APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Silke Meyer

Wie geht es "raus aus den Schulden"? Narrative Krisenbewältigung in der Privatverschuldung

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Interviewerin: "Und wofür war dann der zweite Kredit?"

Interviewte: "Ja, das war was anderes, das war ja dann, als ich schon wusste, was ich wollte – Also ich habe ja Bürokauffrau gelernt, aber irgendwie, obwohl es mir da gut gefallen hat, so von den Leuten her, da habe ich nach einer Weile schon gemerkt, das mir das nicht so reicht. Deshalb fand ich das gar nicht so schlimm, dass ich dann bei der Spedition gegangen wurde, ich wollte ja eh studieren. (…) Und bei der Beratung, da haben sie mir gesagt, dass ich Erziehungswissenschaften machen sollte mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und das wär’s auch genau für mich. Und das habe ich ja angefangen, dann, aber das geht eben nicht so parallel, und dann fehlte für den Übergang kurzfristig schon das Geld. Da habe ich noch einen Konsumentenkredit aufgenommen und dann aber den Bildungskredit von der KfW. Das läuft so, dass ich Geld bekomme und die sind extrem flexibel und locker, das ist dann nicht nur für die Uni, sondern auch für alle Kosten, Miete, Klamotten, Urlaub, was man will, Bücher – Und ich habe es erst einmal gebraucht, dass ich nicht mehr arbeiten musste und ganz an die Uni gehen konnte und mich auf mein Studium konzentrieren. Dann konnte ich mich darauf auch anders einlassen. Und dann war es mir auch egal, dass ich wieder kein Geld hatte, das ist ja normal, am Anfang, da mache ich mir keinen Kopf. Schnäppchen machen und billig Leben gehört halt dazu, man wohnt wieder mit anderen zusammen, teilt sich den Kühlschrank und so."
Die gesamte Darstellung ihrer Verschuldung strukturiert die Studentin entlang eines kontinuierlichen Prozesses der Selbstverwirklichung, an dessen Ende sie sich als bildungsorientiert positioniert. Sie spricht in der Interviewsituation aktuell vom Standpunkt eines biografisch erfahrenen und kenntnisreichen erzählenden Ichs ("als ich schon wusste, was ich wollte") und grenzt sich so vom früheren erzählten Ich ab. Diesen autoepistemischen Prozess der Selbsterkenntnis und der Selbstverwirklichung ("das wär’s auch genau für mich") stellt sie in den Mittelpunkt ihrer Aussage. Zusätzliche Kohärenz verleiht sie ihrem biografischen Entwurf durch die Entschlossenheit und Konzentration, mit der sie ihr neues Ziel verfolgt ("ganz an die Uni gehen konnte und mich auf mein Studium konzentrieren").

In diesem Schema entfaltet der Moment der Entlassung ein sinnstiftendes Aktivierungspotenzial und macht gleichsam den Weg frei für ihre neue akademische Bestimmung. Die Formulierung des "Gegangen Werdens" ist über ihren Gehalt der lockeren Umgangssprachlichkeit hinaus aussagekräftig für die ambivalente Bewertung der Entlassung. Hierin ist das Verlaufsmuster des Übergangs von passivem Erleben zu aktiver Gestaltung festgehalten, die als zweite narrative Strategie der Schuldenkompensation gelten kann. Die Interviewpartnerin macht sich durch diese Wortwahl handlungsfähig, denn trotz der Passivkonstruktion impliziert das Wort "Gehen" eine Form der Selbstbestimmung, die semantisch im Wort "Entlassung" nicht enthalten ist. Dieses Anliegen der Autonomie wiederholt sie in der Beschreibung der Kreditkonditionen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die keine Vorgaben für die Geldverwendung macht, vielmehr könne man machen, "was man will". Handlungsmacht ist gerade in der Situation, in der die Verschuldeten kaum noch Spielraum in ihrem Konsum- und Freizeitverhalten haben, eine wichtige Dimension der Selbstwahrnehmung, die wiederholt narrativ hergestellt wird.

Der Weg aus der Schuldenkrise verläuft also über die narrative Umdeutung der Verschuldungserfahrung. Obwohl er alltagspraktisch mit biografischen Rückschritten einhergeht ("man wohnt wieder mit anderen zusammen, teilt sich den Kühlschrank"), rahmt die Interviewte diese Situation als Station auf einem kontinuierlichen Weg der Selbstfindung. In der Logik der Selbstfindung erscheint auch ein Studienfachwechsel, den sie später unternimmt, nicht als Diskontinuität, sondern als ein logischer Schritt in der Interessen- und Selbstverwirklichung. Sie begründet dies mit den Kreditregeln der KfW: "Einmal darfst Du ja auch das Fach wechseln. Weil, da sind die flexibel, solange man das begründen kann, ist es im Rahmen." Der KfW-Rahmen wird zu ihrem eigenen, sie internalisiert die Regulationen als Gradmesser für die Angemessenheit ihrer Entscheidung. Die möglichen Konsequenzen sieht sie nicht als prekär an und "macht sich keinen Kopf", denn "am Anfang" sei es ja "egal", ja sogar "normal", kein Geld zu haben gehöre "halt dazu". Die verstärkenden Partikel "halt" sowie das unpersönliche "man" verweisen auf eine Handlungsorientierung an einem angenommenen Kollektiv mit sozialen Normen. Die Bezugnahme auf dieses Kollektiv wirkt integrierend: Die Studentin weiß sich in Gesellschaft und fühlt sich in ihrer Schuldenkrise weniger exponiert.

Die finanzielle Krise lässt sich also durch eine sprachliche Gestaltung, nach welcher der Zustand der Erschütterung und des Chaos narrativ geordnet wird, zähmen und bewältigen. Der Krisengeschichte wird dabei ein logischer Ablauf unterstellt, der aus dem Standpunkt der Gegenwart Verunsicherung und Ungewissheit der Vergangenheit zuordnet und für die Zukunft Klärung bereithält. Mit diesem Handlungsverlauf ist ein Akt der Sinnstiftung verknüpft. Die Krise wird zum sinnhaften Moment und zur Chance, weil auf sie Läuterung, Konversion und Ordnung folgen und die Akteurin handlungsmächtig und selbstbestimmt aus ihr hervorgeht.[7]

Ihre Überzeugungskraft erhält die Schuldengeschichte sowohl auf formalsprachlicher Ebene – "man" versus "ich" – als auch im erfolgreichen Einsatz eines Erzählmusters. Die Studentin greift die Erzählstruktur der Bildungsgeschichte mit einem Läuterungsmoment auf und schildert ihre Erfahrungen entlang eines Prozesses der Selbsterkenntnis. Mit diesem kulturell etablierten Erzählmuster lädt sie ihre Biografie mit Sinn auf: Dadurch, dass sie sich jetzt als selbstverwirklicht, handlungsfähig und eigenverantwortlich erzählt, nimmt sie den guten Ausgang der Geschichte vorweg.[8] Aus der Schuldengeschichte ist damit eine Erfolgsgeschichte geworden. Die Verschuldung wird zu einer sozial ratifizierten biografischen Such- und Experimentierphase, die im bürgerlich-akademischen Milieu keineswegs ungewöhnlich ist. Der narrative Habitus der Entschuldung, also die Art und Weise des Sprechens über die eigenen Schulden, bilden auch in anderen Interviews ein erfolgreiches Ringen um Selbstbestimmung ab, das dem Schuldensubjekt erlaubt, sein eigenes nichtkonventionelles Handeln nicht nur mit individueller Sinnhaftigkeit, sondern auch mit moralischer Kompetenz anzureichern. So kreisen weitere Selbstdarstellungen darum, in der Schuldenkrise unabhängiger vom Geld zu werden, Konsum kritischer gegenüberzustehen und dafür andere Werte wie Familie, Naturverbundenheit und Nachhaltigkeit zu schätzen. In der Erzählforschung liegt einer solchen Positionierung das kulturell ebenfalls gut etablierte Motiv der glücklichen Armut zugrunde.

Andere Befragte wiederum vertreten im Erzählmuster des Underdogs eine systemkritische Haltung zu Kapitalismus und Finanzwesen: David gewinnt gegen Goliath, weil er klug eine einfache Waffe gegen den Riesen wählt und im Kampf den Mut und Glauben an sich selbst nicht verliert. In der erzählerischen Aneignung dieses Motivs stellen sich Verschuldete gegen Großbanken, Konzerne und den Staat und wissen sich dabei auf der moralisch richtigen Seite, die sie aus der kulturellen Akzeptanz des Musters ableiten. Die Erzählung entfaltet so Möglichkeiten, zu denen die Schuldensubjekte aufgrund ihrer finanziellen Deprivation kaum Zugang haben. Narrativ aber entwickeln sie Handlungswirksamkeit, indem sie wie hier auf die Pluralität von Lesarten hinweisen, vielfältige Evaluationen bereitstellen und damit dominante Positionen hinterfragen. So können Erzählende die Knappheit von Ressourcen in eine Wertschöpfung des Selbst umdeuten. Der Schlüssel dazu liegt in der Moral der Geschichte und damit im Erzählen als einer kulturellen Leistung.

Die diskursiven Leitbilder, die den sprachlichen Habitus der Entschuldung bestimmen, knüpfen an die Vorstellungen von Redlichkeit und Schuldbefreiung der Insolvenzordnung an. Auch die mediale Darstellung des Umgangs mit Schulden – das bekannteste Beispiel ist sicherlich die RTL-Sendung "Raus aus den Schulden" – schärfen ihrem Publikum ein, dass der Weg zur Schuldbefreiung nur über die Akzeptanz der eigenen Verantwortung, über die Offenlegung der Schuldverhältnisse – man denke an Peter Zwegats Flipchart – und über die ausdauernde Bereitschaft zum Verzicht führt. Als Bedingungen für die finanzielle Entschuldung schreiben sich diese Regulationsmodi in die Selbstanforderungen der Schuldnerinnen und Schuldner ein. Der medial aufbereitete normative Charakter des Gesetzes wird in den Bedingungen der Restschuldbefreiung zur moralischen Instanz und bestimmt die narrative Umdeutung und Neubewertung der ökonomischen Krise. Dies ist nur möglich, weil eine Selbstpositionierung als handlungsfähig zugleich Anschlussfähigkeit an eine gesellschaftliche Normalität und ihre hegemonialen Diskurse bedeutet. Die Konversions-, Bildungs- und Underdoggeschichten fungieren also nicht zuletzt als Integrationsversprechen.

Dieses Versprechen gibt es aber nicht umsonst, die moralische Aufwertung von Handlungswirksamkeit im Umgang mit Schulden führt nämlich in ihrer Konsequenz in ein für die Akteurinnen und Akteure fatales neoliberales Schulden- und Schuldverständnis.[9] Die narrative Konstruktion von Kohärenz und Handlungsmacht entlastet zwar das Subjekt einerseits, zugleich belastet sie es auch mit der Eigenverantwortlichkeit. Die Studentin aus Münster deutet ihre Entlassung als Aktivierung und die damit einhergehenden Schulden als Akt der Selbstverwirklichung. Strukturelle Bedingungen von Verschuldung wie Arbeitslosigkeit oder Transformationen des Arbeitsmarktes und des Sozialstaates geraten damit aus dem Blick. Auch individuelle Umstände wie Krankheit und Trennung rechtfertigen Ver- und Überschuldungssituationen nicht, weil sie nicht mit dem Imperativ der Selbstaktivierung konform gehen. Vielmehr übernehmen die Befragten im narrativen Subjektivierungsprozess unabhängig von ihren Verschuldungsumständen mit ihrer Handlungswirksamkeit und Verantwortung für ihr Handeln auch die Schuld an ihren Schulden. Wenn sie so ihre ökonomischen Schulden gegen eine moralische Schuld eintauschen, bezahlen sie damit am Ende einen hohen Preis.

Fußnoten

7.
In der Schuldnerberatung ist vom Ansatz der Selbstermächtigung oder des Empowerments die Rede, der die Einzelnen in ihrer Kompetenz zur Lebensgestaltung stärken soll. Kritisiert wird diese Perspektive laut Norbert Herriger für ihre Nähe zu neoliberalen Selbstanforderungen. Der Empowermentansatz werde zum Gehilfen eines aktivierenden Sozialstaates, der unter dem Primat der Marktfähigkeit strukturelle Zwänge in die Lebenswelten und das Selbstverständnis seiner Bürgerinnen und Bürger hineinreiche. Vgl. ders., Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung, Stuttgart 20104. Zu Empowerment in der Schuldnerberatung vgl. Hans Ebli, Pädagogisierung, Entpolitisierung und Verwaltung eines gesellschaftlichen Problems. Die Institutionalisierung des Arbeitsfeldes "Schuldnerberatung", Baden-Baden 2003.
8.
Vgl. auch Gabriele Lucius-Hoene, "Und dann haben wir’s operiert": Ebenen der Textanalyse narrativer Agency-Konstruktionen, in: Stephanie Bethmann et al. (Hrsg.), Agency. Qualitative Rekonstruktionen und gesellschaftstheoretische Bezüge von Handlungsmächtigkeit, Weinheim–Basel 2012, S. 40–71.
9.
Vgl. Maurizio Lazzarato, Die Fabrik des verschuldeten Menschen. Ein Essay über das neoliberale Leben, Berlin 2012.
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