Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Hermann Glaser

Zur Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus – Ein Weg, um den Erfolg von "Mein Kampf" zu verstehen - Essay

Stilfragen

Von Hitlers rhetorischem Duktus heißt es oft, dass er berauschend, faszinierend, überwältigend gewesen sei. Er verfügte in der Tat über "Wort-Gewalt", weil hinter seinen Worten fast immer (nur nicht bei seinen sentimentalen Ausflüssen) die Drohung der Gewalt stand. Im Besonderen fand seine Sprache im Volk große Resonanz, weil ihre soziolinguistische Struktur der dominanten offiziellen politischen und gesellschaftlichen Sprache über Jahrzehnte entsprach, die durchdachte, authentische und ehrlich-offene Formen missachtete. Der brutal-aggressive, verlogen-sentimentale und hohl-pathetische Stil ("Jargon affirmativer Kultur" und "Jargon der Eigentlichkeit") hatte besondere Brutstätten der Entfaltung: Katheder, Kanzel und Festredner-Pult sowie, was die prahlerischen Schimpftiraden angeht, die "gemütliche" Nische des Stammtisches. Was letzteren betraf, so war bedeutsam, dass Hitlers rhetorische Brauhausqualität – auch wenn er selbst die Aura des alkohollosen Asketen kultivierte – gerne in Bierkellern seine Gefolgschaft aufpeitschte. Der Münchner Bürgerbräukeller etwa war insofern "Ursprungsort" von "Mein Kampf", als hier am Abend und in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 der Putsch vorbereitet wurde, in Folge dessen Scheitern Hitler in der Festungshaft zum Schriftsteller wurde. Seine "Rede" ist oft nichts anderes als ein wüstes Schimpfen, Toben, Witzeln, Höhnen, Auf-den-Tisch-schlagen, wie es rabiate Spießer eben am Stammtisch praktizieren.

München war für diese Bier-Ekstasen ein besonders geeigneter Platz. Die Stadt des Oktoberfestes wurde zur Hauptstadt der Bewegung. Der ungewöhnlich hohe Münchner Alkoholkonsum müsse als Movens der politischen Radikalisierung gesehen werden. Der US-amerikanische Historiker David Clay Large hat unter solchem Aspekt zum Beispiel eine Geschichte des Marsches auf die Feldherrnhalle am 9. November 1923 aus der Perspektive der Bierkrüge geschrieben, von denen in der chaotischen Saufnacht im Bürgerbräukeller zuvor 143 zerschmettert wurden. "Der ‚Marsch‘ am anderen Morgen entpuppte sich als ein selten erbärmlicher Zug alkoholisierter und/oder schon verkaterter Bierdimpfl und Zechbrüder, die sich eine Nacht lang gewaltig die Kante gegeben hatten. Hitlers Münchner Helfer waren zum großen Teil schwer angeschlagene, enthemmte und, heute würde man sagen: ziemlich durchgeknallte Saufnasen."[16]

Was die Herkunft und die prägende Bedeutung des "leeren Pathos" betrifft, so spielt die Rezeption der Klassik, insbesondere Schillers, eine bedeutsame, die "Sprachebene" markant bestimmende Rolle. Aber auch die "Redefiguren" der Romantik, wie sie epigonal aus dem Mythos der Freiheitskriege gegen Napoleon hervorgingen, übten einen fatalen Einfluss aus. Das Erbe klassischer Begeisterung für die hohen idealen Werte und Tugenden wurde gehaltlich entleert, sodass am Ende ein Schrott von Worthülsen übrig blieb, die man beliebig mit Inhalten, die der früheren Semantik diametral entgegengesetzt waren, auffüllen konnte. Der Missbrauch der dichterischen Sprache vollzog sich schleichend; zunächst wurden die Inhalte durch den Begeisterungsfuror erstickt, der sich vor allem an festlichen Erinnerungstagen ausbreitete. Ein Beispiel nur zur Charakterisierung der Situation.

Gabriel Rießer, Politiker und Jurist, der 1860 der erste Richter jüdischen Glaubens in Deutschland wurde, hielt die interessanteste Festrede zu Schillers 100. Geburtstag 1859.[17] Er war ein gegen Obrigkeits- und Polizeistaat kämpfender liberaler Geist; seine Rede ist somit ein Beispiel dafür, dass man zu dieser Zeit demokratisch denken, fühlen und handeln konnte, auch wenn man nicht mehr die logisch klare, menschlich bescheidene Sprache der Aufklärung und Klassik, sondern die hochtrabende und schwülstige eines engstirnigen Kleinbürgertums sprach. Um deutlich genug aufzuzeigen, dass Schiller edel, erhaben, mächtig, herrlich und unerreicht sei, werden die entsprechenden Worte zu rhetorischen Gipfeln aufgetürmt. Für Rießer und seine enthusiastisch-andächtigen Zuhörer war in Schiller die "höchste und edelste Bildung erschienen", die "reine Entwicklung des Natürlichen, die schönste Blüte, die süßeste Frucht; in ihm lebten die zartesten und tiefsten Empfindungen, das reinste Geistige, die höchsten Mächte und die ursprünglichsten und kindlichsten Gefühle" (und dies alles in einem Satz!).

Metaphorik, Syntax und Topik der national-bürgerlich (dem Geiste nach: kleinbürgerlich) politischen wie kulturellen Rede des 19. und 20. Jahrhunderts sind damit illustriert: ein Schwulst der Bilder, die Betäubung des Logos durch mystifizierendes Geraune, eine Zerstörung der Begriffskerne, sodass leere Worthülsen allein verbleiben, eine Fülle falscher, schiefer oder unnötiger Genitive, um hochtrabende Feierlichkeit bemühte Inversionen, eine Häufung synonymer Worte – im Besonderen das Wort "deutsch" umkreisend. Für Friedrich Nietzsche, zu dessen Paradoxie es gehörte, das gefördert zu haben, was er ablehnte, hieß "gut deutsch sein" "sich entdeutschen". "Der also, welcher den Deutschen wohlwill, mag für seinen Teil zusehen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hinauswachse. Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen."[18] "Deutsch" war ein Schlüsselwort der pathetisch aufgeladenen leeren Rede, damit auch charakteristisch für Hitlers Demagogie.

Schluss

Die Empfehlung Nietzsches, der 1872 auch von der "Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches" sprach, kann wohl generell gelten. Nach den Erfahrungen mit Hitlers "Mein Kampf" und dem Nationalsozialismus ist das "entdeutschte Deutschland" zugunsten eines aufklärerisch-demokratischen für alle Zeiten eine Notwendigkeit. Die tief sitzenden Wurzeln des deutschen Ungeistes mahnen zudem zur Beachtung der Warnung, dass man die Anfänge gefährlicher Entwicklungen sensibel wahrnehmen und ihnen wehren muss. Denn: Wer in der Demokratie schläft, kann leicht in der Diktatur erwachen.

Fußnoten

16.
Martin Hecht, Die Stadt, das Bier und der Hass, 13.9.2012, http://www.zeit.de/2012/38/Muenchen-NS-Dokumentationszentrum« (23.7.2015). Vgl. David Clay Large, Hitlers München, München 1998.
17.
Gabriel Rießer, Zu Schillers 100. Geburtstag, Hamburg, 10.11.1859, zit. nach: Johannes Hohlfeld, Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart, Bd. 1, S. 85ff.
18.
Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, zit. nach: Hannah Vogt, Selbstkritik der Völker, Wiesbaden 1959, S. 4.
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