APuZ 2016/33-34, Magheb-Staaten

12.8.2016 | Von:
Nora Lafi

Historische Perspektiven auf den Maghreb

Als "Maghreb" wird gemeinhin die Region in Nordafrika bezeichnet, die sich von Libyen bis nach Mauretanien erstreckt und auch die heutigen Staaten Tunesien, Algerien und Marokko umfasst. Wenngleich die Grenzen aus der Kolonialzeit stammen, kann die gesamte Sahara kulturell dazu gezählt werden – bis hin zu Städten wie Timbuktu und Gao sowie die Gebiete, in denen Nomaden leben. Das arabische Wort "Maghreb" steht für den geografischen Westen und bezeichnet wörtlich den "Ort des Sonnenuntergangs". Der Begriff wurde erstmals im Mittelalter verwendet, um die Gebiete westlich von Ägypten zu benennen. Wie etwa die Arbeiten des 947 in Jerusalem geborenen Geografen Muhammad Ibn Ahmad al-Muqaddasi zeigen, umfasste der Begriff während der islamischen Herrschaft (7. bis 15. Jahrhundert) ebenso Sizilien, die Iberische Halbinsel sowie die Balearischen und Kanarischen Inseln. Dies macht deutlich, dass die Bezeichnung "Maghreb" ursprünglich nicht die nordafrikanische Küste beziehungsweise die Südküste des Mittelmeers beschrieben hatte, sondern den Westen abgrenzend von der östlichen Levante: dem "Maschrek", wörtlich dem "Ort des Sonnenaufgangs". Eine Grenze lässt sich auch kulinarisch ziehen: mit der Verbreitung von Couscous – einem Gericht aus gedämpftem Weizen-, Gerste- oder Hirsegries. Couscous ist die Basis nordafrikanischer Gerichte zwischen dem Atlantik und Libyen sowie dem Mittelmeer und der Sahara. Die libysche Stadt Bengasi grenzt den Maghreb von der Region ab, wo vornehmlich Reis gegessen wird: Ägypten und der Levante.

Islamisierung des Maghreb

Die Gesellschaften des Maghreb bestanden schon vor der islamischen Eroberung aus unterschiedlichen Gruppen wie Berbern und anderen mediterranen und afrikanischen Völkern. Seit der Antike waren hier jüdische Berber sowie Juden aus Palästina, dem Jemen und dem gesamten Nahen Osten ansässig. Mischehen schufen ein wahres Bevölkerungsmosaik.

Nach zwei Jahrhunderten der Herrschaft germanischer Vandalen und byzantinischer Griechen erfolgte die Islamisierung des Maghreb im 7. Jahrhundert mit der Ankunft von Armeen der arabischen Halbinsel. Man sollte dies jedoch nicht als Chronologie aufeinanderfolgender, siegreicher Zivilisationen interpretieren: Zur Zeit der Punier (zwischen 814 und 146 v. Chr.) und der Römer sowie größtenteils in den nachfolgenden Jahrhunderten war der Maghreb in ein mediterranes und transsaharisches Wirtschaftssystem integriert. Historiker haben zudem epochenübergreifende Kontinuitäten nachweisen können: So setzten sich etwa Teile der örtlichen Elite über große geschichtliche Zeitabschnitte hinaus aus denselben Familien zusammen.[1]

Im Mittelalter wurde der Maghreb von unterschiedlichen Dynastien beherrscht, die bis zum 15. Jahrhundert im engen Zusammenhang mit der Iberischen Halbinsel standen.[2] Die meisten Dynastien waren berberischen Ursprungs – etwa die Almoraviden-Dynastie (11. und 12. Jahrhundert) und die Almohaden-Dynastie (12. und 13. Jahrhundert). Im östlichen Teil der Region herrschten zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert die Hafsiden.[3] Die Herrschaftsgebiete all dieser Dynastien wechselten je nach Bündnissen, Kriegen und dynastischen Nachfolgen. Gleichzeitig gab es einzelne autonome Regionen. Mit dem Verlust der Iberischen Halbinsel 1492 und der spanischen Eroberung verschiedener Hafenstädte im Maghreb fühlte sich die muslimische Herrschaft im Westen bedroht und gliederte sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts in das Osmanische Reich ein.[4] Die Einbindung folgte einer Schutzlogik.

Reichsintegration und örtliche Dynastien

Das Ziel des sich schnell expandierenden Osmanischen Reichs bestand darin, die christliche Expansion im westlichen Mittelmeerraum zu stoppen. Die Expansion bedrohte muslimische Häfen in Nordafrika und damit die Handelsrouten des Nahen Ostens. Die Eliten der maghrebinischen Hafenstädte versprachen sich mit der Aufnahme in das Osmanische Reich Sicherheit und Wohlstand. Als erste Stadt wurde 1516 Algier integriert. Der Integration folgten jahrzehntelange Kämpfe mit der spanischen Flotte.[5] Örtliche Eliten baten den osmanischen Korsar Baba Oruç (in Europa zu "Barbarossa" verballhornt) für den Verbleib der Stadt im Osmanischen Reich um Hilfe. 1541 war Algier vollständig eingegliedert; 1551 und 1553 folgten die Stadt Tripolis und ihre Provinz sowie das Gebiet der Kyrenaika. 1574 verdrängten die Osmanen die von Spanien unterstützten Hafsiden aus Tunis. Das algerische Oran war bis 1708 und erneut zwischen 1732 und 1792 unter spanischer Besatzung. In Marokko unterstützten die Spanier die Herrschaft der Saadier (zwischen 1554 und 1659), um die Einbindung in das Osmanische Reich zu verhindern. Die Besetzung verschiedener Städte an der Atlantikküste durch die Portugiesen setzte noch früher ein.

Die Eingliederung eines Großteils des Maghreb in das Osmanische Reich war das Ergebnis von Verhandlungen: Jede neue Provinz erhielt Gesetzbücher (kanun-name), in denen einzelne Pflichten und Rechte festgehalten wurden. Ägyptens kanun-name – das auf der Basis der Anerkennung örtlicher Rechte und Privilegien zustande kam, als die Provinz 1516 ins Reich integriert wurde – diente als Vorbild eines Verwaltungssystems, das in den neuen osmanischen Provinzen des Maghreb Anwendung fand. Das Reich erkannte örtliche Gemeinschaften wie konfessionelle Gemeinden oder Berufsorganisationen ebenso an wie zivile, fiskalische und kommerzielle Privilegien der örtlichen Würdenträger. Die Religion des osmanischen Staates war der Islam. Aus ihr ging die Institution der Hisba hervor, die die Städte und den Handel organisierte. Die Hisba war sowohl ein moralisches Prinzip für das Verhalten der Menschen als auch eine Richtschnur für genaue Abhandlungen, die das tägliche Leben, den kommerziellen Handel und kollektive Interaktionen regelte.[6] Örtliche religiöse Gemeinschaften erhielten das Recht auf Selbstverwaltung und zivilgesellschaftliche Vertretung. Alle Individuen, alle anerkannten beruflichen und konfessionellen Gemeinschaften sowie die Stadtverwaltung hatten das Recht, mit Petitionen vor den Sultan in Istanbul zu treten, um über die Achtung ihrer Privilegien zu verhandeln.[7] Die maghrebinischen Hafenstädte wurden schnell zu Zufluchtsorten für diejenigen, die der ethnischen und religiösen Säuberung im christlichen Europa entflohen. Muslime und Juden aus Spanien wurden von maghrebinischen Städten ebenso aufgenommen wie von den restlichen Gemeinden des Osmanischen Reichs. So fanden etwa viele spanische Juden Zuflucht in Saloniki.[8] Viele Juden aus dem von Spanien besetzten Oran flohen nach Algier.

Die Migration trug zur kosmopolitischen Dimension der maghrebinischen Hafenstädte bei. Bis zu einem Viertel der Bevölkerung großer Städte war jüdisch. Alle Städte hatten zumindest ein jüdisches Viertel, genannt Hara.[9] Die Juden waren verschiedenen Ursprungs: In den Vierteln lebten berberische, andalusische, jemenitische und palästinensische Juden.[10] Auch den Rest der Bevölkerung charakterisierte Verschiedenheit. So gab es zahlreiche gemischte Viertel, in denen Angehörige verschiedener Konfessionen zusammenlebten. Die berberische Bevölkerung war aufgrund von Mischehen seit Jahrhunderten in sich sehr verschieden, ihre Interaktion mit Bevölkerungsteilen arabischen und schwarzafrikanischen Ursprungs verstärkte diesen Aspekt. Der Vorstellung eines ethnisch-homogenen Berbervolks muss deshalb widersprochen werden. In allen Hafenstädten gab es zudem zahlreiche migrierte Konvertiten und christliche Gefangene. Diese wurden aus der Gefangenschaft von Korsaren, die im Dienste der Europäer oder der Osmanen Schiffe im Mittelmeer kaperten, ausgelöst.[11] Die Gefangenen lebten in eigenen Vierteln und bauten ihre eigenen Kirchen. Die Konvertiten migrierten meist aus Malta, Sardinien und Sizilien. Auch wenn Juden und Christen nicht alle öffentlichen Ämter im Osmanischen Reich annehmen konnten, hatten sie die Möglichkeit, in einflussreiche Machtpositionen wie Ministerposten aufzusteigen.[12]

Die Repräsentanten des Osmanischen Reichs waren nicht nur Türken, sondern oft auch Albaner, Serben, Georgier, Armenier, Sarden, Sizilianer, Kurden und Griechen.[13] Die Tatsache, dass sie zum Islam konvertierten, löschte ihre komplexen Identitäten und ihre Mehrsprachigkeit keinesfalls aus. Viele Würdenträger des Maghreb wurden in offizieller Mission in andere Provinzen des Reichs entsandt – ob nach Sarajevo oder nach Bagdad. Deshalb kann man beim Osmanischen Reich nicht von einem Kolonialreich sprechen: Die Traditionen der unterschiedlichen ethnischen Gruppen und religiösen Gemeinschaften wurden akzeptiert und Menschen aus allen Winkeln des Reichs in die Verwaltung der Reichsgebiete integriert. Die städtischen Gesellschaften waren noch vielfältiger. Oft setzten sich die Familien aus Ehegatten verschiedenen Ursprungs zusammen und schufen multiple Identitäten wie die sogenannten Kouloughlis: Sie stammten aus Ehen zwischen osmanischen Janitscharen und maghrebinischen Frauen.[14]

Das maghrebinische Hinterland wurde ebenfalls in das Reich eingegliedert.[15] So sicherten die Osmanen die westöstlichen Pilgerrouten nach Jerusalem und Mekka ebenso wie die Nord-Süd-Route zur Sahara. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert gab es zudem autonome Regionen, die vom Reich akzeptiert wurden – etwa die örtliche Dynastie der Qaramanli zwischen 1711 und 1835 in Tripolis oder die Dynastie der Muraditen zwischen 1613 und 1705 in Tunis.[16] Diese "Regentschaften", wie sie in der europäischen Diplomatie genannt wurden, waren ein integraler Bestandteil des Reichs. Sie zahlten Steuern und partizipierten an den Kriegen ebenso wie am Zeremoniell des Osmanischen Reichs.

Die Ortsverwaltung in den Städten wurde an örtliche Würdenträger delegiert. Stadträte setzten sich aus Vertretern der großen muslimischen Familien zusammen – auch der Führer der jüdischen Gemeinde saß im Stadtrat. Die Mitglieder waren für die öffentliche Ordnung und die reguläre Verwaltung auf der Ebene der jeweiligen Nachbarschaft zuständig. Die Verwaltung der Städte bestand daher nicht allein aus der Präsenz eines Gouverneurs und der Reichs- und Zollbeamten sowie einer Janitscharengarnison, sie setzte sich immer auch aus örtlichen Würdenträgern zusammen.[17] Sämtliche Städte des Maghreb haben sich unter der osmanischen Herrschaft erheblich entwickelt: Neue Viertel wurden ebenso gebaut wie neue Märkte und religiöse Gebäude. Tunis, Bengasi, Tripolis, Constantine und Algier waren besonders wohlhabend.[18]

Fußnoten

1.
Vgl. Yvon Thébert, Romanisation et déromanisation en Afrique: histoire décolonisée ou histoire inversée?, in: Annales 33/1978, S. 64–82.
2.
Vgl. Patrice Cressier/Philippe Sénac, Histoire du Maghreb médiéval. VIIe–XIIe siècle, Paris, 2012.
3.
Vgl. Atallah Dhina, Les États de l’Occident musulman aux XIIIe, XIVe et XVe siècles, Tunis 1984.
4.
Zur osmanischen Expansion siehe Bruce Masters, The Arabs of the Ottoman Empire: A Social and Cultural History (1516–1918), Cambridge 2013.
5.
Vgl. Günes Isiksel, Un empire en gestation. Jalons de l’expansion et stabilisation territoriale ottomane (1481–1555), in: Revista de Istorie Militara 5/2013, S. 45–55.
6.
Vgl. Michael Cook, Commanding Right and Forbidding Wrong in Islamic Thought, Cambridge 2000.
7.
Vgl. Nora Lafi, Petitions and Accommodating Urban Change in the Ottoman Empire, in: Elisabeth Özdalga/Sait Özervarlı/Feryal Tansuğ (Hrsg.), Istanbul as Seen From a Distance. Centre and Provinces in the Ottoman Empire, Istanbul 2011, S. 73–82.
8.
Vgl. Henri Kamen, The Mediterranean and the Expulsion of Spanish Jews in 1492, in: Past and Present 119/1998, S. 30–55.
9.
Vgl. Nora Lafi, Etre Juif dans l’Algérie ottomane, in: Hélène Hoog (Hrsg.), Juifs d’Algérie, Paris 2012.
10.
Vgl. Haim Zeev Hirschberg, A History of the Jews of North Africa: From the Ottoman Conquest to the Present Time, Leiden 1981.
11.
Vgl. Wolfgang Kaiser, L’économie de la rançon en Méditerranée occidentale (xvie–xviie siècle), in: Hypothèses 10/2007, S. 359–368; sowie ders., Le commerce des captifs, Rom 2008.
12.
Vgl. Albert Hourani, Die Geschichte der arabischen Völker. Weitererzählt bis zum Arabischen Frühling von Malise Ruthven, Frankfurt/M. 2014, S. 285f.
13.
Vgl. Carter Vaugh Findley, Ottoman Civil Officialdom: a Social History, Princeton 1989.
14.
Janitscharen waren Elitetruppen kaukasischen, anatolischen, bosnischen, albanischen oder georgisch-christlichen Ursprungs, die im osmanischen Staatswesen höchste Machtpositionen einnahmen.
15.
Vgl. Sarah Abrevaya Stein, Plumes: Ostrich Feather, Jews and a Lost World of Global Commerce, New Haven 2008.
16.
Vgl. André Raymond, Tunis sous les Mouradites. La ville et ses habitants au XVIIe siècle, Tunis 2006.
17.
Vgl. Godfrey Goodwin, The Janissaries, London 2013.
18.
Zu Tunis Wohlstand siehe auch Ahmed Saadaoui, Tunis, ville ottomane. Trois siècles d’urbanisme et d’architecture, Tunis 2001.
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