Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005

4.12.2015 | Von:
Paula von Gleich
Samira Spatzek

Meine Stadt und Versklavung? Jugendliche auf Spurensuche in Bremen

Kein Ergebnis ist ein Ergebnis

Das Bremer Projekt zeigt des Weiteren, dass die interdisziplinäre Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen sehr produktiv sein kann, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. So vermochte das Projekt Wissenslücken zu füllen – ähnlich wie andere kulturpolitische Projekte, Initiativen und Bündniskampagnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Deutschlands Verbindung zu Kolonialismus und Kolonialrassismus sowie Versklavung und deren Ökonomien sichtbar zu machen.[14] In vielen Bereichen aber ist es vor allem eine Aufgabe, diese Lücken als solche überhaupt erst aufzuzeigen.

Häufig, wenn die Jugendlichen in Museen und Archiven in Bremen und Umgebung unterwegs waren, um Antworten auf ihre Fragen zu finden, stießen sie "nur" auf weitere Fragen. Im Tuchmacher Museum Bramsche wollten die Schülerinnen und Schüler beispielsweise den Leinenhandel der Region Osnabrück erkunden, um mehr über seine durch Forschung belegte Verwicklung in Versklavungsökonomien zu lernen. Jedoch fanden sie dort eben nicht die sogenannten Osnaburghs – jene Leinenkleidung, die auf amerikanischen Plantagen von versklavten Schwarzen Menschen getragen wurde.[15] Obwohl das Leinen für diese Kleidung in Osnabrücker Webereien verlegt und dann in die Karibik beziehungsweise in die amerikanischen Kolonien verschifft wurde, thematisierte das Museum diesen Teil des Osnabrücker Leinenhandels nicht – ein Hinweis darauf, wie Lücken und Verdrängungen im gesellschaftlich akzeptierten kulturellen Gedächtnis entstehen und erhalten werden.

Während der Projektarbeit an der Schnittstelle von Schule und Wissenschaft geht es folglich häufig darum, außerhalb etablierter Forschungswege und über disziplinäre Grenzen hinaus zu denken. So ist historische Forschung beispielsweise auf ein gut bestücktes und systematisch organisiertes Archiv angewiesen. Nach einer bestimmten Logik und mithilfe von zuvor sorgfältig ausgewählten Stichwörtern kann dann in Findbüchern gezielt nach dem gewünschten Material gesucht werden. Was aber, wenn die Suche nicht greift und keine Ergebnisse aus den staubigen Tiefen des Archivs liefert?

Diese Erfahrung machten die Schülerinnen und Schüler während ihrer Recherchearbeit im Bremer Staatsarchiv, das auf die Sammlung, Archivierung und Veröffentlichung von Zeugnissen der Bremer Landesgeschichte spezialisiert ist und dessen Bestände die Bremer Aktivitäten im sogenannten Überseehandel sorgfältig dokumentieren.[16] Nur zufällig stießen die Jugendlichen dabei auf ein Dokument aus dem Jahr 1842. Hierbei handelt es sich um den Brief eines Bremerhavener Amtmanns an den Bremer Senat unter Bürgermeister Johann Smidt, der von einem entflohenen "Sclaven" namens William Stepny berichtet, der an Bord eines unter Bremer Flagge fahrenden Schiffes aus den Vereinigten Staaten als blinder Passagier nach Bremerhaven kam und nach seiner Entdeckung zunächst inhaftiert wurde.[17] In dem Brief wird diskutiert, was mit Stepny passieren soll. Wie aus dem Dokument deutlich wird, entschieden sich die weißen Bremer Kaufleute auf Anfrage seines "Besitzers" für die Rücksendung Stepnys als ein Stück Ladung in die Vereinigten Staaten und damit in die Versklavung – eine Entscheidung, die sowohl mit den gemeinsamen, transatlantischen Wirtschaftsinteressen der Handelspartner als auch damit begründet wurde, dass man in Bremen nicht über die Emanzipation Stepnys entscheiden könne.

Das Interessante an diesem Dokument ist nicht nur, dass es einen der wenigen Momente kennzeichnet, in dem die Schülerinnen und Schüler bei ihrer Suche im Archiv auf deutliche Spuren von der Verquickung von globalen Versklavungsökonomien mit der Bremer Lokalgeschichte gestoßen sind. Deutlich wird hierbei auch, wie fantasievoll Forschende oftmals zu Werke gehen müssen und wie limitiert und schwer zugänglich die scheinbar unendlichen Materialsammlungen eines Archivs sein können, wenn es darum geht, neue, kritische Wissensbestände zu generieren. Denn die Schülerinnen und Schüler konnten die Geschichte von William Stepny nur finden und in ihren Forschungsarbeiten diskutieren, weil sich ein Mitarbeiter des Staatsarchivs an den Brief erinnerte. Das Dokument war im Findbuch unter dem Schlagwort "Auswanderung im 20. Jahrhundert" einsortiert und wäre somit für das Denkwerk-Projekt eigentlich unauffindbar gewesen.

Wie dieses Beispiel zeigt, geht es bei der Arbeit von Projekten wie dem "Gewebe der Sklaverei" darum, kreativ, interdisziplinär und mit Neugier zu Werke zu gehen, sowohl inhaltlich als auch methodologisch. Wenn Rechercheerfolge von Zufällen abhängen, können Projekte dieser Art vor allem dazu beitragen, Reflexionsräume zu eröffnen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es auf kritische Perspektiven und Fragestellungen ankommt. Eine Schülerin aus dem ersten Projektjahr zog aus diesen Erfahrungen folgenden Schluss: "Es ist schon interessant, zu sehen, wie stark aufbereitet alles ist, was man in der Schule vorgesetzt bekommt."[18] Eine solche Perspektive kann aber auch bedeuten, zu begreifen, dass in der wissenschaftlichen Arbeit häufig der Weg das Ziel ist. Schließlich war es für die Schülerinnen und Schüler dieses Projekts während ihrer Spurensuche besonders schwierig zu verstehen, dass "nichts zu finden, in der Wissenschaft ein Ergebnis ist, das etwas bedeutet", so die Projektkoordinatorin Sabine Broeck.[19] Eine weitere Schülerin fasst das so zusammen: "Zu Beginn des Projektes dachte ich: Ich lese etwas und da steht dann alles drin. Aber am Ende war es dann vielleicht nur ein Satz, den man weiter verfolgte und so auf eine ganze Kette von Informationen stieß."[20]

Vom "Bremer Überseehandel" zu Versklavung: Ein Fazit

Die Frage nach den Bremer Verbindungen zu Versklavung ist nicht weit hergeholt, wenn man nur aus der richtigen Perspektive darauf schaut und auch Lücken und Fragen als weiterführende Ergebnisse versteht. Sensibilisiert für die komplexen Strukturen und Auswirkungen von Kolonialismus und Versklavung ist so der Name des "Bremer Überseehandels" nicht mehr neutral; die Bedeutung, die der transatlantische Versklavungshandel im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Nord- und Südamerika sowie der Karibik hatte, wird dahinter sichtbar. Sogenannte Kolonialwaren sind so eindeutig auch als Güter der Versklavungsökonomien zu identifizieren, und weiße Akteure der Stadt Bremen, wie zum Beispiel Kaufleute und politische Repräsentanten, zeigen sich über ihre Handelsverbindungen in ein System transatlantischer kolonialer Versklavungsprozesse verstrickt.

Versklavung war im 18. und 19. Jahrhundert in der Stadt präsent – durch direkte Profiterzielung in den Plantagenwirtschaften, koloniale Besitzungen in Nord- und Südamerika sowie in der Karibik, durch Handel mit Produkten wie Zucker, Kaffee und Baumwolle sowie durch geschäftliche, familiäre und freundschaftliche Verbindungen in die "Neue Welt", wo Bremerinnen und Bremer mit Versklavten wirtschafteten und dadurch zu Reichtum und Einfluss gelangten. Verkürzt lässt es sich so ausdrücken: ohne Kolonialismus keine Kolonien in den Amerikas, ohne Versklavung in den Kolonien keine Waren in exportierbaren Mengen, ohne Waren kein transatlantischer "Überseehandel" und ohne "Überseehandel" keine blühende Handelsstadt in Westeuropa.

Wie das Bremer Denkwerk-Projekt zeigt, können diese Verknüpfungen heute allerdings nur in einzelnen Spuren forschend verfolgt werden, denn sie sind aus dem kulturellen Gedächtnis der Stadt Bremen und ihrer Akteure so gut wie gelöscht. Schließlich bewirken Projekte dieser Art Erkenntnisse, die vor allem eines verdeutlichen: Lokale Geschichte in Deutschland, aber auch in Europa, ist spätestens seit dem 18. Jahrhundert immer auch eine Verflechtungsgeschichte, eine globale, koloniale Geschichte der Versklavung.

Fußnoten

14.
Vgl. z.B. die kollaborative Wanderausstellung "Freedom Roads!", in der u.a. die Umbenennung kolonial geprägter Straßennamen gefordert wird (http://www.freedom-roads.de«) sowie das Projekt "Far, far away? Kolonialrassismus im Unterricht – Globales Geschichtslernen vor Ort" des Vereins Berlin Postkolonial (http://www.berlin-postkolonial.de«).
15.
Vgl. Hans-Werner Niemann, Leinenhandel im Osnabrücker Land. Die Bramscher Kaufmannsfamilie Sanders, 1780–1850, Bramsche 2004, S. 46.
16.
Vgl. Sabine Broeck, Lessons for A-Disciplinarity: Some Notes on What Happens to an Americanist When She Takes Slavery Seriously, in: Jana Gorisch/Ellen Grünkemeier (Hrsg.), Postcolonial Studies Across the Disciplines, Amsterdam 2013, S. 350.
17.
Anonym, Brief, 24.6.1842, Staatsarchiv Bremen, http://denkwerk.szwalle.de/material/quellen« (9.11.2015).
18.
Zit. nach: Katharina Hirsch, Was Bremer Kaufleute mit Sklaverei zu tun hatten, in: Weser Kurier vom 11.2.2013.
19.
Zit. nach: ebd.
20.
Zit. nach: Anne Gerling, Auch Leerstellen sind ein Recherche-Erfolg, in: Weser Kurier vom 23.3.2015.
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