Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Anna Lipphardt

Der Nomade als Theoriefigur, empirische Anrufung und Lifestyle-Emblem. Auf Spurensuche im Globalen Norden

Kulturtheoretische und künstlerische Anrufungen des Nomadischen

Als theoretische Figur wurde der Nomade von Gilles Deleuze und Felix Guattari in ihrem 1980 erschienenen Traktat "Mille Plateaux" ("Tausend Plateaus") eingeführt.[12] Die beiden französischen Philosophen konstruierten ihn als "Kriegsmaschine" in Opposition zu hegemonialen Machtpositionen und statischen Gesellschaftsstrukturen, als Figur des Widerstands, deren subversives Potenzial sich aus der permanenten Grenzüberschreitung, Bewegungsfreiheit und einem hohen Maß an Flexibilität ergab.[13] Dabei ging es Deleuze und Guattari weder darum, auf der Basis von empirischen Daten zur Lebensweise nomadischer Gruppen theoretische Erkenntnisse abzuleiten, noch darum, mit Zuhilfenahme der nomadischen Figur Mobilitätsphänomene zu theoretisieren. Vielmehr diente ihnen diese mobile Denkfigur dazu, eine radikal subjektive, postnationale Strategie des politischen Denkens und Handelns zu entwickeln. Die Zahl der Forscherinnen und Forscher, die sich kritisch mit dem Theorie-Nomaden nach Deleuze und Guattari auseinandergesetzt haben, ist gering. Nach Ansicht der Literaturwissenschaftlerin Caren Kaplan basiert etwa seine Konzeptionalisierung auf "ahistorical modernist aesthetics and Eurocentric cultural appropriations".[14]

Der Kulturwissenschaftler Christopher L. Miller kommt in seiner Analyse der Werke, auf die Deleuze und Guattari sich in "Tausend Plateaus" beziehen, zu einem ähnlichen Schluss. Die zitierten Studien sind vorwiegend von westlichen Denkern und Schriftstellern verfasst, die zumeist in stark romantisierender, unsystematischer Art und Weise über nomadische Gruppen reflektieren. Die wenigen empirisch basierten Studien, auf die Bezug genommen wird, sind wiederum stark von den kolonialen Rahmenbedingungen und Perspektiven geprägt, in deren Kontext sie realisiert wurden.[15]

Die positive Rezeption des Nomaden von Deleuze und Guattari ist weitaus wirkmächtiger. Autorinnen und Autoren wie die feministische Philosophin Rosi Braidotti, der Medientheoretiker Vilém Flusser oder der Literaturtheoretiker Michael Hardt und der Politologe Antonio Negri haben in den vergangenen Jahrzehnten im Anschluss an Deleuze und Guattari maßgeblich zur Kanonisierung der nomadischen Figur in Kulturtheorie und politischer Theorie beigetragen, wobei sie Aspekte wie Kosmopolitismus, Nonkonformismus und Freiheit in ihren Adaptionen noch stärker hervorheben.[16]

Zur gleichen Zeit trat der Nomade zunehmend in einem außeruniversitären Kontext in Erscheinung – der Kunstwelt. Befördert von Kuratoren, Kunstwissenschaft und Kunstkritik hat sich der Nomade hier seit den 1980er Jahren fest etabliert.[17] Parallel zu diesem theoretisch orientierten Diskurs begannen Künstlerinnen und Künstler sich im Rahmen ihrer kreativen Arbeit zunehmend mit Phänomenen des Mobilen zu beschäftigen und nahmen somit auch eine wegweisende Rolle bei der Ästhetisierung von Mobilität ein. Während die traditionelle Künstlerreise neue Perspektiven durch den Aufenthalt an unbekannten Orten eröffnet hatte, rückten nun zunehmend das Unterwegssein, der Transit und das Reisen selbst in den künstlerischen Fokus.[18] Dabei griffen Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Disziplinen zunehmend auf Strategien, Techniken und Präsentationsformen zurück, die Bewegung und Relokalisierung gezielt aufgreifen und fruchtbar machen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem häufige, sich über weite Distanzen erstreckende Mobilität im Kunstbereich zu einem unverzichtbaren Karriere-Asset geworden ist, inszenieren sich heute zudem viele Künstlerinnen und Künstler im Rahmen ihrer öffentlichen Selbstdarstellung als Nomaden, das heißt als dauermobile kosmopolitische Grenzüberschreiter.[19] In der vergangenen Dekade haben so Kunstprojekte und künstlerische Selbstdarstellung, Forschung, Kulturkritik, kuratorische Konzepte, branding und PR-Strategien, Artists-in-Residency-Programme und kulturpolitische Initiativen dazu beigetragen, den Nomaden als wirkmächtiges Dispositiv zu etablieren – nicht nur im Kulturbereich, sondern weit darüber hinaus. Nach dem Philosophen Michel Foucault handelt es sich bei einem Dispositiv um "ein entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebenso wohl wie Ungesagtes umfasst. (…) Das Dispositiv selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann."[20]

Dank zweier Faktoren, die außerhalb der Kunst liegen, hat das nomadische Dispositiv weiter Fahrt aufgenommen. Zum einen haben Ökonomen Künstler – beziehungsweise die sogenannte creative class – aufgrund ihrer hohen Risikobereitschaft, Flexibilität und kosmopolitischen Einstellung inzwischen als Vorreiter des postfordistischen Wirtschaftsmodells entdeckt.[21] Eng angelehnt an diesen ökonomistischen Diskurs schreibt auch das neue Forschungsfeld der Mobility Studies der creative class eine paradigmatische Rolle für das Verständnis zunehmender Mobilität und Globalisierung zu. Als "Mobilitätspionieren" oder "neuen Nomaden" wird Kreativen in den Mobility Studies gegenwärtig eine bedeutende epistemische Position zugeschrieben – sowohl, wenn es um Theoriebildung und Konzeptionalisierung geht, als auch im Kontext empirischer Studien, wo sie eine der zentralen Referenzgruppen darstellen.[22]

Abgesehen von Autoren wie dem Ökonomen Richard Florida, denen harte Zahlen wichtiger sind als komplexe kulturtheoretische Konzepte, beziehen sich fast alle Mitgestalter des nomadischen Dispositivs – sei es in Kunst, Wirtschaft oder den Mobility Studies – auf Deleuze und Guattari als zentralen theoretischen Referenzpunkt. Als eindeutig positiv konnotierte Figur verkörpert ihr Nomade die Verbindung dreier Aspekte: erstens Freiheit und Unabhängigkeit, zweitens Nonkonformismus und Avantgarde (oder zumindest Fortschritt) und drittens hochfrequentes Reisen über weite geografische Distanzen.

Fußnoten

12.
Vgl. G. Deleuze/F. Guattari (Anm. 2); für frühere Bezugnahmen auf das Nomadische in der angloamerikanischen Sozialtheorie vgl. Tim Cresswell, Imagining the Nomad. Mobility and the Postmodern Primitive, in: Georges Benko (Hrsg.), Space and Social Theory, Oxford u.a. 1997, S. 360–379.
13.
Siehe insb. G. Deleuze/F. Guattari 2003 (Anm. 2), S. 522–585.
14.
Caren Kaplan, Questions of Travel. Post-modern Discourses of Displacement, Durham–London 1996, S. 24.
15.
Vgl. Christopher Miller, The Postidentitarian Predicament in the Footnotes of A Thousand Plateaus. Nomadology, Anthropology, and Authority, in: Diacritics, 23 (1993) 3, S. 6–35. Eine weitere ideengeschichtlich ausgerichtete Kritik findet sich bei Dick Pels, Privileged Nomads On the Strangeness of Intellectuals and the Intellectuality of Strangers, in: Theory, Culture, Society, 16 (1999) 1, S. 63–86.
16.
Vgl. etwa Rosi Braidotti, Nomadic Subjects. Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Feminist Theory, New York 1994; Vilém Flusser, Nomaden, in: Horst Gerhard et al. (Hrsg.), Eine Nomadologie der Neunziger. Ein literarisches Forum des Steirischen Herbstes, Bd. 1, Graz 1990, S. 13–38; Michael Hardt/Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/M. 2002; Jaques Attali, Die Welt von Morgen. Eine kurze Geschichte der Zukunft, Berlin 2008; Winfried Gebhardt/Ronald Hitzler (Hrsg.), Nomaden, Flaneure, Vagabunden. Wissensformen und Denkstile der Gegenwart, Wiesbaden 2006.
17.
Zur Zirkulation des Nomadischen in Kunsttheorie und Ausstellungspraxis vgl. Birgit Haehnel, Regelwerk und Umgestaltung. Nomadische Denkweisen in der Kunstwahrnehmung nach 1945, Berlin 2006.
18.
Vgl. etwa Paolo Bianchi (Hrsg.), Atlas der Künstlerreisen, Köln 1997.
19.
Vgl. ders., Der Künstler, Narr und Nomade, in: Kunstforum International, (1991) 112, S. 98–132; Peter Schneemann, "Miles and More". Welterfahrung und Weltentwurf des reisenden Künstlers in der Gegenwart, in: Alexandra Karentzos et al. (Hrsg.), Topologien des Reisens. Tourismus – Imagination – Migration, Trier 2010, S. 80–89.
20.
Michel Foucault, Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin 2000, S. 119f.
21.
Für eine kritische Skizze dieser Entwicklung vgl. Luc Boltanski/Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2002; zur (unkritischen) Popularisierung dieser Lesart hat der Wirtschaftsautor und Unternehmensberater Richard Florida maßgeblich beigetragen. Vgl. Richard Florida, The Rise of the Creative Class. And How It’s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life, New York 2002.
22.
Vgl. etwa Weert Canzler et al. (Hrsg.), Tracing Mobilities. Towards a Cosmopolitan Perspective, Aldershot–Burlington 2008.
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