Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Ines Stolpe

Truly Nomadic? Die Mongolei im Wandel

Minegolia und die Postmoderne: Nomadism-to-go

Die Mongolei gehört zu den zehn rohstoffreichsten Ländern der Erde und ist als "Minegolia" oder "Moncoalia" in den Fokus transnationaler Wirtschaftsinteressen gerückt. Einige der auf gigantischen Direktinvestitionen basierenden Großprojekte zur Erschließung und Verarbeitung immenser Ressourcen an Kupfer, Gold, Kohle, Uran, Molybdän und Seltenen Erden stagnieren derzeit, hauptsächlich infolge politischer Instabilität und Rechtsunsicherheit. Umweltprobleme sind ebenso virulent wie Streit darum, wer von den Rohstofferlösen profitiert. Denn nach wie vor lebt etwa ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, und die Zuwanderung in die Jurtenviertel Ulaanbaatars hält an, während sich reiche Eliten in gated communities abschotten. In der Weidewirtschaft bringt der Rohstoffboom vielerorts Interessenkonflikte bei der Landnutzung hervor. Betroffen sind beispielsweise in den vergangenen Jahren quasi-privatisierte Winter- und Frühjahrslagerplätze, für deren Nutzung die Administration der Landkreise Zertifikate ausstellt, während übergeordnete Autoritäten mitunter für dieselben Orte Abbaulizenzen vergeben. In allen Provinzen der Mongolei schwelen Konflikte wegen großflächiger Zerstörung von Weideland durch Bergbau. Extreme Staubbelastungen durch Tausende Lastwagen auf unbefestigten Steppenwegen sowie Wasservergiftungen durch Quecksilber und Cyanide fordern Opfer. Mehr als 850 Flüsse und 1000 Seen sind infolge von Rohstoffabbau ausgetrocknet. Das Versiegen des Ongi-Flusses, von dessen Wasserressourcen über 60000 Hirten-Haushalte abhingen, löste international beachtete Proteste aus. Neben großen Firmen betreiben sogenannte Ninjas[36] teils ungeregelten Kleinbergbau und hinterlassen oft kontaminierte Mondlandschaften. Wiewohl Gesetze zur Einhaltung von Umweltstandards durchaus existieren, scheitert deren Umsetzung vielerorts an fehlenden Autoritäten und/oder Korruption. Angesichts hoher Staatsverschuldung und prognostizierter Wachstumsraten setzt die Regierung weiter auf Bergbau als Top-Priorität für die ökonomische Entwicklung der Mongolei.[37]

Als potenzieller Wachstumssektor gilt auch der Tourismus. Insbesondere im Umkreis landschaftlicher und geschichtsträchtiger Attraktionen sowie entlang der Hauptreiserouten verspricht sich die lokale Bevölkerung saisonale Verdienstmöglichkeiten. Selbst einige Gruppen von Rentierzüchtern ziehen aus der Taiga in die Nähe von Touristencamps, obwohl dies der Gesundheit der mitgeführten Rentiere abträglich ist.[38] Kontrovers diskutiert werden durch Tourismus verursachte Umweltbelastungen (Wasser- und Holzverbrauch, Müll) sowie die Frage, inwieweit die ländliche Bevölkerung am Gewinn der fast ausnahmslos von Hauptstädtern oder Ausländern geleiteten Reiseunternehmen beteiligt ist. Nomadismus ist das Zauberwort, um Touristen in die Mongolei zu locken. Es wird gern gekoppelt mit dubiosen Versprechen einer Zeitreise in eine – freilich imaginäre – Vergangenheit. Fast alle Anbieter haben Besuche bei "echten Nomaden" im Programm, und obwohl der Weidewirtschaft von der Politik geringe Priorität beigemessen wird und die Viehzüchter de facto Abwertung erfahren, werden sie utilisiert als "spectacle for the tourist industry and a colourful testimony to Mongolia’s great heritage".[39] Man bedient hiermit das exotistische Bedürfnis, in den Weiten scheinbar zivilisationsferner Steppen auf die authentische Unverdorbenheit kerniger Naturmenschen zu treffen, die das genuin Nomadische zu verkörpern versprechen.

In der Mongolei der Gegenwart hat weniger die real existierende mobile Weideviehwirtschaft als das Motiv eines mythischen "Nomadischen" Konjunktur. Es ist keineswegs auf Marketing im Tourismussektor beschränkt, vielmehr durchherrscht dieses Klischee sämtliche Identitätsdiskurse, die um die Frage kreisen, was wirklich, echt und wahrhaft (žinchene) mongolisch sei. Ob als nationalistisch-demonstrative Abgrenzung zum südlichen Nachbarn China ins diskursive Feld geführt oder beim Ringen um distinktive Wahrnehmbarkeit auf globalen Bühnen – das Nomadismus-Label eignet sich, vorzugsweise in Kombination mit Činggis Chaan, dem ersten mongolischen Großkhan, ideal als Markenzeichen. Das so kreierte Image der "Mongolian nomads" als "poetic fiction"[40] verharrt nicht im euro-amerikanischen Bewusstsein, sondern ist längst in den Vorstellungswelten mongolischer Städter sesshaft geworden. Heute wird das, was als wahrhaft mongolisch gilt, von urbanen Eliten in träumerisch-essentialistischer Manier dem ländlichen Raum (chödöö) zugeordnet. Rurale Regionen, wiewohl nach 1990 von staatlicher Politik vernachlässigt, werden als Reservoir kultureller Intaktheit und Authentizität imaginiert. Anders als in fiktionalen westlichen Mongolei-Bildern sind bei einheimischen Städtern romantische Vorstellungen eines freien Umherschweifens in unberührter Natur freilich nicht anzutreffen.

Ohnehin hat Freiheit in der Heterogenität der Postmoderne andere Dimensionen. Mit "reductive mould of a ‚nomadic nation‘"[41] kann in der Mongolei jenseits kosmopolitischer Settings kaum jemand etwas anfangen. Anstelle eines altbackenen Kulturdeterminismus finden wir, wie anderswo auf der Welt, deterritoriale Arten von Eskapismus. Ein verbreitetes Phänomen ist beispielsweise das umgangssprachlich alga boloch genannte Abtauchen: Sei es, um sich temporär von Stress zu erholen (im Hauptstadtmongolischen ist das Lehnwort "Stress" sehr populär) oder um sich sozialer Verantwortung zu entziehen, die postnomadische Urbanität bietet Freiheiten, sich auszuklinken. Diejenigen, deren way of life unter "Nomadismus" firmiert, stehen bekanntlich weder für Freiheit von Verpflichtungen noch für Indifferenz oder exterritoriale Bindungslosigkeit. Hiervon unbenommen bleibt das allegorische Potenzial des Nomadischen attraktiv, und weshalb sollte man ausgerechnet in der Mongolei darauf verzichten, mit nomadism-to-go jeglicher Couleur zu experimentieren?

Fußnoten

36.
Diese Bezeichnung verdanken die Goldwäscher Plastikschüsseln, die, auf dem Rücken getragen, an Schildkrötenpanzer der "Teenage Mutant Ninja Turtles" erinnern. Assoziationen mit anderen populärkulturellen Genres des Ninja-Mythos liegen ebenfalls nahe.
37.
Vgl. Elizabeth Endicott, A History of Land Use in Mongolia. The Thirteenth Century to the Present, Basingstoke 2012.
38.
Vgl. T. Inamura (Anm. 8).
39.
Ole Bruun, Nomadic Herders and the Urban Attraction, in: ders./Li Narangoa (Hrsg.), Mongols from Country to City. Floating Boundaries, Pastoralism and City Life in the Mongol Lands, Kopenhagen 2006, S. 162–184, hier: S. 182.
40.
Orkhon Myadar, Imaginary Nomads: Deconstructing the Representation of Mongolia as a Land of Nomads, in: Inner Asia, 13 (2011) 2, S. 335–362, hier: S. 339.
41.
Ebd., S. 335.
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