APuZ 2016/33-34, Magheb-Staaten

12.8.2016 | Von:
Britta Frede

Mauretanien – der schwierige Weg zur integrativen nationalen Einheit

Mauretanien ist vielen Menschen hierzulande weitestgehend unbekannt. Eisenbahnliebhaber hingegen haben bereits meist von dem Zug gehört, der seit 1963 zwischen der Eisenerzminenstadt Zouérat und der Hafenstadt Nouadhibou auf einer knapp 700 Kilometer langen Strecke verkehrt. Dieser von drei bis vier Diesellokomotiven betriebene, bis zu 2,5 Kilometer lange Zug transportiert drei Mal täglich um die 17.000 Tonnen hochwertiges Eisenerz in die Hafenstadt. 2014 wurden insgesamt 13 Millionen Tonnen des Rohstoffs in Mauretanien gefördert. Im vergangenen Jahr allerdings hatte der Staat im Eisenerzsektor aufgrund stark gesunkener Weltmarktpreise erhebliche Einbußen hinzunehmen und sucht nach Lösungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne die Inflation weiter voranzutreiben und der ohnehin verarmten Bevölkerung eine weitere Verteuerung der Lebensmittelpreise zuzumuten.[1] Im Human Development Index 2015 belegt Mauretanien Platz 156 von 188 Staaten und zählt somit zu den ärmsten Ländern der Welt, liegt aber im Vergleich zur südlich angrenzenden Sahelregion wirtschaftlich deutlich in Führung, weshalb viele Westafrikaner in Mauretanien arbeiten.

Die soziale Stratifizierung und ethnische Vielfalt der Gesellschaft stellt den postkolonialen Prozess der Nationalstaatswerdung vor besondere Herausforderungen. Die regionale Orientierung des Landes mäandert seit der Unabhängigkeit 1960 zwischen dem Maghreb und dem ehemaligen Gebiet Französisch-Westafrika.[2] So leben in Mauretanien zum einen die Bidhan, eine Bevölkerungsgruppe, die bei uns als Mauren bekannt ist. Sie sind arabisch-berberischen Ursprungs und sprechen den lokalen arabischen Dialekt Hassania. Zum anderen gehören subsaharische Ethnien wie die Halpulaar, Soninké, Bambara und Wolof zur Bevölkerung.[3] In einem Land wie Mauretanien wird die Willkürlichkeit der regionalen Einteilung Afrikas in Nordafrika, als Teil der MENA-Region, und Afrika südlich der Sahara als das "tatsächliche Afrika" besonders deutlich.

Geschichte bis zur Unabhängigkeit

Es gibt nur wenige Quellen, die uns den Zugang zu den historischen Entwicklungen der Region vor dem 17. Jahrhundert ermöglichen. Die Bidhan berufen sich auf das kulturelle Erbe der Berber–Dynastie der Almoraviden. Durch die Einwanderung arabischer Stämme wurden die ursprünglich berberischen Ureinwohner arabisiert und die Islamisierung vorangetrieben, sodass zunehmend jüdische Händler verdrängt wurden. Im 15. Jahrhundert begann an der Atlantikküste mithilfe von Hafenstützpunkten die Einbindung Mauretaniens in den Welthandel, insbesondere in den atlantischen Sklavenhandel. Im 17. Jahrhundert führten einschneidende gesellschaftliche Umwälzungen, die mit einem etwa 30-jährigen Krieg, zwischen 1644 und 1774, einhergingen, zur Entstehung der hochgradig dynamischen Gesellschaftsstruktur der Bidhan, die uns heute bekannt ist. Zum einen wird sie durch mehr als 150 Stämme geordnet, zum anderen von einer sozialen Stratifizierung, die sich teils entlang von Tätigkeitszuschreibungen sowie der Einteilung in Freie und Unfreie hierarchisch organisiert. Die Stammesverbünde der Region bestanden aus der Elite – Krieger (Hassan) und Gelehrte (Zwaya) – und den von ihr geschützten tributpflichtigen Stämmen (Znaga). Außerdem vom Schutz der Elite abhängig waren als frei einzuordnende Schmiede (M’allimin) und Barden (M’gawin). Ein großer Bevölkerungsteil war unfrei, so die Sklaven (Abid) und ihre Nachfahren (Haratin). Sie erfüllten vielfältige Aufgaben für ihre Besitzer und waren Haushaltssklaven. [4]

Es ist davon auszugehen, dass sich der Lebensraum der nomadischen Bidhan mit fortschreitender Ausbreitung der Wüste allmählich Richtung Süden verlagerte. Somit wurden subsaharische Ethnien ebenfalls Richtung Süden verdrängt. Sie betrieben im Senegaltal Landwirtschaft und Viehzucht. Die nomadische Wüstenbevölkerung und die sahelischen Bauern interagierten in verschiedenen Bereichen miteinander: im Handel, in politischen Bündnissen – insbesondere durch Heiratsstrategien zwischen den Eliten – und im islamischen Bildungssektor. Es kam bereits vor der Kolonialzeit zu engen Verflechtungen mit subsaharischen Ethnien. Auch die Entstehung der berühmten Gelehrtenzentren Timbuktu und Walata sind nicht ohne den Beitrag insbesondere der Soninké vorstellbar. Islamische Gelehrsamkeit war ein wichtiges Bindeglied für die vielfältige Bevölkerung des gesamten westlichen Sahara-Sahel-Raumes. Ihre Institutionen stellten Allianzen zwischen den Stämmen der Bidhan und den subsaharischen Ethnien her. Neben den Soninké haben auch die Halpulaar und Wolof eine in der arabischen Welt respektierte islamische Gelehrtenkultur hervorgebracht, die einerseits arabisch schreibt, liest und spricht, andererseits Texte in ihren Muttersprachen in arabischer Schrift festhält.[5]

Eine klare Grenzziehung zwischen den Bidhan und der subsaharischen Kultur ist somit schwer möglich – viel zu sehr ist die Wüstenregion mit dem Sahel verflochten. Neben dem intensiven Austausch in den verschiedenen Lebensbereichen weist die vorkoloniale gesellschaftliche Ordnung deutliche Gemeinsamkeiten auf. So teilten sich bei allen hier erwähnten Ethnien die Eliten in Krieger und Gelehrte auf, Schmiede und Barden nahmen eine ambivalente Sonderstellung ein. Sklaverei war unter allen Eliten eine weitverbreitete Praxis.

Die französische Kolonialpolitik dagegen folgte der Devise divide et impera und versuchte mithilfe unterschiedlicher Politikpraxis und Bildungspolitik auf Grundlage einer rassistischen Weltanschauung, die subsaharischen Ethnien und die Bidhan zu trennen. Während im saharischen Gebiet eher ein indirektes Herrschaftsregime errichtet wurde, wurden die Bewohner des Senegaltals einer direkten Herrschaft unterstellt. Die Administration bemühte sich im Senegaltal, die lokalen Bildungseinrichtungen zu zerstören, und führte zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt die Zwangseinschulung in französische Kolonialschulen ein als im restlichen Mauretanien, ebenso wurde rigoroser gegen die Sklaverei vorgegangen.[6] Den Bidhan hingegen wurde der arabische Schwerpunkt ihres Bildungssystems gewährt. Bis zur Unabhängigkeit wurde nur ein kleiner Bevölkerungsteil in modernisierte, französischsprachige Schulen integriert.[7]

Fußnoten

1.
Vgl. Alain Faujas, En Mauritanie, la Snim dans la tourmente, 24.3.2016, http://www.jeuneafrique.com/mag/309365/economie/mauritanie-snim-tourmen«.
2.
Vgl. Steffen Wippel, Wirtschaft, Politik und Raum: Territoriale und regionale Prozesse in der westlichen Sahara, Berlin 2012.
3.
Vgl. u.a. Abdel Wedoud Ould Cheikh, Sozialstrukturen und politische Macht in Mauretanien, in: Inamo 61/2010, S. 4–8; das gesamte Heft widmet sich verschieden Themen zu Mauretanien.
4.
Eine umfangreiche Geschichte der Sklaverei im vorkolonialen Mauretanien und der juristischen Debatte bietet Rainer Oßwald, Sklavenhandel und Sklavenleben zwischen Senegal und Atlas, Würzburg 2016.
5.
Den Einfluss der Bidhan und Westafrikaner beim Aufbau saudi-arabischer islamischer Bildungseinrichtungen belegen das Renommé, das die Gelehrten dieser Region auch in der arabischen Welt genossen. Vgl. Chanfi Ahmed, West African Ulama and Salafism in Mecca and Medina: Jawab al-Ifriqi – the Response of the African, Leiden 2015.
6.
Vgl. Ibrahima Sall, Mauritanie du Sud: conquêtes et administration française, 1890–1945, Paris 2007.
7.
Zur Ambivalenz der französischen Kolonialpolitik bezüglich des Islams und der rassistischen Annäherung an die plurale ethnische Bevölkerung ihrer Kolonien siehe Christopher Harrison, France and Islam in West Africa, 1860–1960, Cambridge 1988. Zur Bündnispolitik mit religiösen Gelehrten siehe David Robinson, Path of Accomodation: Muslim Societies and French Colonial Authorities in Senegal and Mauritania, 1880–1920, Oxford 2000. Zur kolonialen Alltagsrealität bei den Bidhan siehe Britta Frede, Die Erneuerung der Tiganiya in Mauretanien: Popularisierung religiöser Ideen in der Kolonialzeit, Berlin 2014.
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