Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.

22.7.2016 | Von:
Stefan Niggemeier

Nicht nur die Welt, auch sich selbst erklären. Zur Rolle des Journalismus heute - Essay

Kritik Ernst nehmen, Haltung beweisen

Der behaupteten oder tatsächlichen Nähe zu den Eliten entspricht eine wahrgenommene Distanz zur Bevölkerung und sogar dem eigenen Publikum. In den vergangenen Monaten, als sich abzeichnete, dass sich die "Lügenpresse"-Rufe nicht ausschließlich als Hassparolen von Unverbesserlichen abtun ließen, sondern einen Resonanzraum in einem gefährlich großen Teil der Gesellschaft fanden, tauchte plötzlich in mehreren großen Medien das Genre des Hausbesuchs auf. Journalisten trafen Leser, ehemalige Leserinnen, Kritiker, und ließen sich erklären, was ihnen eigentlich an ihrer Berichterstattung missfällt, woher das Misstrauen kommt. Es waren Erkundungen und Erkundigungen, Versuche einer Verständigung und eines Dialogs. Das war gut oder mindestens gut gemeint, aber es wirkte auch wie ein Armutszeugnis: dass sich die Journalisten dem Publikum nähern mussten wie fremden Wesen, und dass sie das so spät taten. Zu lange hatten sie angenommen, sich nicht erklären zu müssen, handelten, als hätten sie immer noch ein Meinungsmonopol, als wäre man selbst immer noch ein Gatekeeper, der unbequeme Wahrheiten und bequeme Unwahrheiten einfach ignorieren könnte. Journalisten müssen sich stellen, der berechtigten Kritik und den unberechtigten Vorwürfen. Wegducken gilt nicht mehr.

Dass ein Buch wie Udo Ulfkottes "Gekaufte Journalisten", das sich über viele Wochen oben in den Bestsellerlisten hielt, fast nirgends in den klassischen Medien vorkam, um sich mit seinen Behauptungen auseinanderzusetzen oder wenigstens mit der offenkundigen Anziehungskraft, die sie auf viele Menschen hatten, ist ein bestürzendes Versäumnis und nicht untypisch. Die etablierten Medien müssen sich damit beschäftigen, wie die Kritiker oder Verächter die Welt sehen, welchen Missverständnissen sie aufsitzen, welchen Lügen sie glauben – aber auch, welche berechtigten Vorwürfe sie ihnen machen. Das ist in Zeiten des Internets leicht, geschieht aber viel zu selten. So wie sich ein Teil des Publikums abgewandt hat und gar nicht mehr überprüft, ob sein Urteil über die Medien stimmt, so scheinen die Medien einen Teil des Publikums abgeschrieben zu haben.

Dabei würde es helfen, die zentralen und manchmal geradezu mythisch überhöhten Ereignisse zu kennen, auf die sich Kritiker berufen, um zu "belegen", dass die Presse nicht wirklich frei ist. Dazu gehört zum Beispiel ein "sonderbares Treffen" im Kanzleramt 2008, über das der "Freitag"-Verleger Jakob Augstein zwei Jahre später in der "Süddeutschen Zeitung" schrieb: Zum Ausbruch der großen Finanzkrise soll Merkel "die bedeutenden Chefredakteure der bedeutenden Medien" eingeladen und gebeten haben, keine Panik zu verbreiten. "Sie haben sich daran gehalten, die Chefredakteure", schrieb Augstein.[7] Ob das wirklich eine solch skandalöse und entlarvende Selbstaufgabe der deutschen Presse war, als die sie Kritiker seitdem interpretieren, sei dahingestellt. Aber je mehr die Medien darüber schwiegen und je weniger sie sie erklärten, umso mächtiger wurde die Erzählung von diesem Ereignis. In den Szenen der Kritiker ist diese Episode höchst präsent, viele Journalisten dagegen scheinen sie gar nicht zu kennen.

Journalisten müssen dahin gehen, wo es wehtut, sie müssen wissen, was ihnen vorgeworfen wird, und sie können Vorwürfe, auch wenn sie ihnen lächerlich erscheinen, nicht einfach ignorieren – und wenn sie nicht lächerlich sind, schon gar nicht. Auch das ist, natürlich, eine Gratwanderung. Es geht nicht um Anbiederung; es kann auch nicht gut sein, sich in aussichtlosen Debatten zu verkämpfen und noch auf die letzte Kritik einzugehen. Was ein Medium glaubwürdig und vertrauenswürdig macht, ist nicht nur Demut, sondern auch Selbstbewusstsein. Journalisten dürfen stolz sein auf gelungene Arbeiten, und zur oft von ihnen geforderten Haltung gehört auch, einen Empörungssturm auszuhalten, ohne einzuknicken.

Aber Haltung und Selbstbewusstsein sind nicht dasselbe wie Arroganz und Hybris. Journalisten müssen Rechenschaft ablegen, so wie sie es ganz selbstverständlich von den Protagonisten, über die sie berichten, auch verlangen. Sie müssen streiten, erklären und – ein in diesem Zusammenhang erstaunlich selten erwähntes Konzept – argumentieren. Das ist mühsam, und oft genug wird es scheitern – auch am Unwillen eines Teils der "Gegenseite", sich überhaupt noch auseinanderzusetzen. Aber wenn wir nicht mehr glauben würden, dass sich Menschen von Worten, Tatsachen, Argumenten überzeugen ließen, dann müssten wir den Beruf des Journalisten aufgeben.

Fußnoten

7.
Jakob Augstein, Das ist nicht Ihr Kanzleramt!, 22.7.2010, http://www.sueddeutsche.de/medien/1.63398-2«.
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