Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.

22.7.2016 | Von:
Stefan Niggemeier

Nicht nur die Welt, auch sich selbst erklären. Zur Rolle des Journalismus heute - Essay

Den Eigenen Wert Erklären

Seit Jahren wird beschrieben, wie die digitale Revolution die Bedeutung von Massenmedien erodiert. Aber erst seit kurzem sind diese Auswirkungen auch praktisch greifbar und unübersehbar. Die klassischen Medien haben in vielfacher Hinsicht ein Monopol verloren, ihre Gatekeeper-Rolle. Sie sind nicht mehr die einzigen, die an ein großes Publikum senden – jeder kann publizieren. Sie kontrollieren nicht mehr allein, welche Informationen an eine breite Öffentlichkeit kommen – jeder kann sich aus den unterschiedlichsten Quellen informieren. Sie sind nicht einmal mehr diejenigen, die exklusiv bestimmen, welche Nachrichten wichtig sind und große Verbreitung finden – das tun inzwischen die Algorithmen von Unternehmen wie Google oder Facebook. Und als wäre der Verlust an Bedeutung, Macht und Einfluss nicht schlimm genug, verlieren sie auch noch Einnahmen und damit Ressourcen, um hochwertigen Journalismus zu produzieren, der ihre Einzigartigkeit oder Unverzichtbarkeit beweisen könnte.

Professionelle Journalisten und klassische Medien bestimmen immer noch in einem sehr großen Maße, worüber die Menschen reden und wie sie das tun. Aber der Verlust des Monopols ist real – und er betrifft den gesamten Kommunikationsprozess vom Akteur bis zum Rezipienten. Prominente kommunizieren inzwischen oft über Instagram oder Twitter direkt mit ihren Fans – die Medien erzählen das dann nur noch nach. Politiker nutzen eigene Fotografen und Kanäle jenseits der klassischen Medien, um mit ausgewählten Bildern ihr Image zu prägen – Medien greifen auf diese Fotos zurück, weil sie attraktiv und nah sind. Pressestellen fertigen eigene Videos von Ereignissen an und gewähren nur so Einblicke hinter die Kulissen – Medien zeigen sie mangels Alternative. Parteien kommunizieren via Facebook und Twitter mit der Öffentlichkeit – und gelten dabei nicht automatisch als weniger vertrauenswürdig: Dass sie Partei sind, mag ihre Aussagen in den Augen eines Teils des Publikums sogar noch überzeugender wirken lassen. Die Faktoren Nähe und Authentizität rivalisieren mit Qualitäten journalistischer Distanz und Unabhängigkeit.

Scheinbar ist man als intensiver Social-Media-Nutzer besser informiert denn als treuer Zeitungsleser: Man bekommt die Informationen schneller und ungefilterter, sie sind oft auch viel aufregender (wenn auch im Zweifel nicht unbedingt wahr). Professioneller Journalismus muss hier viel mehr erläutern: Warum manche Meldungen später kommen (weil sie erst überprüft werden), warum manche Details fehlen (weil sie nichts zur Sache tun, Persönlichkeitsrechte verletzen oder Minderheiten diskriminieren, dazu unten mehr) – und, ganz fundamental: Warum er überhaupt nötig ist, wenn man sich doch aus allen möglichen Quellen "direkt" informieren kann. Der Wert von Journalismus scheint weniger Menschen einleuchtend als in den Jahrzehnten zuvor, und das hängt nicht nur damit zusammen, dass man online so viel umsonst bekommt, sondern auch mit einem fundamentalen Unwissen über den Wert der Arbeit von Menschen, die vor der Veröffentlichung von Informationen prüfen, kritisch nachfragen, recherchieren. Journalisten müssen das – und sich – in einem viel größeren Maße erklären: ihr konkretes Handeln (wie im Fall Gauland) und journalistische Handlungsweisen generell. Und sie müssen gleichzeitig beweisen, dass sie diesem höheren Anspruch auch genügen: dass sie tatsächlich alles tun, um möglichst gut zu informieren, nicht auf Gerüchte und Falschmeldungen hereinfallen, PR-Drehs und Manipulationen entlarven, fundiert und kenntnisreich berichten.

Das ist schwer, aber alternativlos: Professionelle, seriöse Medien müssen anders sein, wenn sie eine Chance haben wollen gegen das, was man auf allen möglichen Wegen aus allen möglichen Quellen gratis im Netz findet. Aber gleichzeitig wird diese Andersartigkeit vom Publikum nicht automatisch als Vorteil wahrgenommen. Seriöse Medien sehen sich doppelt gering geschätzt: von Leuten, die ohnehin keinen Wert im Journalismus sehen, und von Leuten, die ihre hohen Ansprüche an den Journalismus von ihnen nicht erfüllt sehen.

Schnell sein oder genau sein?

Der Verlust der Gatekeeper-Rolle stellt den Journalismus vor neue Herausforderungen. Besonders deutlich wurde das jüngst angesichts der Diskussion um die Richtlinie 12.1 im Pressekodex, die empfiehlt, die Nationalität oder Herkunft von Straftätern und Verdächtigen nur dann zu nennen, wenn "für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht". Diese Richtlinie war immer schon umstritten, gerade auch unter Journalisten, aber derzeit steht sie besonders unter Druck: nicht nur aufgrund der speziellen Lage wegen der vielen Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, und der aufgeregten Debatte nach den Übergriffen ausländischer Männer in der Silvesternacht in Köln, sondern allein schon, weil die Richtlinie ohnehin nicht verhindern kann, dass bestimmte Informationen die Öffentlichkeit erreichen.

Wer wissen möchte, welcher Nationalität oder Ethnizität ein Täter oder Verdächtiger angehört, findet heute Quellen dafür. Sowohl offizielle Quellen, die früher nur Journalisten zugänglich waren (etwa Polizeiberichte) oder auch Gerüchte aus der Nachbarschaft, die mal mehr, mal weniger fundiert sind, sind plötzlich einem globalen Massenpublikum zugänglich. Rechte Stimmungsmacher sammeln und kommentieren jede Meldung darüber, wenn ein Asylbewerber eine Frau vergewaltigt hat – und weil sie ausschließlich solche Fälle sammeln, ist jeder Einzelfall Beweis dafür, dass alle Asylbewerber chronische Vergewaltiger sind. Klassische Medien können nicht nur nicht verhindern, dass sich auf diese Weise Vorurteile entwickeln und verfestigen. Sie stehen, wenn sie – aus guten Gründen[6] – solche Informationen weglassen, um Minderheiten nicht zu stigmatisieren und zu diskriminieren, im Verdacht, ihre Leser nicht umfassend zu informieren. Auch auf diese Weise kann sich Misstrauen vergrößern.

Die Alternative ist allerdings auch nicht besser: Wenn klassische Medien im Wettlauf mit Social Media ungeprüft Gerüchte verbreiten und reflexhaft reagieren, verlieren sie ebenfalls Vertrauen – und berauben sich darüber hinaus eines gewichtigen Arguments dafür, dass ihre Existenz wichtig und ihre Inhalte zum Teil kostenpflichtig sind. Die einzige Chance für Qualitätsjournalismus besteht darin, dass er seine Andersartigkeit täglich neu beweist: durch handwerklich saubere Arbeit – das Recherchieren und professionelle Aufbereiten von Informationen – und dadurch, dass er sich erklärt, Rechenschaft ablegt, kommuniziert. Die deutschen Medien sind besser darin geworden, teilweise auch aus der Not und unter dem Druck skeptischer Leser. Als etwa in der Folge der Kölner Silvesternacht die Presserats-Richtlinie 12.1 von Lesern angeprangert wurde, erklärten viele Zeitungen die eigene Praxis und die Logik dahinter. Das ist richtig und hilfreich, war aber möglicherweise zu spät und zu wenig angesichts der Vertrauenskrise des Journalismus.

Im Zusammenhang mit der großen Zahl von Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kam, haben viele Medien eine neue Rolle für sich gefunden: als Entlarver von Falschmeldungen, die – teils unbedarft verbreitet, teils gezielt befördert – im Netz kursieren. Immer wieder gehen sie Schauermärchen über Untaten von Asylbewerbern nach und demonstrieren den Wert einer Recherche, die sich nicht nur auf Hörensagen und Zusammengereimtes verlässt. Aber selbst das ist im neuen Klima des Misstrauens nicht unproblematisch, stellt sich doch manchem Beobachter die Frage: Sind die Recherchen primär durch den Kampf gegen Falschmeldungen motiviert – oder durch den Kampf für die Illusion, dass die Migranten keine Probleme mit sich bringen? Es ist gut, dass die Medien nüchtern überprüfen, wie viele Verbrechen tatsächlich von Asylbewerbern verübt werden. Es ist nicht so gut, wenn dabei der Eindruck vermittelt wird, dass Asylbewerber überhaupt keine Verbrechen begehen könnten.

Auch deshalb traf die Wut die Medien mit einer solchen Wucht, als erst mit ein paar Tagen Verzögerung bekannt wurde, dass es in der Silvesternacht in Köln zu massenhaften Übergriffen durch Ausländer gekommen war. Die Ereignisse wurden als Beleg dafür wahrgenommen, dass die Medien den Menschen etwas vormachen wollen, dass jedes einzelne Aufdecken eines falschen Gerüchtes über Ausländerkriminalität nur ein Ablenkungsmanöver ist, dass sie Komplizen der Mächtigen sind. Diese Vorwürfe sind sicher zum Teil falsch. Aber die Medien selbst haben genügend Anlass gegeben, ihnen zu misstrauen.

Fußnoten

6.
Für die gegenteilige Auffassung siehe den Beitrag von Horst Pöttker in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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