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Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Hermann Glaser

Zur Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus – Ein Weg, um den Erfolg von "Mein Kampf" zu verstehen - Essay

Leerstelle Mentalitätsgeschichte

Nicht leicht zu verstehen ist, dass das Wissenschaftsparadigma, das heute in der NS-Forschung vorherrschend ist, kaum – mit wenigen Ausnahmen – einen mentalitätsgeschichtlichen Ansatz kennt und somit meiner Meinung nach dringend einer Ergänzung bedarf. Die jüngeren Publikationen zu Hitler und dem Nationalsozialismus leisten dies jedenfalls nicht. Das sei durch zwei Beispiele exemplarisch belegt.

In Othmar Plöckingers umfangreicher, akribisch genauer "Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers ‚Mein Kampf‘ 1922–1945" heißt es zwar, dass "auf die ideologischen Kontinuitäten nicht gänzlich verzichtet" werden soll, doch bleibt der Vorsatz unerfüllt.[5] Die Sekundärliteratur, die die Ideologisierung des deutschen Geistes zum Thema hat, an die dann Hitler anknüpft, taucht nicht auf. So auch nicht (oder kaum) beim jüngsten Beispiel der Hitler-Literatur: Volker Ullrichs 2013 erschienener erster Band seiner Biografie des Diktators.[6] Einige Zitate in der Einleitung zu dem eindrucksvoll umfang- und faktenreichen Buch könnten zwar als "Wetterleuchten" für das Paradigma der Mentalitätsforschung verstanden werden; etwa der erste Satz der Einleitung als Zitat von Thomas Manns Essay "Bruder Hitler".[7] Diese Fährte führte, so man sie denn verfolgte, zu den tiefen seelischen Verbindungen von Volk und Führer, ihre Verwandtschaft nämlich. Oder ein Wort von Harry Graf Kessler, der davon sprach, dass sich ein gescheiterter Mann und ein gescheitertes Volk verbunden hätten. Aber statt diesen Feststellungen, die helfen würden, das "Rätsel" der Faszination Hitlers zu verstehen, zu folgen, ordnet der Autor sein umfangreiches Material um die These, dass Hitler "komplexer und vielschichtiger" gewesen sei als allgemein angenommen werde und somit darin seine Wirkung läge. "Er war kein ‚Mann ohne Eigenschaften‘."[8] "Bruder Hitler" war aber ein jede Humanität niedermetzelnder Amokläufer – ein mieser abgründiger Spießer, der zum Schicksal eines Volkes werden konnte, weil er alle Untugenden und Ressentiments dieses Volkes inkorporierte. Wer "Mein Kampf" liest und alle seine Reden und Proklamationen, kann keine Spur von einem "Mann mit Eigenschaften" erkennen, außer eben, dass er von außerordentlicher Mediokrität war.

Dass so viele neuere Forscher dies nicht erkennen und damit auch nicht thematisieren, mag damit zusammenhängen, dass sie das "Dritte Reich" nicht als Zeitzeugen erlebten. Selbst wer nur als Jugendlicher in der Zeit von 1933 bis 1945 aufwuchs, konnte die für die heute in der Demokratie aufgewachsenen und lebenden Menschen nicht vorstellbare Verblödung und Ideologisierung der Deutschen geradezu traumatisch wahrnehmen – mit einem mörderischen Wahnsinnigen an der Spitze.

Das Institut für Zeitgeschichte in München wird eine kommentierte Edition der Hetzschrift herausgeben, um Neudrucken aufklärerisch entgegen zu wirken.[9] Schon der Begriff "kommentiert" führt in die Irre. Laut lexikalischer Definition ist ein "Kommentar" die Erläuterung einer wissenschaftlichen Abhandlung, einer Dichtung oder eines Gesetzestextes, immer eines Druckwerkes, das solche Erörterungen verdient. Hitlers "Mein Kampf" ist nichts von allem; das Buch ist zum einen eine Ansammlung von wüsten Schimpftiraden, zum anderen eine trübe Suada, die Elemente des deutschen Ungeistes übernimmt, wie er sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts ausbreitete. Dies kann man nicht "kommentieren", man muss es dekuvrieren, den wahren Charakter entlarven. Es gilt eben aufzuzeigen – Mentalitätsgeschichte kann dies leisten –, welche Wurzeln das Unheil hatte, um dadurch zu prüfen, ob sie im Untergrund noch keimen oder aber wirklich abgestorben sind.

Es zeigt sich, dass "Mein Kampf" aus einigen wenigen Ideologemen (Weltanschauungselementen) besteht, die ständig wiederholt und "eingehämmert" werden. Deshalb genügen zur Illustration Ausschnitte – ein Gesamttext wertet die aggressive Suada nur auf. Das sind: die Idyllisierung der kleinbürgerlichen und -städtischen Herkunft; die Rolle des Mädchens und der Frau im völkischen Staat; die Prinzipien der nationalen und militärischen Erziehung; Österreich als traumatisch empfundene "Judenrepublik", die ins Deutsche Reich "heimgeführt" werden solle und damit wieder "zu sich" finde; Kampf und Krieg als Lebenserfüllung; der Rassenwahn und die Mystik des Blutes, dessen Reinheit den "arischen" Menschen ausmache; die Diffamierung von Humanität als Schwäche und die Propagierung des "rassereinen Ariers"; die Ausschaltung und Vernichtung der Juden als Staatsprinzip; der Kampf gegen "entartete" Kunst und die "Ausmerzung" pluralistischer Kunst wie kommunikativer Sprache.

Mentalitätsgeschichtliche Aufgabenstellung

Zur Illustration der mentalitätsgeschichtlichen Aufgabenstellung seien angesichts der gebotenen Kürze dieses Essays zwei Beispiele für die Vorgehensweise Hitlers angedeutet, die an in der deutschen Bevölkerung tradierte Vorstellungen und Vorurteile anknüpfen: durch Anrufungen zum einen an ein (klein)bürgerliches Familienideal, zum anderen an das Ideal körperlich-geistiger Vollkommenheit.

Im ersten Kapitel stimmt er sein Publikum auf seine eigene (biedermeierlich gefälschte) Familien-Idyllik ein. Das entspricht einer trivial-literarischen Tradition, deren Stil auch der nationalsozialistische Massenmörder Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, in seinen autobiografischen Aufzeichnungen praktiziert.[10]

"Als glückliche Bestimmung gilt es mir heute, daß das Schicksal mir zum Geburtsort gerade Braunau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Grenze jener zwei deutschen Staaten, deren Wiedervereinigung mindestens uns Jüngeren als eine mit allen Mitteln durchzuführende Lebensaufgabe erscheint! (…) In diesem von den Strahlen deutschen Märtyrertums vergoldeten Innstädtchen, bayerisch dem Blute, österreichisch dem Staate nach, wohnten am Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts meine Eltern; der Vater als pflichtgetreuer Staatsbeamter, die Mutter im Haushalt aufgehend und vor allem uns Kindern in ewig gleicher liebevoller Sorge zugetan. Nur wenig haftet aus dieser Zeit noch in meiner Erinnerung, denn schon nach wenigen Jahren mußte der Vater das liebgewonnene Grenzstädtchen wieder verlassen, um innabwärts zu gehen und in Passau eine neue Stelle zu beziehen; also in Deutschland selber."[11]

Da ist alles enthalten, was einem in der Enge seiner freiwilligen oder aufgezwungenen Unbildung verkümmerten Kleinbürger, der über keine spontane und authentische Empfindungsfähigkeit mehr verfügte, zu Herzen gehen musste: die in breiten Sentenzen heranrollende wehmütige Erinnerung an die gute alte Zeit, die Idyllik des Familienlebens, die Mutterliebe, das Vaterglück, der Sohnesdank, der Anklang patriotischer Feierlichkeit. Das Ganze ist im Stil schief, voller sentimentaler Metaphern und Klischees – einschließlich äußerlich wirkungsvoller Partizipien.

Es handelt sich um die seit Jahrzehnten vor allem durchs schulische Lesebuch "eingeschliffene" Topik und Semantik, die einschließlich bestimmter verbaler Stanzmuster (etwa der mütterlichen "ewig gleichen liebevollen Sorge") das rurale Verhältnis zu Elternhaus und Familie bestimmte. Auch wenn Hitler Johann Wolfgang Goethes Epos "Hermann und Dorothea" wahrscheinlich nicht kannte, hat die epigonale Fehlinterpretation des deutschen Familienidylls bei Goethe und Friedrich Schiller ("Lied von der Glocke") seinen Ursprung, bis über viele Transformationen das Epos zum urdeutschen Familienbild uminterpretiert war. Pars pro toto: In einer der ausführlichen Erläuterungen zu "Hermann und Dorothea", tausendfach verbreitet, wird nach der Beantwortung der Frage, warum "in der Erwähnung des Mondes, dessen Klarheit und herrlichen Schein Dorothea preist, ein deutscher Zug" hervortrete, im patriotischen Rundumschlag "Hermann und Dorothea" als echt-deutsches Epos definiert. So etwa, wenn die "echt deutsche Familie" an "ihrer Sittlichkeit und strengen Ordnung, die sich zeigt in der Verteilung der Beschäftigung (Hermann: Feld und Stallung; Vater: Gastwirtschaft; Mutter: Hauswesen) und im Gegensatz zum welschen Nachbar (dem Sitte, Zucht und Achtung vor der Ehe abgehen)", festgemacht wird.[12]

Oder das zweite Beispiel: Hitlers Ausführungen zur Erziehung der Jugend im militärisch-kämpferischen Sinne; dies geschieht, indem er all die hohlen weltanschaulichen Stanzmuster des Bürgertums zu diesem Thema zusammenballt. Von zentraler Bedeutung dabei ist das durch das humanistische Gymnasium über die Turnerverbände ins allgemeine Bewusstsein indoktrinierte, fast alle der "Ertüchtigung" der Jugend dienenden Festreden "zierende" geflügelte Wort: "Mens sana in corpore sano" (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper).

"Die körperliche Ertüchtigung ist daher im völkischen Staat nicht eine Sache des einzelnen, auch nicht eine Angelegenheit, die in erster Linie die Eltern angeht, und die erst zweiter oder dritter die Allgemeinheit interessiert, sondern eine Forderung der Selbsterhaltung des durch den Staat vertretenen und geschützten Volkstums. So wie der Staat, was die reine wissenschaftliche Ausbildung betrifft, schon heute in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen eingreift und ihm gegenüber das Recht der Gesamtheit wahrnimmt, indem er, ohne Befragung des Wollens oder Nichtwollens der Eltern, das Kind dem Schulzwang unterwirft, so muß in noch viel höherem Maße der völkische Staat dereinst seine Autorität durchsetzen gegenüber der Unkenntnis oder dem Unverständnis der einzelnen in den Fragen der Erhaltung des Volkstums. Er hat seine Erziehungsarbeit so einzuteilen, daß die jungen Körper schon in ihrer frühsten Kindheit zweckentsprechend behandelt werden und notwendige Stählung für das spätere Leben erhalten, muß vor allem dafür sorgen, daß nicht eine Generation von Stubenhockern herangebildet wird."[13]

Bei der Formulierung "Mens sana in corpore sano" handelt es sich um eine der einflussreichsten Fälschungen, mit denen das deutsche kollektive Bewusstsein und Unterbewusstsein "geformt" und rassistisch – als Missachtung kranker und behinderter, also "minderwertig" eingestufter Menschen – beeinflusst wurde. Geflügelte Worte, die ein auf den Begriff gebrachtes Lebensideal signalisierten, wurden, wie das trojanische Pferd, als Vehikel der Zerstörung ihres Sinnes genutzt, aber vom äußeren Anschein her beibehalten. Das Streben des Menschen nach körperlich-geistig-seelischer Vollkommenheit, der seit der Antike anzutreffende humane Wunsch der Verbindung von körperlicher Schönheit und geistigen Vorzügen wurde aus dem Optativ (der Wunschform) in den Indikativ (Wirklichkeitsform) als normsetzendes Faktum verschoben. Der römische Satirendichter Juvenal hat solche menschenverachtende (den Kranken verachtende) Parole nie ausgegeben; in seiner zehnten Satire heißt es: "Orandum est ut sit mens sana in corpore sano" (mit Opfern bei den Göttern sollst du gesunden Geist in gesundem Leib erflehen).[14]

Hitlers ganzes Buch besteht aus solchen inhaltlichen Stereotypen, die an das anknüpfen, was im deutschen kollektiven Bewusstsein und Unterbewusstsein eingekerbt war und vor allem die seit Jahrzehnten herangebildeten Ressentiments evozierte beziehungsweise instrumentalisierte.[15]

Fußnoten

5.
Othmar Plöckinger, Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922–1945, München 20112.
6.
Volker Ullrich, Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs 1889–1939, Frankfurt/M. 2013.
7.
Vgl. Thomas Mann, Bruder Hitler, in: ders., An die gesittete Welt. Politische Schriften und Reden im Exil, Frankfurt/M. 1986, S. 253–261.
8.
V. Ullrich (Anm. 6), S. 21.
9.
Die bayerische Staatsregierung hat die anfängliche Förderung durch den Freistaat inzwischen zurückgenommen. Siehe auch den Beitrag von Andreas Wirsching in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
10.
Vgl. Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß, hrsg. von Martin Broszat, München 1963.
11.
Adolf Hitler, Mein Kampf, 2 Bde. in einem Band, München 1934, S. 1f.
12.
Johann Wolfgang von Goethe, Hermann und Dorothea. Mit ausführlichen Erläuterungen für den Schulgebrauch und das Privatstudium von Schulrat Dr. A. Funke, Paderborn 190714, S. 137.
13.
A. Hitler (Anm. 11), S. 453.
14.
Rudolf Beutler (Hrsg.), Das Wort der Antike, Bd. II: Juvenal. Satiren, übertragen von U. Knoche, München 1951, S. 104, S. 114.
15.
Vgl. Hermann Glaser, Adolf Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf". Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus, München 2014.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Hermann Glaser für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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