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Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Neil Gregor

"Mein Kampf" lesen, 70 Jahre später - Essay

"Mein Kampf" als Geschichtsbuch

Soll die Frage, wie viel sich allein auf der ersten Seite des Buches erkennen lässt, weiter verfolgt werden, bietet sich vielleicht als Erstes die Frage nach dem Genre an: Was für ein Buch ist "Mein Kampf"? Welche Genre-Arten enthält es? Zum einen wird "Mein Kampf" auf der Eingangsseite, die gleichzeitig die Hauptelemente von Hitlers politischer Philosophie nennt, als Geschichtsbuch angekündigt. Wie lässt sich der zitierte Abschnitt als Auszug aus einem solchen Werk lesen?

Auf der einen Seite enthält der Abschnitt den Glauben an eine positive, mythische Vergangenheit. Indem er mit eindeutigen Worten das Ziel ankündigt, die beiden deutschen Staaten (Deutschland und Österreich) "wieder zurück" zu vereinen, spielen die ersten Zeilen auf einen imaginierten historischen Augenblick nationaler oder ethnischer Einheit an, den Hitler – so die eindeutige Implikation – wiederherzustellen gedenkt. Der Autor bezieht sich permanent auf Bilder einer positiven Vergangenheit – seien es die eines mittelalterlichen deutschen Reiches, der Kriege Friedrichs des Großen oder der antifranzösischen Begeisterung während der Napoleonischen Kriege –, um so den Kontrast zwischen der Stärke und dem Zusammenhalt der deutschen Nation in der Vergangenheit und dem jüngsten Niedergang und der gegenwärtigen traurigen Lage herauszustellen.

Der Anspruch auf eine Wiedervereinigung Deutschlands und Österreichs stellt eine deutliche Zurückweisung des Versailler Vertrags dar, dessen Bestimmung, einen Zusammenschluss der beiden Länder zu untersagen, die Nationalisten nach 1919 aufhetzte. Zugleich moniert Hitler indirekt die Art und Weise der deutschen Reichsgründung von 1871 mit seiner Forderung, alle Deutschen auf der Basis ihrer Volkszugehörigkeit zu vereinen. Und in der Tat weisen ausführliche Passagen in Hitlers Buch den Charakter einer ausgedehnten Kritik des späten 19. Jahrhunderts auf – an dem, was er als Deutschlands falsche Bündnispolitik und unrechtmäßiges Streben nach Kolonien in Übersee betrachtete.

Die Eingangspassage beschränkt sich jedoch in ihren Kommentaren nicht allein auf eine Ablehnung des handelsorientierten Kolonialismus, wie er vor dem Ersten Weltkrieg praktiziert wurde. Vielmehr drückt Hitler hier die Ablehnung der generellen Auffassung aus, Staatspolitik müsse sich an wirtschaftlichen Erwägungen orientieren – und er hält ausdrücklich fest, der Staat müsse gewillt sein, auch wirtschaftlichen Notwendigkeiten zuwiderlaufende Entscheidungen zu treffen. Vieles in seinen Ausführungen ist eine Kritik an den negativen historischen Auswirkungen der Industriellen Revolution auf die politische Kultur in Deutschland und an der Entstehung einer kommerzialisierten Welt der Moderne. Zwar sind sie nicht auf der ersten Seite genannt, doch Leserinnen und Leser müssen nicht lange warten, bis sie auf diejenigen stoßen, die Hitler für diese Entwicklung verantwortlich macht: die Juden.

"Mein Kampf" als Autobiografie und Bildungsroman

Das Buch ist also nicht nur ein politisches, sondern auch ein Geschichtswerk. Noch wichtiger als dies ist jedoch die Tatsache, dass es sich selbst als Autobiografie ankündigt und auch als solche aufgebaut ist – wie der Titel und der erste Satz deutlich zeigen. Als (konventionell verstandene) Autobiografie oder Bericht der frühen Jahre der NSDAP ist "Mein Kampf" notorisch unzuverlässig. Grundlegende Fakten und Daten sind schlichtweg falsch. Aber wir sollten es auch nicht als Autobiografie im üblichen Sinne lesen; das Autobiografische des Textes lässt sich nur verstehen, wenn wir einen Moment innehalten und die politischen Umstände betrachten, unter denen er geschrieben wurde – sowie den Augenblick in Hitlers politischer Karriere zu dieser Zeit.

Das rechtsextreme nationalistische Milieu, in dem Hitler und die Nazi-Bewegung zu Beginn der 1920er Jahre emporwuchsen, war zersplittert und von Konkurrenzkämpfen um die Führung beherrscht. Nach dem Münchner Putsch 1923 setzte sich die Zersplitterung des rechten Randes der Gesellschaft fort. Und noch im Anschluss an seine vorzeitige Haftentlassung Ende 1924 kämpfte Hitler geraume Zeit um die Kontrolle über die Mitglieder rivalisierender Fraktionen (mit eigenen Programmen und Zielen) innerhalb der Nazi-Bewegung. Zu der Zeit, als er "Mein Kampf" schrieb, war Hitler also alles andere als der unangefochtene Führer der äußersten Rechten, der er später werden sollte.

Mit diesem Wissen lässt sich erkennen, dass der autobiografische Bericht – mit seiner Betonung der Vorsehung und Bestimmung sowie des Schicksals (letztere werden bereits im ersten Satz genannt) – einem eindeutig politischen Ziel dient. Weit davon entfernt, ein leidenschaftsloser Bericht über Hitlers frühe Jahre zu sein, zeichnet er das Bild eines äußerst dynamischen, kompromisslosen und radikalen Charakters der extremen Rechten, um seinen Anspruch auf die Führerschaft in der Szene zu untermauern. Dies war genau die Zeit, in der Hitlers Mythos als vorbestimmter Führer Deutschlands Gestalt annahm; in diesem Licht besehen, erweist sich die Umdeutung eines historischen Zufalls – nämlich Hitlers Geburt in Braunau am Inn – als "das Symbol einer großen Aufgabe" nicht bloß als oberflächliche poetische Ausschmückung, sondern als Beginn einer bewusst gestalteten Lebensdarstellung des Autors, bei der alles auf die Übernahme der Führungsrolle im deutschen rechtsextremen Milieu und damit indirekt auch in der Nation hinausläuft.

Was das Lesen von "Mein Kampf" als Autobiografie anspruchsvoll und zugleich überaus interessant macht, ist indes die Tatsache, dass in diesem Text das Autobiografische mit den Konventionen eines weiteren literarischen Genres durchzogen ist, nämlich denen des Bildungsromans. So unpassend es erscheinen mag, den giftigen Text in einem Atemzug mit einer literarischen Tradition zu nennen, die zum Kanon der großen deutschen Literatur gehört: Hitlers Bericht über zentrale Augenblicke seiner Einsichten, über Offenbarungen, bedeutsame Entscheidungen oder persönliche Wendepunkte lässt unmissverständlich Charakteristika dieses Genres erkennen. Die berüchtigte Darstellung seines ersten bewussten Kontakts mit einem Juden ist ein solcher Moment – ebenso wie die Beschreibung des Augenblicks seiner Entscheidung, in die Politik zu gehen, als er 1918 vom Zusammenbruch der deutschen Armee erfuhr.

Das führt uns zu der zentralen Frage, deren Antwort die Geschichtswissenschaft bis heute schuldig geblieben ist, deren sorgfältige Überlegung aber im Hinblick auf die verschiedenen Qualitäten der "Lesbarkeit" des Textes für Zeitgenossen im Vergleich zu der für uns heute zweifellos lohnt: Inwieweit waren der Text und seine Argumentation für ein Publikum, das die Konventionen solcher literarischer Formen aufgrund ihrer alltäglichen Lesegewohnheiten erkannte und verstand, zugänglich und nachvollziehbar – und zwar auf eine Weise, die uns, die wir nicht oder nur noch bedingt mit dieser Art Literatur vertraut sind, vielleicht nicht mehr möglich ist? Mit anderen Worten: In welcher Weise schufen die Ressourcen des kulturellen Kapitals (nicht notwendigerweise beziehungsweise nicht nur einer Elite) für Hitlers Zeitgenossen ganz andere Bedingungen, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen und seine Argumentation zu verstehen? Bot der Text seinerzeit bedeutsame andere Formen der Lesbarkeit als die, die wir heute erkennen? Indem wir versuchen, die besonderen Perspektiven historischer Leser – die mit den genannten spezifischen Lesekulturen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts vertraut waren – einzunehmen, könnte sich eine ganz andere Sicht auf die Rezeption und die historische Wirkung des Textes ergeben als jene, nach der wir als Historiker bisher gesucht haben.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Neil Gregor für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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