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APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Philip Mehrtens

Staatsschulden, Haushaltskonsolidierung und staatlicher Gestaltungsspielraum in Schweden

Finanz- und Wirtschaftskrise der 1990er Jahre

Obwohl die Wirtschafts- und Haushaltsprobleme zunächst gelöst waren und die Staatsschulden ab Mitte der 1980er Jahre nominell wieder sanken, geriet Schweden zu Beginn der 1990er Jahre in eine zweite, noch verheerendere und vielschichtigere Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Antikrisenstrategie der schwedischen Regierung in den 1980er Jahren, die als wesentliche Pfeiler die Kontraktion des öffentlichen Sektors und die Expansion des Exportsektors umfasste, war zunächst erfolgreich. Allerdings war sie langfristig nicht nachhaltig, da grundlegende Probleme fortbestanden und vor allem die hohe Inflation nicht unter Kontrolle gebracht werden konnte. Zudem führte die Deregulierung und Öffnung des Finanzsektors zu einem starken Anstieg der Kreditvergabe, der Bauaktivitäten und der Häuserpreise, sodass sich eine Spekulationsblase auf dem Kredit- und Immobilienmarkt bildete.

Das Platzen dieser Kreditblase fiel mit der tiefsten und längsten wirtschaftlichen Rezession in Schweden seit den 1930er Jahren zusammen und drohte das gesamte schwedische Finanz- und Bankensystem zusammenbrechen zu lassen. Die Wirtschaftsleistung nahm auf dem Höhepunkt der Krise von 1991 bis 1993 drei Jahre hintereinander ab. Die Arbeitslosenquote verfünffachte sich von etwa zwei Prozent 1990 auf über elf Prozent 1994 und verblieb lange auf einem hohen Niveau.[4] Die Staatsverschuldung verdoppelte sich in wenigen Jahren auf fast 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und die Haushaltsdefizite waren zum Teil zweistellig (Abbildung). Das ganze Land befand sich in vielerlei Hinsicht in einer Ausnahmesituation.

Die ohnehin dramatische Lage verschärfte sich noch durch eine Währungskrise im Herbst 1992. Schweden hatte die Krone zu diesem Zeitpunkt unilateral an das Europäische Währungssystem und den ECU gekoppelt, und die Zentralbank versuchte mit allen Mitteln, das Regime fester Wechselkurse aufrechtzuerhalten und eine Abwertung der Krone zu verhindern. Durch einen hohen Leitzins und Stützungskäufe der Zentralbank sollte der Kurs der Krone stabilisiert werden.

Das hohe Zinsniveau hatte allerdings negative Auswirkungen auf die Finanz- und Schuldenkrise, da es die Belastungen durch die hohe private und staatliche Verschuldung noch größer werden ließ. Die schwedische Regierung und die Reichsbank stimmten jedoch darin überein, dass die Verteidigung des festen Wechselkurses Priorität hatte, und erhöhten den Leitzins im Kampf gegen Spekulanten und Finanzmärkte immer weiter – bis zum unglaublichen Wert von 500 Prozent für ein Wochenende im September 1992. Dieser Zinsschock stoppte die Spekulationen zunächst, und im Gegensatz zu vielen anderen Ländern in Europa konnte Schweden die Wechselkursbindung verteidigen. Dieser Erfolg hatte jedoch einen hohen Preis und traf die Wirtschaft, die Bevölkerung und den Staat gleichermaßen.

Die hohen Kosten für die Verteidigung des Wechselkurses sind nur vor dem Hintergrund einer makroökonomischen Grundsatzentscheidung verständlich. Parteiübergreifend war die schwedische Politik seit Anfang der 1980er Jahre davon überzeugt, dass die vormals regelmäßigen, aber inflationstreibenden Abwertungen keine dauerhafte Lösung zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit waren und eingestellt werden mussten. 1982 hatte die Regierung absichtlich eine überhöhte Abwertung der Krone vorgenommen, um der schwedischen Exportindustrie durch eine künstlich unterbewertete Währung einen Wachstumsstimulus zu geben. Gleichzeitig kündigte sie als unmissverständliches Signal nach innen und außen allerdings an, dass dies die letzte Abwertung sein werde und die Wettbewerbsfähigkeit in Zukunft durch Maßnahmen in den Unternehmen und auf dem Arbeitsmarkt gewährleistet werden müsse.

Letztlich waren die hohen Kosten und Anstrengungen der schwedischen Reichsbank vergebens, und die Wechselkursbindung der Krone bestand nur für ungefähr zehn Jahre. Nachdem es keine politische Mehrheit zur Verabschiedung eines Sparpakets im Reichstag gab und die Zentralbank allein in einer Woche mit Devisentransaktionen in Höhe von 158 Milliarden Kronen intervenierte, was 1992 etwa elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprach, wurde der Wechselkurs im November 1992 freigegeben.[5] Die Krone war erstmals seit der Weltwirtschaftskrise 1933 vollkommen frei von staatlicher Regulierung handelbar und wertete sofort um neun Prozent ab. Zum Ende des Jahres war ihr Kurs sogar um etwa 20 Prozent gefallen.[6]

Fußnoten

4.
Vgl. OECD (Anm. 1).
5.
Vgl. Hans-Michael Trautwein, Die kostspielige Vorwegnahme des Beitritts zur Europäischen Union. Das Beispiel der schwedischen Geld- und Währungspolitik, in: Claudius H. Riegler/Olaf Schneider (Hrsg.), Schweden im Wandel. Entwicklungen, Probleme, Perspektiven, Berlin 1999, S. 255–283.
6.
Vgl. Peter Englund, The Swedish Banking Crisis. Roots and Consequences, in: Oxford Review of Economic Policy, 15 (1999) 3, S. 80–97.
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