Aus Nepal kommende Wanderarbeiter ernten in Punjab Zuckerrohr, Dezember 2005
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4.12.2015 | Von:
Paula von Gleich
Samira Spatzek

Meine Stadt und Versklavung? Jugendliche auf Spurensuche in Bremen

Die Hansestadt Bremen ist für ihre jahrhundertelange Handelstradition bekannt. Auch mit den Vereinigten Staaten von Amerika, die 1783 als unabhängiger Staat anerkannt wurden, knüpften Bremer Kaufleute schon frühzeitig Geschäftsbeziehungen. Durch den transatlantischen Handel mit Baumwolle, Zucker, Kaffee, Kakao und Tee wurde ihre Stadt unmittelbar eingebunden in die Ökonomien und Praktiken der Versklavung. Die Spuren der kolonialen Vergangenheit sind heute noch im Stadtbild erkennbar, etwa dort, wo Straßennamen auf die Beteiligung am "Überseehandel" verweisen. Einerseits gibt es also Hinweise dafür, dass Bremen in den Handel mit sogenannten Kolonialwaren involviert war und auf diese Weise großen Reichtum erwarb, andererseits fehlt es an einem öffentlichen, kritischen Bewusstsein dafür, dass die Geschichte der Stadt durch ebendiesen Handel mit der globalen Geschichte von Kolonialismus und Versklavung verflochten ist – mit Rückwirkungen auch für die Gegenwart.

Wir sprechen hier bewusst von "Versklavung" und nicht von "Sklaverei". Denn der Begriff "Versklavung" betont die gewaltvolle Prozesshaftigkeit des "Versklavens" und verweist dabei sowohl auf die europäischen weißen Akteure, die Schwarze Menschen bewusst versklavten, als auch auf den beständigen Widerstand Schwarzer Menschen dagegen.[1] Der Begriff "Sklaverei" hingegen drängt nicht nur den Prozess der Versklavung als auch die Rolle der weißen "Versklaver" in den Hintergrund; er verschleiert auch die dahinter stehenden rassistischen Logiken weißer Vorherrschaft.[2]

Versklavungsökonomien wurden in Nord- und Südamerika sowie in der Karibik vom 16. bis 19. Jahrhundert von weißen Europäern betrieben. Sie waren dabei auf den ebenfalls durch weiße Europäer initiierten Versklavungshandel als festen Bestandteil des transatlantischen Dreieckshandels angewiesen. Mit der Abschaffung des transatlantischen Handels mit Schwarzen Menschen durch die einzelnen Kolonialmächte zwischen 1807 und 1833 verließen sich die Plantagenökonomien zunehmend auf den "Binnenhandel" mit Versklavten innerhalb der Amerikas. Wenn nun einige Bremer Kaufmannsfamilien durch den Handel mit zum Beispiel Tabak viel Geld verdienten, und Bremer Reichtum letztlich auf dem Leid der versklavten Schwarzen Menschen auf den Plantagen gründet, warum wissen wir heute so wenig über diesen Zusammenhang? Wieso ist die Bremer Stadtgeschichte beispielsweise stolz auf die internationale Rolle seiner damals modernen Zuckermanufakturen,[3] während sich kaum jemand daran erinnern möchte, dass ohne Zwangsarbeit von versklavten Schwarzen Menschen kein Zucker hätte produziert werden können? Diesen und weiteren Fragen gingen Schülerinnen und Schüler in dem durch die Robert Bosch Stiftung geförderten und auf zwei Jahre angelegten Denkwerk-Projekt "Das Gewebe der Sklaverei: auf den Spuren transatlantischer Versklavung in Bremen" nach.[4]

Gewebe der Versklavung

Die Ausgangsthese war, dass Bremens Handel in ein globales Netz der Versklavung zwischen Afrika, Europa und Nord- und Südamerika sowie der Karibik eingebunden war und dass die Spuren dieses "Gewebes" bis heute in Bremen sichtbar sind. Die Schülerinnen und Schüler stellten sich demnach der schwierigen Aufgabe, nach möglichen Verbindungen einer norddeutschen Stadt wie Bremen im 21. Jahrhundert zu der Versklavung Schwarzer Menschen in Nordamerika im 18. und 19. Jahrhundert zu suchen. In Zusammenarbeit mit ihren Lehrkräften und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Bremen studierten sie kulturelle Artefakte wie Gebäude und ihre architektonischen Merkmale, Museen und Straßennamen und recherchierten in Archiven – sensibilisiert für die hinter dem scheinbar "unschuldigen" Überseehandel liegenden Verbindungen zu Kolonialismus und Versklavung.

Die Rolle anderer europäischer Akteure, die Kolonien in der sogenannten Neuen Welt besaßen, aktiv in den atlantischen Dreieckshandel eingebunden waren und damit auch in den Versklavungshandel verstrickt, ist wohl bekannt. Besonders einflussreich waren Spanien, Portugal und Großbritannien. Aber auch die Niederlande, Frankreich und Dänemark waren substanziell an diesem Handel beteiligt – einem Handel, in dem zwischen 1501 und 1866 mehr als zwölf Millionen Schwarze Menschen an der westafrikanischen Küste gegen in Europa gefertigte Güter eingetauscht wurden und mit deren erzwungener Arbeitskraft auf den amerikanischen und karibischen Plantagen zum Beispiel Baumwolle, Tabak und Zucker für den Export nach Europa angebaut wurden.[5] Doch eine Verbindung zu einer Stadt und einer Region Europas herzustellen, die keine Kolonien in den Amerikas besaß und somit kaum direkt am Versklavungshandel beteiligt war,[6] scheint weitaus schwieriger.

So haben die amerikanischen und deutschen Geschichtswissenschaften und die Bremer Lokalhistoriografie diese Verbindungen auch bisher kaum in den Blick genommen – was nicht verwundert, handelt es sich doch um einen Forschungsbereich, der viele Disziplinen berührt, aber in keiner richtig "zuhause" zu sein scheint. Die Forschungsthese betrifft sowohl eine Vielzahl von Lokalitäten, die einen Großteil der Welt umspannen und auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden müssen, als auch eine längere zeitliche Phase in der Geschichte. Zudem entstand und verfestigte sich das komplexe Gewebe in einer historiografisch eher "unhandlichen" Zeit: So gab es im frühen 18. Jahrhundert zwar Bremen, aber noch keinen einheitlichen deutschen Staat, und es gab nordamerikanische Kolonien, aber noch keine Vereinigten Staaten von Amerika.

Forschend lernen

Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 8 und 12 der Bremer Schulzentren Walle und Waller Ring stellten sich zusammen mit ihren Lehrkräften und der Bremer Amerikanistin Sabine Broeck der Herausforderung, diese komplexen Verbindungen aus dem Lokalen nachzuverfolgen.[7] Der geschichtlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und bis heute anhaltenden Verstrickung von einer Stadt wie Bremen mit Versklavung nachzugehen, verlangte dabei eine transdisziplinäre Herangehensweise. Es erforderte ein "Lesen" von kulturellen Artefakten, das sich gegen dominante Interpretationsansätze richtet und bisher unhinterfragte Grundannahmen auf den Prüfstand stellt. Solch eine "Lektüre" von kulturellen Objekten wie Romanen, Kunstwerken oder Gesetzestexten wird insbesondere in den postkolonialen Literatur- und Kulturwissenschaften praktiziert. Die Objekte werden dabei auf ihre machtpolitischen Hintergründe und die dahinterstehenden Logiken hin analysiert. Diesem kritischen Lektüreverfahren folgend wurden für die Schülerinnen und Schüler Stück für Stück Verdrängungen und Auslassungen im kulturellen Gedächtnis sichtbar,[8] die verschleiern, wie sehr Bremen und Versklavung miteinander verbunden sind.

In der Vorbereitung des Projekts zeigte sich sehr deutlich, dass die Themen Versklavung, transatlantischer Versklavungshandel und die Plantagenökonomien in den Amerikas, wenn überhaupt, nur am Rande zum Lehrplan an Bremer Schulen gehören. Wenn sie im Unterricht vorkommen, dann meist nur als kurze Erwähnung im Zusammenhang mit anderen Ereignissen aus der Geschichte der USA wie dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) oder der Bürgerrechtsbewegung im 20. Jahrhundert. Die globalhistorischen Dimensionen von Versklavungsökonomien werden überhaupt nicht berücksichtigt. Das Stichwort für das Projekt war also "forschendes Lernen".

Die Nachforschungen führten die Jugendlichen an verschiedene Orte in der Stadt, im norddeutschen Raum und sogar ins Ausland. Einen sehr guten Überblick und eine kritische Auseinandersetzung mit Versklavung konnten die Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse während einer Exkursion zum International Slavery Museum in Liverpool im zweiten Projektjahr erlangen. Das Museum dokumentiert Liverpools Rolle als einen der bedeutendsten europäischen Häfen im Versklavungshandel. Die Schülerinnen und Schüler wurden dort nicht nur mit den unterschiedlichen Aspekten der grausamen Versklavung auf karibischen und amerikanischen Plantagen konfrontiert, sie bekamen vor allem wertvolle Einblicke in die zielgerichtete Beteiligung an und Unterstützung von diesen Versklavungsökonomien durch europäische Gesellschaften. Sie lernten, dass diese Ökonomien Vorbereitung benötigten: etwa durch die Konzeption und Erschließung neuer Kolonien, die damit verbundene Erweiterung bestehender Hoheitsgebiete, durch Vernetzung, Systematisierung und militärische Absicherung von Handelsrouten und Gütern – und nicht zuletzt durch den politischen Willen zur Umsetzung dieser Aktivitäten. Sie lernten, dass der wirtschaftliche Erfolg des Versklavungshandels und der Plantagenökonomien in den Amerikas einen äußerst wichtigen Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung auf beiden Seiten des Atlantiks darstellte.[9]

Doch wie lässt sich diese Form des forschenden Lernens neben dem Besuch eines solchen Ausnahmemuseums in einen fest strukturierten und eng geplanten Unterricht in der 12. Jahrgangsstufe integrieren? Die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer entschieden sich gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Projektarbeit jeweils in einen Abiturschwerpunkt einzugliedern, um den Schülerinnen und Schülern neben dem "normalen" Abiturstress keine Mehrbelastung abzuverlangen. Im ersten Projektjahr forschten die Jugendlichen daher während ihres Englischunterrichts zum Themenschwerpunkt "Tiefer Süden"; im zweiten Projektjahr war der Schwerpunkt "Kolonialismus".

Die Projekte der Schülerinnen und Schüler widmeten sich in vielfältiger Weise der Verarbeitung ihrer Forschungsergebnisse. Das Spektrum reicht von kleinen fiktionalen Texten – Briefen, Interviews, Kurzgeschichten – über einen selbst gedrehten Film und ein eigens geschriebenes Computerprogramm bis hin zu ausführlichen Forschungsberichten, die eine intensive Quellenarbeit belegen. Insbesondere die Schülerinnen und Schüler der 12. Klassen konnten in ihren Projektarbeiten eindrucksvoll zeigen, dass sich in Bremen zahlreiche Spuren finden lassen, die auf die historische Verquickung der eigenen Handelsökonomie mit den Plantagenökonomien Nord- und Südamerikas und der Karibik weisen. Eine Vielzahl der Arbeiten beschäftigte sich beispielsweise mit der Firmengeschichte von in Bremen ansässigen Betrieben, die im Tabak-, Baumwoll-, oder Schokoladenhandel aktiv waren. Eine andere Projektarbeit verfolgte eine postkoloniale Spurensuche in der Architektur der Stadt. Ein Schüler untersuchte dabei Gebäude und Straßennamen und stieß unter anderem auf die Bremer "Überseehäfen" und den Hauptbahnhof mit seinem inhaltlich und formal kolonialästhetischen Relief in der Bahnhofshalle als vielsagende Beispiele.

Versklavung und politische Bildung

Die Schülerinnen und Schüler der 12. Klassen entschieden sich dafür, ihre Projektarbeiten auf einer von ihnen konzipierten Website zu publizieren, um sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und ihre Erkenntnisse mit anderen zu teilen. Sie wurden nicht editiert und zeugen somit von den Herausforderungen und Erfolgen des wissenschaftlichen Arbeitens bereits während der Schulzeit. Mit den Auftakt- und Abschlussveranstaltungen der zwei Projektdurchläufe verschaffte sich das Bremer Denkwerk-Projekt zudem in der Öffentlichkeit Gehör.[10]

Wie aus unseren Ausführungen deutlich wird, leisten Initiativen wie die hier beschriebene einen entscheidenden Beitrag dazu, der Auseinandersetzung mit dem Thema Versklavung in einer scheinbar "unbelasteten" geografischen Region wie der heutigen Bundesrepublik Deutschland Relevanz zu verleihen. Sie fungieren als Schnittstelle zwischen Bildung, Gesellschaft und Wissenschaft, sowohl schulisch als auch außerschulisch. Dadurch gelingt es, ein Thema, das für die Wissenschaft schon seit Längerem von großem Interesse ist,[11] für eine breitere Öffentlichkeit aufzubereiten und gemeinsam weiter zu bearbeiten. Hierbei geht es nicht nur darum, einen skeptischen Blick auf scheinbar "unschuldige" Normalitäten zu richten, sondern auch darum, Europa "neu" zu lesen und eine andere, post- beziehungsweise dekoloniale[12] Sichtweise zu eröffnen, die sich kritisch mit der europäischen Geschichte als aufklärerische Fortschrittserzählung auseinandersetzt. Diese Auseinandersetzung trägt schließlich auch dazu bei, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Bürgerinnen und Bürger einer Stadt immer auch Teil einer globalen Verflechtungsgeschichte und somit ebenso mitverantwortlich für den Umgang mit dieser Geschichte sind.

Den Schülerinnen und Schülern eine kritisch-reflektierte Perspektive wie die der postkolonialen Literatur- und Kulturwissenschaften zu eröffnen – und damit weitere gesellschaftliche Bildung zu vermitteln –, war daher auch ein erklärtes Ziel des Bremer Denkwerk-Projekts. Dass die Schülerinnen und Schüler während der Projektarbeit selbst Verbindungen zwischen Versklavung als Verbrechen gegen die Menschheit[13] zu heutigen unmenschlichen Ausbeutungsverhältnissen etwa in der Produktion von günstiger Kleidung in Bangladesch für westliche Märkte zogen, zeigt, dass dieses Ziel bei vielen erreicht wurde. Die Verknüpfung von politischem Interesse mit einem Wissensprojekt zeugt zudem von der Bedeutung dieser Form der Projektarbeit für die politische Bildung.

Kein Ergebnis ist ein Ergebnis

Das Bremer Projekt zeigt des Weiteren, dass die interdisziplinäre Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen sehr produktiv sein kann, aber auch Herausforderungen mit sich bringt. So vermochte das Projekt Wissenslücken zu füllen – ähnlich wie andere kulturpolitische Projekte, Initiativen und Bündniskampagnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Deutschlands Verbindung zu Kolonialismus und Kolonialrassismus sowie Versklavung und deren Ökonomien sichtbar zu machen.[14] In vielen Bereichen aber ist es vor allem eine Aufgabe, diese Lücken als solche überhaupt erst aufzuzeigen.

Häufig, wenn die Jugendlichen in Museen und Archiven in Bremen und Umgebung unterwegs waren, um Antworten auf ihre Fragen zu finden, stießen sie "nur" auf weitere Fragen. Im Tuchmacher Museum Bramsche wollten die Schülerinnen und Schüler beispielsweise den Leinenhandel der Region Osnabrück erkunden, um mehr über seine durch Forschung belegte Verwicklung in Versklavungsökonomien zu lernen. Jedoch fanden sie dort eben nicht die sogenannten Osnaburghs – jene Leinenkleidung, die auf amerikanischen Plantagen von versklavten Schwarzen Menschen getragen wurde.[15] Obwohl das Leinen für diese Kleidung in Osnabrücker Webereien verlegt und dann in die Karibik beziehungsweise in die amerikanischen Kolonien verschifft wurde, thematisierte das Museum diesen Teil des Osnabrücker Leinenhandels nicht – ein Hinweis darauf, wie Lücken und Verdrängungen im gesellschaftlich akzeptierten kulturellen Gedächtnis entstehen und erhalten werden.

Während der Projektarbeit an der Schnittstelle von Schule und Wissenschaft geht es folglich häufig darum, außerhalb etablierter Forschungswege und über disziplinäre Grenzen hinaus zu denken. So ist historische Forschung beispielsweise auf ein gut bestücktes und systematisch organisiertes Archiv angewiesen. Nach einer bestimmten Logik und mithilfe von zuvor sorgfältig ausgewählten Stichwörtern kann dann in Findbüchern gezielt nach dem gewünschten Material gesucht werden. Was aber, wenn die Suche nicht greift und keine Ergebnisse aus den staubigen Tiefen des Archivs liefert?

Diese Erfahrung machten die Schülerinnen und Schüler während ihrer Recherchearbeit im Bremer Staatsarchiv, das auf die Sammlung, Archivierung und Veröffentlichung von Zeugnissen der Bremer Landesgeschichte spezialisiert ist und dessen Bestände die Bremer Aktivitäten im sogenannten Überseehandel sorgfältig dokumentieren.[16] Nur zufällig stießen die Jugendlichen dabei auf ein Dokument aus dem Jahr 1842. Hierbei handelt es sich um den Brief eines Bremerhavener Amtmanns an den Bremer Senat unter Bürgermeister Johann Smidt, der von einem entflohenen "Sclaven" namens William Stepny berichtet, der an Bord eines unter Bremer Flagge fahrenden Schiffes aus den Vereinigten Staaten als blinder Passagier nach Bremerhaven kam und nach seiner Entdeckung zunächst inhaftiert wurde.[17] In dem Brief wird diskutiert, was mit Stepny passieren soll. Wie aus dem Dokument deutlich wird, entschieden sich die weißen Bremer Kaufleute auf Anfrage seines "Besitzers" für die Rücksendung Stepnys als ein Stück Ladung in die Vereinigten Staaten und damit in die Versklavung – eine Entscheidung, die sowohl mit den gemeinsamen, transatlantischen Wirtschaftsinteressen der Handelspartner als auch damit begründet wurde, dass man in Bremen nicht über die Emanzipation Stepnys entscheiden könne.

Das Interessante an diesem Dokument ist nicht nur, dass es einen der wenigen Momente kennzeichnet, in dem die Schülerinnen und Schüler bei ihrer Suche im Archiv auf deutliche Spuren von der Verquickung von globalen Versklavungsökonomien mit der Bremer Lokalgeschichte gestoßen sind. Deutlich wird hierbei auch, wie fantasievoll Forschende oftmals zu Werke gehen müssen und wie limitiert und schwer zugänglich die scheinbar unendlichen Materialsammlungen eines Archivs sein können, wenn es darum geht, neue, kritische Wissensbestände zu generieren. Denn die Schülerinnen und Schüler konnten die Geschichte von William Stepny nur finden und in ihren Forschungsarbeiten diskutieren, weil sich ein Mitarbeiter des Staatsarchivs an den Brief erinnerte. Das Dokument war im Findbuch unter dem Schlagwort "Auswanderung im 20. Jahrhundert" einsortiert und wäre somit für das Denkwerk-Projekt eigentlich unauffindbar gewesen.

Wie dieses Beispiel zeigt, geht es bei der Arbeit von Projekten wie dem "Gewebe der Sklaverei" darum, kreativ, interdisziplinär und mit Neugier zu Werke zu gehen, sowohl inhaltlich als auch methodologisch. Wenn Rechercheerfolge von Zufällen abhängen, können Projekte dieser Art vor allem dazu beitragen, Reflexionsräume zu eröffnen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es auf kritische Perspektiven und Fragestellungen ankommt. Eine Schülerin aus dem ersten Projektjahr zog aus diesen Erfahrungen folgenden Schluss: "Es ist schon interessant, zu sehen, wie stark aufbereitet alles ist, was man in der Schule vorgesetzt bekommt."[18] Eine solche Perspektive kann aber auch bedeuten, zu begreifen, dass in der wissenschaftlichen Arbeit häufig der Weg das Ziel ist. Schließlich war es für die Schülerinnen und Schüler dieses Projekts während ihrer Spurensuche besonders schwierig zu verstehen, dass "nichts zu finden, in der Wissenschaft ein Ergebnis ist, das etwas bedeutet", so die Projektkoordinatorin Sabine Broeck.[19] Eine weitere Schülerin fasst das so zusammen: "Zu Beginn des Projektes dachte ich: Ich lese etwas und da steht dann alles drin. Aber am Ende war es dann vielleicht nur ein Satz, den man weiter verfolgte und so auf eine ganze Kette von Informationen stieß."[20]

Vom "Bremer Überseehandel" zu Versklavung: Ein Fazit

Die Frage nach den Bremer Verbindungen zu Versklavung ist nicht weit hergeholt, wenn man nur aus der richtigen Perspektive darauf schaut und auch Lücken und Fragen als weiterführende Ergebnisse versteht. Sensibilisiert für die komplexen Strukturen und Auswirkungen von Kolonialismus und Versklavung ist so der Name des "Bremer Überseehandels" nicht mehr neutral; die Bedeutung, die der transatlantische Versklavungshandel im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Nord- und Südamerika sowie der Karibik hatte, wird dahinter sichtbar. Sogenannte Kolonialwaren sind so eindeutig auch als Güter der Versklavungsökonomien zu identifizieren, und weiße Akteure der Stadt Bremen, wie zum Beispiel Kaufleute und politische Repräsentanten, zeigen sich über ihre Handelsverbindungen in ein System transatlantischer kolonialer Versklavungsprozesse verstrickt.

Versklavung war im 18. und 19. Jahrhundert in der Stadt präsent – durch direkte Profiterzielung in den Plantagenwirtschaften, koloniale Besitzungen in Nord- und Südamerika sowie in der Karibik, durch Handel mit Produkten wie Zucker, Kaffee und Baumwolle sowie durch geschäftliche, familiäre und freundschaftliche Verbindungen in die "Neue Welt", wo Bremerinnen und Bremer mit Versklavten wirtschafteten und dadurch zu Reichtum und Einfluss gelangten. Verkürzt lässt es sich so ausdrücken: ohne Kolonialismus keine Kolonien in den Amerikas, ohne Versklavung in den Kolonien keine Waren in exportierbaren Mengen, ohne Waren kein transatlantischer "Überseehandel" und ohne "Überseehandel" keine blühende Handelsstadt in Westeuropa.

Wie das Bremer Denkwerk-Projekt zeigt, können diese Verknüpfungen heute allerdings nur in einzelnen Spuren forschend verfolgt werden, denn sie sind aus dem kulturellen Gedächtnis der Stadt Bremen und ihrer Akteure so gut wie gelöscht. Schließlich bewirken Projekte dieser Art Erkenntnisse, die vor allem eines verdeutlichen: Lokale Geschichte in Deutschland, aber auch in Europa, ist spätestens seit dem 18. Jahrhundert immer auch eine Verflechtungsgeschichte, eine globale, koloniale Geschichte der Versklavung.
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Fußnoten

1.
Durch Kursivsetzung von weiß und Großschreibung von Schwarz sollen die jeweils damit verbundenen gesellschaftspolitischen (Macht-)Positionen gekennzeichnet werden: Weiß bildet somit die "herrschende gesellschaftliche Position(alität)" einer strukturell privilegierten Gruppe von Menschen ab, während Schwarz die "selbstgewählte Bezeichnung für Schwarze Menschen" (in Deutschland) ist. Peggy Piesche/Susan Arndt, Weißsein, in: Susan Arndt/Nadja Ofuatey-Alazard (Hrsg.), Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, Münster 2011, S. 192f.; Noah Sow, Schwarz für Weiße, in: ebd., S. 608ff.
2.
Vgl. Nadja Ofuatey-Alazard, Sklave/Sklavin, in: ebd., S. 519f.
3.
Vgl. Horst Rössler, Vom Zuckerrohr zum Zuckerhut. Die Familie Böse und die Bremer Zuckerindustrie, in: Bremer Staatsarchiv (Hrsg.), Bremisches Jahrbuch, Bremen 2011, S. 63–94.
4.
Das Projekt wurde im Frühjahr 2015 abgeschlossen. Für weitere Informationen zum Konzept der Denkwerk-Projekte vgl. http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/1500.asp« (9.11.2015).
5.
Vgl. Voyages. The Trans-Atlantic Slave Trade Database, http://www.slavevoyages.org/assessment/estimates« (9.11.2015).
6.
Eine Ausnahme stellt die von Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1682 gegründete Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie dar, die am Dreieckshandel zwischen Europa, Westafrika und den Amerikas beteiligt war. Sie hatte ihren Heimathafen in Emden nordwestlich von Bremen. Vgl. Ulrich van der Heyden, Rote Adler an Afrikas Küste. Die brandenburgisch-preußische Kolonie Großfriedrichsburg in Westafrika, Berlin 2001².
7.
Bisher haben sich wenige Studien dieser Herausforderung kritisch gewidmet; vgl. z.B. Klaus Weber, Deutsche Kaufleute im Atlantikhandel 1680–1830. Unternehmen und Familien in Hamburg, Cádiz und Bordeaux, München 2004; Jochen Meißner/Ulrich Mücke/Klaus Weber (Hrsg.), Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei, München 2008, S. 34–98.
8.
Zum Begriff des kulturellen Gedächtnisses vgl. z.B. Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 20112.
9.
Vgl. Jürgen Osterhammel, Sklaverei und die Zivilisation des Westens, München 2000.
10.
Vgl. http://denkwerk.szwalle.de«, insbesondere die Bereiche "Dokumentation" und "Pressespiegel".
11.
Vgl. z.B. die Arbeiten des Bremer Instituts für Postkoloniale und Transkulturelle Studien (INPUTS), des Forschungsschwerpunkts "Globalized Periphery: Atlantic Commerce, Socioeconomic and Cultural Change in Central Europe (1680–1850)" an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/O. sowie des Bayreuther Instituts für Afrikastudien (IAS).
12.
Der Begriff der Dekolonialität enthält eine Kritik der Moderne und ihres Wissens als fortwährend kolonial strukturiert. Vgl. Walter Mignolo, Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität, Wien–Berlin 2012.
13.
Vgl. Vereinte Nationen, Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit zusammenhängende Intoleranz, 2001, http://www.un.org/depts/german/conf/ac189-12.pdf« (9.11.2015).
14.
Vgl. z.B. die kollaborative Wanderausstellung "Freedom Roads!", in der u.a. die Umbenennung kolonial geprägter Straßennamen gefordert wird (http://www.freedom-roads.de«) sowie das Projekt "Far, far away? Kolonialrassismus im Unterricht – Globales Geschichtslernen vor Ort" des Vereins Berlin Postkolonial (http://www.berlin-postkolonial.de«).
15.
Vgl. Hans-Werner Niemann, Leinenhandel im Osnabrücker Land. Die Bramscher Kaufmannsfamilie Sanders, 1780–1850, Bramsche 2004, S. 46.
16.
Vgl. Sabine Broeck, Lessons for A-Disciplinarity: Some Notes on What Happens to an Americanist When She Takes Slavery Seriously, in: Jana Gorisch/Ellen Grünkemeier (Hrsg.), Postcolonial Studies Across the Disciplines, Amsterdam 2013, S. 350.
17.
Anonym, Brief, 24.6.1842, Staatsarchiv Bremen, http://denkwerk.szwalle.de/material/quellen« (9.11.2015).
18.
Zit. nach: Katharina Hirsch, Was Bremer Kaufleute mit Sklaverei zu tun hatten, in: Weser Kurier vom 11.2.2013.
19.
Zit. nach: ebd.
20.
Zit. nach: Anne Gerling, Auch Leerstellen sind ein Recherche-Erfolg, in: Weser Kurier vom 23.3.2015.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Paula von Gleich, Samira Spatzek für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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