APuZ 2016/33-34, Magheb-Staaten

12.8.2016 | Von:
Jan C. Jansen

Algerien und Frankreich: Vom Kolonial- zum Erinnerungskrieg?

Immer, wenn ein französischer Präsident Algerien besucht, liegt eine gewisse Spannung in der Luft. Medien auf beiden Seiten des Mittelmeers schauen genau hin, wenn die Präsidenten beider Länder symbolische Gesten austauschen, und wägen die Worte ab, mit denen der prominente Gast die bilateralen Beziehungen charakterisiert.[1] Bemerkenswerterweise geht es dabei häufig nicht um die vielen Gegenwartsprobleme wie etwa die Visums- und Migrationsfragen, die Terrorbekämpfung, die wirtschaftliche Kooperation oder die Flüchtlingsbewegungen im Mittelmeerraum, sondern den Umgang mit der gemeinsamen Vergangenheit: Wie hat der französische Präsident das Kolonialsystem Frankreichs in Algerien dargestellt? Hat er gar eine "Entschuldigung" präsentiert? Und: Hat er das Leid der mit der Unabhängigkeit geflüchteten Europäer und der für Frankreich kämpfenden Algerier zur Sprache gebracht?

Algerien und Frankreich verbindet eine konfliktträchtige Beziehungsgeschichte. Eine besonders intensive Form kolonialer Herrschaft und Besiedlung (ab 1830) endete mit einem der blutigsten militärischen Konflikte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der algerische Unabhängigkeitskrieg – je nach Perspektive auch "Algerische Revolution" oder "Algerienkrieg" – war ein Krieg der Extreme: Mit rund 400.000 algerischen Toten und 25.000 gefallenen französischen Soldaten entfaltete sich hier zwischen dem 1. November 1954 und dem Waffenstillstand vom 19. März 1962 der größte und blutigste Dekolonisationskrieg weltweit.[2] Rund eine Million französische Soldaten nahmen an Frankreichs drittgrößtem Militäreinsatz im 20. Jahrhundert teil, der das nordafrikanische Land stark verwüstete und Frankreich in eine tiefe politische Krise stürzte. Durch den systematischen Einsatz von Folter, Gewalt an Zivilisten, Umsiedlungen und psychologischer Kriegführung wurden der Krieg zum Modell des "schmutzigen Kriegs", die algerische Befreiungsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) zum leuchtenden Vorbild für Guerillakämpfer im Globalen Süden und französische Militärs zu weltweit gefragten Folterexperten.

Auch in der nachkolonialen Erinnerung ragt der algerische Fall heraus. Das blutige Ende der Algérie française steht seit den 1990er Jahren im Mittelpunkt massiver Debatten um das koloniale Erbe Frankreichs und Europas. Dies hat – gerade auch außerhalb Frankreichs und Algeriens – zu einem Tunnelblick auf die Geschichte geführt. Sowohl der algerische Unabhängigkeitskampf als auch die Erinnerungen daran werden als ein absoluter Sonderfall – ein französisch-algerisches tête-à-tête – aus der breiteren Geschichte der Dekolonisation herausgelöst. Der Krieg dient dann etwa als Beleg für das besonders brutale und rücksichtslose Festhalten Frankreichs an seinem Kolonialreich, als Gegenbeispiel, von dem sich das vermeintlich einsichtige Großbritannien abhebt.[3] Jedoch: Jenseits der extremen Ausmaße ist der algerische Unabhängigkeitskrieg kein absoluter Sonderfall einer Auflösung europäischer Kolonialherrschaft. Und auch die Konflikte um die Erinnerung an die Kolonialzeit und den Krieg verdichten in extremer Form Erinnerungsprozesse, die in weiten Teilen Westeuropas und des Globalen Südens ablaufen.

Warum Algerien?

Warum nahm gerade Französisch-Algerien ein solch blutiges Ende? Erstens war Algerien Frankreichs erste und wichtigste Kolonie im 19. und 20. Jahrhundert. Ab 1830 erobert, wurde das Land zu einer Art "kolonialer Provinz".[4] Algerien bildete das Prestigeobjekt einer ambitionierten Assimilationspolitik und war maßgeblich mit den politischen Strukturen der Metropole verwoben. Algerien galt (spätestens ab 1870) als integraler Bestandteil des französischen Staatsterritoriums; der Norden des Landes wurde nach französischem Vorbild in Départements unterteilt, in denen Stadt- und Regionalräte sowie Abgeordnete für die Abgeordnetenkammern in Paris gewählt wurden.

Zweitens war Algerien neben Südafrika die größte europäische Siedlungskolonie Afrikas. 1954 befanden sich fast eine Million Europäer im Land und dominierten die exportierten staatlichen Strukturen, auch dank einer verschärften Diskriminierungspolitik gegenüber der algerischen Bevölkerungsmehrheit. Durch die Siedler setzte Frankreich im Vergleich zu vielen britischen Siedlungskolonien der Selbstregierung klare Grenzen. Von zentraler Bedeutung für die Siedler war ihr Zugang zum politischen Betrieb in Paris, wo sie eine lautstarke Lobby bildeten und Einfluss auf die Algerienpolitik nahmen.

Drittens wirkte sich die Art des antikolonialen Widerstands auf den Verlauf der Dekolonisation aus. Die in Algerien ab der Jahrhundertwende entstehende Nationalbewegung zeichnete sich durch einen hohen Grad an Heterogenität aus.[5] Zwar war ein gewisses Maß an Uneinigkeit über die Ziele und Mittel ein Merkmal der meisten antikolonialen Nationalbewegungen, doch rangen in Algerien vier unterschiedliche Strömungen um die Führung im Kampf gegen die Kolonialherrschaft und um die Deutungshoheit über die algerische Nation: liberale Kolonialismuskritiker, muslimische Reformgelehrte, Kommunisten sowie eine ursprünglich unter maghrebinischen Arbeitsmigranten in Frankreich gegründete nationalistische Partei. Im Unterschied zu Tunesien und Marokko bildete sich in Algerien auch im Verlauf des antikolonialen Kampfes zunächst keine dominante Stellung eines dieser Akteure heraus – auch nicht, als das französische Militär und Siedler-Milizen im Mai 1945 auf brutalste Weise einen Aufstand in Ostalgerien niederschlugen. Die Anschlagsserie, mit denen der FLN in der Nacht zum 1. November 1954 in Erscheinung trat, stand daher weniger in der Kontinuität eines jahrzehntelangen politischen Kampfes, sondern war die Verzweiflungstat einer kleinen Gruppe militanter Nationalisten.[6] Diese hielten den bewaffneten Kampf nicht nur für den einzig verbliebenen Weg, sondern auch für den Ausweg aus der inneren Blockade der Nationalbewegung. Die blinden und brutalen Reaktionen Frankreichs auf die Anschläge hatten entscheidenden Anteil daran, dass der Rückhalt des FLN innerhalb der algerischen Bevölkerung wuchs.

Krieg an vielen Fronten

Der Krieg, der sich ab dem 1. November 1954 entfaltete, gewann seine besondere Dynamik aus einer Mischung aus massiver Repression und Reformbemühungen. Eine breite politische Mehrheit in Frankreich, einschließlich der traditionell kolonialismuskritischen Sozialisten und Kommunisten, drängte auf ein gewaltsames Niederringen des FLN. Ausgestattet mit Notstandsgesetzen und Sondervollmachten versuchten das Militär und die Polizeikräfte, den Guerillakampf zu beenden. Frankreichs "antisubversive" Kriegführung zog die zivile Bevölkerung stark in Mitleidenschaft; hierzu gehörte der systematische Einsatz von Folter, Internierungslager und massenhafte Zwangsumsiedlungen.[7] Zwei Millionen Algerier, rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung, lebte am Ende des Kriegs in Umsiedlungslagern.

Zur gleichen Zeit startete Frankreich eine umfassende Kampagne spätkolonialer Reformen, die kurz zuvor noch undenkbar gewesen waren. Projekte zur wirtschaftlichen Entwicklung und Industrialisierung, Investitionen in den sozialen Wohnungsbau, in das Gesundheits- und Bildungswesen sowie die spürbare Ausweitung der Partizipationsrechte für Algerier sollten dazu beitragen, die Bevölkerung für die Metropole zu gewinnen.

Der Kampf zwischen dem FLN und der Kolonialmacht verlief auf drei Ebenen, die sich immer wieder überschnitten. Im Mittelpunkt der militärischen Auseinandersetzung stand nicht der städtische Häuserkampf, wie er in Gillo Pontecorvos Meisterwerk "La Battaglia di Algeri" 1966 verewigt wurde, sondern der Guerillakrieg, der sich vorwiegend auf dem Land abspielte.[8] Daneben suchte Frankreich, vorwiegend über polizeiliche Maßnahmen, die politisch-administrativen Strukturen des FLN zu zerschlagen. Parallel dazu erfolgte eine diplomatische Auseinandersetzung um die Weltöffentlichkeit, die hauptsächlich in den Vereinten Nationen zum Tragen kam.[9] Vor allem aufgrund einer massiven Truppenaufstockung 1959 entschied Frankreich den Guerillakrieg für sich, scheiterte aber an den beiden anderen Fronten. Insbesondere der wachsende internationale Druck zwang die französische Führung dazu, in Verhandlungen mit dem FLN zu treten.

Spätestens mit dem Zusammenbruch der Vierten Republik 1958, der durch einen von Algier ausgehenden Staatsstreich befördert wurde, erreichte der algerische Unabhängigkeitskrieg das französische Mutterland. Der Krieg wurde durch zahlreiche weitere Frontverläufe verkompliziert: Da war zum einen der blutige Konflikt, in dem der FLN seinen Alleinvertretungsanspruch gegen rivalisierende Nationalisten und pro-französische Gruppen durchsetzte; zum anderen kämpften zwischen 200.000 und 400.000 Algerier als Hilfstruppen für Frankreich – ein (oftmals nicht politisch motiviertes) Engagement, das vielen nach dem Algerienkrieg zum Verhängnis wurde. Zahlreiche Verwerfungen durchzogen auch das französische Lager: Soldaten widersetzten sich ihrer Versendung nach Algerien, und der FLN fand auch in Frankreich Unterstützer; mit Kriegsverlauf verselbständigten sich Armeekader, die dann im Verbund mit radikalisierten Siedlern erbitterten Widerstand gegen jegliche Zugeständnisse leisteten – von Straßenkämpfen über einen Putschversuch 1961 und der Gründung der Organisation de l’armée secrète (OAS), die Algerien und Frankreich 1961/62 mit einer Terrorkampagne überzog. Der französische Präsident Charles De Gaulle überlebte mehrere gegen ihn gerichtete Attentate nur mit Glück. Nach einem Waffenstillstand am 19. März 1962 wurde das Land am 5. Juli 1962 unabhängig.

Fußnoten

1.
Siehe etwa die Berichterstattung zu François Hollandes erstem Staatsbesuch in Algerien, in: Le Monde, 18.–21.12.2012.
2.
Die zurzeit besten Gesamtdarstellungen sind Sylvie Thénault, L’histoire de la guerre d’indépendance algérienne, Paris 2005; Martin Evans, Algeria. France’s Undeclared War, Oxford 2012. Ein knapper Überblick auf Deutsch bei Frank Renken, Kleine Geschichte des Algerienkriegs, in: Christiane Kohser-Spohn/Frank Renken (Hrsg.), Trauma Algerienkrieg. Zur Aufarbeitung und Geschichte eines tabuisierten Konflikts, Frankfurt/M. 2006, S. 25–50.
3.
Kritik daran zuletzt pointiert bei Dane Kennedy, Decolonization. A Very Short Introduction, Oxford 2016, S. 3f.
4.
Jan C. Jansen, Erobern und Erinnerung: Symbolpolitik, öffentlicher Raum und französischer Kolonialismus in Algerien, 1830–1950, München 2013, S. 8f. und 467f. Zur allgemeinen Kolonialgeschichte Algeriens weiterhin Charles-Robert Ageron, L’Histoire de l’Algérie contemporaine. Tome 2: De l’insurrection de 1871 au déclenchement de la guerre de libération (1954), Paris 1979; Abderrahmane Bouchène et al. (Hrsg.), Histoire de l’Algérie à la période coloniale, 1830–1962, Algier/Paris 2012; John Ruedy, Modern Algeria: The Origins and Development of a Nation, Bloomington 2005².
5.
Zum algerischen Nationalismus siehe James McDougall, History and the Culture of Nationalism in Algeria, Cambridge 2006.
6.
Fundamental zum FLN Gilbert Meynier, Histoire intérieure du F.L.N. 1954–1962, Paris 2002.
7.
Zu Aspekten der Gewalt vgl. Raphaëlle Branche, La torture et l’armée pendant la guerre d’Algérie, 1954–1962, Paris 2001; Sylvie Thénault, Une drôle de justice. Les magistrats dans la guerre d’Algérie, Paris 2004; Fabian Klose, Menschenrechte im Schatten kolonialer Gewalt. Die Dekolonisierungskriege in Kenia und Algerien, 1945–1962, München 2009.
8.
Siehe die Fallstudie Raphaëlle Branche, L’Embuscade de Palestro. Algérie 1956, Paris 2010.
9.
Siehe hierzu Matthew Connelly, A Diplomatic Revolution. Algeria’s Fight for Independence and the Origins of the Post-Cold War Era, Oxford 2002; zur Süd-Süd-Diplomatie des FLN Jeffrey Byrne, Mecca of the Revolution. Algeria, Decolonization, and the Third World Order, Oxford 2016.
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