Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Patricia Graf
Antonia Kupfer

Geschlechterverhältnisse in ausbeutenden Arbeitsbeziehungen

Schwerpunktbereiche

Es gibt drei Bereiche, in denen Frauen besonders in Gefahr sind, versklavt zu werden: sexuelle Ausbeutung, Haushalts- und Pflegearbeiten sowie Sonderwirtschaftszonen. Bei den ersten beiden handelt es sich um traditionelle Frauenarbeitsbereiche, zumeist gekennzeichnet durch äußerst geringe Löhne und geringe Anerkennung bis hin zu offener Abwertung der Tätigkeiten. Diese Bereiche werden darüber hinaus oftmals als privat bezeichnet. Damit sind Frauen viel stärker als Männer in Gefahr, unerkannt und ungeahndet ausgebeutet zu werden. Um die Versklavung und Ausbeutung von Frauen zu erkennen, ist es daher zunächst notwendig, den vermeintlich privaten Bereich immer im Zusammenhang mit dem sogenannten öffentlichen Bereich zu denken und die beiden Bereiche als aufeinander bezogen und in gegenseitiger Abhängigkeit zu erkennen.

Sexuelle Ausbeutung:
Es ist außerordentlich schwierig, belastbare Zahlen über das Ausmaß von Menschenhandel zum Zweck der Prostitution zu erheben. 2005 schätzte die ILO die Zahl der Menschen, die allein in den westlichen Industrieländern infolge von Menschenhandel Zwangsarbeit leisten müssen, wozu auch sexuelle Arbeitsausbeutung gerechnet wurde, auf 270.000.[18] Die Angaben zu Deutschland variieren erheblich: Während die ILO 2007 von 15.000 Fällen sprach, gehen andere Schätzungen davon aus, "dass jährlich zwischen 10.000 und 30.000 Personen nach Deutschland allein in die Prostitution gehandelt werden".[19] Klar ist dagegen, dass in den vergangenen Jahren ein hoher Anteil der Opfer von Frauenhandel für Zwangsprostitution EU-Bürgerinnen sind und viele von ihnen aus Rumänien und Bulgarien kommen.[20]

Dabei sind es hauptsächlich vier Wege, auf denen Frauen in die Migration und Prostitution gezwungen werden:[21]

Erstens durch Androhung oder Ausübung von Gewalt. Zweitens durch das Kreieren von "Schulden": "Den Frauen werden in den Zielländern etwa Einkommensmöglichkeiten im Bereich der Haushaltshilfe, Pflege, der Gastronomie oder als Tänzerinnen in Aussicht gestellt. Dort angekommen haben sie dann bereits mit der Fahrt – durch Reise-, Verpflegungskosten, Kosten zur Beschaffung von Visa und Pässen – ‚Schulden‘ gemacht",[22] die sie durch Prostitution "abtragen" müssen. Drittens durch Täuschung: Frauen stimmen versprochenen, doch sich als unwahr herausstellenden Arbeitsbedingungen zu. Sie willigen also in ihre Prostitution ein, aber zu Bedingungen, die sich später als sehr viel schlechter herausstellen und oftmals so aufgebaut sind, dass sie Frauen in dauerhafter finanzieller Abhängigkeit halten. Frauen werden beispielsweise durch ein diktiertes Regelsystem, das sie mit "Geldstrafen" belegt, versklavt. Auch Androhungen, ihre Familien zu informieren, wenn sie sich weigern sollten, unter den aufgezwungenen Bedingungen zu arbeiten, wirken versklavend. Und viertens durch Scheinehen, durch die der Aufenthaltsstatus zum Druckmittel wird. Diese vier Wege überschneiden und vermischen sich oftmals.

Die Politikwissenschaftlerinnen Anne Dölemeyer und Rebecca Pates verweisen auf eine zusätzliche Diskriminierung sexuell ausgebeuteter Frauen:[23] Dadurch, dass ihre Arbeit in der deutschen Gesetzgebung allein unter der Kategorie "Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung" und nicht als "Arbeitsausbeutung" verfolgt wird, können sie sich gerichtlich nur um den Preis persönlicher Entblößung wehren; das Einklagen von Lohn ist dabei meist so gut wie aussichtslos. Dagegen sind entsprechende Klagen von Opfern von "Arbeitsausbeutung", die beispielsweise um Lohn für ihre Arbeit auf Baustellen betrogen worden sind, sehr viel erfolgreicher. Die Anerkennung von Zwangsprostitution als Arbeitsausbeutung ist also dringend geboten.

Haushalts- und Pflegearbeiten:
Sämtliche Haushalts- und ein Großteil der Pflegearbeiten finden nach wie vor strikt arbeitsteilig nach Geschlecht und im sogenannten privaten Bereich statt. Dieser ist durch mangelnde öffentliche Regulierungen und Intransparenz gekennzeichnet. Somit sind hier insbesondere Frauen von Versklavung betroffen.[24] Verschärfend wirken strukturelle Faktoren wie der demografische Wandel, durch den in Deutschland eine immer größere Anzahl alter und pflegebedürftiger Menschen lebt, sowie die dadurch steigenden Kosten, die weder vom Staat noch von Privatpersonen in ausreichendem Maß getragen werden (können). Folglich wird auf die besonders preiswerte und extrem ausbeutbare Arbeitskraft von Frauen, vorwiegend Migrantinnen, zugegriffen.

In der Europäischen Union wird die Erbringung von Pflegedienstleistungen durch die EU-Dienstleistungsrichtlinie geregelt. Diese nimmt aber den Bereich der Gesundheitsdienstleistungen aus. In Deutschland können somit (legal) keine grenzüberschreitenden Dienstleistungen erbracht werden, was dazu geführt hat, dass viele im EU-Ausland im Gesundheitssektor ausgebildete Frauen in Deutschland unter Qualifikationsniveau arbeiten. Auch müssen Dienstleistende, um Scheinselbstständigkeit zu verhindern, mehr als einen Auftraggeber vorweisen. Gerade dies ist aber im Pflegebereich, etwa im Fall von 24-Stunden-Betreuung, häufig nicht gegeben. Dadurch werden die Pflegearbeiterinnen in illegale Arbeitsverhältnisse zu ausbeuterischen Bedingungen gedrängt.[25]

Sonderwirtschaftszonen:
Den dritten Bereich, in dem viel mehr Frauen als Männer von extremer Ausbeutung und Sklaverei betroffen sind, bilden arbeitsintensive Sektoren, die im Zuge der Globalisierung durch neoliberale Politik in Schwellen- und Entwicklungsländern entstanden sind. Häufig befinden sich diese in Sonderwirtschaftszonen, das heißt in räumlich abgegrenzten Gebieten, in denen es meist steuerliche Vergünstigungen gibt, aber auch niedrigere Standards bezüglich Umwelt- und Arbeitsrecht gelten als im übrigen Staatsgebiet.

Anders als bei sexueller Ausbeutung und Pflege- und Haushaltsarbeiten handelt es sich hierbei zunächst nicht um einen traditionellen Frauenarbeitsbereich. Der Großteil der Beschäftigten in diesen Sonderwirtschaftszonen ist jedoch weiblich, wobei der Anteil weiblicher Beschäftigter in der Textil- sowie in der Elektronikindustrie mit 90 Prozent besonders hoch ist. Die Beschäftigten haben meist unzureichenden Zugang zur Gesundheitsversorgung und sind oft unterernährt. Die langen Arbeitszeiten und Überstunden werden schlecht oder gar nicht vergütet, und sexuelle Belästigung und Zwang sind an der Tagesordnung.[26] Um in diesen Bereichen die Triebfedern von Ausbeutung und Versklavung zu erkennen, ist es nötig, die Zusammenhänge zwischen internationalen Handelsbeziehungen (etwa in Form von Freihandelsabkommen) und lokalen Geschlechterverhältnissen in den Blick zu nehmen.

Täterinnen

Zwischen 2010 und 2012 waren 28 Prozent der in der Europäischen Union wegen Menschenhandels festgenommenen Personen weiblich.[27] Zwar liegt dieser Anteil weit unterhalb des Männeranteils, doch wenn man ihn ins Verhältnis setzt zum Frauenanteil an Verbrechen insgesamt (etwa 11 Prozent zwischen 2003 und 2006), so zeigt sich, dass Menschenhandel in der EU eines der Hauptverbrechen ist, für das Frauen angeklagt werden.

Neben Osteuropa und Zentralasien sind Frauen vor allem in Mittel- und Südamerika in Tätigkeiten des Menschenhandels eingebunden. Dabei sind sie meistens an Stellen von Menschenhandelsketten aktiv, die eine hohe Sichtbarkeit voraussetzen und deshalb riskanter und eher am unteren Ende der Hierarchie angesiedelt sind, zum Beispiel als Geldeinsammlerinnen, Rezeptionistinnen und Aufpasserinnen. Vor allem in Ländern, in denen ein hoher Anteil von Mädchen unter den Opfern von Menschenhandel zu finden ist, ist auch die Rate an Täterinnen hoch.

Auch nehmen Frauen im Menschenhandel oft Rollen ein, die häufige Interaktion mit dem Opfer mit sich bringen. Eine mögliche Erklärung für die Korrelation von Täterinnen und Mädchenhandel könnte darin liegen, dass Frauen vielfach zur Rekrutierung eingesetzt werden, da sie Mutterstereotype bedienen und ihnen unterstellt wird, einfacher das Vertrauen anderer Frauen und Mädchen gewinnen zu können.[28]

Fußnoten

18.
Vgl. ILO, Eine globale Allianz gegen Zwangsarbeit, Genf 2005, S. 16.
19.
P. Follmar-Otto/H. Rabe (Anm. 8), S. 61.
20.
Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung (Anm. 13), S. 14.
21.
Vgl. P. Follmar-Otto/H. Rabe (Anm. 8), S. 60f.
22.
Ebd., S. 60.
23.
Vgl. Anne Dölemeyer/Rebecca Pates, Schwierige Verhältnisse: Menschenhandelsopfer und Geschlecht in Gerichtsverfahren, in: Femina Politica, 25 (2016) 1 (i.E.).
24.
Vgl. Lisa Kundler, Moderne Sklaverei in Deutschland am Beispiel der Haushalts- und Pflegebranche, Bachelorarbeit, TU Dresden 2015.
25.
Vgl. Helma Lutz/Ewa Palenga-Möllenbeck, Care-Arbeit, Gender und Migration: Überlegungen zu einer Theorie der transnationalen Migration im Haushaltsarbeitssektor in Europa, in: Uta Meier-Gräwe (Hrsg.), Die Arbeit des Alltags, Wiesbaden 2015, S. 181-199.
26.
Vgl. ILO (Anm. 1); Ch. Wichterich/K. Menon-Sen (Anm. 17); Joan Acker, Geschlechterfrage, Kapitalismus und Globalisierung, in: Ulrich Beck/Angelika Poferl (Hrsg.), Große Armut, großer Reichtum, Frankfurt/M. 2010, S. 542–580.
27.
Vgl. UNODC (Anm. 4), S. 5.
28.
Vgl. ebd., S. 27.
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