Drohnenübung der Schweizer Armee auf dem Militärflugplatz Emmen.

26.8.2016 | Von:
Jost Dülffer

Alte und neue Kriege. Gewaltkonflikte und Völkerrecht seit dem 19. Jahrhundert

Vom industrialisierten Volkskrieg zu kollektiver Friedenssicherung

Das 20. Jahrhundert war stark durch die beiden Weltkriege geprägt, die ein zuvor unbekanntes Ausmaß an weltweiter Zerstörung zur Folge hatten. Zwar schienen sie ebenso wie die anschließende Konstellation des Kalten Krieges bipolare Staatenkriege zu sein, doch wiesen sie in vielerlei Hinsicht neue Züge auf.

Das betrifft zunächst den Wandel der Kriegsinstrumente.[8] Er war ein integraler Teil der allgemeinen technisch-industriellen Entwicklung der Gesellschaften, die jedoch in den Zeiten der Hochrüstung vor und während der Weltkriege einer dominierenden militärischen Logik folgte. Die zunehmende Zerstörungskraft und die Entwicklung entsprechender Schutzmaßnahmen brachten eine permanente materielle Eskalation der Kriegsmittel mit sich.

Im Ersten Weltkrieg erreichte die Artillerie, die herkömmlich den Vormarsch der Infanterie erleichtern soll, eine solche Zerstörungskraft und Reichweite, dass Soldaten der Gegenseite sich in Schützengräben eingruben; erstmals wurde auch Giftgas eingesetzt, wogegen sich Soldaten nur bedingt schützen konnten. Erst die Entwicklung von Panzern erlaubte wieder ein Vorrücken der Infanterie. Ähnlich verhielt es sich im Krieg zur See, der von immer größeren Schlachtschiffen ausgetragen wurde und durch den Einsatz von U-Booten und der Entwicklung von Torpedos in eine neue Dimension trat. Ballone wurden schon länger zur Luftaufklärung eingesetzt, mit den ersten Propellerflugzeugen entwickelte sich der Luftraum neben Land und Wasser jedoch zum dritten Kriegsschauplatz. Pferde spielten im Ersten Weltkrieg noch eine wichtige Rolle, doch beeinflussten motorgetriebene Fahrzeuge und die dampfgetriebene Eisenbahn Transport und Mobilität immer stärker.

Bei all diesen Innovationen ging es nicht nur darum, überhaupt über sie zu verfügen, sondern auch darum, sie in großem Umfang schnell am richtigen Ort einsetzen zu können. Das bedeutete tief greifende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Möglichst viele Soldaten sollten eingesetzt werden – Massenheere mit Hunderttausenden Soldaten waren seit den napoleonischen Kriegen üblich. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges konnten das Deutsche Reich, Frankreich, Russland und Österreich-Ungarn je über eine Million Männer mobilisieren, während des Krieges sollten es insgesamt etwa 40 Millionen werden. Aber nicht nur Soldaten, sondern die ganze Gesellschaft wurde für den Krieg mobilisiert: An der "Heimatfront" wurde die Wirtschaft weitgehend auf die Kriegsproduktion umgestellt, und auch Frauen, Jugendliche und Alte mussten stärker als je zuvor einen Beitrag leisten. Dabei ging es auch um eine mentale Mobilisierung der Gesellschaft. Patriotismus war im 19. Jahrhundert zu einer Grundlage moderner Nationen geworden. Jetzt diente er angesichts der bald eintretenden Kriegsmüdigkeit dazu, die vielfältigen Not-, Krankheits- und Entbehrungserscheinungen des Krieges durchzuhalten. Die Propagierung von Hass auf den Feind war die Kehrseite dieser über den Krieg hinausreichenden Emotionalisierung.

Dieser industrialisierte Volkskrieg bestimmte zu großen Teilen auch den Zweiten Weltkrieg. So wurde etwa der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941 von rund drei Millionen Soldaten getragen. Zugleich kam der Technik ein noch weit höherer Stellenwert zu: Mit Panzern wurden völlig neuartige, technisierte Schlachten geführt, der Luftkrieg führte zur Zerstörung ganzer Städte. Giftgas setzten die Kriegsparteien mit Ausnahme des Kaiserreiches Japan nicht mehr auf dem Schlachtfeld ein, diente jedoch in deutschen Konzentrationslagern der industriellen Tötung ganzer zum Feind erklärter Bevölkerungsgruppen. Die Verbindung von See-, Luft- und Landkrieg brachte Neuerungen hervor, wie etwa Flugzeugträger, Luftlandetruppen oder die Möglichkeit amphibischer Landungen. Die motorisierte Mobilität hatte weiter beträchtlich an Kapazitäten, Tempo und Reichweite zugenommen. In den letzten Kriegstagen wurden 1945 mit dem Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki in Japan die ersten Nuklearwaffen eingesetzt – eine Erfindung, die den Kalten Krieg und damit fast die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen sollte.

Die in den Haager Konventionen vereinbarten Verpflichtungen zur Einhegung von Krieg waren bereits während des Ersten Weltkrieges an vielen Stellen im (europäischen) Krieg nicht eingehalten worden. Speziell die deutschen Überschreitungen spielten in der Folge eine wesentliche Rolle bei der völkerrechtlichen Verurteilung und leiteten eine neue Debatte über die völkerrechtliche Ächtung von Krieg ein.[9]

In der Satzung des 1919 gegründeten Völkerbundes wurde Krieg gegen ein Mitglied als ein Angriff auf alle Mitglieder angesehen, also eine kollektive Sicherheitsgarantie in Aussicht gestellt. Einem legitimen Krieg musste ein mehrstufiges System zum Erreichen einer friedlichen Beilegung des Konflikts oder einer Schiedslösung vorgeschaltet sein, das bis in den ständigen Völkerbundrat und die Völkerbundversammlung reichte. Dass dies nicht prägend wurde, hatte mit der von vornherein mangelnden Universalität des Völkerbundes zu tun, den im Übrigen potenzielle Aggressor-Staaten wie Deutschland oder Japan frühzeitig verließen. Nur ein Staat wurde aufgrund eines illegitimen Krieges aus dem Völkerbund ausgeschlossen: die Sowjetunion nach ihrem Angriff auf Finnland 1939.

1928 verpflichteten sich die meisten Staaten im Briand-Kellogg-Pakt, künftig auf Krieg als Mittel der nationalen Politik zu verzichten. Dabei handelte es sich jedoch um eine Selbstverpflichtung, die nicht mit Sanktionen belegt war und daher wirkungslos blieb.[10]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der UN-Charta ein allgemeines Gewaltverbot verankert, um "künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren". Kriege werden also grundsätzlich geächtet und sind somit völkerrechtswidrig. Ausschließlich zur Selbstverteidigung sind sie weiterhin erlaubt. Die Staaten verpflichten sich in Artikel 2, Ziffer 3, "ihre internationalen Streitigkeiten durch friedliche Mittel so bei[zulegen], dass der Weltfriede, die internationale Sicherheit und die Gerechtigkeit nicht gefährdet werden". Dieses weiterhin ganz von der Souveränität der Einzelstaaten getragene Verständnis führte unter anderem dazu, dass der Begriff des Krieges offiziell mittlerweile kaum mehr verwendet wird, sondern meist von "bewaffneten Konflikten" gesprochen wird.

Das humanitäre Völkerrecht war bereits im Lichte der Erfahrungen im Ersten Weltkrieg weiterentwickelt worden – so wurde beispielsweise 1925 der Einsatz von Giftgas verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer umfassenden Überarbeitung der bestehenden Verträge. 1949 wurden die vier Genfer Abkommen geschlossen, die bis heute gültig sind und durch eine Reihe von Zusatzprotokollen ergänzt werden. Das Kernziel, Personen zu schützen, die nicht an den Kampfhandlungen teilnehmen ("Nichtkombattanten"), blieb erhalten. Die Ausfaltung dieses Rechts wurde durch UN-Resolutionen unterstützt und führte dazu, dass sich die Vereinten Nationen im Falle seiner Verletzung einschalten können – durch UN-Untersuchungskommissionen und seit 1960 auch durch UN-Friedensmissionen mit dem Ziel von Friedenswahrung (peacekeeping) bis hin zur Herstellung von Frieden (peacemaking).[11]

Fußnoten

8.
Vgl. Geoffrey Wawro, War, Technology, and Industrial Change, 1850-1914, in: Roger Chickering et al. (Hrsg.), The Cambridge History of War, Bd. IV: War and the Modern World, Cambridge 2014, S. 45-68; C. Dale Walton, Weapons Technology in the Two Nuclear Ages, in: ebd., S. 472-492.
9.
Vgl. Isabel Hull, Breaking and Making International Law During the Great War, Ithaca 2014; Annette Weinke, Gewalt, Geschichte, Gerechtigkeit. Transnationale Debatten über deutsche Staatsverbrechen im 20. Jahrhundert, Göttingen 2015.
10.
Vgl. Eva Buchheit, Der Briand-Kellogg-Pakt von 1928 – Machtpolitik oder Friedensstreben?, Münster 1998.
11.
Vgl. Roland Paris, Wenn die Waffen schweigen. Friedenskonsolidierung nach innerstaatlichen Gewaltkonflikten, Hamburg 2007.
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