APuZ 2016/33-34, Magheb-Staaten

12.8.2016 | Von:
Nora Lafi

Historische Perspektiven auf den Maghreb

zwischen Modernisierungsimpuls und kolonialer Bedrohung

Die französische Eroberung des osmanischen Ägypten im Jahre 1798 stellte die westlichen Reichsprovinzen vor eine große Herausforderung. Die territoriale Einheit zwischen dem Nahen Osten und Nordafrika war unterbrochen, und die europäischen Ansprüche auf osmanische Provinzen wurden immer größer. In den 1820er Jahren gingen Frankreich, Großbritannien und Russland militärisch gegen das Osmanische Reich vor und unterstützten die griechische Revolte von 1812, die dadurch in einen Unabhängigkeitskrieg mündete. Der Erfolg, der zur Vertreibung der dort ansässigen nicht-christlichen Bevölkerung führte, bestärkte die europäischen Mächte darin, sich energisch dem Osmanischen Reich entgegenzustellen.

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts begannen Frankreich und Großbritannien die Privilegien im Maghreb, die europäische Händler und Konsuln mit dem Osmanischen Reich ausgehandelt hatten, für eine Konfrontation zu instrumentalisieren. So weiteten sie den konsularischen Schutz auf größere Bevölkerungskreise aus und richteten Schirmherrschaften und Klientelsysteme mit örtlichen Dynastien und Regionalherrschern ein. Zu den Scharmützeln auf See, die sich osmanische Flotten und Korsaren mit europäischen Mächten lieferten, kamen Drohungen einer militärischen Intervention. Die europäischen Mächte versuchten so, dem Osmanischen Reich neue Handelsregeln zu oktroyieren. Nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten und dem Ende der Schutzperiode für amerikanische Schiffe durch die Franzosen kaperten osmanische Korsaren einige dieser Schiffe. Zwischen 1801 und 1805 kam es schließlich zu Angriffen der US-amerikanischen Marine auf Tripolis und Derna und dem sogenannten Amerikanisch-Tripolitanischen Krieg. Anfängliche Handelsstreitigkeiten zwischen Frankreich und Algier entwickelten sich 1830 zu einem territorialen Eroberungskrieg, der jahrzehntelang andauerte und in eine 132 Jahre lange französische Okkupation mündete.

Um die Souveränität Tripolitaniens zu schützen, entließ das Osmanische Reich 1835 die örtliche Dynastie der Qaramanli und errichtete eine osmanische Direktherrschaft. Die Herrschaft der Husainiden in Tunesien kam unter engere Kontrolle und wurde reformiert, um den europäischen Bestrebungen zu begegnen, die Maghreb-Provinzen aus dem Reich zu lösen. Der tunesisch-osmanische Politiker Hayreddin Pasha gehörte zu den aktivsten Reformern: Er erneuerte das Regierungssystem, die Justiz und das Bildungswesen der maghrebinischen Provinzen und setzte zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen in Gang.[19] Andere Reformer in Tunis wurden zum Teil von europäischen Konsuln beeinflusst. Zwischen 1850 und 1890 erlebten auch die verbleibenden Provinzen weitreichende Reformen, die unter dem Namen "Tanzimat" zusammengefasst werden. Dabei wurde der Charakter der Lokalherrschaft innerhalb des Reichs neu ausgehandelt. Von Tunis bis Tripolis und Bengasi entstanden moderne Stadtverwaltungen.[20] Sowohl die koloniale als auch die nationale Geschichtsschreibung minimieren jedoch die Bedeutung dieser Epoche osmanischer Modernisierung. Dabei ist sie bedeutsam für die Interpretation der maghrebinischen Geschichte: Die Modernisierung ist keineswegs ein Konzept, das ausschließlich importiert wurde. So wurden in dieser Zeit neue Methoden der Stadtplanung eingeführt und zahlreiche öffentliche Gebäude und Einrichtungen wie Postämter, weiterbildende Schulen, Kranken- und Waisenhäuser gebaut. Gleichwohl kolonisierte Frankreich Tunesien 1881. Formell setzte sich die Dynastie der Husainiden fort, sämtliche Machtpositionen wurden jedoch von Beamten der französischen Kolonialverwaltung besetzt.[21]

Anders als Tunesien wurde Algerien nicht zum französischen Protektorat, sondern zum integralen Bestandteil des französischen Mutterlands erklärt.[22] Frankreich zwang Algerien die Kolonialherrschaft mit einem blutigen Eroberungskrieg zwischen 1830 und 1847 auf. Der Widerstand des von den Osmanen unterstützten Emirs, Abd el-Kader, und des Regenten von Constantine, Ahmed Bey, konnte nur durch brutales Vorgehen gebrochen werden.[23] Hunderttausende Menschen starben während des Krieges.[24] Algeriens Bevölkerung verlor nahezu den gesamten Besitz und die meisten Bürgerrechte. Französische Siedler wurden von ihrer Regierung dazu ermuntert, sich den Großteil des fruchtbaren Landes anzueignen. Später kamen auch Siedler aus Spanien, Italien und dem verlorenen Elsass. Im Gegensatz zum lange aufrechterhaltenen kolonialen Narrativ gab es zwischen 1830 und 1962 nie eine echte Friedensphase. Die Archive der französischen Armee in Vincennes belegen die regelmäßigen sogenannten Pazifizierungskampagnen gegen den algerischen Widerstand – entweder in der Bergregion der Kabylei oder gegen aufständische Stämme in der Sahara.[25] Die "Pazifizierungskampagnen" bestanden bisweilen aus Rachefeldzügen gegen die Zivilbevölkerung und wurden während und nach dem Ersten Weltkrieg durchgeführt.

In Marokko wurde die Kolonialherrschaft nach jahrzehntelangem Ringen der europäischen Mächte Spanien, Frankreich und Deutschland etabliert. Spanien errichtete an der Saharaküste die Provinz Rio de Oro und ließ sich auf der Kongokonferenz von 1884/85 die Ansprüche auf die Region bestätigen. Später weitete Spanien seine Besatzung auf die Region Saguia el-Hamra aus. 1905 widersprach Deutschland einem französischen Protektorat über Marokko und damit einer Ausweitung des französischen Kolonialgebiets im Maghreb. Weiter südlich begann Frankreich 1902 mit der Kolonisierung Mauretaniens. Auf der Konferenz in Algeciras teilten sich 1906 Frankreich und Spanien schließlich die Herrschaft über Marokko auf – Spanien erhielt den Norden, Frankreich den Rest des Landes. Ihren Höhepunkt erreichten die Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland 1911. Eine kriegerische Auseinandersetzung konnte jedoch im letzten Augenblick verhindert werden: Am 4. November gestand Deutschland Frankreich freie Hand in Marokko zu und akzeptierte die Kongoterritorien als Kompensation.[26] Das französische Protektorat wurde 1912 errichtet und gemeinsam mit Spaniens Herrschaftsansprüchen im Vertrag von Fès festgeschrieben.[27]

Die Kolonisierung des heutigen Libyen erfolgte nach dem Italienisch-Türkischen Krieg von 1911. Die italienischen Streitkräfte fielen in die drei osmanischen Provinzen Tripolitanien, Kyrenaika und Fezzan ein und errichteten dort die Kolonie Libyen. Auch hier folgte ein langer und blutiger Kolonialkrieg, in dem der libysche Widerstand nicht kapitulierte. Zwischen 1911 und 1922 kontrollierte Italien lediglich einen Teil der Küstenregion. Der Krieg richtete sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung – unter dem italienischen Faschismus nahmen die Kriegsverbrechen weiter zu und forderten zigtausende zivile Opfer.[28]

Fußnoten

19.
Vgl. Gerard van Krieken, Khayr al-Dîn et la Tunisie, 1850–1881, Leyden 1976.
20.
Vgl. Nora Lafi (Hrsg.), Municipalités méditerranéennes. Les réformes urbaines ottomanes au miroir d’une histoire comparée, Berlin 2005; Jens Hanssen/Thomas Philipp/Stefan Weber (Hrsg.), The Empire in the City: Arab Provincial Capitals in the Late Ottoman Empire, Beirut 2002.
21.
Siehe Mary Dewhurst Lewis, Divided Rule. Sovereignty and Empire in French Tunisia (1881–1938), Berkeley 2013.
22.
Vgl. Katrin Sold, Ein unvollendeter Aufarbeitungsprozess: Der Algerienkrieg im kollektiven Gedächtnis Frankreichs, 21.1.2013, http://www.bpb.de/152531«.
23.
Siehe dazu Bruno Étienne, Abdelkader, Paris 1994; Fatima Zohar Guechi, La résistance de Hajd Ahmed Bey dernier Bey de Constantine, in: Abderrahmane Bouchène et al. (Hrsg.), Histoire de l’Algérie coloniale, Paris 2014, S. 134–137.
24.
Vgl. Olivier Le Cour, Grandmaison, Coloniser, Exterminer: sur la guerre et l’état colonial, Paris 2005.
25.
Vgl. Benjamin Claude Brower, A Desert Named Peace. The Violence of France’s Empire in the Algerian Sahara, 1844–1902, New York 2009.
26.
Vgl. Susan Gilson Miller, A History of Modern Morocco, New York 2013.
27.
Vgl. Robin Bidwell, Morocco under Colonial Rule, London 2012.
28.
Vgl. Eric Salerno, Genocidio in Libia, Rome 2005.
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