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Mauretanien – der schwierige Weg zur integrativen nationalen Einheit

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Mauretanien – der schwierige Weg zur integrativen nationalen Einheit

Britta Frede

/ 15 Minuten zu lesen

Mauretanien ist von Misswirtschaft und ökologischen Katastrophen schwer getroffen, bewegt sich aber seit dem Militärputsch 2005 langsam in Richtung Demokratie, wirtschaftliches Wachstum und bessere Integration marginalisierter Bevölkerungsgruppen.

Mauretanien ist vielen Menschen hierzulande weitestgehend unbekannt. Eisenbahnliebhaber hingegen haben bereits meist von dem Zug gehört, der seit 1963 zwischen der Eisenerzminenstadt Zouérat und der Hafenstadt Nouadhibou auf einer knapp 700 Kilometer langen Strecke verkehrt. Dieser von drei bis vier Diesellokomotiven betriebene, bis zu 2,5 Kilometer lange Zug transportiert drei Mal täglich um die 17.000 Tonnen hochwertiges Eisenerz in die Hafenstadt. 2014 wurden insgesamt 13 Millionen Tonnen des Rohstoffs in Mauretanien gefördert. Im vergangenen Jahr allerdings hatte der Staat im Eisenerzsektor aufgrund stark gesunkener Weltmarktpreise erhebliche Einbußen hinzunehmen und sucht nach Lösungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne die Inflation weiter voranzutreiben und der ohnehin verarmten Bevölkerung eine weitere Verteuerung der Lebensmittelpreise zuzumuten. Im Human Development Index 2015 belegt Mauretanien Platz 156 von 188 Staaten und zählt somit zu den ärmsten Ländern der Welt, liegt aber im Vergleich zur südlich angrenzenden Sahelregion wirtschaftlich deutlich in Führung, weshalb viele Westafrikaner in Mauretanien arbeiten.

Die soziale Stratifizierung und ethnische Vielfalt der Gesellschaft stellt den postkolonialen Prozess der Nationalstaatswerdung vor besondere Herausforderungen. Die regionale Orientierung des Landes mäandert seit der Unabhängigkeit 1960 zwischen dem Maghreb und dem ehemaligen Gebiet Französisch-Westafrika. So leben in Mauretanien zum einen die Bidhan, eine Bevölkerungsgruppe, die bei uns als Mauren bekannt ist. Sie sind arabisch-berberischen Ursprungs und sprechen den lokalen arabischen Dialekt Hassania. Zum anderen gehören subsaharische Ethnien wie die Halpulaar, Soninké, Bambara und Wolof zur Bevölkerung. In einem Land wie Mauretanien wird die Willkürlichkeit der regionalen Einteilung Afrikas in Nordafrika, als Teil der MENA-Region, und Afrika südlich der Sahara als das "tatsächliche Afrika" besonders deutlich.

Geschichte bis zur Unabhängigkeit

Es gibt nur wenige Quellen, die uns den Zugang zu den historischen Entwicklungen der Region vor dem 17. Jahrhundert ermöglichen. Die Bidhan berufen sich auf das kulturelle Erbe der Berber–Dynastie der Almoraviden. Durch die Einwanderung arabischer Stämme wurden die ursprünglich berberischen Ureinwohner arabisiert und die Islamisierung vorangetrieben, sodass zunehmend jüdische Händler verdrängt wurden. Im 15. Jahrhundert begann an der Atlantikküste mithilfe von Hafenstützpunkten die Einbindung Mauretaniens in den Welthandel, insbesondere in den atlantischen Sklavenhandel. Im 17. Jahrhundert führten einschneidende gesellschaftliche Umwälzungen, die mit einem etwa 30-jährigen Krieg, zwischen 1644 und 1774, einhergingen, zur Entstehung der hochgradig dynamischen Gesellschaftsstruktur der Bidhan, die uns heute bekannt ist. Zum einen wird sie durch mehr als 150 Stämme geordnet, zum anderen von einer sozialen Stratifizierung, die sich teils entlang von Tätigkeitszuschreibungen sowie der Einteilung in Freie und Unfreie hierarchisch organisiert. Die Stammesverbünde der Region bestanden aus der Elite – Krieger (Hassan) und Gelehrte (Zwaya) – und den von ihr geschützten tributpflichtigen Stämmen (Znaga). Außerdem vom Schutz der Elite abhängig waren als frei einzuordnende Schmiede (M’allimin) und Barden (M’gawin). Ein großer Bevölkerungsteil war unfrei, so die Sklaven (Abid) und ihre Nachfahren (Haratin). Sie erfüllten vielfältige Aufgaben für ihre Besitzer und waren Haushaltssklaven.

Es ist davon auszugehen, dass sich der Lebensraum der nomadischen Bidhan mit fortschreitender Ausbreitung der Wüste allmählich Richtung Süden verlagerte. Somit wurden subsaharische Ethnien ebenfalls Richtung Süden verdrängt. Sie betrieben im Senegaltal Landwirtschaft und Viehzucht. Die nomadische Wüstenbevölkerung und die sahelischen Bauern interagierten in verschiedenen Bereichen miteinander: im Handel, in politischen Bündnissen – insbesondere durch Heiratsstrategien zwischen den Eliten – und im islamischen Bildungssektor. Es kam bereits vor der Kolonialzeit zu engen Verflechtungen mit subsaharischen Ethnien. Auch die Entstehung der berühmten Gelehrtenzentren Timbuktu und Walata sind nicht ohne den Beitrag insbesondere der Soninké vorstellbar. Islamische Gelehrsamkeit war ein wichtiges Bindeglied für die vielfältige Bevölkerung des gesamten westlichen Sahara-Sahel-Raumes. Ihre Institutionen stellten Allianzen zwischen den Stämmen der Bidhan und den subsaharischen Ethnien her. Neben den Soninké haben auch die Halpulaar und Wolof eine in der arabischen Welt respektierte islamische Gelehrtenkultur hervorgebracht, die einerseits arabisch schreibt, liest und spricht, andererseits Texte in ihren Muttersprachen in arabischer Schrift festhält.

Eine klare Grenzziehung zwischen den Bidhan und der subsaharischen Kultur ist somit schwer möglich – viel zu sehr ist die Wüstenregion mit dem Sahel verflochten. Neben dem intensiven Austausch in den verschiedenen Lebensbereichen weist die vorkoloniale gesellschaftliche Ordnung deutliche Gemeinsamkeiten auf. So teilten sich bei allen hier erwähnten Ethnien die Eliten in Krieger und Gelehrte auf, Schmiede und Barden nahmen eine ambivalente Sonderstellung ein. Sklaverei war unter allen Eliten eine weitverbreitete Praxis.

Die französische Kolonialpolitik dagegen folgte der Devise divide et impera und versuchte mithilfe unterschiedlicher Politikpraxis und Bildungspolitik auf Grundlage einer rassistischen Weltanschauung, die subsaharischen Ethnien und die Bidhan zu trennen. Während im saharischen Gebiet eher ein indirektes Herrschaftsregime errichtet wurde, wurden die Bewohner des Senegaltals einer direkten Herrschaft unterstellt. Die Administration bemühte sich im Senegaltal, die lokalen Bildungseinrichtungen zu zerstören, und führte zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt die Zwangseinschulung in französische Kolonialschulen ein als im restlichen Mauretanien, ebenso wurde rigoroser gegen die Sklaverei vorgegangen. Den Bidhan hingegen wurde der arabische Schwerpunkt ihres Bildungssystems gewährt. Bis zur Unabhängigkeit wurde nur ein kleiner Bevölkerungsteil in modernisierte, französischsprachige Schulen integriert.

Entwicklung seit der Unabhängigkeit: Von Putsch zu Putsch

Nach der Unabhängigkeit am 28. November 1960 begann für Mauretanien ein langer Weg zur territorialen Integrität mit grundlegenden Schwierigkeiten bei der Herausbildung einer integrativen nationalen Identität. Sowohl der hohe Anteil an Haratin bei den Bidhan als auch die subsaharischen Ethnien fühlten sich bei der Einrichtung der postkolonialen Präsidentialrepublik marginalisiert. Die politische Führung wurde von Bidhan besetzt und weitere Posten basierend auf dem Proporz von 20 Prozent Subsahariern zu 80 Prozent Bidhan verteilt. Daran hat sich bis heute kaum etwas verändert. Schon bald nach der Unabhängigkeit 1964 schwenkte der erste Präsident Moktar Ould Daddah auf ein Einparteiensystem (Parti du Peuple Mauritanien) um und übernahm das Amt des Parteivorsitzenden. 1966 kam es zu einem ersten Aufbegehren der subsaharischen Ethnien, die sich gegen die Aufwertung des Arabischen und die Dominanz der Bidhan-Eliten wehrten. Ould Daddahs Regierungszeit bis 1975 wird dennoch als stabil beschrieben, und dank der Einnahmen aus dem Eisenerzexport war der Staatshaushalt ausgeglichen.

Außenpolitisch geriet die junge Republik alsbald unter Druck. Bereits in den 1950er Jahren hatte Marokko den Anspruch auf die zuvor von Spanien besetzte Westsahara und das heutige Mauretanien erhoben und berief sich dabei auf vorkoloniale Bündnisse mit einzelnen Bidhan-Stämmen sowie auf Verflechtungen mauretanischer Gelehrten mit Bildungszentren in Marokko, die eine Zugehörigkeit zum Maghreb al-Aqsa (Großmarokko) belegen sollten. Während die Ansprüche auf das mauretanische Territorium abgewendet werden konnten, teilten sich Mauretanien und Marokko 1975 im Madrider Abkommen die Westsahara auf, was zu einem militärischen Konflikt mit Unabhängigkeitskämpfern der Westsahara führte. Der militärische Konflikt mit der 1973 gegründeten und von Algerien unterstützten Frente Polisario überforderte die Wirtschaft des jungen Nationalstaats – die zu Beginn der 1970er Jahre anhaltende Dürre tat ihr Übriges dazu. Die Unfähigkeit, die Selbstversorgung des Landes herzustellen,führteauch zu innenpolitischen Turbulenzen und sozialen Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Der massive Ausbau des Militärs aufgrund der notwendigen Verteidigung der Landesgrenzen fraß nicht nur den Staatshaushalt auf, sondern schuf eine neue Macht, die alsbald die verfassungsrechtliche Regierung außer Kraft setzte.

Im Juli 1978 wurde Ould Daddah durch einen Militärputsch abgesetzt und vom Comité Militaire de Redressement National (CMRN) ersetzt. Doch schon im April 1979 folgte der nächste Putsch, und der CMRN wurde von einem anderen Militärrat ersetzt – dem Comité Militaire de Salut National. Im Januar 1980 wurde der Übergangspräsident Mohamed Ould Louly von Mohamed Ould Haidallah abgelöst. Seine vierjährige Amtszeit war turbulent, geprägt vom Krieg mit der Frente Polisario, mehreren Putschversuchen und der Einführung von Scharia-Gerichten. Zwar hatte die erste Verfassung den Islam als Religion Mauretaniens betont, und auch die Namensgebung als Islamische Republik Mauretanien spiegelte den Bezug zum Islam wieder, aber das Rechtssystem war ein Kompromiss zwischen französischer und islamischer Rechtsauffassung. Die Betonung des Islams in der Zeit nach der Unabhängigkeit hatte weniger die Förderung islamistischer Ideen zum Ziel als vielmehr die Schaffung einer nationalen Einheit. Schließlich war der Islam das Element, das als Brücke zwischen den heterogenen Bevölkerungsgruppierungen gesehen werden konnte. Ould Haidallah dagegen folgte zum Zwecke einer Legitimation des Militärs dem innenpolitischen Druck der sich bereits etablierenden Islamisten und erweiterte das Strafrecht sowie die Zivil-, Handels- und Verwaltungsprozessordnung auf Basis der Scharia. Die Bodenreform von 1983/84 ermöglichte Geschäftsleuten der Bidhan, sich Ackerland im Senegaltal anzueignen, was die Spannung zwischen ihnen und der subsaharischen Bevölkerung verstärkte. Des Weiteren erschütterten Dürre und Heuschreckenplagen erneut die landwirtschaftliche Produktion. Die militärische Auseinandersetzung wurde 1984 mit der Anerkennung der Polisario und des Westsaharastaats beendet. Die mehrfachen Versuche, eine Parteiendemokratie wiederherzustellen, scheiterten. Am 12. Dezember 1984 beendete ein weiterer Militärputsch Haidallahs Amtszeit.

Mit Maaouya Ould Taya begann 1984 die nächste Episode einer zwei Dekaden währenden Militärherrschaft. Auch unter ihm nahm der Einfluss der islamistischen Kräfte im Lande zu: Dies betraf sowohl das 1989 verabschiedete Bürgerliche Gesetzbuch, das den zuvor angewendeten Code civil mit einer Mischung aus islamischem und französischem Recht ersetzte als auch die 1991 verabschiedete Verfassung. Arabisch wurde zur einzigen anerkannten Amtssprache. Diese Entscheidung wurde allerdings 1999 wieder revidiert und Französisch dem Arabischen im Bildungssystem gleichgestellt. Nach Einführung der Verfassung wurden auch ein Mehrparteiensystem und Parlamentswahlen zugelassen, deren Gültigkeit international infrage gestellt wurde. Die Stärkung der Stellung meist aus den Golfstaaten zurückgekehrter Geschäftsleute der Bidhan und die Arabisierungspolitik ließen die Spannungen insbesondere mit den Halpulaar, die von der Bodenreform 1983/84 besonders benachteiligt wurden, eskalieren, zwischen 1989 und 1991 kam es zu ethnischen Säuberungen an der subsaharischen Bevölkerung, die beinahe in einen Grenzkonflikt mit Senegal ausgeartet wären. Vertreibung, Zerstörung von Eigentum und politische Verfolgung der damaligen Mitglieder der 1983 gegründeten Force de Libération Africaines en Mauritanie haben viele Familien aus dem Land vertrieben.

Erst 2005 wurde Taya durch einen unblutigen Putsch seines Amtes enthoben. Der Putsch erweckte zunächst Hoffnungen auf eine nachhaltige Demokratisierung des Landes – Beobachter sahen das Potenzial, Mauretanien könne zum Vorbild für die gesamte Region werden. In der Tat leitete die Übergangsregierung unter Ely Ould Mohamed Vall die ersten freien Wahlen seit der Machtübernahme der Militärs 1978 ein. Im April 2007 wurde Sidi Ould Cheikh Abdallahi Präsident. Doch schon im August 2008 wurde er durch einen erneuten Militärputsch wieder abgesetzt. Abdallahis Versuch, nach seiner Machtübernahme die ethnischen Säuberungsaktionen zwischen 1989 und 1991 aufzuklären und die verantwortlichen Generäle zur Rechenschaft zu ziehen, ist ein entscheidender Grund, weshalb das Militär seine Regierung beendete. Die Absetzung wurde zwar international kritisiert, erfuhr aber von der Mehrheit der mauretanischen Bevölkerung breite Zustimmung. Durch den Putsch kam Mohamed Ould Abdel Aziz an die Macht, dessen Präsidentschaft in den Wahlen 2009 und 2014 bestätigt wurde.

Arm trotz Rohstoffreichtum

Wie viele rohstoffreiche Länder krankt Mauretanien daran, aus den Exporteinnahmen eine eigene dauerhafte Entwicklung anzustoßen und die natürlichen Ressourcen für die eigene Bevölkerung effektiv und nachhaltig nutzbar zu machen. Trotz neuer Erschließung von Rohstoffen wie Öl, Gold und seltene Erden lag die Armutsquote 2014 bei 31 Prozent. Es fehlt an eigenen Produktionsstätten und einem weiterverarbeitenden Industriesektor, um nachhaltige Gewinne aus dem Rohstoffreichtum zu erzielen. Neben dem Bergbau ist der Fischereisektor ein wichtiges Standbein der Wirtschaft Mauretaniens. Die Gewässer der nordwestlichen afrikanischen Atlantikküste zählen weltweit zu den fischreichsten Fanggründen. Die mauretanische Schiffsflotte selbst fischt jedoch überwiegend nur niedrigwertige Fischarten. Die Rückständigkeit der Flotte führt dazu, dass der überwiegende Anteil der Wertschöpfung aus mauretanischen Fischgründen von ausländischen Firmen gewonnen wird.

Bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sind die exportorientierten Sektoren unbedeutend und tragen kaum zur Binnenwirtschaft bei. Die Arbeitslosenquote stagniert nach Angaben der Weltbank seit den 1990er Jahren bei rund 30 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit der 15- bis 24-Jährigen lag 2014 bei knapp 47 Prozent. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung betreibt Landwirtschaft. Diese machte 2014 einen Anteil von rund 30 Prozent des BIP aus. Dabei ist der Ackerbau stark defizitär und deckt lediglich 30 Prozent des nationalen Bedarfs. Die zunehmende Wüstenbildung seit den Dürren der 1960er Jahre, das massive Bevölkerungswachstum sowie Wind- und Wassererosion haben Schätzungen zufolge in den vergangenen Jahren rund 20 Prozent der nutzbaren Agrarflächen zerstört. Um die Sicherheit der Lebensmittelversorgung voranzubringen, ist seit 2009 die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen in Mauretanien aktiv. Die Viehwirtschaft, der Bausektor und die Telekommunikation gelten als die einzigen Wachstumsbranchen der mauretanischen Wirtschaft.

Der Ende der 1990er Jahre entstandene Tourismussektor ist aufgrund dschihadistischer Attentate zum Erliegen gekommen. Seit Mitte der 2000er Jahre wurden einige Überfälle auf Militärstützpunkte sowie Entführungen und Ermordungen westlicher Ausländer verzeichnet, die zu einer bis heute anhaltenden Reisewarnung geführt haben.

Ethnische, soziale und kulturelle Vielfalt

Mauretaniens Bevölkerung überschritt 2015 die Grenze von vier Millionen. Somit gibt es heute mehr als vier Mal so viele Mauretanier wie zur Unabhängigkeit 1960. Der Großteil der Mauretanier lebte vorkolonial nomadisch – die festen Siedlungen beschränkten sich auf einige Oasen, von denen vier zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt wurden: Chinguetti, Wadane, Walata und Tichit. Die sesshaften Bauern und Rinderzüchter lebten zu dieser Zeit im Tal des Senegalflusses. Der Anteil der Nomaden an der Gesamtbevölkerung ist seit der Unabhängigkeit drastisch zurückgegangen. Die Sesshaftwerdung begann bereits während der Kolonialzeit und wurde von Dürren weiter vorangetrieben: Zunächst zwang die Suche nach Lohnarbeit junge Männer in die Kolonialposten, um die von der Administration eingeführten Steuern zu bezahlen, später machten die Dürren den Zugang zu Hilfslieferungen von Lebensmitteln und medizinischer Versorgung unumgänglich und trieb die Menschen in die erschlossenen Siedlungen. Diese entstanden überall entlang der Straßen – insbesondere entlang der einzigen Fernstraße in westöstlicher Richtung, der route de l’espoir (Straße der Hoffnung), wie sie seit den 1980er Jahren genannt wird.

Die Verteilung der Einkommen ist regional sehr unterschiedlich, insbesondere prägt ein Stadt-Land-Gefälle die Armutsverteilung und äußert sich vor allem im ungleichen Ausbau der Infrastruktur. Während die Dörfer entlang der beiden einzigen durchgehend asphaltierten Straßen inzwischen überwiegend an das nationale Stromnetz und das Mobilfunknetz angeschlossen sind, gilt dies für die abgelegenen Dörfer nicht. Auch haben viele Dörfer keine Sekundarschule, was Eltern häufig dazu ermutigt, mit ihren Kindern in eine Stadt umzuziehen, um ihnen eine höhere Bildung zukommen zu lassen. Allerdings gibt es vereinzelt auch Eltern, die gerade deswegen ihre Kinder erst gar nicht in die staatliche Grundschule schicken, sondern lieber in die traditional-islamische Schule. Sie befürchten, dass sie sonst ihre ursprüngliche Lebensform auf dem Land aufgeben müssen.

Die Hauptstadt Nouakchott ist Sitz der nationalen Universität sowie zahlreicher Unternehmen und gehört zu den weltweit am schnellsten wachsenden Städten. Sie wurde in den 1950er Jahren gegründet und wuchs von knapp 6.000 Einwohner auf über eine Million 2015 und weist deshalb große Mängel im Aufbau der notwendigen Infrastruktur auf. Auch wenn sich in Nouakchott alle Volksgruppen und Vertreter aller religiösen Strömungen aufhalten, bleibt die Stadt arabisch dominiert. Die Arabisierung Nouakchotts ist bezeichnend für die nachkoloniale Politik: Die Marginalisierung der subsaharischen Ethnien spiegelt sich im staatlichen Bildungssystem, der Kulturpolitik, der nationalen Geschichtsschreibung und der Verteilung von Regierungsposten wider. Je nach Herkunft der statistischen Angaben ist ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung kein Bidhan, sondern Halpulaar, Soninké, Bambara oder Wolof. Viele Menschen auf dem Land haben ausschließlich traditionale islamische Schulen besucht, in der zwar grundsätzlich arabisch alphabetisiert wird, aber die Wissensvermittlung in der Muttersprache überwiegend mündlich erfolgt. Die Sprachpluralität und die damit einhergehende Vielfältigkeit kultureller Identität teilt Mauretanien mit vielen westafrikanischen Staaten.

Ethnische Spannungen, soziale Differenz, religiöse Fragen

Die Verbrechen des Militärs zwischen 1989 und 1991 bei der Vertreibung der subsaharischen Ethnien sind bis heute nicht von staatlicher Seite aufgeklärt worden. Weder gab es eine Wahrheitskommission, noch wurden die Verantwortlichen für die damalige Eskalation der Gewalt zur Verantwortung gezogen. Zwar sind inzwischen einige der damaligen Flüchtlinge aus den Nachbarländern wieder zurückgekehrt, doch das Misstrauen gegenüber der Bidhan-Elite bleibt bei vielen groß. Weitere ethnische Konflikte wurden durch die Politik der Regierung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verursacht: Um den Arbeitsmarkt zu entlasten, wurden westafrikanische Gastarbeiter des Landes verwiesen. Zudem entschloss sich die Regierung ab 2011 eine Volkszählung abzuhalten, die zu massiven Protesten bei Vertretern der subsaharischen Ethnien führte. Die Bewegung "Touche pas à ma nationalité" (Fass meine Nationalität nicht an) wurde ins Leben gerufen. Sie wirft der Regierung vor, mit der Volkszählung die subsaharischen Ethnien ausgrenzen und erneut vertreiben zu wollen. Bereits zwischen 1989 und 1991 wurden zahlreiche Menschen mit dem Argument ausgewiesen, sie seien keine Mauretanier, sondern Senegalesen.

Doch nicht nur zwischen "Arabern" und "Nichtarabern" gibt es soziale Spannungen: Ungefähr 60 Prozent der Bidhan gehören zu den Haratin, den Nachfahren früherer Sklaven. Da die Stammeszugehörigkeit auch heute noch wichtig für die soziale Stellung ist, haben diese "stammeslosen" Menschen schlechtere Chancen und fristen häufig ein Leben in Abhängigkeit von vorherigen Sklavenbesitzerfamilien oder in völliger Armut. Die Emanzipationsbewegung der Haratin organisierte sich bereits 1974 in der verbotenen Menschenrechtsorganisation "El Hor" (Der Freie). Sie kämpft für bessere Lebensbedingungen der Haratin. In Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Organisationen der Abolitionsbewegung wurden auch jüngst Fälle von praktizierter Sklaverei öffentlich gemacht und die Regierung angemahnt, das Ende der Sklaverei nun endlich durchzusetzen. Die Aktionen der Emanzipationsbewegung richten sich auch teilweise gegen den Islam, da die Scharia Sklaverei zwar nicht gutheißt, aber eben auch nicht verbietet, und die Aufrechterhaltung der Sklaverei häufig von religiösen Autoritäten mit dem Islam gerechtfertigt wird. Doch nicht alle Haratin wenden sich deshalb gegen die Religion und ihre Schriften, im Gegenteil, salafistische Gemeinden und Muslimbrüder verzeichnen regen Zuwachs gerade aus dieser Bevölkerungsgruppe. Denn während die Sufi-orientierten traditionalen Eliten zwar soziale Gleichheit konstatieren, findet in ihren Gemeinden aufgrund der sozialen Zusammensetzung häufig wenig soziale Mobilität statt. Anders sieht es bei islamistischen und salafistischen Gemeinden aus: Häufig finden sich dort religiöse Autoritäten, die nicht auf eine lange familiäre Tradition im Bereich der Islamgelehrsamkeit zurückblicken können – weshalb in diesem Umfeld sozial-benachteiligte Gruppen eher Anschluss finden.

So ist es kaum erstaunlich, dass gerade die islamistische Tawassul-Partei viele Wähler in den Armenvierteln findet. Auch unter den Jugendlichen, die nicht nur unter der hohen Arbeitslosigkeit, sondern auch der unzureichendenFörderungvon Jugendkultur leiden, versuchen Islamisten vermehrt, Anhänger zu gewinnen. Abgesehen von islamisch-religiöser Bildung gibt es wenig, was der mauretanischen Jugend als Entfaltungs- und Aktivitätsraum geboten wird. In Anbetracht der anhaltenden Präsenz dschihadistischer Gruppierungen wie Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) ist ein Umdenken dringend nötig: Die Programme der Entwicklungszusammenarbeit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit fokussieren sich derzeit auf Umweltschutz, Good Governance, Bildung und Ressourcennutzung. In Anbetracht der hohen Jugendarbeitslosigkeit wäre hier eine Ausweitung auf den bislang rudimentären kulturellen Sektor, mit einem besonderen Fokus auf Sport und Jugendkultur,wünschenswert. Ebenso dringend förderungswürdig sind Maßnahmen zum Kulturerhalt: Mauretanien hat wie Timbuktu und Djenné in Mali zahlreiche private und staatliche Manuskriptsammlungen, deren Erhalt sehr gefährdet ist. Die Erforschung dieser Handschriften ist bislang nur langsam vorangegangen. Zudem werden einige archäologische Stätten in der Wüste vermutet. Auch in diesem Bereich war die Regierung bislang untätig. Dabei ist für den Prozess der Nationalstaatsbildung die Kenntnis der eigenen Geschichte wichtig; ansonsten besteht die Gefahr, dass sich die rassistisch konnotierte Spaltung der Gesellschaft auch in Zukunft weiter festschreibt und islamistische Gruppierungen weiteren Zulauf bekommen. Damit würde eine tatsächliche Emanzipation marginalisierter Gruppierungen vereitelt und die Entwicklung einer demokratisch-politischen Kultur verhindert.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Alain Faujas, En Mauritanie, la Snim dans la tourmente, 24.3.2016, Externer Link: http://www.jeuneafrique.com/mag/309365/economie/mauritanie-snim-tourmen.

  2. Vgl. Steffen Wippel, Wirtschaft, Politik und Raum: Territoriale und regionale Prozesse in der westlichen Sahara, Berlin 2012.

  3. Vgl. u.a. Abdel Wedoud Ould Cheikh, Sozialstrukturen und politische Macht in Mauretanien, in: Inamo 61/2010, S. 4–8; das gesamte Heft widmet sich verschieden Themen zu Mauretanien.

  4. Eine umfangreiche Geschichte der Sklaverei im vorkolonialen Mauretanien und der juristischen Debatte bietet Rainer Oßwald, Sklavenhandel und Sklavenleben zwischen Senegal und Atlas, Würzburg 2016.

  5. Den Einfluss der Bidhan und Westafrikaner beim Aufbau saudi-arabischer islamischer Bildungseinrichtungen belegen das Renommé, das die Gelehrten dieser Region auch in der arabischen Welt genossen. Vgl. Chanfi Ahmed, West African Ulama and Salafism in Mecca and Medina: Jawab al-Ifriqi – the Response of the African, Leiden 2015.

  6. Vgl. Ibrahima Sall, Mauritanie du Sud: conquêtes et administration française, 1890–1945, Paris 2007.

  7. Zur Ambivalenz der französischen Kolonialpolitik bezüglich des Islams und der rassistischen Annäherung an die plurale ethnische Bevölkerung ihrer Kolonien siehe Christopher Harrison, France and Islam in West Africa, 1860–1960, Cambridge 1988. Zur Bündnispolitik mit religiösen Gelehrten siehe David Robinson, Path of Accomodation: Muslim Societies and French Colonial Authorities in Senegal and Mauritania, 1880–1920, Oxford 2000. Zur kolonialen Alltagsrealität bei den Bidhan siehe Britta Frede, Die Erneuerung der Tiganiya in Mauretanien: Popularisierung religiöser Ideen in der Kolonialzeit, Berlin 2014.

  8. Die Autobiografie gibt einen guten Einblick in die Zeit nach der Unabhängigkeit. Siehe Moktar Ould Daddah, La Mauritanie contre vents et marées, Paris 2003.

  9. Vgl. Ursel Clausen, Islam und nationale Religionspolitik: Das Fallbeispiel Mauretanien, Hamburg 2005, Externer Link: http://www.liportal.de/fileadmin/user_upload/oeffentlich/Mauretanien/
    Islam_und_Religionspolitik_Mauretanien.pdf
    .

  10. Vgl. Inamo 86/2016 mit dem Schwerpunkt "Sahara/Sahel"; insb. die Beiträge von Abdoulaye Sounaye, Alexander Thursten, Christine Hardung und Britta Frede.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Britta Frede für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Wissenschaftlerin an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies der Freien Universität Berlin. E-Mail Link: britta.frede@gmx.net