Volker Müller, Die Wiederkehr des mongolischen Nomadismus, in: Jörg Janzen (Hrsg.), Räumliche Mobilität und Existenzsicherung, Berlin 1999, S. 11–46, hier: S. 36.
31.
Vgl. Government of Mongolia/UNDP, Human Development Report Mongolia, Ulaanbaatar 2000, S. 23.
32.
Vgl. UNDP, Sustainable Urban Development in Mongolia, 2014, http://www.mn.undp.org/content/dam/mongolia/DevelopmentDialogues/DD2014/DD8_20140616/dd-8%20-eng.pdf« (22.5.2015).
33.
Für Hintergründe der Bildungsreform und Fallstudien siehe I. Stolpe (Anm. 20).
34.
Vgl. Ines Stolpe, Zud in der Mongolei: Perspektiven auf wiederkehrende endemische Katastrophen, in: Mongolische Notizen, 19 (2010/2011), S. 44–60.
35.
Von dem sumyn tövijn šinečlel bzw. šine sum tösöl genannten Programm waren 2014 nur 16 der über 300 Landkreise erfasst worden. Vgl. Ines Stolpe, Postsozialistische Perestroika in der ländlichen Mongolei, in: Mongolische Notizen, 22 (2014), S. 111–128.
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