Ein Mann geht an einem Graffiti, das den griechischen Premier Tsipras und die Bundeskanzlerin Merkel zeigt, vor, 18.10.2015
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18.12.2015 | Von:
Wim van Meurs

Europa und die Eule der Minerva. Retrospektive und Krisennarrative der europäischen Integration

Die 2000er Jahre waren für Historiker eine Zeit der Ungeduld. Erstmals standen die Akten zur Entstehungsgeschichte der Europäischen Gemeinschaften (EGs) nahezu vollständig zur Verfügung. Gleichzeitig wuchs angesichts neuester Entwicklungen wie dem Maastrichter Vertrag, der Einführung des Euro und der Erprobung einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik der Bedarf an historischer Orientierung. Von einer Konsolidierung des Integrationsprozesses konnte jedoch angesichts der unvollendeten Nachbesserungsverträge von Amsterdam und Nizza sowie der Gefahr einer wachsenden Euroskepsis und des demokratischen Defizits keine Rede sein. Mit dem Europäischen Konvent und dem Verfassungsvertrag wurde ein qualitativer Sprung im Integrationsprozess anvisiert. Das Scheitern dieser couragierten Initiative führte jedoch genauso plötzlich zu Endzeitstimmung und Überlegungen zu Integrationsrückschritten oder Austritten aus der Europäischen Union. Eine überzeugende und richtungweisende Deutung des state of the Union fiel dementsprechend in jenen Jahren sowohl Politikwissenschaftlern als auch Historikern schwer, trotz reger Nachfrage. Besonders gefordert sind diesbezüglich nicht Wissenschaftler, die Ausschnitte und Einzelfragen dieser komplexen Geschichte und institutionellen Architektur für und mit Fachkollegen erforschen, sondern die Autoren von Studienhandbüchern und Übersichtswerken. Sie müssen die Gratwanderung zwischen kritischer Distanz und gesellschaftlicher Nachfrage meistern.

Mit dem Reformvertrag von Lissabon, der 2009 in Kraft trat, schien sich die Geduld gelohnt zu haben. Neue institutionelle Arrangements wurden festgeschrieben: das Europäische Parlament als Mitgesetzgeber, Subsidiaritätsprüfung durch nationale Volksvertretungen ("gelbe Karte") und ein Präsident des Europäischen Rates sowie ein eigener diplomatischer Dienst. Negativ formuliert: Nach dem Tiefschlag des französischen non und des niederländischen nee schien ein nächster Reformschritt nach Lissabon auch auf längere Sicht höchst unwahrscheinlich. Für Politikwissenschaftler war die Zeit gekommen, den Spielraum innerhalb des abgesteckten institutionellen Rahmens auszuloten. Historiker konnten endlich aus der Perspektive eines gesicherten Ist-Zustands auf den wechselhaften Werdegang "Europas" zurückblicken.

Heute, keine sechs Jahre nach Lissabon und noch vor den Attentaten von Paris, mutmaßt sogar der Vizepräsident der Europäischen Kommission Franz Timmermans über die Existenzkrise der EU und die Möglichkeit ihres Zerfalls.[1] "Finalité" droht von der Zielvorgabe zur Verheißung zu werden. Jeder Meilenstein in der neuesten Geschichte der EU trägt das Suffix "-krise": Bankenkrise, Eurokrise, Griechenlandkrise, Legitimitätskrise, Ukrainekrise, Mittelmeerkrise, Flüchtlingskrise, Terrorismuskrise. Angesichts dieser Existenzkrise erscheinen die vorhergegangenen sechs Jahrzehnte europäischer Integrationsgeschichte in einer neuen Perspektive. Für manche hat die Geschichte angesichts der mannigfaltigen Krisen jede Bedeutung und Relevanz verloren. Für andere zeigt eine neue kritische Beschäftigung mit ihr gerade, dass die Ursachen der Krisen im Wesen des europäischen Projekts angelegt sind: die Kluft zwischen Europapolitikern und den Bürgern, unüberbrückbare kulturelle Differenzen und wirtschaftliche Disparitäten oder die Unfähigkeit Europas, Herausforderungen wie Globalisierung, innerstaatliche Konflikte, Identitätsstiftung oder Umweltschutz zu meistern. Die Reihen derjenigen, die aus dem Muster, dass Europa aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen sei, eine optimistische Zukunftsperspektive ableiten, lichten sich in den vergangenen Jahren merklich.

Aus dieser kurzen aktuellen Reflexion ergeben sich drei wesentliche Perspektiven. Erstens zeigt sich, dass die Geschichte der europäischen Integration keine stetige Akkumulation von gesichertem Wissen ist, sondern dass jede Zeit ihre eigenen Fragen an die Vergangenheit stellt (und entsprechende Antworten formuliert). Weder Geschichtsschreibung noch Theoriebildung lassen sich somit aus ihrem politischen und gesellschaftlichen Kontext losgelöst verstehen. Zweitens ist Timmermans’ Hiobsbotschaft gleichzeitig ein Appell zu handeln. Jede Analyse des Entwicklungswegs der EU und/oder ihres aktuellen Zustands impliziert auch Idealvorstellungen und eine politische Agenda. Noch vor einem Jahr galt die demokratische Legitimation als "das ganz große Fragezeichen der Zukunft Europas".[2] Heute scheint sich das Blatt erneut zu wenden, sind europäische Führungsstärke und politische Ergebnisse gefragt. Drittens stellt sich die Frage, was Kontextualisierung und Politisierung aussagen über unsere heutige Fähigkeit, die Geschichte der europäischen Integration (neu) zu schreiben. Trifft vielleicht Hegels Einsicht, dass "die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt",[3] auch auf die EU zu? Erst in der Krise oder kurz vor dem Ende ließe sich das Vorhergegangene im richtigen Licht betrachten und bewerten.

In diesem Beitrag wird gezeigt, wie Historiker und Theoretiker der Integration ihre Sicht der Dinge den Fragen und Überzeugungen ihrer Zeit anpassten. Dabei offenbart sich außerdem, dass die akademischen Beobachter die politische Wirklichkeit nicht nur nicht distanziert beobachten, sondern ihr Forschungsobjekt auch maßgeblich beeinflussen. Im zweiten Teil werden diese historischen Einsichten aufs Heute als flüchtige Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft angewandt. Welche Art historischer Narrative zur Integration braucht Europa heute?

Europäische Meistererzählungen

Jean Monnet hat im Nachhinein zugegeben, dass er bei seinen Plänen für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa die Bedeutung einer gemeinsamen kulturellen Identität unterschätzt habe. Die Vorteile des Binnenmarktes und andere Ergebnisse gemeinsamer Politik reichen nicht aus, um das europäische Projekt zu legitimieren und zur Selbstverständlichkeit zu machen. Gerade wegen der Vorgeschichte aus Kriegen zwischen den Mitgliedstaaten braucht auch Europa eine historische Meistererzählung. Ähnliches galt im 19. Jahrhundert für die Nationalstaaten, nicht zuletzt für Deutschland. Für Historiker war es damals kein Widerspruch, sich sowohl der akademischen Objektivität als auch dem neuen Staat gegenüber in der Pflicht zu fühlen. Auch wenn Leopold von Ranke anders als sein Kollege Heinrich von Treitschke direkte Rechtfertigungen der Staatspolitik ablehnte, betrachteten beide den Aufbau des preußischen Staates als eigenes Ziel der historischen Entwicklung, das es zu untermauern galt.[4]

Die Erfindung einer solchen Meistererzählung, die das europäische Projekt zum großen Ziel der Geschichte selbst macht und somit die Autorität der EU-Institutionen stützt, erwies sich in Brüssel als schwierig im Vergleich zu Berlin im 19. Jahrhundert. Eine europäische Meistererzählung von Zusammenarbeit und Solidarität stand von Anfang an in Konkurrenz zu den etablierten Nationalgeschichten aus Konflikt und Konkurrenz. Außerdem waren einstimmige Meistererzählungen pro domo überhaupt dabei in Verruf zu geraten, als sich die europäischen Institutionen im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts der Bedeutung von Geschichte und Identität bewusst wurden. Dies zeigte sich etwa in der Entscheidung, auf den Eurobanknoten keine realen Gebäude in ausgewählten Mitgliedstaaten, sondern Elemente europäischer Baustile aus verschiedenen Epochen abzubilden. Kaum eine historische Person war als Identifikationsfigur für das vereinte Europa unstrittig. Somit blieb der EU nur ihre eigene, wenig inspirierende institutionelle Geschichte und founding fathers wie Jean Monnet, Robert Schuman, Henri Spaak oder Altiero Spinelli.

Man wollte auch nur den Anschein einer orchestrierten Legitimierung durch Geschichte vermeiden. So hat Brüssel sich an seine eigene Geschichte kaum näher herangetraut als durch Kurzdarstellungen in Informationsbroschüren, die eher die hehren Ideale und aktuelle Integrationsergebnisse in den Vordergrund rückten.[5] Die Historiker-Verbindungsgruppe bei der Kommission der Europäischen Gemeinschaften, die 1982 ins Leben gerufen wurde, bewegt sich vorwiegend im akademischen Bereich und hat die historische EU-Forschung teilweise mit neuen Ansätzen vorangetrieben.[6] Öffentlichkeitsarbeit ist hier ein Fremdwort. 13 von 15 Kommissionsmitgliedern sind an Universitäten in den ältesten neun Mitgliedstaaten beheimatet. Erst 2002 wurde in Luxemburg das Centre Virtuel de la Connaissance sur l’Europe gegründet, das sich nachdrücklich bemüht, Bürgern, Schülern und Studierenden aus ganz Europa die EU-Geschichte in Form von Cartoons, Quellenausschnitten und audiovisuellem Material nahe zu bringen.[7] Mit dem Haus der europäischen Geschichte, das 2016 seine Türen öffnen wird, deutet sich eine Kehrtwende an: Die EU-Geschichte wird in das Weltgeschehen integriert und aus aktuellen Fragen heraus auch kritisch betrachtet.[8]

Historiker und Politikwissenschaftler

In den ersten Jahrzehnten der europäischen Integration wurde die Forschungsarbeit zu dieser neuartigen Organisation fast vollständig von Rechts- und Politikwissenschaftlern geleistet. Wenn EU-Historiker heute die Geschichte ihrer eigenen Teildisziplin schreiben, wird für diese Frühphase kaum mehr erwähnt als Walter Lipgens Studien über die Vordenker des europäischen Projekts.[9] Den Historikern waren durch die 30-jährige Sperrfrist für Archivbestände die Hände gebunden. Gewiss verlangte eine integrale Geschichte der EGs auch ausgedehnte Archivreisen und ausreichende Sprachkenntnisse, die mit jeder Erweiterungsrunde ausgebaut werden mussten. Der wahre Grund für ihr Schweigen war aber die damalige Dominanz der klassischen politischen und diplomatischen Geschichte, die die drei Gemeinschaften aus der jeweiligen nationalen Perspektive als lediglich eine weitere intergouvernementale Organisation betrachtete. In Handbüchern zur Nationalgeschichte blitzte das europäische Projekt somit bei den Gründungsjahren kurz auf, um danach trotz wachsender Gestaltungskompetenzen der EGs in der historischen Darstellung gänzlich ignoriert zu werden.

In ebendiesen Jahren beschäftigte die Politikwissenschaftler eine vergleichbare Frage, nämlich ob die Gemeinschaften als Teil der internationalen Beziehungen oder als neuartige Verschmelzung von Innen- und Außenpolitik betrachtet werden sollten. Anders als bei den Historikern wurde dies für Neofunktionalisten und Neorealisten zu einer energiezehrenden Glaubensfrage.[10] Auch wenn die Debatte im Nachhinein wenig produktiv war, rückten doch die EGs als Regionalorganisation in den Mittelpunkt der Forschung, während sie sowohl für Experten der internationalen Diplomatiegeschichte als auch für Nationalhistoriker jeweils ein Randthema blieben. Es ist bemerkenswert, dass einige der wichtigsten Stimmen in dieser Debatte eigentlich keine Politikwissenschaftler waren, sondern Historiker. Von ihren Fachgenossen wurden Experten wie Andrew Moravcsik damals kaum wahrgenommen, von Politikwissenschaftlern umso mehr.[11] Unproduktiv war die Debatte, weil die Neorealisten sich auf die großen Verträge und Verhandlungsmomente der frühen Integrationsgeschichte konzentrierten und somit nur schlussfolgern konnten, dass die nationale Politik für jede Weichenstellung im Integrationsprozess verantwortlich zeichnete. Umgekehrt befassten sich die Neofunktionalisten mit der Sacharbeit der europäischen Institutionen zwischen diesen Weichenstellungen und stellten fest, dass die Europäische Kommission ihre faktischen Zuständigkeiten und Politikfelder auch ohne Beschluss der Staats- und Regierungschefs erweitern und vertiefen konnte.

Die Frage, die die Politikwissenschaftler damals umtrieb – warum souveräne Staaten überhaupt bereit sind, Steuerungskompetenzen einer internationalen Organisation zu übertragen – war gleichzeitig eine Grundsatzentscheidung der politischen Strategie. Für Neorealisten erforderten Integrationsfortschritte das Placet der (großen) Mitgliedstaaten und eine Kongruenz derer Nationalinteressen. Jean Monnet und andere Europapolitiker setzten ihre Hoffnung wie die Neofunktionalisten auf die Eigendynamik des Integrationsprozesses; gewissermaßen unter dem Radar der großen Politik würde jeder Integrationsschritt unweigerlich neue nach sich ziehen. Hier war die Arbeit der Akademiker weit mehr als eine Bestandsaufnahme: Sie diente den Politikern auch als Kompass für die Gestaltung der politischen Realität, die akademisch-distanziert analysiert und beschrieben werden sollte.

In den 1970er und insbesondere in den 1980er Jahren wandten sich die Politikwissenschaftler einer neuen Fragestellung zu. Kein Neorealist konnte sich der Wirklichkeit der Europäisierung mehr gänzlich verschließen: Agrarpolitik, Regional- und Sozialfonds, Binnenmarkt. Die neue Schule der Liberalen Intergouvernementalisten bemühte sich, den alten Glaubenskrieg hinter sich zu lassen und einen Mittelweg zu finden. Die Nationalstaaten blieben aus ihrer Sicht Dreh- und Angelpunkt der europäischen Integration, aber Spillover-Effekte zur Ausweitung der europäischen Politikfelder und Eigendynamik der EG-Institutionen galten nicht länger als Tabu. Die neue Fragestellung betraf somit nicht mehr das Ob der EG als neue Ebene des Regierens, sondern das Wie. "Multilevel Governance" als das Zusammenspiel politischer Entscheidungskompetenzen und Umsetzungsverantwortung auf lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene faszinierte Verwaltungswissenschaftler und ihre Kollegen der vergleichenden Regierungslehre gleichermaßen. Wie werden die Regeln der Gemeinsamen Agrarpolitik national umgesetzt und schlussendlich dezentral verwirklicht (oder umgangen)? Auch hier ging es jedoch um eine Fragestellung bezüglich Politikfeldern, Implementierung und Verwaltung, die unter Historikern auf wenig Gegenliebe stieß. Weder Nationalhistoriker noch Diplomatiehistoriker befassten sich mit der administrativen Umsetzung und der sozialen Wirklichkeit hinter den politischen Entscheidungen. Erst später entstanden historische Studien, die Politikfelder umfassend analysierten – die ganze Breite der involvierten Institutionen und die ganze Tiefe des Mehrebenenregierens.[12]

In den 1990er Jahren drängte die politische und gesellschaftliche Entwicklung in EU-Europa den Politikwissenschaftlern eine Schlüsselfrage auf, die auch bei Historikern Widerklang fand. Obwohl Mehrebenenregieren angesichts der wachsenden Kompetenzen Brüssels politisch und akademisch relevant blieb, stellte die Frage nach dem demokratischen Defizit in den vergangenen Jahrzehnten alle anderen Fragen in den Schatten. Stärker als die beiden vorherigen Fragen nach dem Ob und dem Wie des supranationalen Europas wurde dies zu einer normativen Frage. Nicht wenige Politikwissenschaftler befürworteten ohnehin mehr und immer mehr "Demokratie", auch für die nationalen Regierungssysteme Westeuropas. Neuerungen wie Referenden oder deliberative Formen der Bürgerpartizipation galten als Allheilmittel für das unverkennbare Vertrauenstief der Wähler gegenüber der Politik, das sich in Eurobarometer-Umfragen, stetig sinkender Wahlbeteiligung und im Zulauf populistisch-euroskeptischer Parteien ausdrückte.[13]

Nur wenige kritische Stimmen monierten, dass das richtige Maß zwischen Demokratie und Bürgerbeteiligung einerseits und "staatlicher" Handlungsfähigkeit und Output-Legitimität bei einer internationalen Organisation mit 20 oder mehr Mitgliedstaaten ein anderes sei als bei einem zentralisierten, weitgehend homogenen Nationalstaat. Außerdem, so ihr Einwand, würden auch Nationalstaaten zu einem größeren Teil, als den meisten Bürgern bewusst sei, von Fachkommissionen und amtlichen Gremien regiert. Folglich sei das vielzitierte "demokratische Defizit" erstens keine europäische Besonderheit und zweitens sogar eine vernünftige Einschränkung der Rolle der Zivilgesellschaft in einer funktionierenden repräsentativen Demokratie.[14]

Wie man dies auch bewerten mag, diesmal wurde die neue (und politisch vordringliche) Frage auch von Historikern unmittelbar aufgegriffen und auf die verschiedenen Epochen des Integrationsprozesses angewandt. Erstmals lieferten Historiker von Anfang an einen originären und eigenständigen Beitrag zur wissenschaftlichen (und politischen) Debatte. Dies war sicherlich der Tatsache zu verdanken, dass sich die Geschichte der europäischen Integration endlich als eine historische Teildisziplin etablieren konnte, mit eigenen Lehrstühlen und einem festen Platz im Curriculum.[15] Für Geschichtswissenschaftler war "Demokratie" keine feste Norm und fixes Ideal, sondern eine gesellschaftliche Vorstellung, die sich je nach historischem Kontext ändert. Nicht Europa sei "undemokratischer" geworden, sondern die Ansprüche der Bürger hätten sich aus verschiedensten Gründen seit dem Ende des Kalten Krieges gesteigert. Wie so oft bei historischen Studien löste diese Erkenntnis nicht das akute Problem der Politiker, aber eine Relativierung in der Debatte war vonnöten. Neue Studien stellten fest, dass elektorale Partizipation und Bürgerbeteiligung in den ersten Jahrzehnten der EU genauso wie in den Nationalstaaten im Schatten der Verantwortung der Staatorgane für Ordnung, Rechtstaatlichkeit und "gute Politik" gestanden hatten.[16] Sogar die demokratischen Umwälzungen der 1960er und 1970er Jahre waren eher auf andere politische Zielsetzungen und Ergebnisse ausgerichtet gewesen als auf mehr Bürgereinfluss. Erst seit den 1990er Jahren betraf die neue "Krise der Demokratie" das Ideal der Partizipation und das demokratische Defizit als solche.

Heute, 65 Jahre nach dem Schuman-Plan, wird die EU von Journalisten, Politikern und nicht zuletzt akademischen Meinungsmachern unter Beschuss genommen, auch wenn die wichtigsten drei Punkte der Kritik sich offensichtlich widersprechen. Geblieben ist die Kritik, dass die EU trotz der Position des Europäischen Parlaments und der "gelben Karte" als Machtinstrument der nationalen Parlamente in ihrer Entscheidungsfindung im Wesentlichen "undemokratisch" sei und oftmals gegen den Willen ihrer Bürger handle, beispielsweise bei den milliardenschweren Krediten für Griechenland oder bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Gleichzeitig zeige die EU-28 auch keine Einigkeit und Handlungsfähigkeit bei Herausforderungen zum Beispiel in der Ukrainekrise oder der Flüchtlingsbewegung über das Mittelmeer. Nicht zuletzt würde Brüssel sich unbegründete und unerwünschte Einmischung in die nationale Politik erlauben, etwa bei der Haushaltskonsolidierung oder in der Umwelt- und Energiepolitik.

Europa-Historiker stehen heute vor der Herausforderung, die Nachkriegsgeschichte des europäischen Projektes neu zu schreiben: weder als Rechtfertigung und pro domo Meistererzählung eines überhistorischen Ideals und seiner Verwirklichung noch als politisches Pamphlet gegen die EU als moderner Behemoth der Staatsgewalt. Dabei gilt es, die Erkenntnisse aus dem Vorherigen zu berücksichtigen. Jede Darstellung der EU-Vergangenheit ist unweigerlich geprägt von den dringenden Fragen der heutigen Zeit und ist außerdem selbst politisches Programm. Welche neuen Einsichten und Zwänge bescheren uns die dunklen Wolken der Dämmerung und die Vogelperspektive der Eule?

Die Eule und die Dämmerung

In akademischen Studien, die sich an ein Publikum mit beachtlichen Vorkenntnissen bezüglich des historischen Kontexts und der institutionellen Architektur richten und oftmals nur einen thematischen Ausschnitt der 70-jährigen Integrationsgeschichte bearbeiten, lassen sich neue Einsichten relativ leicht umsetzen. Einige davon sind hier besonders relevant, da sie bei Handbuchautoren für viel mehr Kopfzerbrechen sorgen: Interdisziplinarität, Kontext und Politikfelder.

Die Auswahl an Handbüchern zur EU ist in den vergangenen Jahren unverkennbar größer geworden. Für ein historisches Seminar oder historisch Interessierte haben die meist von Politikwissenschaftlern geschriebenen Handbücher einen gravierenden Nachteil: Der Fokus liegt auf dem institutionellen Status quo von Lissabon, und insbesondere die Entwicklungen vor Maastricht werden eher kursorisch behandelt. Das im englischsprachigen Raum viel verwendete Handbuch von John McCormick beschäftigt sich nur in einem von neun Kapiteln geschlagene 20 Seiten lang mit der historischen Entwicklung der EU.[17] Das deutsche Handbuch "Die Europäische Einigung" von Georg Brunn bietet seinerseits nur summarische Informationen zum Institutionengefüge.[18] Umgekehrt scheinen Historiker als Handbuchautoren ihr Interesse zu verlieren, sobald die Erzählung das letzte Vierteljahrhundert erreicht. Aus ihrer Sicht fehlt hier die gesicherte Quellenbasis und scheinen die Entwicklungen noch unvollendet. Außerdem treten hier lebende politische Akteure an die Stelle von Institutionen und Verträgen, die bei Politik- und Rechtswissenschaftlern die Hauptrolle spielen. Die systematische Evolution der institutionellen Architektur Europas von Paris (1951) bis Lissabon (2007) bleibt eine Rarität.[19] Historische Handbücher sind selten vollständig oder präzise in der Darstellung von Prozeduren und Kompetenzen oder vernachlässigen die weniger "politischen" Institutionen wie den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss oder den Gerichtshof der EU.

Wie bei einer klassischen Nationalgeschichte ist auch bei einem Handbuch zur Entstehungsgeschichte der EU ein gerütteltes Maß an Finalismus kaum zu vermeiden. Die heute erreichten Erweiterungen und Vertiefungen werden auf die Vergangenheit projiziert. Offene historische Prozesse scheinen somit auf als notwendige Schritte in einem vorgezeichneten Entwicklungsgang. Im Extremfall wird dann auch aus dem seriösen Projekt einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft in den 1950er Jahren ein "Irrweg" und aus der Europäischen Akte "ein Höhenflug".[20] Sprachliche Wachsamkeit und ein Auge für Kontingenz in der Darstellung sind die besten, aber unvollkommenen Gegenmittel der Autoren. Effektiver, aber im Rahmen einer umfangbeschränkten Übersicht kaum realisierbar, ist eine verstärkte Kontextualisierung der EGs und der EU in den breiteren politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen jener Zeit und die Integration anderer internationaler Organisationen (NATO, Europarat, Warschauer Pakt, RGW oder OSZE) in die Erzählung.

Das ideale Übersichtswerk müsste zudem in der Darstellung anderen Akteuren als Kommission, Parlament, Gerichtshof, Europäischem Rat und Ministerrat gebührend Platz einräumen. Dazu würden nicht nur Lobbyisten und die vielgescholtenen "Eurokraten" gehören, sondern auch die europäischen "Parteien", Denkfabriken und die Europäische Zentralbank. Auch wenn hier die Grenzen eines Buches und der Leserlichkeit längst überschritten wären, würden auch Politikbereiche wie Agrarpolitik, Kohäsionspolitik, Schengen oder Erweiterung und Nachbarschaft ein eigenes Kapitel verdienen. Auch hier reichen die Mittel eines Handbuches nicht weiter, als stereotype Meistererzählungen großer Männer, großer Momente und richtungweisender Verträge gezielt zu durchbrechen. Das selektive und impressionistische Aufführen von anderen Akteuren und Institutionen sowie von politischen Entscheidungen im Prozess ihrer Entstehung und Umsetzung ist diesbezüglich das einzige Gegenmittel.[21]

Die aktuellen europäischen Krisen und Euroskepsis in Öffentlichkeit und Politik stellen EU-Historiker und Handbuchautoren vor neue Herausforderungen, bieten paradoxerweise aber auch Chancen. Bislang waren Historiker, die über die EU-Integration forschten und schrieben, durchweg eher "Euro-Sympathisanten" (mehr als ihre politikwissenschaftlichen Kollegen). In Kontrast zu der heutigen Flut an eurokritischen oder eurofeindlichen Pamphleten steht jede sachliche Darstellung schnell unter dem Verdacht "europhilen" Eifers. Eine positive Folge dieses Zeitgeistes ist, dass "negative" Phänomene wie Euroskepsis, Anti-Euro-Kampagnen und Erweiterungsmüdigkeit, die in früheren historischen Übersichten kaum erwähnt wurden, jetzt in ihrer Entwicklung und zu ihren Ursprüngen zurückverfolgt werden. Das andere Extrem wäre aber eine Darstellung, die die EU-Geschichte als einen von vornherein verlorenen Kampf gegen Desintegration und den Widerstand des "gemeinen Volkes" nachzeichnet.

Die Aussichten des europäischen Projektes sind düster, auch wenn der Begriff "Dämmerung" zu apodiktisch wäre. Der Historiker darf sich aber nicht wie die Eule geräuschlos entfernen, mit der Begründung, dass entweder die EU immer jede Krise übersteht oder dass Euroskeptiker unbelehrbar oder unwissend seien. Seine Aufgabe ist es, aus den Fragen von heute heraus Politiker und Öffentlichkeit sowie EU-Gegner wie -Befürworter über die Grunddilemmata des Integrationsprozesses zu informieren.
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Fußnoten

1.
Vgl. Timmermans Issues Wake-up Call to Europe, 23.10.2015, http://www.euractiv.com/sections/future-eu/timmermans-issues-wake-call-europe-318825« (23.11.2015); Frans Timmermans, Huis van Europa-Rede, Den Haag, 9.11.2015, https://youtu.be/dB4PTFm3xNM« (23.11.2015).
2.
Werner Weidenfeld, Die Bilanz der europäischen Integration 2014, in: ders./Wolfgang Wessels (Hrsg.), Jahrbuch der europäischen Integration 2014, Baden-Baden 2014, S. 15–28, hier: S. 24.
3.
Georg Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frankfurt/M. 1972 (1820), S. 14.
4.
Vgl. Stefan Berger, The Search for Normality. National Identity and Historical Consciousness in Germany since 1800, Providence 1997, S. 21–55.
5.
Vgl. Jost Dülffer, Zeitgeschichte in Europa – oder europäische Zeitgeschichte?, in: APuZ, (2005), 1–2, S. 18–26, hier: S. 18f.; Pascal Fontaine, Europa in 12 Lektionen, Brüssel 2014.
6.
Zur Kommission, ihren Nachwuchsgruppen HEIRS und RICHIE sowie der Zeitschrift für Geschichte der europäischen Integration siehe http://www.eu-historians.eu«.
7.
Siehe http://www.cvce.eu«.
8.
Siehe http://www.europort.europa.eu/visiting/de/visits/historyhouse.html«.
9.
Vgl. Walter Lipgens/Wilfried Loth, Die Anfänge der europäischen Einigungspolitik, 1945–1950, Stuttgart 1977; Walter Lipgens, Europa-Föderationspläne der Widerstandsbewegungen 1940–1945. Eine Dokumentation, München 1968.
10.
Vgl. Andrew Moravcsik/Frank Schimmelfennig, Liberal Intergovernmentalism, in: Antje Wiener/Thomas Diez (Hrsg.), European Integration Theory, Oxford 2012, S. 67–90.
11.
Vgl. Andrew Moravcsik, The Choice for Europe. Social Purpose and State Power from Messina to Maastricht, Ithaca 1998; Robert S. Lieshout/Mathieu L.L. Segers/Johanna Maria van der Vleuten, De Gaulle, Moravcsik, and The Choice for Europe: Soft Sources, Weak Evidence, in: Journal of Cold War Studies, (2004) 4, S. 89–139.
12.
Vgl. Ann-Christina Knudsen, Farmers on Welfare: The Making of Europe’s Common Agricultural Policy, Ithaca 2009; Wolfram Kaiser/Jan-Henrik Meyer (Hrsg.), Societal Actors in European Integration: Polity-Building and Policy-Making 1958–1992, New York 2013.
13.
Vgl. Maija-Leena Setälä, Referendums and Democratic Government: Normative Theory and the Analysis of Institutions, Houndmills u.a. 1999; Saskia Hollander, The People or the Prince. The Politics of Referendum Use in European Democracies, Dissertation, Radboud Universität Nijmegen 2016.
14.
Vgl. Beate Kohler-Koch/Berthold Rittberger (Hrsg.), Debating the Democratic Legitimacy of the European Union, Lanham 2007.
15.
Nicht zuletzt dank der Institution der Jean-Monnet-Lehrstühle.
16.
Vgl. Martin Conway/Volker Depkat, Towards a European History of the Discourse of Democracy: Discussing Democracy in Western Europe, 1945–60, in: Martin Conway/Kiran Klaus Patel (Hrsg.), Europeanization in the Twentieth Century: Historical Approaches, Basingstoke 2010, S. 132–156.
17.
Vgl. John McCormick, Understanding the European Union, Houndmills 2005. In der neueren Ausgabe (The European Union: Politics and Policies, Houndsmills 2008) immerhin 40 Seiten.
18.
Vgl. Georg Brunn, Die Europäische Einigung, Stuttgart 2009.
19.
Eine positive Ausnahme bildet: Gabriele Clemens/Alexander Reinfeldt/Gerhard Wille, Geschichte der europäischen Integration. Ein Lehrbuch, Paderborn 2008.
20.
G. Brunn (Anm. 18), S. 88, S. 230.
21.
In dem neu konzipierten Handbuch "Europa in alle staten" wurde dies gelöst mittels separater Kurzdarstellungen zu in der Hauptdarstellung "vernachlässigten" Institutionen, theoretischen Schulen und Quellengattungen. Vgl. Wim Van Meurs et al., Europa in alle staten, Zestig jaar geschiedenis van de Europese integratie, Nijmegen 2013, S. 11–26.
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