APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Silke Meyer

Wie geht es "raus aus den Schulden"? Narrative Krisenbewältigung in der Privatverschuldung

Technologien der Schuld(en)vergebung

Der Nachweis der Selbstaktivierung, der Selbstauskunft, des Durchhaltewillens und der dauerhaften Bereitschaft zum Verzicht im Leben an der Pfändungsgrenze unterscheiden also nach Gesetzesgrundlage die redlichen von unredlichen Verschuldeten. Da der Redlichkeitsbeweis nicht anders angetreten werden kann als im Verfahren selbst, werden dessen Auflagen für die Schuldnerinnen und Schuldner zur moralischen Instanz ihrer Lebensführung. Gerade in der finanziellen und sozialen Krise der Verschuldung erfahren die normierten Regelungen der Lebensführung eine hohe Akzeptanz.

Einsicht und Reue, Handlungsinitiative und Bekenntnisbereitschaft sowie Verzicht und ökonomische Härte bilden also die gesetzlich verankerten und gesellschaftlich akzeptierten Leitplanken auf dem Weg aus den Schulden. Das Insolvenzverfahren wirkt damit selbstaktivierend und disziplinierend zugleich. Diese Regierungstechniken der Schuldbefreiung haben eine kulturhistorische Genese, die aufschlussreich für ihre Wirkmacht ist. Denn die Ordnung der Restschuldbefreiung weist auffällige Parallelen zu Formen der christlichen Sündenvergebung und zu Techniken der christlichen Pastoralmacht im Sinne Michel Foucaults auf.

Mit Pastoralmacht sind bei Foucault Selbsttechnologien gemeint, die dem Individuum Anerkennung und soziale Akzeptanz in Aussicht stellen, wenn es sich den gesellschaftlichen Verhältnissen unterwirft. Anders gesagt: Im Prozess der Subjektkonstitution oder Subjektivierung nimmt der Mensch gesellschaftliche Anforderungen als individuelle Bedürfnisse wahr und macht externe Leitungs- und Kontrollvorstellungen zu internen Ambitionen. Laut Foucault trugen und tragen diese christlich-religiösen Machttechniken in säkularisierter Form zur Herausbildung und Reproduktion der bürgerlichen Gesellschaft bei.[4]

Die Vorstellung der Schuldbereinigung ist an zentraler Stelle im jüdisch-christlichen Glauben verankert. So lautet eine Bitte des Vaterunsers: "Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Die Verwandtschaft zwischen geistlicher und weltlicher Schuldvergebung reicht jedoch weiter: Die Langwierigkeit und Härte der Verfahrensdauer und der Verzicht auf volkswirtschaftlich sehr wohl zu begründende Anreize zur Verfahrenskürzung bilden strukturell einen Akt der Buße ab, der erst, wenn er in seinem vollen Umfang absolviert wurde, gültig und wirksam werden kann. Eine Motivation zur Verkürzung der Bußaufgaben wäre in diesem Sinne kontraproduktiv, da die Absolution erst erteilt werden kann, wenn die Buße in ihrer Gänze getan wurde. Weiterhin ist Bekenntnis in Form der Beichte ein zentraler Teil der katholischen Bußpraxis. Die Insolvenzordnung fordert ebenfalls eine Selbstauskunft als Teil der Schuldbereinigung. So müssen – wie bereits erwähnt – die Antragstellenden noch vor Eröffnung des Verfahrens ein Verzeichnis über Vermögensverhältnisse, Gläubiger und Forderungen sowie einen Schuldenbereinigungsplan erstellen und allen Beteiligten öffentlich machen (InsO §305). Restschuldbefreiung setzt also eine detaillierte Selbstveröffentlichung der Schuldverhältnisse voraus.

Das Schuldensubjekt und die Moral der Geschichte

Entscheidend ist bei Foucault für die These der Pastoraltechnik, dass sich das Subjekt im Akt der Versprachlichung nach diskursiven Regeln konstituiert. Das Reden über Schulden ist also gesellschaftlichen Erwartungen, Denkhaltungen und Wahrnehmungen angepasst, anders gesagt: In der erzählerischen Selbstdarstellung erfolgt eine Selbstherstellung nach den Regeln des hegemonialen Diskurses.

Wenn Menschen sich in Geschichten entwerfen, dann stellen biografische Planbrüche die Erzählenden vor narrative Herausforderungen: Wie kann man über die eigenen Schulden sprechen und dabei das Gesicht wahren? Die Antwort liegt in der Form, Funktion und Moral der Selbsterzählung. Mit der Verwendung sprachlicher Formen und narrativer Muster deuten die Erzählenden im Reden über Schulden ihre finanzielle Krise um und kompensieren so die Stigmatisierung und soziale Marginalisierung, die sie im Alltag erfahren. Die Schuldnerinnen und Schuldner machen also im Sprechen als sozialem Handeln ihr ökonomisches Handeln diskursfähig, also anschlussfähig an eine gesellschaftliche Norm.[5] Dies gelingt ihnen, indem sie ihrer Schuldengeschichte Kontinuität und Kohärenz verleihen. Eine stimmige Geschichte wird zur stimmigen Erklärung der Schuldenkrise.

In der narrativen Kompensation der Schuldenerfahrung wiederholen sich zwei Erzählstrategien. Die erste ist die Her- und Darstellung von Linearität in der Selbsterzählung. Damit wird die Verschuldungserfahrung zum sinnhaften Erlebnis. Ein Interviewbeispiel kann dies veranschaulichen: Die Befragte ist eine 28-jährige Studentin aus Münster. Nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau verlor sie ihren Arbeitsplatz bei einer Spedition und begann ein Studium der Erziehungswissenschaften, das sie mit Krediten finanzierte. Zuvor hatte sie bei ihrer Hausbank bereits einen Konsumentenkredit für eine Wohnungseinrichtung aufgenommen, insgesamt ist die Studentin mit 45000 Euro verschuldet.[6]

Fußnoten

4.
Michel Foucault stellte dieses Forschungsprogramm der Verschränkung von Selbst- und Fremdregierungsweisen, für das sich auch die Bezeichnung der Gouvernementalitätsstudien durchgesetzt hat, in seinen Vorlesungen am Collège de France 1978 und 1979 vor. Eine Einführung geben u.a. Thomas Lemke, Susanne Krasmann und Ulrich Bröckling, sie schlagen weiterhin eine Brücke zu Prozessen der Neoliberalisierung. Vgl. dies. (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M. 2000.
5.
Vgl. Pierre Bourdieu, Was heißt Sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches, Wien 20052.
6.
Das Interview fand bei der Befragten zu Hause statt und dauerte 75 Minuten. Im Transkript des Interviews bedeuten Klammern Auslassungen, Bindestriche geben Pausen wieder.
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