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APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Caspar Dohmen

Geld und Schulden – zwei Seiten einer Medaille

Kapital, Kredit, Investition

Geld erfüllt drei wichtige ökonomische Funktionen: Als universelles Tauschmittel für Waren hat es erstens eine Zahlungs- oder Tauschfunktion; zweitens fungiert es als Zähl- und Recheneinheit, weil es einen einheitlichen Maßstab liefert; drittens dient Geld zur Wertaufbewahrung. Als Kapital treibt Geld jedoch vor allem die wirtschaftliche Entwicklung einer Volkswirtschaft an. Es verwandelt sich dann in Kapital, wenn es produktiv investiert wird, beispielsweise in Maschinen. Den Unterschied zwischen Geld und Kapital erklärt der Historiker Fernand Braudel folgendermaßen: "Ein Haus ist Kapital; gespeicherter Weizen ist Kapital; ein Schiff, eine Straße, sind Kapital. Aber Kapitalgüter verdienen diesen Namen nur, wenn sie am ständig sich erneuernden Produktionsprozess teilhaben: Die Münzen eines Schatzes, der nicht benutzt wird, sind ebenso wenig Kapital wie ein ungenutzter Wald usw."[5]

Vermittelt wird ein Großteil des Kapitals als Kredit. Ein Kredit stellt einen Tausch von Gütern in der Zeit dar: Sparerinnen und Sparer verzichten auf gegenwärtigen Konsum und parken ihre Mittel, gewöhnlich bei Finanzinstitutionen wie Banken, Investmentgesellschaften oder Versicherungen, die wiederum die Spargelder als Kredite an Unternehmen ausleihen. Aus diesem Geld wird Kapital, wenn es als Kredit ausgegeben und dieser produktiv investiert wird. Dieser Mechanismus ist hauptverantwortlich für die dynamische Entwicklung der Wirtschaft, die einen hohen Wohlstandszuwachs mit sich gebracht hat. Nach Ansicht des Historikers Niall Ferguson "ist die Entwicklung des Kreditwesens für die Entwicklung der Zivilisation ebenso wichtig gewesen wie technische Erfindungen". Für Fortschritte in der zivilisatorischen Entwicklung brauchte es neben Bergbau, Fabriken und Maschinen eben auch Kredite – und damit Schulden.

Kredite erfüllen eine wichtige Funktion für die soziale Entwicklung einer Gesellschaft. Ohne Kredit wäre eine Gesellschaft von unten nach oben starr, weil nur Vermögende investieren könnten. Dadurch würde sich die Vermögensverteilung zementieren. Wenn Menschen mit pfiffigen Ideen, aber ohne Kapital im Wirtschaftsleben außen vor bleiben, ist dies auch volkswirtschaftlich ineffizient. Umgekehrt kann ein besserer Zugang zu Krediten für Arbeit und Wohlstand sorgen, von dem alle Beteiligten profitieren.

Vor allem in ärmeren Ländern liegt hier noch sehr vieles im Argen. Allerdings helfen Kredite Menschen auf Dauer generell nur, wenn sie aus ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit heraus die Tilgung und Zinszahlung schaffen können. Ansonsten rutschen sie in eine Schuldenspirale, an deren Ende der Bankrott und oft persönliche Tragödien stehen. Trauriges Beispiel: In den vergangenen 16 Jahren haben sich in Indien rund 250000 überschuldete Kleinbauern das Leben genommen. Der Zins, also der Preis für den Kredit, ist im Laufe der Menschheitsgeschichte höchst umstritten gewesen. Die katholische Kirche verbot den Zins lange Zeit, und noch immer gelten Wucherzinsen als Sünde. Eine negative Einstellung zum Zins findet sich beispielsweise auch im alten China oder Indien. Im Islam ist er bis heute verboten. "Möglicherweise lässt sich diese weltweite Ablehnung als Reaktion auf das Eindringen des Geldes als Werkzeug eines unpersönlichen Tauschhandels in den Kreis der alten Agrarwirtschaften, also als Reaktion gegen eine fremde Macht deuten", erklärt Fernand Braudel dieses Phänomen.

Gesellschaftliches Wohlergehen ist wesentlich von Innovationen abhängig, etwa der Entwicklung neuer Medikamente. Finanziert werden solche Investitionen seltener von Banken, die so große Risiken, wie sie die Finanzierung von Innovationen mit sich bringen, gewöhnlich nicht eingehen, sondern vielmehr von Akteuren, die nicht am Gewinn orientiert sind. So finanzieren beispielsweise in den USA die Regierung, nicht gewinnorientierte Organisationen und Universitäten rund vier Fünftel der Grundlagenforschung.[6] Bei der Anschubfinanzierung versagt also oft ein System, das auf privaten Krediten beruht. Bei den meisten revolutionären Innovationen, die den Kapitalismus vorangetrieben haben – von der Eisenbahn über das Internet bis aktuell zur Nanotechnologie und Pharmaforschung – seien die frühesten, mutigsten und kapitalintensivsten unternehmerischen Investitionen von der öffentlichen Hand gekommen, schreibt die Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato.[7] Solche radikalen Investitionen seien erst durch die "sichtbare Hand des Staates" ermöglicht worden – bis heute, wie etwa das Beispiel des US-Konzerns Apple zeige. Das Unternehmen, das die Computer- und Konsumtechnologie revolutioniert hat, habe auf diverse Vorarbeiten staatlich finanzierter Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Ländern zurückgegriffen, die unter anderem das Internet, Speichertechnologien, den Touchscreen oder das Positionierungssystem GPS erfunden hatten.

Heutige und künftige Generationen können also davon profitieren, wenn Staaten mit Krediten Innovationen ermöglichen oder den Bau wichtiger Infrastrukturen wie Verkehrs- oder Glasfasernetze finanzieren. Anders sieht es aus, wenn Regierungen auf Dauer laufende Ausgaben über Kredite finanzieren. Denn Regierungen müssen ebenfalls den Zinseszins bezahlen – folglich besteht die Gefahr, dass ein immer größer werdender Teil der Einnahmen für die Bedienung der Kredite verwendet werden muss. Ins Gleichgewicht gebracht werden können die öffentlichen Haushalte durch eine Erhöhung der Einnahmen, also durch höhere Steuern, oder Ausgabenkürzungen. Die Profiteure der staatlichen Verschuldung sind übrigens die Geldverleiher, also private und institutionelle Geldanleger. Denn Staatsanleihen gelten, vor allem wenn sie von Ländern mit guter Bonität wie Deutschland ausgegeben werden, als sichere Anlage und sind entsprechend begehrt.

Fußnoten

5.
Fernand Braudel, Die Dynamik des Kapitalismus, Stuttgart 20135, S. 48.
6.
Vgl. Mariana Mazzucato, Das Kapital des Staates. Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum, München 2014, S. 83.
7.
Vgl. ebd., S. 13.
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