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Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Neil Gregor

"Mein Kampf" lesen, 70 Jahre später - Essay

Historisierung von "Mein Kampf"

Wenngleich die wachsende historische Distanz zur Lesekultur des frühen 20. Jahrhunderts uns einerseits manche Aspekte des Textes schwerer verstehen lässt, so ermöglichst sie uns andererseits vielleicht auch, einiges klarer in den Blick zu nehmen. Betrachten wir daher als Beispiel den folgenden Satz:

"Bei der revolutionären und sittlichen Durchseuchung des ganzen Volkskörpers und bei der wirtschaftlichen Zerrüttung des Bauernstandes ist vorläufig nicht abzusehen, aus welchen Elementen eine wiederbelebende Kraft emporwachsen soll, die zur Gesundung führt."

Er enthält alles, was uns an der Sprache von "Mein Kampf" auffällt: eine schlechte, zusammengewürfelte Metaphorik, die uns zwingt, uns auf den seltsamen Stil einzustellen, den wir alle zu unserem Leidwesen kennen, und eine Mischung aus biologischen und medizinischen Bildern (die "Durchseuchung" beziehungsweise "Gesundung" des "Volkskörpers"). Gleichzeitig wird hier parallel mit den Sprachen der Biologie (Körper) und Politik (Revolution) gearbeitet sowie mit einem konservativen Moraldiskurs; hier offenbart sich die Fähigkeit, nicht nur von Satz zu Satz verschiedene linguistische Register zu ziehen, sondern selbst innerhalb eines Satzes. Nicht zuletzt ist da die restaurative Sprache, die als Ausdruck einer Sprache der Palingenese oder Wiedergeburt betrachtet werden kann.[4]

So weit, so bekannt – mit dem bedeutsamen Unterschied, dass dieser Satz nicht aus "Mein Kampf" stammt, sondern aus Friedrich von Bernhardis "Deutschland und der nächste Krieg" aus dem Jahr 1911.[5] Betrachtet man die sprachliche Nähe von "Mein Kampf" zu Texten wie diesem – und damit die Einbettung von Hitlers Buch in einen, an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vorherrschenden Diskurs – und dazu die große Anzahl intertextueller Referenzen zu anderen Werken der Jahrzehnte vor seinem Erscheinen, so lässt sich ermessen, wie weitgehend sich unser Ansatz beim Nachdenken über die Rolle des Buches in der Geschichte Nazideutschlands im Laufe einer Generation verändert hat.

Vor rund 30 Jahren – auf dem Gipfel der Debatte zwischen Intentionalisten und Strukturalisten – bestand das Problem in der Frage, inwieweit dieses Buch als eines, das Geschichte schrieb, gelten kann. Einerseits gab es diejenigen, die darin eine Reihe eindeutiger Rezepte für Krieg und Völkermord erblickten; auf der anderen Seite gab es jene, die in der Unbestimmtheit des Textes – in seinen offensichtlichen Widersprüchen, seiner weitschweifigen Inkohärenz – ein Indiz dafür sahen, dass er als alles andere als das zu lesen war. Ich möchte an dieser Stelle die These wagen, dass die gewachsene zeitliche Distanz uns heute erlaubt zu sehen, dass beide Argumentationslinien außer Acht lassen, was den Text vor allem interessant macht.

Wenn die seit der genannten Debatte vergangenen drei Jahrzehnte zu einer zentralen Verlagerung in der Sensibilität gegenüber dem Text geführt haben, dann zu der, dass wir bei der Hervorhebung der Einzigartigkeit des "Dritten Reiches" weitaus umsichtiger geworden und heute viel eher bereit sind, darüber nachzudenken, inwieweit der Text nicht erkenntnisbringender als Teil einer breiteren Geschichte der Gewaltherrschaft, die das 19. und 20. Jahrhundert bestimmte, verstanden werden sollte.[6] Eine bis dahin stillschweigend als außerhalb der Geschichte angesiedelt betrachtete Epoche würde damit in vielerlei Hinsicht in ihren historischen Kontext gestellt. So gibt es heute vergleichende Studien zum Völkermord wie auch Ansätze, die den Holocaust in einen weiter gefassten Kontext kolonialer Gewaltherrschaft stellen;[7] es gibt Zusammenhänge, die über biopolitische Technologien in der Moderne nachdenken; wir haben die Möglichkeit, das System der Konzentrationslager im Kontext einer tiefer greifenden Geschichte von Strafe, Arbeit, Disziplin und Ordnung zu verstehen – und Weiteres mehr.

Die Entstehung dieser verschiedenen Bezugsrahmen, die selbstverständlich keineswegs alle im selben Maße von allen Historikern akzeptiert werden, bildet den Kern einer lautlosen Historisierung des "Dritten Reiches" – einer Historisierung, die im Gegenzug nach einer Historisierung von "Mein Kampf" ruft. Sie wiederum erfolgt am ehesten nicht etwa dadurch, dass untersucht wird, inwieweit der Text selbst Geschichte bewirkt haben könnte, sondern vielmehr, dass über die zahlreichen geschichtlichen Aspekte nachgedacht wird, die durch den Text hindurch wirken.

Jedes Mal, wenn man den Text liest, lassen sich neue intertextuelle Bezüge erkennen: zu Shakespeare, zu Clausewitz, zu Goethe. Ob Hitler diese Autoren tatsächlich gelesen hat, ist dabei weit weniger interessant als die Tatsache, dass solche Bezüge uns für den Gedanken sensibilisieren, dass eine Vielfalt verschiedener Diskurse das Buch durchzieht. Mit Blick auf das Thema Antisemitismus finden wir zunächst neben der rassistisch-biologischen Rhetorik, die wir mit dem Holocaust verbinden, sowohl eine starke sprachliche Präsenz des christlichen Antijudaismus als auch die historisch geerbte Sprache eines ökonomischen Ressentiments; hinzu kommt eine antisemitische Sprache, die zumindest eine britische Leserschaft an Neurosen des viktorianischen und edwardianischen Zeitalters hinsichtlich Prostitution und moralischen Verfall erinnert.

Desgleichen sind die Sprachen des Nationalismus, die Hitler einbezieht, durchaus vielfältiger Natur: Da gibt es etwa den Antislavismus an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, der in Teilen die antibolschewistische Rhetorik untermauert, sich bisweilen aber auch unabhängig davon artikuliert. Sodann ist ein Element des großdeutschen Nationalismus zu vernehmen, der sich auf Vorstellungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bezieht, aber auch auf einen unverhohlenen Pangermanismus der Jahrhundertwende. Und was einen beim wiederholten Lesen von Mal zu Mal stärker auffällt, ist der abgrundtiefe antifranzösische Nationalismus, der sich nahezu vollkommen aus der üblichen antifranzösischen Sprache des 19. Jahrhunderts speist. Da sind die Wachrufe der napoleonischen Kriege und die Beschwörungen der Wacht am Rhein wie des Krieges von 1870 – und selbst die Berichte über den Ersten Weltkrieg folgen dieser Art Rhetorik. Und wieder offenbaren sich auch diese Bezüge nahezu sofort: Die beiden nationalistischen Märtyrer der napoleonischen Kriege beziehungsweise der französischen Besatzung des Ruhrgebiets, Johannes Palm und Leo Schlageter, werden gleich auf Seite 2 genannt.

So findet sich in dem Text ein Konglomerat aus einer Vielzahl nationalistischer, rassistischer, militaristischer und kolonialistischer Diskurse, die während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in der deutschen Gesellschaft kursierten. Als allumfassende rhetorische Struktur können wir dann die Geschichte als Aufstieg und Fall von Zivilisationen ausmachen. Sie erinnert nicht nur an den Pangermanisten und Antisemiten Houston Stuart Chamberlain,[8] sondern an die allgemein verbreitete Denkweise des 19. Jahrhunderts über den historischen Wandel (einem, der nicht nur dem Erhalt verschiedener Stränge der Rechten diente); die Geschichte als Kampf zwischen verschiedenen Arten – der an Darwin und die gesamte Tradition naturwissenschaftlichen Denkens erinnert; und nicht zuletzt bekräftigt die Sicht auf die Rolle des Staates und der relativen Vorzüge ökonomischer und militärischer Expansionsbestrebungen das Denken eines Heinrich von Treitschke.

So wie in dem Text moderne Diskurse der Eugenik widerhallen, durchzieht ihn sprachlich eine äußerst romantische Note – die hoffnungslos unbeholfenen und rührseligen Personifikationen des Schicksals, des Todes und der Geschichte selbst erinnern nicht nur an die Sprache schlechter Amateurdichtung, sondern auch an die personifizierenden Bilder vom Schicksal, die Musen (was immer sie sein mögen), die Hitler auf den riesigen Leinwänden in der Alten und Neuen Pinakothek in München gesehen haben wird. Gewiss enthält der Text einige auffallende Bilder, die einen dazu verleiten, stärker über die Aspekte in Hitlers Sozialisation und Alltagserfahrungen nachzudenken, die ihm solche Bilder mit auf den Weg gaben.

Kurz: "Mein Kampf" ist ein äußerst vielstimmiger Text. Und nun? Früher wurde eine solche Vielstimmigkeit schlicht als Zeichen der Inkohärenz, als Schwäche gewertet – und als solche gewiss, wenn es darum geht, in dem Buch einen Schlüssel für den Verlauf des Holocaust zu sehen. Vielleicht ist es aber heute möglich, diese Vielstimmigkeit zum Ausgangspunkt für ein Nachdenken über das Gegenteil zu nehmen: über die umfangreichen Mobilisierungskapazitäten des Nationalsozialismus insgesamt – sowohl vor als auch nach 1933. Wenn die jüngsten Studien über regionale und lokale Erscheinungsformen des Nationalsozialismus und seine Fähigkeit, Gemeinschaften zu bilden, eines gezeigt haben, dann dies: Während der gesamten Zeit zirkulierte eine große Bandbreite nationalistischer, imperialistischer, rassistischer, militaristischer und autoritärer Sprachmuster, die zwar im Einzelnen bisweilen in Konflikt miteinander gerieten, doch ebenso oft einfach nebeneinander existierten. Und ebendiese Vielfalt, diese endlose, lokale und situative Sprachbeugung – die Fähigkeit, sich in verschiedenen Momenten ganz unterschiedlich zu präsentieren – führte ihm unter den gesellschaftlich so verschiedenen Wahlkreisen in Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre derart viele Stimmen zu.

Schluss

Wie wir allmählich verstehen, war der Nationalsozialismus in seinen lokalen Erscheinungsformen offener, vielfältiger und diverser als überkommene Denkmuster uns unterschwellig noch immer suggerieren. Ich möchte an dieser Stelle nur hervorheben, dass sich dies, diese Offenheit, Vielfalt und Diversität, auch im Text "Mein Kampf" widerspiegelt – und dass uns dies ermöglicht, auf etwas andere Art und Weise und so möglicherweise produktiver darüber nachzudenken, wie Ideologie in diesem historischen Kontext wirkt. Schließlich hat man es sich nur allzu leicht damit gemacht, "Mein Kampf" als einen Text zu konstruieren, der seine Quellen jenseits der deutschen Geschichte gefunden haben soll; Arbeiten über Hitlers intellektuelle Einflüsse wie seitens eines Jörg Lanz von Liebesfels’[9] und anderer Randfiguren scheinen mir in dieser Hinsicht an einer solchen Konstruktion mitzuwirken.[10]

Wenn wir stattdessen Hitlers Text als einen betrachten, der von im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Diskursen hervorgerufen wurde, dann bedarf auch die Frage nach dem Umgang mit der Schrift nach Ablauf des Urheberrechtsschutzes einer veränderten Diskussion. Die Antwort kann durchaus darin liegen, dass wehrhafte Demokratien in einer symbolischen Geste solche Texte bannen sollten; symbolische Gesten haben ihren Sinn. Andererseits scheint das Verbot des Buches mittels eines gesonderten, symbolischen Gesetzes, einem lex "Mein Kampf" sozusagen, fragwürdig – insofern, als dieser Akt des ideologischen othering die Vorstellung bestärken würde, die abscheuliche Sprache ließe sich einfach unter Quarantäne stellen. Dieser beruhigende Gedanke wird jedoch brüchig, wenn wir uns die vielen Diskursstränge in "Mein Kampf" vergegenwärtigen und erkennen, dass uns diese bekannter und etablierter vorkommen, als wir gerne hätten.

Fußnoten

4.
Vgl. Roger Griffin, The Nature of Fascism, London 1991.
5.
Friedrich von Bernhardi, Deutschland und der nächste Krieg, Stuttgart–Berlin 19176, S. 101f.
6.
Jüngste und interessante Überlegungen dazu finden sich bei Richard J. Evans, The Third Reich in History and Memory, London 2015.
7.
Vgl. Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Berlin u.a. 2011; zuletzt und kritisch gegenüber der These einer Kontinuitätslinie Jonas Kreienbaum, Ein trauriges Fiasko. Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika, Hamburg 2015.
8.
Vgl. u.a. Houston Stuart Chamberlain, Grundlagen des 19. Jahrhunderts, München 1899.
9.
Vgl. Wilfried Daim, Der Mann, der Hitler die Ideen gab. Jörg Lanz von Liebenfels, München 1958.
10.
Vgl. Brigitte Hamann, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 1996.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Neil Gregor für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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