Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Andreas Wirsching

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition des Instituts für Zeitgeschichte

Zur öffentlichen Debatte

Der Grund dafür liegt darin, dass sich in der Diskussion über "Mein Kampf" wissenschaftliche, politische und moralische Argumente überlagern, was nicht immer die Klarheit der Anschauung fördert. Damit sind wir bei den politisch-kulturellen Problemen, die das Projekt einer kritischen Edition von "Mein Kampf" wohl unvermeidlich im öffentlichen Raum touchiert und die eine intensive Langzeitdiskussion erzeugen. Betont sei allerdings, dass die regelmäßig wiederkehrenden Wellen der öffentlichen Debatte bemerkenswert sachlich vonstattengingen. In Presse und Rundfunk gab es eine Vielzahl von differenzierten, aufklärenden und vernünftig argumentierenden Beiträgen. Die bekannten Methoden, um sich in der Ökonomie öffentlicher Aufmerksamkeit durchzusetzen – Zuspitzung, Polarisierung, Emotionalisierung, Skandalisierung – wurden ganz überwiegend vermieden. Allerdings verweist die Diskussion auch auf einige problematische Trends im hiesigen öffentlichen Umgang mit Hitler. Denn nicht selten ist dieser geprägt von zwei gegensätzlichen Extremen, die beide die kritisch-rationale Auseinandersetzung eher behindern als fördern.

Das eine Extrem entspringt den fortbestehenden Ängsten, im Umgang mit Hitlers Hinterlassenschaft moralisch falsch zu handeln oder politische Fehler zu machen. Zwar erfordert das Thema dauerhaft ein Maximum an geschichtspolitischem Fingerspitzengefühl. Aber die Diskussion um ein "Verbot" von "Mein Kampf" zeigt, dass entsprechende Ängste neue und ungute Tendenzen zur Tabuisierung hervorbringen können. Wie dargelegt, ist das Buch eine zentrale Quelle zur Geschichte des Nationalsozialismus. Die kritische Beschäftigung mit ihm in irgendeiner Weise verhindern zu wollen, wäre eine kurzsichtige "Deckel-drauf"-Politik. Sie leistete der (Re-)Mystifizierung Hitlers gefährlichen Vorschub und könnte den Eindruck suggerieren, Hitler übe auch postmortal eine Art dämonischer Macht aus. Der historischen Einordnung, Kontextualisierung, auch Erklärung seiner Wirkung würde dies die Spitze abschneiden. Tabuisierung würde daher das Gegenteil einer mündigen Auseinandersetzung bewirken.

Das andere Extrem liegt in der exzessiven Präsenz Hitlers (und auch seiner Schrift "Mein Kampf") in populären Unterhaltungs- und Satireformaten. Sie verstärken sich durch die banale Erkenntnis des "Hitler sells" regelmäßig selbst. Ihre Eignung und Wirkung erscheinen aber problematisch. Tatsächlich gab es ja im Nationalsozialismus und im Verhalten Hitlers häufig eine geradezu realsatirisch anmutende Skurrilität und entsprechend lächerliche Entgleisungen. Das oben zitierte Wort von den "Eiern des Kolumbus" gehört dazu. Aber solche Skurrilität verband sich in unlöslicher Weise mit Gewalt, Terror und dem Postulat der Vernichtung. Zwar ist es leicht, die Skurrilität von der Gewalt zu trennen und sie zum Gegenstand der Satire zu machen. Hitlers Schnurrbart und Schäferhund, seine Phonetik und Physiognomie eignen sich denkbar gut fürs Amüsement. Aber wenn Kabarettisten, Autoren und Filmemacher große Medienwirksamkeit erzielen, verstärkt dies die Gefahr der Verharmlosung durch Banalisierung. Allzu rasch drohen Satire und vordergründig spaßhafter Umgang mit Hitler eine intellektuell anstrengendere Beschäftigung mit dem Gegenstand zu ersetzen.

Natürlich wäre die Behauptung vermessen, es könne in Deutschland nur den einen, den "richtigen" öffentlichen Umgang mit Hitler geben. Aber ein gewisses Maß an aufklärerischem Ernst darf und muss man erwarten. Andernfalls würde Hitler einmal mehr unterschätzt. Um jeden Anschein einer gleichsam postmortalen kulturellen Herrschaft Hitlers zu vermeiden, müssen daher seine Demagogie entziffert, seine Erfolge erklärt und die hinter ihnen stehenden gesellschaftlich-kulturellen Antriebskräfte studiert werden. Dies bleibt für die Deutschen eine Daueraufgabe: in der Wissenschaft, in den Medien und auch in der Politik. Dies ist die Voraussetzung für einen mündigen Umgang mit Hitlers fatalem Erbe und zugleich das stärkste politisch-moralische Argument für die Veröffentlichung einer kritischen Edition.

Dieses Argument hält auch dort stand, wo es sich naturgemäß am schwersten tut: gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus. Die Gefühle der Opfer spielen eine bedeutsame Rolle. Und einem Holocaust-Überlebenden lässt sich möglicherweise kaum plausibel machen, warum in Deutschland "Mein Kampf" – wenngleich kritisch kommentiert – neu gedruckt werden soll. Zwar gibt es auch unter dieser Gruppe der besonders Betroffenen unterschiedliche und konträre Positionen. Aber eine möglicherweise unüberwindbare Empörung über Pläne, "Mein Kampf" in einer wie auch immer gearteten Form neu zu bearbeiten, ist nachvollziehbar und zu respektieren. Gleichwohl gilt es angesichts der rechtlichen Lage, die allein auf dem auslaufenden Urheberrecht beruht, die Umstände zu erläutern und am Ende noch einmal die Gründe darzulegen, die für Transparenz und Offenheit sprechen.

Eine irgendwie geartete Dichotomie zwischen Opferempathie einerseits und gleichsam "kalter" Wissenschaftlichkeit andererseits gibt es ohnehin nicht. Historisch-kritische Aufklärung kann niemals unethisch sein. Ein solcher, mitunter im öffentlichen Raum gehörter Vorwurf gegen den wissenschaftlichen Umgang mit "Mein Kampf" fördert die Irrationalität der Debatte. Wissenschaftliche Aufklärung der NS-Geschichte und ihrer Verbrechen ist immer auch Dienst an den Opfern und dient auf ihre Weise der Aufrechterhaltung der Würde der Opfer. Dies gilt auch für die Arbeit an "Mein Kampf".

Dies muss umso mehr hervorgehoben werden, als das Werk, wie bereits hundertfach gesagt wurde, im Ausland, im Internet und in Antiquariaten frei verfügbar ist und in der Zukunft frei verfügbar bleiben wird. Unter keinen Umständen ist die Verbreitung des Textes zu verhindern. Und gerade weil Hitlers Hetzschrift – Urheberrecht hin, Urheberrecht her – längst in der Welt ist und auch künftig gleichsam unkontrolliert vagabundieren kann, ist die Erstellung einer ernsthaften Edition mit einem dezidiert kritischen Standpunkt das Gebot der Stunde. Sie wird so eingerichtet sein, dass ihr Leser keine Seite Hitler-Text wird lesen können, ohne zugleich die kritische Einordnung der Editoren zur Kenntnis nehmen zu müssen.

Das Fazit lässt sich als Plädoyer für das Lesen fassen. Die Empfehlung zur kritischen Lektüre drängt sich gerade angesichts der nicht endenden und sich wechselseitig in allen denkbaren Formaten verstärkenden medialen Präsenz Hitlers und des Nationalsozialismus auf. Diesem Kreislauf des Neuen und Immergleichen kann der Interessierte nur entkommen, wenn er ad fontes geht. Dass "Mein Kampf" einen eminenten Quellenwert für die Geschichte des Unheils besitzt, ist, wie deutlich geworden sein dürfte, unbestreitbar. Und dafür, dass die verbrecherische Geschichte des nationalsozialistischen Unheils besser verständlich wird, intellektuell und kognitiv erschlossen werden kann, legt die akribische wissenschaftliche Aufbereitung die Basis.

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