Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Anna Lipphardt

Der Nomade als Theoriefigur, empirische Anrufung und Lifestyle-Emblem. Auf Spurensuche im Globalen Norden

Künstlermobilität: Phänomenologischer Reality Check

Zu den besonders enthusiastischen Wahlverwandten des Nomaden gehören Künstlerinnen und Künstler im Globalen Norden, insbesondere in der EU. Deren mobile Lebens- und Arbeitsarrangements sollen im Folgenden entlang der eingangs angeführten analytischen Parameter – Mobilitätsmuster und -modi, Ökonomie und Arbeitsorganisation, soziale Beziehungen – näher betrachtet werden.

Auf struktureller Ebene eröffnet die EU durch die garantierten Rechte auf mobile Freizügigkeit und künstlerische Freiheit sowie die im Vergleich zu anderen Weltregionen großzügige finanzielle Kulturförderung den größten Möglichkeitsraum – zumindest für diejenigen Kulturschaffenden, die über die Staatsangehörigkeit eines EU-Staates oder ein permanentes Aufenthaltsrecht innerhalb der EU verfügen.[23] Die zunehmende politische, rechtliche und wirtschaftliche Integration der EU ging mit zwei Entwicklungen einher, die künstlerische Mobilität noch weiter ankurbelten: zum einen mit dem Ausbau des Netzes an Billigflug- und Fernzuglinien und dem Innovationsschub in Kommunikations- und IT-Bereich, zum anderen mit der fortschreitenden Auflösung kultureller Institutionen zugunsten außergewöhnlicher Events wie Festivals und Biennalen und der Projektifizierung weiter Teile des Kunstbetriebs. Während die EU also seit Ende des Ost-West-Konflikts Möglichkeiten für den künstlerischen Austausch und die individuelle künstlerische Freiheit geschaffen hat, wie sie vor 1989 unvorstellbar waren, bewirkte die gleichzeitige Neoliberalisierung des Kulturbereiches einen zunehmenden Mobilitäts- und Konkurrenzdruck.

Gehen wir von der strukturellen Ebene auf die Ebene der individuellen künstlerischen Trajekte (Fahrten), so weisen diese meist einen hohen Grad an Asymmetrie, Unplanbarkeit und Fragmentierung auf, sowohl in Bezug auf ihre räumliche als auch auf ihre zeitliche Dimension. Insbesondere die Trajekte freischaffender Künstler richten sich danach aus, wo sie Finanzierungsmöglichkeiten für ihre Arbeit finden. Weil sich ihre Verdienst- und Präsentationsmöglichkeiten – Zuschauer, Kulturinstitutionen, professionelle Netzwerke und relevante Marktakteure – meist in urbanen Zentren befinden, bewegen sie sich überwiegend zwischen großen Städten und sind dafür auf den Transport per Zug und Flugzeug angewiesen.

Künstlerinnen und Künstler reisen in der Regel alleine, als Freischaffende, oder auf Vertragsbasis als Teil eines künstlerischen Ensembles, und nicht mit ihren Familien, geschweige denn in einem erweiterten Familienverband. Für viele stellen die hohen Mobilitätsanforderungen daher eine große Herausforderung für ihre engeren sozialen Beziehungen dar. Für die Dauer eines Projekts oder einer residency bilden sich häufig "temporäre Gemeinschaften". Der hohe Grad an Internationalität, der künstlerische Kontexte prägt und die große Intensität, mit der dort in der Regel gearbeitet wird, haben zur Folge, dass diese häufig die Form eines Paralleluniversums annehmen. Dieses ist zwar international bestens vernetzt, lässt jedoch außer bei längerfristig angelegten, ortsbezogenen Projekten relativ wenig Raum für den Kontakt mit der lokalen Umgebung und Menschen außerhalb des Kunstbetriebs.

Zur analytischen und politischen Tragfähigkeit des Nomadismus-Begriffs

Der Nomade ist im Globalen Norden als Mobilitätsfigur so beliebt wie nie zuvor, und sein Erfolgszug wird ohne Zweifel noch eine Weile anhalten. Als Referenz für die kritische Auseinandersetzung mit den komplexen Mobilitätsdynamiken des 21. Jahrhunderts wie auch als subversive Denkfigur hat er meiner Meinung nach ausgedient.

Der phänomenologisch orientierte Blick auf die mobilen Arbeits- und Lebensarrangements von nomadischen Gruppen und Künstlerinnen und Künstlern (die hier exemplarisch für mobile Hochqualifizierte insgesamt stehen) zeigt, dass diese in jedem relevanten Parameter weit voneinander abweichen oder sich sogar diametral gegenüberstehen. Dies wird bereits beim Blick auf die unterschiedlichen Mobilitätsmuster und -modi deutlich. Die zyklischen Bewegungen von Hirtennomaden, die sich per Pick-up, Schneemobil oder reitend im Tempo ihrer Tiere fortbewegen, haben wenig zu tun mit den Langstreckenreisen zu den diversen Destinationen, auf denen sich "neue Nomaden" per Bahn oder Flugzeug transportieren lassen. Hinsichtlich ökologischer Aspekte ist die Ungleichheit zwischen beiden Gruppen besonders frappierend – tragen doch die frequent flyers mit ihrem großen CO2-Fußabdruck nicht unwesentlich zum Klimawandel bei, der die Lebensgrundlage vieler Hirtennomaden bedroht.

Des Weiteren bestehen große Unterschiede in Bezug auf Sozialgefüge und Vergemeinschaftung. Hirtennomaden können ihre mobile Lebensweise nur in Gemeinschaft praktizieren, weil Arbeits- und Ressourcenteilung eine Grundvoraussetzung ist, um in der harschen Umgebung, in der sie sich bewegen, überleben zu können. Der "neue Nomade" (der im Deutschen übrigens fast immer nur in der maskulinen Form auftaucht) hingegen reist alleine durch die Welt. Mobilität mag hier zwar zu individueller Selbstverwirklichung führen, sie erschwert aber zugleich, langfristige soziale Nahbeziehungen aufrechtzuerhalten, und geht, trotz der temporären Wahlfamilien, denen man sich unterwegs vielleicht anschließt, mit Vereinzelung und oft auch mit Einsamkeit einher.

Wer privilegierte Mobilität im Globalen Norden als "nomadisch" bezeichnet, trägt somit analytisch nichts zu einem differenzierten Verständnis mobiler Phänomene und Erfahrungen bei. Stattdessen wird dadurch die Verschleierung beziehungsweise Ausblendung der enormen Machtunterschiede zwischen beiden Gruppen befördert. Während nomadische Gruppen in den meisten Ländern auch heute noch als rückständige Störenfriede angesehen werden, die die öffentliche Ordnung bedrohen, genießen mobile Hochqualifizierte im Globalen Norden hohe soziale Anerkennung und politische Unterstützung als Vorreiter der globalisierten Weltgesellschaft und -wirtschaft. Während die einen also aufgrund ihrer Mobilität mit offener Diskriminierung und struktureller Benachteiligung konfrontiert sind,[24] stehen den anderen weitreichende Privilegien offen – die sie allerdings nicht vor prekären Aspekten auf der sozialen und emotionalen Ebene schützen.

Selbstverständlich lassen sich diese Aspekte ausblenden, um den Nomaden als Denkfigur in einem ahistorisch, entpolitisierten Theoriehabitat zu bewahren und in Dienst zu nehmen. Doch wieweit trägt dies zum heutigen Zeitpunkt noch? Deleuze und Guattari haben ihren Nomaden einst als subversive Figur in Opposition zum hegemonialen (französischen) Nationalstaat entworfen. Das ist inzwischen fast vierzig Jahre her. Als zentraler Referenzrahmen und Reibungspunkt hat der Nationalstaat im Zuge von Globalisierung, europäischer Integration und Neoliberalisierung seither viel von seiner damaligen Macht und Bedeutung eingebüßt. Zugleich haben Grenzüberschreitung, Subjektivierung, Flexibilität und Mobilität ihr subversives Potenzial verloren und sind zur gesamtgesellschaftlichen Norm geworden.

Der Theorienomade leistet heute keinen Widerstand mehr, er schwimmt mit dem Strom beziehungsweise diesem voraus. Mir scheint es daher an der Zeit, sich von ihm als Projektionsfläche und Leitfigur zu verabschieden und stattdessen die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung neuer theoretischer Zugänge, konzeptioneller Kategorien und differenzierender Begrifflichkeiten zu richten. Die empirisch fundierte Nomadismusforschung kann uns dabei helfen, den konzeptionellen Blick für die komplexen Zusammenhänge zwischen Mobilität, Ökologie, Ökonomie, Raumpolitik und Sozialgefüge zu schärfen. Eine differenzierende Mobilitätsforschung des 21. Jahrhunderts muss in ihrer Theoriebildung und empirischen Ausrichtung unterschiedliche mobile Realitäten berücksichtigen und den Blick gezielt auf Ungleichheiten richten, die die Mobilität einzelner Menschen oder Gruppen beeinflussen beziehungsweise durch Mobilität entstehen.[25] Dabei gilt es, einen kritischen analytischen Abstand zu den Mobilitätsfiguren zu wahren, die von Wirtschaft und Politik aufs Podest gehoben werden.

Fußnoten

23.
Die Mobilitätsmöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler aus anderen Regionen als der EU sind dem gegenüber weitaus beschränkter. Dies gilt insbesondere in Ländern, die mobile Freizügigkeit und künstlerische Freiheit einschränken, wie die prominenten Fälle des chinesischen Aktionskünstlers Ai Weiwei oder des iranischen Filmemachers Jafar Panahi deutlich machen, die ihre Heimatländer nicht verlassen dürfen, oder der Fall von Salman Rushdie, der viele muslimische Länder aufgrund der dort gegen ihn verhängten Fatwah nicht mehr besuchen kann.
24.
Viele Angehörige von Gruppen, die traditionell mobile Lebens- und Arbeitsarrangements praktizieren oder denen diese zugeschrieben werden, leiden darüber hinaus unter der rassistischen Essentialisierung ihrer tatsächlichen oder imaginierten Mobilität – auch innerhalb der EU. Vgl. etwa Angela Drakakis-Smith, Nomadism a Moving Myth? Policies of Exclusion and the Gypsy/Traveller Response, in: Mobilities, 2 (2007) 3, S. 463–487; Esteban C. Acuña, The Racialization of Nomadism. Provincializing ‚Sedentarism‘ by Tracing Trans-Atlantic Romani Mobilities, in: Transfers, 5 (2015) 3 (i.E.).
25.
Vgl. auch Katharina Manderscheid, Unequal Mobilities, in: Timo Ohnmacht et al. (Hrsg.), Mobilities and Inequality, Aldershot 2009, S. 27-50.
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