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APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Gerhard Illing

Geldpolitik und Staatsverschuldung – Monetäre oder fiskalische Dominanz?

Tabelle: Die größten Hyperinflationen der vergangenen 100 JahreTabelle: Die größten Hyperinflationen der vergangenen 100 Jahre (© bpb)

Inflation und Hyperinflation – Ein historischer Überblick

In der Wirtschaftsgeschichte finden sich zahlreiche Episoden, in denen eine hohe Staatsverschuldung in einer Hyperinflation endete. Ein markantes Beispiel ist die Entwicklung in Deutschland 1922 und 1923. Das Vermögen des Bürgertums war damals überwiegend in festverzinslichen Staatsanleihen investiert. Weil die Rückzahlung dieser Anleihen in nominalen Größen festgelegt war und die Zinszahlungen nicht an die Preisentwicklung angepasst wurden, entwertete der starke Anstieg des Preisniveaus das Vermögen fast vollständig: Bei Auszahlung der investierten Beträge konnte man sich davon kaum mehr Lebensmittel, geschweige denn Grundstücke oder andere reale Vermögenswerte kaufen. Im November 1923 reichte selbst die unglaubliche Summe von 420 Milliarden Reichsmark gerade einmal dafür, das Porto eines normalen Inlandsbriefes zu begleichen. Die massive Geldentwertung führte zur Verarmung eines großen Teils des Bürgertums. Geldmengenwachstum und Preisanstieg beschleunigten sich immer stärker. Zum Höhepunkt im Oktober 1923 lag die Inflationsrate bei fast 21 Prozent pro Tag, und das Preisniveau verdoppelte sich innerhalb von 3,7 Tagen.

Während die Gläubiger durch eine Hyperinflation praktisch enteignet werden, senkt der Preisanstieg die reale Belastung des Staates als Schuldner, sofern er sich nicht in einem entsprechenden Anstieg der Nominalzinsen niederschlägt: Die Staatsschuldenquote ging in dieser Zeit in Deutschland denn auch stark zurück. Für die in Fremdwährung denominierten Reparationslasten Deutschlands an die Alliierten[7] traf dies jedoch nicht zu: Da die Reichsmark im Vergleich zur Preisentwertung durch Inflation stärker abwertete, stieg die reale Auslandsverschuldung im Laufe der Hyperinflation zum Teil sogar an.

Die historisch stärkste Hyperinflation war jedoch jene in Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg. Die fünf größten Hyperinflationen der vergangenen 100 Jahre weisen einige Gemeinsamkeiten auf (Tabelle): Alle waren sie kurz (sie dauerten im Durchschnitt etwa ein Jahr), aber intensiv, mit monatlichen Inflationsraten von weit über 50 Prozent pro Monat – der Schwelle, ab der man von Hyperinflation spricht.

Abbildung 2: Staatsschuldenquoten und Inflation in Argentinien, Brasilien und PeruAbbildung 2: Staatsschuldenquoten und Inflation in Argentinien, Brasilien und Peru (© bpb)
Hohe Inflation geht letztlich immer mit einem hohen nominalen Wachstum der Geldbasis, also der von der Zentralbank bereitgestellten Geldmenge vor allem in Form von Banknoten, einher (siehe Spalte 4 von Tabelle). Die betroffenen Volkswirtschaften hatten mit größeren Wirtschaftskrisen zu kämpfen, die sich zunächst in hohen staatlichen Budgetdefiziten niederschlugen. Offensichtlich sahen die Regierungen den einfachsten Ausweg darin, ihre Ausgaben durch Geldschöpfung zu finanzieren. So stieg etwa in Zimbabwe offiziellen Angaben zufolge die Geldmenge von September auf Oktober 2008 um 57933 Prozent an.[8]

Zu ähnlichen, wenn auch weniger dramatischen Entwicklungen kam es im Laufe der 1980er Jahre auch in vielen lateinamerikanischen Staaten sowie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre in deren Nachfolgestaaten. Beispielsweise wiesen Argentinien, Brasilien und Peru zwischen 1975 und 2000 in mindestens einem der betrachteten Fünfjahresfenster eine durchschnittliche Inflationsrate von mehr als 20 Prozent pro Monat auf (Abbildung 2). In Argentinien und in Brasilien lag die monatliche Inflationsrate über ein Jahrzehnt hinweg bei mehr als zehn Prozent, zum Höhepunkt lag sie in Argentinien bei fast 200 Prozent – das sind mehr als 3330 Prozent pro Jahr. All diese Länder kehrten in den 1990er Jahren zu niedrigen Inflationsraten zurück, in Argentinien ist Ende des Jahrtausends aus der Inflation sogar eine Deflation geworden.

Wie zahlreiche andere Beispiele der Wirtschaftsgeschichte zeigen, muss hohe Staatsverschuldung jedoch keineswegs zwangsläufig in eine inflationäre Spirale führen. Eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Entwicklung in Großbritannien und den USA. In beiden Ländern gab es über mehrere Jahrhunderte starke Schwankungen der Schuldenquote, ohne dass jemals eine Währungsreform mit Schuldenschnitt erfolgt wäre. Die Inflationsraten bewegten sich in vergleichsweise moderatem Rahmen (Abbildung 3). Auch in Japan kam es nach 1970 zu einem massiven Anstieg der Schuldenquote von damals 10 auf 228 Prozent Ende 2013, ohne dass sich dies bislang in hohen Inflationsraten niederschlägt. Im Gegenteil, in den vergangenen beiden Jahrzehnten war Japan zum Teil durch eine deflationäre Entwicklung gekennzeichnet.

Auch die massive Ausweitung der Geldbasis zur Stabilisierung des Finanzsystems seit Beginn der Finanzkrise 2007 führte in den meisten Staaten bislang keineswegs zu steigenden Inflationsraten. Ob dies auch in Zukunft gilt, hängt entscheidend davon ab, ob es gelingen wird, sie im Zuge der Stabilisierung der Wirtschaftsaktivität wieder rückgängig zu machen.

Abbildung 3: Staatsschuldenquoten und Inflation in Großbritannien und den USA, 1865 bis 2010.Abbildung 3: Staatsschuldenquoten und Inflation in Großbritannien und den USA, 1865 bis 2010. (© bpb)
Studien der Ökonomen Moritz Schularick und Alan Taylor belegen, dass im Laufe von Finanzkrisen nach einer Periode hohen Schuldenüberhangs in der Regel für lange Zeit keine steigenden Inflationsraten zu beobachten sind.[9] Diese Episoden sind durch ein Regime monetärer Dominanz geprägt. Die niedrigen Nominalzinsen selbst für Staatsanleihen mit langer Laufzeit in Deutschland, aber auch in den USA und Japan Ende 2015 sind ein Indiz dafür, dass die Finanzmärkte mit einer lang anhaltenden Fortsetzung dieses Regimes rechnen.

Wie bereits beschrieben, bleiben Zins- und damit auch Schuldenlast tragbar, solange Vertrauen in den Fortbestand des Regimes monetärer Dominanz herrscht. Mit steigender Staatsschuldenquote nimmt die Gefahr von Stimmungsumschwüngen zu. Dies ist ein Argument dafür, sie langfristig auf einem niedrigen Niveau zu stabilisieren. Denn solange Vertrauen herrscht, kann selbst bei hoher Verschuldung ein hinreichend großer geldpolitischer Spielraum bestehen.

Eine flexible Geldpolitik, die in Rezessionen die Wirtschaftsaktivität bewusst stimuliert und dabei auch einen zeitweisen Anstieg der Geldmenge in Kauf nimmt, kann einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung der Schuldenquote leisten. Durch die Bekämpfung deflationärer Gefahren dämpft sie den Produktionseinbruch in der Krise und verhindert einen starken rezessionsbedingten Anstieg der Staatsschuldenquote. Gelingt es dagegen nicht, aus einer Phase länger andauernder Stagnation mit anhaltend ansteigender Staatsschuldenquote auszubrechen, kann ein Beharren auf strikter Preisstabilität die Gefahr eines drastischen Regimewechsels erhöhen. Die Entwicklung in Japan Anfang 2013, als die neu gewählte Regierung Abe die Führung der Zentralbank auswechselte und das Inflationsziel von einem auf zwei Prozent erhöht wurde, illustriert dies eindrucksvoll.

Fußnoten

7.
Ihre Höhe war Verhandlungsgegenstand verschiedener Umschuldungskonferenzen und wurde mehrfach verändert.
8.
Vgl. Reserve Bank of Zimbabwe, Monthly Economic Review, December 2008, Statistics.
9.
Vgl. Moritz Schularick/Alan Taylor, Credit Booms Gone Bust: Monetary Policy, Leverage Cycles, and Financial Crises, in: American Economic Review, 102 (2012) 2, S. 1029–1061.
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