Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin

7.8.2015 | Von:
Costanza Calabretta

Feiern und Gedenken: Zur Entwicklung einer gemeinsamen Erinnerungskultur seit dem 3. Oktober 1990

Wie der 9. November gefeiert wird

Der 9. November ist weder ein gesetzlicher Feiertag noch ein offizieller Gedenktag. Trotzdem wurde die Erinnerung an den Mauerfall wachgehalten, durch verschiedene Veranstaltungen schon in den ersten Jahren nach 1989, insbesondere zu seinem fünften Jubiläum. Das Datum gewann bundesweite Bedeutung erstmalig bei seinem zehnten Jubiläum, als sowohl die Bundesregierung als auch der Berliner Senat die offiziellen Veranstaltungen organisierten.

Für die Feierlichkeiten im Bundestag am 9. November 1999 wurde der Rednerliste (darin vertreten: Michail Gorbatschow, George W. Bush, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Wolfgang Thierse) erst im zweiten Anlauf Joachim Gauck hinzugefügt – evangelischer Pastor aus Rostock, Vertreter des Neuen Forums und damaliger Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Anfänglich war gar kein Beitrag aus den neuen Bundesländern vorgesehen, was unvermeidlich empfunden wurde als "ein Affront gegen alle Ostdeutschen, die sich wieder einmal als Bürger zweiter Klasse fühlen mussten".[20] Wie tief die Wunde war, zeigten auch die Worte des Leipziger Schriftstellers Erich Loest, der noch vier Jahre später dazu sagte: "Peinlich war es beim zehnten Jubiläum. Zum Staatsakt im Berliner Bundestag drängelten sich Politiker, die damals dabei oder nicht dabei gewesen waren, alle, alle wollten sie auf die Tribüne und im Fernsehen zu besichtigen sein, die Liste wurde länger und länger, bis jemand darauf kam, das Volk, der große Lümmel, das auf die Straße gegangen war und eine marode Greisenriege vom Thron gestürzt hatte, war schlicht vergessen worden."[21]

Auch bei der Feierstunde des Berliner Senats im Roten Rathaus am Vormittag des 9. Novembers 1999 bereitete die Auswahl der Redner die größten Sorgen. Die ostdeutsche Komponente sollte zwar vorherrschend sein, "es sollte aber kein nostalgisches Bürgerbewegungs-Revival über die Ideale der Runden Tische werden".[22] Man wollte Redner auswählen, die erfolgreiche Persönlichkeiten darstellten und von der Wiedervereinigung nicht desillusioniert waren. Neben dem Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) ergriffen zwei ehemalige Aktivisten der Demokratiebewegung, Rainer Eppelmann (CDU) und Stephan Hilsberg (SPD), das Wort und erinnerten an den Weg hin zur Befreiung aus der DDR, den die Bürger eigenständig beschritten hatten, und an den Weg hin zur Demokratisierung des ostdeutschen Staates, der die Wiedervereinigung überhaupt erst ermöglicht hatte.

Der Berliner Senat, der neben der Bundesregierung für die Gestaltung des zehnten Jahrestag der Maueröffnung zuständig war, betonte die Notwendigkeit, dem 3. Oktober und dem 9. November klar zu unterscheidende Profile zu verleihen. Ersterer sei ein Tag, an dem Bilanz gezogen werden sollte zur Einheit Deutschlands und zu dem, was politisch bereits erreicht wurde und was es noch zu erreichen galt. Der 9. November hingegen sei ein Tag "der historischen Vergegenwärtigung und Einordnung".[23]

Zehn Jahre später wurde die Feier anlässlich des Mauerfalls als "Fest der Freiheit" international übertragen und mitverfolgt. An den Feierlichkeiten am Abend des 9. November 2009 nahmen neben dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Horst Köhler auch Vertreter der vier Besatzungsmächte – der britische Premierminister Gordon Brown, der französische Präsident Nicolas Sarkozy, die US-Außenministerin Hillary Clinton und der russische Präsident Dmitrij Medwedew – teil, ebenso Zeitzeugen und wichtige Akteure der Wiedervereinigung, so Michail Gorbatschow, Hans Dietrich Genscher, Lech Wałęsa und Miklós Németh sowie einige Mitglieder der Widerstandsbewegung der DDR wie Roland Jahn und Marianne Birthler.

Eingeleitet durch ein Konzert unter der Leitung von Daniel Barenboim war der Höhepunkt des Abends die Inszenierung des Mauerfalls durch den Fall tausender Dominosteine entlang des ehemaligen Mauerverlaufs. Den Abschluss bildete der Auftritt eines bekannten DJs.[24] Die Gestaltung des Abends wurde eng mit der Liveübertragung im Fernsehen (ZDF) abgestimmt, und auch die Wahl des bekannten Entertainers Thomas Gottschalk zum Moderator der Veranstaltung zeigt, dass sie nunmehr zu einer medialen Unterhaltungsshow geworden war.

Der Erfolg des Festes in puncto Besucherzahlen und Fernsehzuschauer ließ erneut Forderungen laut werden, den 9. November zum Nationalfeiertag zu küren.[25] Gleichzeitig gab es jedoch auch Kritik an der Gestaltung der Feier. So sprach der Publizist Thomas Moser von einer "Profanisierung und Boulevardisierung der Revolutionen von vor 20 Jahren".[26] Die linke Tageszeitung "taz" bemängelte die fehlende politische Dimension der Feierlichkeiten und bezeichnete die offizielle Haltung Deutschlands gegenüber seiner jüngsten Vergangenheit als unreif und kindisch[27], während ein Kommentar bei "Spiegel Online" die Veranstaltung als "Plunder (…) auf dem Niveau der Samstagabendunterhaltung im deutschen Fernsehen"[28] beschrieb.

Ad acta gelegt schien die Kritik, die noch 1999 an den Feierlichkeiten im Bundestag geäußert worden war, dies nicht zuletzt dank Kanzlerin Merkel, die die Feierlichkeiten zum 9. November 2009 mit einem Spaziergang entlang der Bösebrücke in der Nähe der Bornholmer Straße begann, wo 1989 nachts der erste Grenzübergang geöffnet worden war. Begleitet wurde sie von Gorbatschow, Wałęsa und Vertretern der Bürgerrechtsbewegung der ehemaligen DDR und rückte somit symbolisch die nationalen und internationalen Akteure der Revolution ins Zentrum der Aufmerksamkeit.[29]

An der Zwanzigjahrfeier waren erstmals neben den offiziellen Stellen wie Berliner Senat und Bundesregierung auch ehemalige Protagonisten der Friedlichen Revolution aktiv beteiligt. Insbesondere die Robert-Havemann-Gesellschaft und die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen organisierten 2009 zahlreiche öffentliche Veranstaltungen, in denen der Fokus größtenteils auf die nationalen und internationalen Ereignisse gerichtet war, die letztendlich zum Niedergang der DDR und ihrer Hauptvertreter geführt hatten. Die Robert-Havemann-Gesellschaft war außerdem federführend an einer großen Open-Air-Ausstellung am Alexanderplatz beteiligt, in der der Verlauf der Friedlichen Revolution mit all ihren Akteuren und der Weg hin zur Einheit dargestellt wurden. Der Schwerpunkt wurde auf die Oppositionsbewegung der DDR-Bürger gelegt, ohne dabei die internationalen Aspekte zu übergehen.[30] Ziel war es, sich auf die Bürgerbewegungen zu konzentrieren, deren Rolle in der stark auf die Opfer des SED-Regimes (Stasi-Opfer, Mauertote) bezogenen Aufarbeitung allzu häufig vernachlässigt wurde. Man wollte ihnen einen Platz in der kollektiven Erinnerung sichern und sie wieder in den öffentlichen Diskurs aufnehmen. Der Titel der Ausstellung lautete "Wir sind das Volk!"

Der 25. Jahrestag des Mauerfalls wurde ebenfalls von Berliner Senat und Bundesregierung gemeinsam gestaltet und war genau wie die Zwanzigjahrfeier ein großes öffentliches Event mit gewaltiger medialer Resonanz und hunderttausenden Zuschauern. Volksfest und künstlerische Performance waren die Hauptelemente. Auf einer Strecke von 15 Kilometern entlang des ehemaligen Mauerverlaufs wurden achttausend leuchtende Ballons aufgestellt. Am Abend ließ man dann ausgehend vom Brandenburger Tor, wo die Hauptbühne stand, die Ballons zu den Klängen der "Ode an die Freude" steigen. Diesmal erklärte "Spiegel Online": "Ein modernes Erinnern, entstaubt und frisch, gelang erstaunlich gut."[31]

Wenngleich eine so überwältigende Gedenkfeier den Eindruck erweckt, man wende sich nun mehr der jüngeren Vergangenheit und den positiveren Aspekten der deutschen Geschichte zu, ist die Erinnerung an den 9. November 1938 nicht gänzlich aus den Veranstaltungen verschwunden. So erklärte Kanzlerin Merkel zur Eröffnung des Fests der Freiheit 2009: "der 9. November markiert eine wahrhaft glückliche Stunde der deutschen und der europäischen Geschichte (…). Doch für uns Deutsche ist der 9. November auch ein Tag der Mahnung. Heute vor 71 Jahren wurde in der Reichspogromnacht das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte aufgeschlagen: die systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden und vieler anderer Menschen."[32] Fünf Jahre später während der Eröffnung der neuen Ausstellung der Gedenkstätte Berliner Mauer begann Angela Merkel ihre Rede mit einem kurzen Abriss der Ereignisse des 9. November 1918 und 1923, um dann schließlich auf den 9. November 1938 einzugehen: "Der 9. November wurde ein Tag der Scham und der Schande (…) Deshalb empfinde ich heute, am 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, nicht nur Freude, sondern vor allem auch die Verantwortung, die uns die deutsche Geschichte insgesamt aufgegeben hat."[33]

Fußnoten

20.
Nicole Maschler, Die Großen bleiben unter sich, in: Taz.Die Tageszeitung (taz) vom 6.11.1999.
21.
Erich Loest, Dieser unbequeme Feiertag, in: Thüringer Staatskanzlei, Tag der deutschen Einheit 2003. Festakt in der Kornmarktkirche zu Mühlhausen, Erfurt 2003, S. 16–21, hier: S. 16.
22.
Senatskanzlei Berlin, Veranstaltungen zum 9. November 1999, Vermerk 10. Jahrestag der Maueröffnung – Berliner Feierstunde, Az. 80602, 31.5.1999.
23.
Senatskanzlei Berlin, Veranstaltungen zum 9. November 1999, Konzept 10. Jahrestag des 9. November 1989 – Staatlicher Festakt, Az. 80602, 15.12.1998.
24.
Zum detaillierten Ablauf der Ereignisse vgl. Ein inszenierter Mauerfall, in: Der Tagesspiegel vom 6.11.2009.
25.
Vgl. Aussagen Margot Käßmanns und Christoph Meyers, in: Jörn Hasselmann/Lars von Törne, 9. November. Ein Feiertag für alle, in: Der Tagesspiegel vom 10.11.2009.
26.
Thomas Moser, Domino und andere Spiele, in: Deutschland Archiv, 43 (2010) 1, S. 117.
27.
Vgl. Ines Kappert, Kinder an der Macht, in: taz vom 11.11.2009.
28.
Reinhard Mohr, Mauerfall-Jubiläum im ZDF: Der Plunder von Berlin, 10.11.2009, http://www.spiegel.de/kultur/tv/mauerfall-jubilaeum-im-zdf-der-plunder-von-berlin-a-660313.html« (10.7.2015).
29.
Senatskanzlei Berlin, Veranstaltungen zum 9. November 2009, Protokoll, Az. 80602, 29.9.2009.
30.
Vgl. Wir sind das Volk! Magazin zur Ausstellung Friedliche Revolution 1989/1990, Kulturprojekte Berlin GmbH, Berlin 2009.
31.
Annett Meiritz/Christoph Sydow, Berlin erinnert, Berlin jubelt, 9.11.2014, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/mauerfall-jahrestag-berlin-gedenkfeier-am-brandenburger-tor-a-1001910.html« (10.7.2015).
32.
Angela Merkel, Bulletin der Bundesregierung, 111-3, 9.11.2009, S. 1, http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2009/11/Anlagen/111-3-bk.pdf?__blob=publicationFile&v=1« (25.6.2015).
33.
Angela Merkel, Bulletin des Bundesregierung, 126-3, 9.11.2014, http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2010-2014/2014/11/126-3-bk-dauerausstellung.html« (25.6.2015).
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