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APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Caspar Dohmen

Geld und Schulden – zwei Seiten einer Medaille

Banken

Obwohl das Internet neue Möglichkeiten der direkten Kreditvergabe unter Privatleuten geschaffen hat, sind Banken weiterhin die wichtigsten Kreditgeber. Sie erfüllen eine zentrale Funktion, wenn sie zwischen den Geldgebern (Sparern oder Gläubigern) und Geldnehmern (Kreditnehmern oder Schuldnern) vermitteln. Denn nach wie vor ist es schwierig und aufwendig für Einzelne, die Bonität potenzieller Kreditnehmer zu beurteilen. Außerdem ist es gerade bei hohen Summen wirtschaftlicher, wenn nur ein Akteur einen Kreditkunden durchleuchtet, als wenn jeder beteiligte Kreditgeber das tut. Um einzuschätzen, ob ein Kreditnehmer seinen Verpflichtungen zur Rückzahlung des Kredits nachkommen kann und wird, brauchen Banken zuverlässige Informationen wie Geschäftsbilanzen oder Bonitätsbewertungen durch Ratingagenturen, es können aber auch weiche Faktoren wie die Einschätzung der Persönlichkeit des Kreditnehmers eine Rolle spielen. Prinzipiell vergeben Banken heute an jeden Kredit. Zur Zeit des Feudalismus vergaben sie Kredite vor allem an Adlige, mit denen diese hauptsächlich Luxus und Kriege finanzierten. Einfache Menschen waren dagegen lange auf private Geldverleiher angewiesen, die häufig Wucherzinsen verlangten. Das änderte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts mit der Gründung der Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken. Seitdem vermitteln Banken eine Vielzahl an Krediten zwischen Geldgebern und Kreditnehmern.

Wer sein Geld erfolgreich als Kapital einsetzt, bekommt im kapitalistischen Wirtschaftssystem dafür einen Habenzins. Der Kreditnehmer zahlt dagegen einen Sollzins. Aus der Differenz fließt ein Zinsüberschuss an die Bank, die damit ihre Aufwendungen deckt und gegebenenfalls einen Gewinn erzielt. Es ist aber nicht selbstverständlich, dass Sparer einen positiven Zinssatz auf ihre Bankeinlagen erhalten. Derzeit erleben wir wieder eine Niedrigzinsphase. Manche Ökonominnen und Ökonomen gehen davon aus, dass sich das globale Geldangebot mit der Kreditnachfrage sogar erst bei einem Zinssatz von minus vier bis fünf Prozent ausgleichen würde; erst dann würden die riesigen Ersparnisse der Bürgerinnen und Bürger von den Konten weg in private und staatliche Investitionen gelenkt.[8] Aber diese These ist strittig.

Banken sind jedoch vor allem der wichtigste Kreditgeber, weil sie selbst Geld herstellen können: das sogenannte Buch- oder Giralgeld, das bei der Kreditvergabe entsteht. Hierbei handelt es sich um ein großes Privileg, das die Gesellschaft den Banken gewährt. Buchgeld existiert – anders als Münzen oder Scheine – nicht physisch, sondern nur elektronisch als Ziffer auf einem Konto. Dieses Geld macht aber den Löwenanteil unseres heutigen Geldes aus, allein in der Eurozone mehr als 80 Prozent. Möglich ist diese Giralgeldschöpfung, weil Banken ihren Kundinnen und Kunden wesentlich mehr Kredit einräumen dürfen, als sie an Kundeneinlagen haben. Sie besteht aus einem Buchungsvorgang bei einer Bank. Das Geldinstitut erfasst eine Forderung in Höhe des Darlehensbetrags gegenüber dem Kreditnehmer und bucht gleichzeitig eine Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Kreditnehmer in Höhe des Guthabens auf dem Girokonto (Bilanzverlängerung). Die Bank schafft Geld gewissermaßen also aus dem Nichts. Angenommen, ein Kreditnehmer nimmt ein Darlehen in Höhe von 200000 Euro für einen Wohnungskauf auf, dann stellt ihm die Bank diesen Betrag auf seinem Girokonto zur Verfügung. Wenn der Kreditnehmer mit dem Geld etwa die Wohnungsverkäuferin oder den Handwerker bezahlt, beginnt das Geld zu zirkulieren. Buchgeld verschwindet in dem Moment, in dem der Kreditnehmer das Darlehen bei seiner Bank tilgt. Banken können außerdem Vermögensgegenstände wie Wertpapiere kaufen und mit selbst geschöpftem Geld auf dem Konto des Verkäufers bezahlen.

Allerdings müssen die Banken bei der Schaffung von Giralgeld bestimmte Bedingungen einhalten. Zum Beispiel müssen die eigenen Mittel einer Bank, das sogenannte Eigenkapital, in einem bestimmten Verhältnis zum gesamten Kreditvolumen eines Instituts stehen. Die Zentralbank schreibt den Kreditinstituten außerdem vor, welchen Prozentsatz der Einlagen sie als Mindestreserven vorhalten müssen. Beträgt der Satz beispielsweise fünf Prozent, können Banken aus jedem Euro auf einem Einlagenkonto rein rechnerisch das Neun- bis Zehnfache an Kredit schöpfen. Allerdings läuft dieser Prozess gewöhnlich mehrmals hintereinander ab, da ein Kreditnehmer mit dem Kredit Rechnungen bezahlt; geschieht dies elektronisch, landet das Kreditgeld entsprechend auf einem anderen Konto und dient einer anderen Bank als Rohstoff für weiteres Giralgeld.

Notenbanken beeinflussen nur den Teil der Giralgeldschöpfung, der für das Geschäft von Banken mit Unternehmen und Haushalten dient. Außen vor bleibt das Kreditgeschäft, das Banken untereinander abwickeln, bei dem sie – ebenfalls durch den Vorgang der Kreditvergabe – das sogenannte Interbankengeld schaffen. Solange Banken sich untereinander Kredit geben, gehört dieses Geld nicht zu der Menge, die die Zentralbank steuert. Begrenzt ist der Umfang dieser Art der Kreditschöpfung lediglich durch das Eigenkapital einer Bank.

Banken schaffen einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Zeithorizonten von Sparern und Kreditnehmern. Einlegerinnen und Einleger wollen ihr Geld gewöhnlich jederzeit von ihrem Spar- oder Girokonto abziehen können. Dagegen wünschen sich Kreditnehmer Schulden mit langen Laufzeiten, weil sie dann besser kalkulieren können. "Auch wenn es seit Jahrhunderten gebräuchlich ist, Einlagen und andere kurzfristige Schulden zur Finanzierung von Krediten zu verwenden, und wenn in Lehrbüchern geschrieben steht, das gehört zum Bankgeschäft, ist diese Praxis doch sehr riskant", schreiben die Ökonomen Anat Admati und Martin Hellwig.[9] Wenn eine Bank die kurzfristigen Schulden nicht ständig erneuert bekommt oder Kunden schlagartig in großem Umfang Einlagen bei einer Bank abziehen, kann ihr schnell das Geld ausgehen. Letzteres bezeichnet man als bank run. Dazu kam es beispielsweise zu Beginn der Finanzkrise im Herbst 2007 in England, als Kunden die Schalter der Northern Rock stürmten. Um einen solchen Ansturm zu verhindern, sind Kunden heute vor dem Verlust ihrer Bankeinlagen weitgehend geschützt, in Deutschland je Person mindestens bis zu einer Summe von 100000 Euro.

Gerade wegen des Mechanismus der Kreditgeldschöpfung sind Banken krisenanfällig. Schließlich können sie Kredite in einem Volumen ausgeben, das ein Vielfaches ihres eigenen Kapitals beträgt. Vor der Finanzkrise 2008 betrug das Eigenkapital bei vielen Banken in Europa und den USA weniger als drei Prozent. Entsprechend reichte ein Wertverlust bei den gesamten Anlagen einer Bank von gerade einmal drei Prozent aus, um deren Eigenkapital aufzuzehren und das Institut in die Insolvenz zu treiben. So geschah es bei mehreren Geldhäusern in der Finanzkrise wie den US-Instituten Lehman Brothers und Washington Mutual. Andere Banken retteten Politikerinnen und Politiker mit Steuergeldern vor dem Untergang, etwa die Schweizer UBS oder die Hypo Real Estate in Deutschland.

Früher waren Banken besser für eine Krise gerüstet: Im 19. Jahrhundert war ein Eigenkapital von 40 bis 50 Prozent der Aktiva üblich, Anfang des 20. Jahrhunderts 20 bis 30 Prozent. Solch eine Quote halten einige Ökonomen auch heute für angebracht, um die Sicherheit der Banken und die Stabilität des Finanzsystems zu erhöhen.[10] Ein solcher höherer Krisenpuffer hätte keinen Einfluss auf das Kreditvolumen einer Bank. Denn eine Bank kann das Eigenkapital genauso verleihen wie Fremdkapital. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Verwendung von Eigen- und Fremdkapital, sondern im Recht: Gerät eine Bank in Schwierigkeiten, werden erst die Eigenkapitalgeber in Haftung genommen, also die Besitzerinnen und Besitzer der entsprechenden Aktien und Anleihen.

Bankpleiten sind unproblematisch, solange sie keine Risiken für andere Institute oder gar ganze Volkswirtschaften bergen. Das kann schnell der Fall sein, weil Banken untereinander häufig eng miteinander verflochten sind. Mehrfach ist es in der Vergangenheit schon zu Kettenreaktionen gekommen, bei denen reihenweise Banken pleitegingen. Zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem werden Bankenpleiten, wenn investitionswillige und kreditwürdige Unternehmen und Privatpersonen anschließend keinen oder nur noch unzureichend Kredit erhalten. Eine solche "Kreditklemme" kann eine Wirtschaft lähmen. Aus diesem Systemproblem haben moderne Geldwirtschaften eine Konsequenz gezogen. Gerät eine "systemrelevante" Bank in Liquiditätsnöte, springen Institutionen ein, als sogenannter lender of last resort. Diese Funktion übernimmt auf supranationaler Ebene der Internationale Währungsfonds und in der Eurozone die Europäische Zentralbank oder Regierungen. Sie stützen systemrelevante Banken, die entsprechend als too big to fail gelten. Den Preis dafür zahlt die Allgemeinheit, wenn Verluste der Banken sozialisiert werden.

Schluss

Das Geldsystem ist von Menschen gemacht und entsprechend änderbar. Schon einige Male haben sich Gesellschaften für Reformen entschieden, wie beispielsweise für die Einführung des Papiergeldes oder die Abschaffung der Goldbindung der Währungen. Heute diskutieren Ökonomen sogar über die generelle Abschaffung des Bargeldes. Vor allem angesichts der gewaltigen Probleme wie etwa der Klimawandel, das Bevölkerungswachstum oder die Ressourcenknappheit, vor denen die Menschheit heute steht, macht es Sinn, darüber nachzudenken, welchen Beitrag zur Lösung das Geldsystem leisten kann.

Fußnoten

8.
Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.11.2014.
9.
Anat Admati/Martin Hellwig, Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken wirklich schiefläuft und was wirklich geändert werden muss, München 2013, S. 93.
10.
Vgl. ebd., S. 276.
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