Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin

7.8.2015 | Von:
Costanza Calabretta

Feiern und Gedenken: Zur Entwicklung einer gemeinsamen Erinnerungskultur seit dem 3. Oktober 1990

Der 9. Oktober auf dem Weg zum lokalen Feiertag

Es war die "Initiative Tag der Friedlichen Revolution – Leipzig 9. Oktober" (kurz "Initiative 9. Oktober"), die den 9. Oktober als festen Gedenktag einrichten wollte. Sie besteht aus ehemaligen Aktivisten der Bürgerrechtsbewegungen und nichtstaatlichen Einrichtungen, die einen direkten Bezug zum Herbst 1989 haben, darunter die Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" im ehemaligen Sitz der Stasi, die Universität Leipzig, das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig und die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen.

Mitte der 1990er Jahre begann die Initiative mit öffentlichen Treffen und dem traditionellen Friedensgebet und erreichte dann zum zehnten Jahrestag 1999 erstmals Breitenwirkung, als vor der Nikolaikirche als einem der ersten Denkmäler der Friedlichen Revolution eine Säule zur Erinnerung an die Ereignisse errichtet wurde. Zum traditionellen Ablauf des 9. Oktobers gehören mittlerweile drei Elemente: das Friedensgebet in der Nikolaikirche, die Rede zur Demokratie und das Lichtfest. Die Auswahl der Redner für die Rede zur Demokratie ging bis dato in zweierlei Richtungen. Zunächst wurden Vertreter der Bundesrepublik als Redner eingeladen (die Präsidenten von Bundestag und Bundesrat, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, der Bundespräsident), die dazu aufgerufen wurden, sich für die offizielle Anerkennung des 9. Oktober einzusetzen. In jüngerer Zeit wandte man sich eher Persönlichkeiten aus Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik zu, um die internationale Komponente der Revolution von 1989 zu betonen. Im Laufe der Zeit wurden die Feierlichkeiten nicht mehr nur von der "Initiative 9. Oktober", sondern auch vom Land Sachsen, dem sächsischen Parlament und der Stadt Leipzig organisiert.

Ebenso wie die Gedenkfeier zum Mauerfall erreichte auch die zum 9. Oktober ihren bisherigen Höhepunkt zum zwanzigsten Jahrestag, als 2009 der Tag in Leipzig zum lokalen Feiertag gekürt wurde. Die Feierlichkeiten begannen mit der Einweihung der Demokratieglocke am Augustusplatz, danach folgte die offizielle Zeremonie mit Bundespräsident Horst Köhler, dem Bürgerrechtler Werner Schulz, dem Leipziger Bürgermeister, dem Landtagspräsidenten und dem sächsischen Ministerpräsidenten. Highlight war nach wie vor das abendliche Lichtfest mit rund 150.000 Teilnehmern. Im Anschluss daran wurde der Teil des Leipziger Stadtrings abgelaufen, auf dem zwanzig Jahre zuvor die Montagsdemos stattgefunden hatten. Das symbolische Wachrufen der Ereignisse in der kollektiven Erinnerung ermöglichte es, auch die Menschen, die an den Protesten 1989 nicht teilgenommen hatten, "zwanzig Jahre später physisch einzubinden in eine ‚authentische‘ Veranstaltung, die basierend auf ihrem historischen Vorbild, ein starkes Gefühl emotionaler Bindung erzeugte".[34]

Zentrales Argument der Leipziger Gedenkfeier ist, was auch in der Rede zur Demokratie von Bürgerrechtler Werner Schulz 2009 klar zum Ausdruck kam: "Ohne den 9. Oktober in Leipzig hätte es den 9. November in Berlin nicht gegeben. Und nicht den 3. Oktober 1990."[35] So versucht man einerseits, ein Gegengewicht zu Berlin zu schaffen, andererseits will man aber vor allem "die Aufmerksamkeit darauf konzentrieren, die Erinnerung an Friedliche Revolution und Mauerfall nachhaltig im Gedächtnis der Nation zu verankern".[36] Ein ähnlicher Appell ging von der "Initiative 9. Oktober" unter dem Titel "40 + 20 = 60 Jahre Bundesrepublik" aus. Mit dieser Rechenformel wollte man die Erinnerung an die Gründung der Bundesrepublik (1949) mit dem 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution in Verbindung setzen und somit letzteres Ereignis in die demokratische Tradition Gesamtdeutschlands einbetten und als Geschehnis hervorheben, auf das "alle Deutschen stolz sein können".[37]

Der 25. Jahrestag des 9. Oktobers im Jahr 2014 wurde nach dem bis dahin etablierten Ablauf gestaltet.[38] Bundespräsident Joachim Gauck zeichnete in seiner Rede zur Demokratie ein umfassendes und facettenreiches Bild der wichtigsten Ereignisse und Errungenschaften der Friedlichen Revolution von 1989 und betonte: "Kein 9. November ohne den 9. Oktober. Vor der Einheit kam die Freiheit."[39] Auf Wunsch von Gauck selbst waren beim Festakt in Leipzig auch die Präsidenten Polens, Ungarns, der Tschechischen Republik und der Slowakei zugegen, um den internationalen Rahmen und das Zusammenspiel der osteuropäischen Demokratiebewegungen hervorzuheben und den Eindruck zu vermeiden, die Befreiung wäre ein ausschließlicher Akt der heldenhaften Selbstbefreiung des ostdeutschen Volkes gewesen. Mit rund 200.000 Besuchern war das Lichtfest ein erneuter Erfolg. Jedoch gab es auch kritische Stimmen, die in den Feierlichkeiten eher eine Marketing-Veranstaltung sahen, mit der Leipzig versucht habe, "ein Revolutions-Disneyland zu erschaffen, in dem Bestreben, die Marke ‚Leipzig‘ zu promoten".[40]

Schlussfolgerungen

Trotz des wachsenden öffentlichen Interesses an den Gedenkfeierlichkeiten des 9. Oktobers und des 9. Novembers wird wahrscheinlich der 3. Oktober Nationalfeiertag bleiben. Auffallend ist jedoch, dass – wie eingangs ausgeführt – im Laufe der Jahre immer wieder Alternativvorschläge laut wurden, die Unterstützung auch von Vertretern höchster Stellen fanden. Das Problem scheint nicht zu sein, dass die Deutschen "unfähig" sind, zu feiern. Die Schwierigkeit scheint vielmehr darin zu liegen, eine angemessene Sprache zu finden, der es gelingt, den jüngsten zeitgeschichtlichen Ereignissen wie der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung Rechnung zu tragen, ohne dabei allzu große Nabelschau zu betreiben oder ein übertriebenes Medienspektakel zu entfachen. Der 3. Oktober ist bekannt als ein Tag, an dem sich Staatsmänner und politische Elite selbst feiern, ohne dabei das Volk allzu sehr mit einzubeziehen.

Den Befürwortern des 9. November ist es nicht gelungen, einen neuen Gründungsmythos entstehen zu lassen, dies vor allem aufgrund der Mehrdeutigkeit des Datums und laut dem Politologen Herfried Münkler auch aufgrund der räumlichen Eingeschränktheit des Mauerfalls, den das westdeutsche Volk schließlich nur als Beobachter verfolgt hat.[41] Dies gilt umso mehr für den 9. Oktober, der trotz des gestiegenen medialen Interesses, der Teilnahme hoher Bundesvertreter und aller Bemühungen der Organisatoren nach wie vor als eine ausschließlich ostdeutsche, wenn nicht sogar lokale Feierlichkeit wahrgenommen wird.

Gleichwohl entwickeln sich Formen des Gedenkens, wie beispielsweise das Leipziger Lichtfest oder die Feierlichkeiten zum Tag des Mauerfalls, die eine neue Tendenz in der kollektiven Erinnerung der Deutschen deutlich werden lassen. Vor allem die Hervorhebung dieser beiden Daten, die in der Öffentlichkeit immer stärker gefeiert werden, zeigt den Wunsch, die Ereignisse von 1989 und 1990 getrennt zu betrachten und daran zu erinnern, dass die Wiedervereinigung zwar schnell vollzogen wurde, ihr Erfolg aber keinesfalls selbstverständlich war. Wenn man den Fokus auf die Revolution von 1989 legt, werden dadurch die nachfolgenden Schwierigkeiten außer Acht gelassen, die während des praktischen Prozesses der Wiedervereinigung aufgetreten sind. Die Friedliche Revolution, die dem Mauerfall vorangegangen war – und für die sich die Bezeichnung "die erste gelungene und gewaltfreie Revolution in der deutschen Geschichte"[42] etabliert hat – separat zu betrachten, bedeutet vor allem, die Darstellungsweise in den Schatten zu stellen oder zumindest zu nivellieren, die sich auf den diplomatischen Erfolg der westdeutschen politischen Elite (allen voran den Erfolg von Kanzler Kohl) im Prozess der Wiedervereinigung konzentriert. Gerade an der aktiven Rolle der Vertreter der Bürgerrechtsbewegungen lässt sich erkennen, wie durchlässig die kollektive Erinnerung ist, und wie bedeutend nach wie vor die Rolle der Zeitzeugen und deren mündliche Weitergabe der Geschehnisse von 1989 sind. Dieses kommunikative Gedächtnis geht eine Wechselbeziehung mit den Institutionen ein und fordert diese zur Interaktion auf.

Die Feierlichkeiten zum 20. und 25. Jahrestag des Mauerfalls und der Montagsdemo am 9. Oktober zeigen den Versuch, jenseits der institutionellen oder offiziellen Ebene eine Ausdrucksform für das Gedenken zu finden, mit der das Volk selbst unmittelbar angesprochen und zur Interaktion und aktiven Beteiligung aufgefordert wird. Während der 9. Oktober sich vornehmlich an ein deutsches Publikum richtet, stößt der 9. November, sei es aufgrund der Tragweite des Mauerfalls oder aufgrund der Anziehungskraft Berlins, auf internationale Aufmerksamkeit und zeichnet weltweit ein positives und überzeugendes Bild von Deutschland. Auch wenn sie auf unterschiedliche Reaktionen treffen, scheinen beide Feierlichkeiten von dem Bemühen geprägt zu sein, ein neues, positiv besetztes Image Deutschlands aufzubauen. Im Gegensatz zum 3. Oktober ist der Ablauf der Feierlichkeiten stark emotional geprägt und scheint eine neue Tendenz abzuzeichnen, weg von der öffentlichen Selbstdarstellung, von der die Bundesrepublik während der Teilung Deutschlands geprägt war, in der staatliche Feierlichkeiten zumeist ein "enormes Defizit was öffentliche Emotionen in institutionalisierten Zeremonien anbelangt"[43] aufwiesen.

Es ist schwierig, aus einem fortlaufenden Prozess wie der Entstehung einer kollektiven Erinnerung an die Friedliche Revolution und Wiedervereinigung dauerhafte Schlussfolgerungen zu ziehen. Es scheint sich jedoch ein "Wandel in der Erinnerungskultur der Deutschen zu vollziehen, in der immer mehr Bezug auf die jüngste Geschichte genommen wird"[44] und die sich auf der Suche nach positiv besetzen Symbolen zu ihrer eigenen Identifikation befindet. Dies wird auch in der Absicht deutlich, in Berlin ein Denkmal für Freiheit und Einheit zu errichten, durch das die Geschehnisse von 1989 und 1990 "in Stein gemeißelt" werden.[45]

Die Weiterentwicklung einer kollektiven Erinnerung der Deutschen hat schlussendlich nicht, wie befürchtet, zu einer Vernachlässigung der Erinnerung an den Holocaust geführt, die nach wie vor zumindest im öffentlichen Diskurs maßgeblicher und "ethisch orientierender"[46] Bestandteil der deutschen Identität ist. Gleichzeitig hat man manchmal "den Eindruck, als sollte die friedliche Revolution von 1989 angesichts der Geschichte des 20. Jahrhunderts als eine Art stellvertretende Rehabilitierung aller Deutschen dienen".[47]

Übersetzung aus dem Italienischen: Alina Plachky, Heidelberg.

Fußnoten

34.
Alexandra Kaiser, We Were Heroes. Local Memories of Autumn 1989, in: Anna Saunders/Debbie Pinfold (Hrsg.), Remembering and Rethinking the GDR, Basingstoke 2013, S. 182.
35.
Werner Schulz, Rede zum Festakt 9.10.2009, http://www.herbst89.de/startseite/reden-zur-demokratie/reden-zum-festakt-2009/werner-schulz.html« (19.6.2015).
36.
Rainer Eckert, Das Erinnerungsjahr 2009, in: Deutschland Archiv, 42 (2009) 6, S. 1078.
37.
Ruf aus Leipzig, 18.6.2007, http://www.herbst89.de/startseite/ruf-aus-leipzig.html« (19.6.2015).
38.
Vgl. Programm http://www.herbst89.de/startseite/veranstaltungen/programm-9-oktober-2014.html« (19.6.2015).
39.
Joachim Gauck, Bulletin der Bundesregierung, 113-2, 14.10.2014, http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2010-2014/2014/10/113-2-bpr-festakt.html« (25.6.2015).
40.
Andreas Raabe, Die verkitschte Revolte, in: Kreuzer, (2010) 14, S. 22.
41.
Vgl. Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009, S. 479.
42.
Leipziger Thesen, 4.9.2009, http://www.herbst89.de/startseite/leipziger-thesen.html« (19.6.2015).
43.
Christoph Cornelißen, Le feste nazionali nelle due Germanie dopo la "catastrofe" del nazionalsocialismo, in: Maurizio Ridolfi (Hrsg.), Rituali civili. Storie nazionali e memorie pubbliche nell‘Europa contemporanea, Roma 2006, S. 211–220, S. 217.
44.
Vera Caroline Simon, Rivoluzione e unità, in: Memoria e Ricerca, (2010) 34, S. 94. Vgl. auch dies., Gefeierte Nation. Erinnerungskultur und Nationalfeiertag in Deutschland und Frankreich seit 1990, Frankfurt/M. 2010.
45.
Vgl. Andreas H. Apelt (Hrsg.), Der Weg zum Denkmal für Freiheit und Einheit, Schwalbach/Ts. 2009.
46.
Vgl. Gian Enrico Rusconi, Berlino. La reinvenzione della Germania, Laterza, Roma-Bari 2009.
47.
Ralph Jessen, Die Montagsdemonstrationen, in: Martin Sabrow (Hrsg.), DDR Erinnerungsorte, München 2009, S. 479.
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