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Das "Unwort des Jahres 2014" "Lügenpresse" ist am 13.01.2015 in der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" in Berlin zu sehen.

22.7.2016 | Von:
Julia Cagé

Medien, Macht, Demokratie. Wettbewerb und Konzentration auf dem Medienmarkt - Essay

Medienpluralismus in Gefahr

Gleichwohl ist Konzentration nicht die Lösung. Den Wettbewerb im Mediensektor zu fördern, heißt für Ideenvielfalt und Informationsfreiheit einzutreten, ja, es heißt in gewisser Weise der "Wahrheit" ans Licht zu verhelfen. Ein Medium (oder eine Mediengruppe) mit Monopolstellung wäre eine Gefahr für die Demokratie. Das naheliegendste Risiko ist offenbar das eines staatlichen Informationsmonopols. Als die öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaften ORTF in Frankreich und BBC in Großbritannien noch die einzigen waren, die Fernseh- und Radioprogramme ausstrahlten, zogen sie sich immer wieder, und manchmal zu Recht, den Vorwurf mangelnder Unabhängigkeit gegenüber der Staatsmacht zu. Aber ein privates Monopol wäre nicht minder gefährlich. Zum einen erhöht eine Monopolstellung das Risiko der Medienbeeinflussung: Es ist leichter, eine Zeitung zu korrumpieren als zehn Zeitungen, zumal Wettbewerb dazu motiviert, Informationen früher als andere herauszubringen, also den Scoop der Vetternwirtschaft vorzuziehen. Zum anderen wird niemand ernsthaft behaupten, die Berichterstattung werde im Falle eines Monopols nicht von den Interessen eines Einzelnen beeinflusst – nämlich denen des Eigentümers.

Medienkonzentration stellt also eine Gefahr für den Pluralismus dar. Gerade auf dem deutschen Medienmarkt fällt bei näherer Betrachtung eine besonders starke Konzentration auf. Gewiss erscheint in Deutschland eine beeindruckende Zahl von Tages- und Wochenzeitungen und diversen Magazinen. Aber im Großen und Ganzen haben einige wenige Akteure den Markt unter sich aufgeteilt, und die Axel Springer SE (vormals AG) dominiert den deutschen Zeitungsmarkt seit Jahrzehnten.

Mit dem Verkauf der "Süddeutschen Zeitung" Ende der 2000er Jahre an die Südwestdeutsche Medienholding hat sich die Medienkonzentration in Deutschland noch verschärft. Zwischen 1989 und 2008 ist der Marktanteil der zehn größten Medienhäuser von 54,8 Prozent auf 58,8 Prozent gestiegen.[13] Und diese Konzentration beschränkt sich nicht auf die Presse. Die weltweit größte Mediengruppe außerhalb der Vereinigten Staaten sitzt mit Bertelsmann in Deutschland. Mit seinen beeindruckenden Geschäftszahlen, die für 2013 ganze 16,4 Milliarden Euro Einnahmen, 870 Millionen Euro Gewinn und 111736 Beschäftigte ausweisen, ist der Konzern in den Medienlandschaften auf beiden Seiten des Rheins stark engagiert. In Deutschland gehören Bertelsmann zahlreiche Fernsehsender, darunter RTL, RTL II, Super RTL, Vox und n-tv. In Frankreich ist der Konzern als Muttergesellschaft der RTL-Gruppe im Radio (RTL, RTL 2, Fun Radio) ebenso vertreten wie im Fernsehen (die Sender der M6-Gruppe) und als Mehrheitseigner von Prisma Media auch in der französischen Presse ("Capital", "VSD", "Voici", "Gala", "Télé Loisirs" und andere mehr). Darüber hinaus besitzt Bertelsmann Fernsehsender in mehreren weiteren europäischen Ländern. Aber den Mediensektor stärker zu regulieren, um den Pluralismus zu schützen, steht bei der Mehrheit des politischen Personals in Deutschland offenbar nicht auf der Tagesordnung.

Sowohl in den USA als auch in Europa und besonders in Deutschland schwächt die wachsende Konzentration im Mediensektor den positiven Einfluss der Medien auf unsere Demokratien. Hinzu kommt der Einbruch der Werbeeinnahmen. Historisch betrachtet hat Werbung die Zeitungen nicht nur erschwinglicher gemacht, sondern auch zu ihrer Demokratisierung beigetragen und damit so etwas wie Objektivität der Information erst ermöglicht.[14] Das fortschreitende Versiegen dieser Einnahmequelle, die den Medien lange erhebliche Mittel beschert hat, führt nicht nur zu sinkender Informationsqualität durch die Verkleinerung von Redaktionen. Schwindende Werbeeinnahmen führen auch zu einer stärkeren Polarisierung der Leserschaft. Denn mehr und mehr werden Abonnenten – die im Durchschnitt sozial und beruflich besser gestellt sind – von Lesern subventioniert, die ihre Zeitungen am Kiosk kaufen.[15]

In der gegenwärtigen Medienkrise kommt schließlich eine massive Veränderung der Aktionärsstruktur hinzu. Einerseits gibt es, wie wir gesehen haben, eine starke Konzentration innerhalb des Mediensektors, andererseits steigen vermehrt medienfremde Anteilseigner ein, die ihre Mittel größtenteils anderen Geschäftsfeldern wie E-Commerce (Jeff Bezos zum Beispiel, der Chef von Amazon, hat die "Washington Post" gekauft) oder Telekommunikation verdanken (Patrick Drahi, der an der Spitze des französischen Mobilfunkanbieters SFR steht, ist zum Beispiel Hauptaktionär der Tageszeitung "Libération" und des Nachrichtenmagazins "L’Express" und demnächst auch Mehrheitseigner des Fernsehsenders BFM-TV sowie des Radiosenders RMC). Darin liegt eine ernste Bedrohung nicht nur der Pressefreiheit, sondern auch des Gedeihens unserer Demokratien.

Fußnoten

13.
Vgl. Eli Noam/The International Media Concentration Collaboration, Who Owns the World’s Media?, Oxford 2016.
14.
Vgl. Michael Schudson, Discovering the News: A Social History of American Newspapers, New York 1981; James Hamilton, All the News That’s Fit to Shell: How the Market Transforms Information Into News, Princeton 2004.
15.
Vgl. Charles Angelucci/Julia Cagé, Newspapers in Times of Low Advertising Revenues, Sciences Po Paris, Working Paper 2016 (unveröff.).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Julia Cagé für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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