APuZ 2016/33-34, Magheb-Staaten

12.8.2016 | Von:
Nora Lafi

Historische Perspektiven auf den Maghreb

Dekolonisation und die Konstruktion von Nationalstaaten

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es den Befreiungsbewegungen, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Maghreb entstanden, sich der Kolonialherrschaft entgegenzustellen – nun unter der neuen ideologischen Fahne des Nationalismus.

In Tunesien hatte die Destur-Bewegung bereits in den 1920er Jahren gegen die französische Besatzung und die anhaltende Rechtlosigkeit der Tunesier protestiert.[29] 1934 gründete Habib Bourguiba mit der Neo-Destur eine Partei, die sich die Unabhängigkeit des Landes zum Ziel machte. Nach einem Jahrzehnt der Repressionen seitens der französischen Armee und Kolonialpolizei kam es 1954 zu Verhandlungen mit der französischen Regierung unter Pierre Mendès France. Die Unabhängigkeit wurde 1956 erreicht. Bourguiba gelang es bald, die Machtstrukturen der Monarchie abzubauen, um 1957 eine Republik auszurufen. Als Präsident herrschte Bourguiba in einem Einparteiensystem bis 1987. Eine seiner ersten Entscheidungen war 1956 die progressive Reform des Familienrechts, mit der die Polygamie abgeschafft und Frauen den Männern formal gleichgestellt wurden. In den 1960er Jahren festigten Bourguiba und die Neo-Destur-Partei – inzwischen umbenannt in Sozialistische Destur-Partei – ihre autoritäre Form der Herrschaft. Nach drei Jahrzehnten sozialer Spannungen und Aufständen setzte 1987 der damalige Premierminister Zine el-Abidine Ben Ali, der unter anderem an der US-Geheimdienstschule in Fort Holabird ausgebildet wurde, in einem unblutigen Putsch Präsident Bourguiba ab und machte sich zu seinem Nachfolger. Sein Regime zeichnete sich zunächst durch eine Öffnung gegenüber den Islamisten aus, nahm jedoch zunehmend diktatorische Züge an. Ben Ali regierte mit harter Hand: Er kontrollierte die Zivilgesellschaft und unterdrückte bis zu seinem Sturz alle oppositionellen Kräfte.[30]

In Marokko wurde die Partei für Unabhängigkeit 1937 gegründet.[31] 1944 gewann sie die Unterstützung des Sultans Sidi Mohammed ben Yusef. Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen begannen die Verhandlungen mit Frankreich über eine Aufhebung des Protektionsvertrags. 1956 konnte die Unabhängigkeit ausgerufen werden.[32] Sidi Mohammed wurde zu König Mohammed V. Als er 1961 starb, übernahm sein Sohn Hassan II. den Thron. Er etablierte ein autoritäres Regime, das die Opposition unterdrückte.[33] Anders als in Bourguibas Tunesien entwickelte sich in Marokko eine konservative Gesellschaft. Das marokkanische Familienrecht von 1956 gestand Männern eine dominante Position zu und erlaubte unter anderem Verstoßungen und Polygamie. Der Sohn Hassans II., Mohammed VI., bestieg 1999 den Thron. Er zeichnete ein kritisches Bild der Regentschaft seines Vaters und ließ eine Wahrheitskommission die Menschenrechtsverletzungen zwischen 1956 und 1999 untersuchen.[34] Trotz der Reformen blieb de facto alle Macht beim König.

Algerien erlangte erst 1962 die Unabhängigkeit – nach dem weltweit größten und blutigsten Dekolonisationskrieg, der acht Jahre dauerte und viele Menschenleben kostete.[35] 1926 wurde die erste politische Partei Algeriens, der Nordafrikanische Stern, gegründet. Die Partei forderte politische Rechte für alle Algerier, und Messali Hadj wurde ihre prominente Figur. In den 1930er Jahren kämpften militante Nationalisten gegen die brutale und repressive Kolonialherrschaft. 1954 wurde die algerische Befreiungsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) gegründet, und es begann der bewaffnete Aufstand gegen die französische Kolonialbesatzung. Im Dekolonisationskrieg wurde die zivile Bevölkerung stark in Mitleidenschaft gezogen:[36] Zu Frankreichs brutaler Kriegführung gehörten Internierungslager, massenhafte Zwangsumsiedlungen und Folter. Nach einem Putschversuch in Algier der französischen Generäle, die den Krieg in Algerien fortsetzen wollten, begann Präsident de Gaulle 1961, mit Algerien zu verhandeln. Mit den Verträgen von Évian erhielt das Land 1962 die Unabhängigkeit. Hunderttausende europäische Siedler, die pieds noirs ("Schwarzfüße"), mussten Algerien verlassen. Französische Versuche, die Souveränität über die Sahara aufrechtzuerhalten, um weiterhin die dortigen Ölfelder und Nukleartestgebiete zu kontrollieren, wurden von der internationalen Gemeinschaft abgelehnt.[37] Einmal unabhängig, organisierte sich Algerien als Demokratische Volksrepublik mit Bezügen zum Sozialismus und dem Islam. Die FLN war die einzige politische Partei. Trotz großer Beteiligung von Frauen am Widerstand gegen die koloniale Besatzung blieb die Organisation der Gesellschaft streng patriarchalisch. Das ließ sich auch am 1984 verabschiedeten Familienrecht erkennen, das die Rechte der Frauen massiv einschränkte.[38] Zwischen 1991 und der Jahrtausendwende tobte ein blutiger Bürgerkrieg, der sehr viele Opfer forderte.[39] Dem Krieg waren freie Parlamentswahlen vorausgegangen, in denen die Islamische Heilsfront die Mehrheit errang. Die Armee organisierte einen Staatsstreich und lieferte sich eine kriegerische Auseinandersetzung mit militanten Dschihadisten. Um die Jahrtausendwende erfolgten Prozesse der nationalen Aussöhnung sowie einer begrenzten politischen Öffnung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten Frankreich und Großbritannien, von der Niederlage der Faschisten zu profitieren und die Kontrolle über Teilgebiete Libyens zu erlangen:[40] Franzosen über Fezzan, Briten über Tripolitanien und die Kyrenaika. 1949 drangen die Vereinten Nationen indes auf eine Unabhängigkeitslösung, die 1951 im Rahmen einer Monarchie zustande kam. Faktisch blieb das Land jedoch unter der Kontrolle Großbritanniens und der USA. 1969 putschte sich Muammar al-Gaddafi gemeinsam mit den "Freien Offizieren" an die Macht und etablierte in den 1970er und 1980er Jahren ein sozialistisch, islamisch orientiertes Regime. Gaddafi gelang es, die Gewinne aus den Ölquellen des Landes umzuverteilen und einen relativen Wohlstand für die Bevölkerung zu erzielen.[41] Gaddafi unterstützte Nelson Mandelas Kampf gegen die Apartheid und propagierte die Vision einer regionalen Integration Afrikas.[42] Im Süden des Landes tobte in den 1980er Jahren ein Krieg zwischen Frankreich und Milizen der Republik Tschad, die von Libyen unterstützt wurden. Die Beteiligung an terroristischen Aktivitäten führte zwischen 1992 und 2003 zu einem internationalen Embargo gegen Libyen. Der autoritäre Charakter des Regimes verstärkte sich in dieser Zeit. Indem Libyen sich bereit zeigte, eine aktive Rolle beim Aufhalten der Migration über das Mittelmeer einzunehmen, ließen die internationalen Spannungen seit den 2000er Jahren nach.[43]

Mauretanien gehörte seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur französischen Kolonie Westafrika und erhielt 1960 seine Unabhängigkeit.[44] Nach dem Ende der spanischen Kolonialherrschaft in der Westsahara teilten sich Marokko und Mauretanien 1975 im Madrider Abkommen die Macht über das Gebiet, was zu einem lang anhaltenden militärischen Konflikt mit der von Algerien unterstützten Befreiungsbewegung Frente Polisario führte. 1979 ließ Mauretanien die Ansprüche auf das Territorium in der Westsahara fallen.

Die Maghreb-Staaten versuchten nach ihrer Unabhängigkeit, zunächst eigene politische Strukturen aufzubauen. Der Krieg zwischen Marokko und Algerien um die Südsahara 1963 sowie die verschiedenen geopolitischen Ausrichtungen während des Kalten Krieges verhinderten dabei eine politische und wirtschaftliche Integration. Die Union des Arabischen Maghreb (UAM) wurde erst 1989 gegründet und blieb bisher eine Institution mit geringem Einfluss.

"Arabischer Frühling"

2010 erlebte Tunesien eine Reihe von Protesten. Forderungen einzelner sozialer Bewegungen gegen die Diktatur, entwickelten sich in der Hauptstadt zu massiven Revolten und führten schließlich am 14. Januar 2011 zum Sturz Ben Alis. Es folgte eine Phase intensiver politischer Debatten. Die konservative islamistische Ennahda-Partei gewann zunächst im Oktober 2011 die Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung, verlor 2014 aber bei den Parlamentswahlen die Mehrheit.

Marokko und Algerien waren nicht unmittelbar vom "Arabischen Frühling" betroffen: im Fall Marokkos aufgrund der Besonderheiten der Monarchie und des Sicherheitsapparats – in Algerien nicht zuletzt aufgrund der Erinnerung an den blutigen Bürgerkrieg. Gleichzeitig wurde vieles von dem, was seit 2011 im politischen Leben beider Länder geschah, indirekt vom "Arabischen Frühling" beeinflusst. Von der Stadt Bengasi gingen im Februar 2011 zunächst friedliche Proteste gegen das diktatorische Regime in Libyen aus. Doch schon bald verwandelten militante Dschihadisten die Proteste in einen Krieg. Mit militärischer Unterstützung der NATO wurde das Regime im August 2011 gestürzt. In der Folge versank das Land im Chaos und drohte zu zerfallen, da verschiedene militante Gruppen einzelne Regionen kontrollierten.

Heute, fünf Jahre nach dem "Arabischen Frühling", befindet sich der Maghreb an einem Wendepunkt seiner Geschichte. Radikaler Islamismus, Terroranschläge, kriegerische Konflikte, hohe Jugendarbeitslosigkeit und verstärkte Migration fordern die Gesellschaften heraus. Trotz Problemen und Krisen darf die Beziehung der Maghreb-Staaten zu Europa jedoch nicht nur auf die Rolle beschränkt werden, die von ihnen bei der Kontrolle der Migrationswege eingenommen wird. Derzeit sterben jedes Jahr zigtausende von Menschen auf diesen Wegen – ob in der Sahara oder vor der Küste des Maghreb.

Fußnoten

29.
Zu Tunesien siehe auch den Beitrag von Julia Gerlach in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
30.
Vgl. Michel Camau/Vincent Geisser, Le syndrome autoritaire. Politique en Tunisie de Bourguiba à Ben Ali, Paris 2003.
31.
Zu Marokko siehe auch den Beitrag von Martin Zillinger in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
32.
Vgl. Miller (Anm. 26).
33.
Vgl. Susan Slyomovics, The Argument from Silence: Morocco’s Truth Commission and Women Political Prisoners, in: Journal of Middle East Women’s Studies 1–3/2005, S. 73–95.
34.
Vgl. Bettina Dennerlein, Remembering Violence, Negotiating Change: The Morocco Equity and Reconciliation Commission and the Politics of Gender, in: Journal of Middle East Women’s Studies 1/2012, S. 10–36.
35.
Zu Algerien siehe auch den Beitrag von Jan C. Jansen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.); vgl. Miller (Anm. 26).
36.
Vgl. Raphaëlle Branche, La torture et l’armée pendant la guerre d’Algérie (1954–1962), Paris 2001.
37.
Vgl. Jean-Claude Allain, Histoire secrète de la bombe atomique française. La revue pour l’histoire du CNRS, 7.3.2006, https://histoire-cnrs.revues.org/408«; Jan C. Jansen, Politics of Remembrance: Colonialism and the Algerian War of Independence in France, in: Malgorzataz Pakier/Bo Strath (Hrsg.), A European Memory? Contested Histories and Politics of Remembrance, London 2010.
38.
Vgl. Bettina Dennerlein, Changing conceptions of marriage in Algerian Status Law, in: Ravindra Sahai Khare (Hrsg.), Perspectives on Islamic Law, Justice and Society, Lanham 1999, S. 123–141.
39.
Vgl. Omar Carlier, Entre Nation et Jihad: histoire sociale des radicalismes algériens, Paris 1995.
40.
Zu Libyen siehe auch den Beitrag von Wolfram Lacher in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
41.
Vgl. Dirk Vanderwalle, A History of Modern Libya, Cambridge 2006; sowie Jakob Krais, Geschichte als Widerstand. Geschichtsschreibung und nation-building in Qaddafis Libyen, Berlin 2014.
42.
Vgl. Maximillian C. Forte, The New Imperialism, Interventionism, information Warfare, and the Military-Academic Complex. Montreal 2011.
43.
Vgl. Annette Bonse, Pakt mit Gaddafi. Die europäische Kooperation mit Libyen in Migrationsfragen vor Ausbruch der Arabischen Revolution, Marburg, 2011.
44.
Zu Mauretanien siehe auch den Beitrag von Britta Frede in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Nora Lafi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.