Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Andreas Wirsching

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition des Instituts für Zeitgeschichte

Zuschnitt und Zielsetzungen

Einen "kritischen" Anspruch erhebt die Edition von "Mein Kampf" in erster Linie durch ihren Kommentar, der in diesem Zusammenhang einen mehrfachen Zweck erfüllt. So legt die Edition, wo immer möglich, die Quellen des Hitlerschen Denkens offen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Fülle anonymer Broschüren- und Pamphletliteratur, sondern auch um namentlich bekannte Autoren aus dem völkisch-nationalistischen Spektrum. Nicht selten lassen sich direkte Anleihen im Text von "Mein Kampf" nachweisen. Allerdings leistet der Kommentar noch etwas anderes, zumindest ebenso Wichtiges: Er macht nämlich transparent, welche Topoi Hitler aufnimmt, die schon lange vor ihm und ohne ihn im völkischen Milieu existierten und gleichsam Allgemeingut geworden waren. Ob dies die behauptete "Verweichlichung und Verweibung" der Gesellschaft im Kaiserreich war,[18] die Tiraden gegen "Rassenmischung" und "Rassenschande",[19] der brutale Antisemitismus oder vieles andere mehr: Hitler sog geradezu alle ihm erreichbaren völkisch-rassistischen Denkfiguren auf, um sie seinem Gedankengebäude dienstbar zu machen. Indem sie dieses verwandte Gedankengut dokumentiert und zugleich zentrale ideologische Begriffe und ihre Tradition erläutert, kann die Kommentierung regelmäßig zeigen, wie tief der durch Hitler inspirierte Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft und Kultur wurzelte. Der Nationalsozialismus war eine parasitäre Bewegung und kam keineswegs von außen über die deutsche Geschichte. Ganz im Gegenteil: Vielmehr integrierte er wesentliche Elemente der deutschen politischen Kultur, spitzte sie zu und radikalisierte sie für seine Zwecke. "Mein Kampf" ist hierfür das vielleicht wichtigste Dokument.

Hitlers Schrift ist durchzogen von glatten Lügen, häufiger aber von Halbwahrheiten, von Feindkonstruktionen und ungeschminkter Hasspropaganda, aber auch von subtilen Anspielungen. Zu den Aufgaben eines kritischen Kommentars gehört es daher, nicht nur sachliche Falschaussagen und Fehler zu berichtigen, sondern auch zusätzliche Informationen zu liefern, Anspielungen aufzulösen und einseitige Darstellungen zu korrigieren. Schließlich berücksichtigt die Edition des Instituts für Zeitgeschichte auch die Folgen des Hitlerschen Denkens, wenn sie immer wieder darauf hinweist, welche 1924/26 nur abstrakt gedachten und formulierten Ideologeme nach 1933 realisiert wurden. Der Zusammenhang von menschenverachtender Ideologie und verbrecherischer Tat wird damit unterstrichen.

Hinzu kommt ein Weiteres: Neben der Ausbreitung ideologischer Denkmuster ist "Mein Kampf" in seinem ersten Teil auch die umfassendste biografische Information, die wir über Hitler besitzen. Allerdings ist es eine horrend stilisierte Autobiografie, die alles andere als eine getreue, "objektive" Darstellung seiner Vita ist. Einmal mehr wird hierbei die Notwendigkeit des Kommentars deutlich: Denn angenommen, es gäbe keinerlei andere Information über Hitlers Biografie als "Mein Kampf" – dann wäre der heutige Leser der Darstellung in diesem Buch gewissermaßen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er müsste gleichsam glauben, was darin steht, ohne über eine kritische Kontrolle zu verfügen.

Hitler verkörperte den sozialen Bankrott in seiner Biografie. Die Lebensleistung seines Vaters – eines sozialen Aufsteigers – hatte ihm ordentliche Startchancen gesichert. Er nutzte sie nicht und lernte infolgedessen das Wien der Vorkriegszeit von unten kennen. 1909 versiegten Hitlers Barmittel allmählich; zur persönlichen Notlage kamen Teuerung und Wohnungsnot. Entgegen der Darstellung in "Mein Kampf" ging Hitler keiner ausreichend regelmäßigen Tätigkeit nach, um sich zumindest notdürftig über Wasser zu halten. Armenfürsorge und Armenküche, Wärmehallen und Obdachlosenasyl waren die Konsequenz – ein Ambiente, das mit der kleinbürgerlichen Geborgenheit des Elternhauses schmerzhaft kontrastierte. Dies war nicht das glitzernde Wien der Avantgarde, sondern das "Wien der Einwanderer, der Zukurzgekommenen, der Männerheimbewohner".[20]

Hitler hat diese Deklassierungserfahrung so verarbeitet, wie es die meisten tun würden. Er hat sie vor sich selbst und vor anderen stilisiert – sie verpuppt in einem Kokon aus Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid. Wien 1909 – das sei für ihn eine "unendlich bittere Zeit" gewesen, so schreibt er im Januar 1914 an den Magistrat der Stadt Linz. "Ich war ein junger unerfahrener Mensch ohne jede Geldhilfe und auch zu stolz, eine solche auch nur von irgend jemand anzunehmen geschweige denn zu erbitten. (…) Zwei Jahre lang hatte ich keine andere Freundin als Sorge und Not, keinen anderen Begleiter als ewigen unstillbaren Hunger. Ich habe das schöne Wort Jugend nie kennen gelernt."[21] Vier der sechs Argumente in diesem Bericht sind nachweislich falsch. Hitler hatte Geldhilfe erhalten, von der Familie und durch seine Waisenrente; er war durchaus nicht zu stolz gewesen, solche Hilfe anzunehmen; und bei seiner Tante hat er auch darum gebeten. Schließlich hatte Hitler eine materiell sorgenfreie Jugend. Sie bot ihm Müßiggang und Chancen. Ersteren hat er ausgelebt, letztere nicht genutzt.

Was Hitler 1914 in einer rein persönlichen Angelegenheit dem Linzer Magistrat mitteilt, schreibt er zehn Jahre später auch in "Mein Kampf": Wien sei für ihn "die traurigste Zeit meines Lebens" gewesen und habe "fünf Jahre Elend und Jammer für ihn bereitgehalten". "Fünf Jahre, in denen ich erst als Hilfsarbeiter, dann als kleiner Maler mir mein Brot verdienen mußte; mein wahrhaft kärglich Brot, das doch nie langte, um auch nur den gewöhnlichen Hunger zu stillen. Er war damals mein getreuer Wächter, der mich als einziger fast nie verließ."[22] Faktisch verfügte Hitler aus der Waisenrente, der mütterlichen Hinterlassenschaft sowie Zinserträgen aus dem später auszuzahlenden väterlichen Erbe über Mittel, die es ihm ermöglichten, sein Dasein ohne die Aufnahme einer regelmäßigen Arbeit zu fristen.[23] Er war sich denn auch der Selbststilisierung seiner Biografie bewusst und suchte daher stets die Anonymität, aus der er kam, zu bewahren und zu pflegen. Als sein Halbneffe, William Patrick Hitler, 1930 aus dem gemeinsamen Namen Kapital zu schlagen suchte, soll Hitler einen Wutanfall erlitten und gesagt haben: "Die Leute dürfen nicht wissen, wer ich bin. Sie dürfen nicht wissen woher ich komme und aus welcher Familie ich stamme."[24] Und soweit es ihm möglich war, ließ Hitler systematisch die Spuren seiner ersten drei Lebensjahrzehnte verwischen.

Man sieht also: Die kritische Beschäftigung mit "Mein Kampf" ist unentbehrlich, um die Stilisierung zu entlarven, die Hitler vornimmt, aber auch um zu erkennen, wo die Antriebskräfte seiner Biografie lagen, die am Ende die Welt bewegten. Naiv ist dagegen die immer wieder geäußerte Auffassung, der politisch aufgeklärte Leser brauche keinen wissenschaftlichen Kommentar, da er sich entweder ganz autonom das richtige Bild machen könne oder sich der Text ohnehin selbst richte. Ohne Kommentar bleibt der Leser dem, was Hitler in "Mein Kampf" schreibt, gewissermaßen ausgeliefert. Um sich kritisch mit dem Text auseinanderzusetzen, braucht er eine Fülle von Zusatzinformationen, die ihm nur der selbst auf die Materie spezialisierte Wissenschaftler geben kann. Tatsächlich gibt es wohl kein anderes historisches Dokument von ähnlicher Bedeutung wie "Mein Kampf", von dem behauptet würde, eine historisch-kritische Erschließung sei überflüssig.

Fußnoten

18.
Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (Anm. 1), Bd. 1, [S. 297].
19.
Ebd., [S. 263].
20.
Brigitte Hamann, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 1996, S. 7.
21.
Hitler an den Magistrat der Stadt Linz, 21.1.1914, in: Eberhard Jäckel/Axel Kuhn (Hrsg.), Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905–1924, Stuttgart 1980, Nr. 20, S. 55.
22.
Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition (Anm. 1), Bd. 1, [S. 19].
23.
Vgl. Ian Kershaw, Hitler 1889–1945, München 2009, S. 37.
24.
Zit. nach: B. Hamann (Anm. 20), S. 76.
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