Drohnenübung der Schweizer Armee auf dem Militärflugplatz Emmen.

26.8.2016 | Von:
Wolfgang Schreiber

Der neue unsichtbare Krieg? Zum Begriff der "hybriden" Kriegführung

Russland und der "Islamische Staat"

Wenn aktuell von hybrider Kriegführung gesprochen wird, geschieht dies vornehmlich mit Blick auf das russische Agieren in der Ukraine seit 2014. Dabei werden immer wieder zwei Hauptmerkmale des russischen Vorgehens genannt, die eine Bezeichnung als "hybride Kriegführung" rechtfertigen sollen.

Schon die im engeren Sinne militärische Komponente weist einen hybriden Charakter auf: Einerseits unterstützt die russische Seite ukrainische Rebellen beziehungsweise nimmt dies für sich in Anspruch, sodass nicht eindeutig ist, wer der treibende Akteur ist; andererseits werden direkte russische Interventionen – wenn überhaupt[12] – erst im Nachhinein zugegeben, wie beispielsweise bei der Besetzung und anschließenden Annexion der Krim durch Russland. Es herrscht also eine bewusst hergestellte und aufrechterhaltene Unklarheit über das militärische Handeln.

Bei der nichtmilitärischen Komponente verhält es sich ähnlich: Zum einen beteiligt sich Russland als Vermittler und nicht als kriegsbeteiligter Akteur an den Verhandlungen zur Beendigung der Kampfhandlungen in der Ostukraine, sodass die Unklarheit über seine Rolle in dem Konflikt weiter aufrechterhalten wird; zum anderen verbreitet die russische Regierung im Rahmen einer aktiven Informationspolitik die russische Sichtweise sowohl über klassische (Staats-)Medien wie den Fernsehsender "RT" (ehemals "Russia Today") als auch über soziale Netzwerke und andere Internetplattformen, wo eine staatliche Urheberschaft und Einflussnahme leicht verschleiert werden kann.[13]

Bleiben die darüber hinaus verhängten Wirtschaftssanktionen an dieser Stelle außen vor, treten zwei zentrale Charakteristika des russischen Vorgehens hervor: zum einen die plausible deniability, also die Möglichkeit, die Verantwortung für bestimmte militärische Aktionen bis hin zu einer Kriegsbeteiligung insgesamt mit einiger Plausibilität abstreiten zu können;[14] zum anderen der Einsatz von Information und Desinformation, sodass Fakten, Wahrnehmungen und Unwahrheiten schwer voneinander zu unterscheiden sind und die eigenen Aktionen und Absichten verschleiert werden. In der Folge verschwimmen die Grenzen zwischen Krieg und Frieden.[15]

Als zweites Beispiel hybrider Kriegführung wird häufig der sogenannte Islamische Staat aufgeführt. Wird im russischen Fall argumentiert, die Vermischung von regulärer und irregulärer zur hybriden Kriegführung geschehe ab dem Ausgangspunkt der konventionellen Kriegführung, die in der Ukraine um unkonventionelle Methoden ergänzt werde, so wird beim "Islamischen Staat" ein umgekehrter Prozess festgestellt:[16] In der Tat kämpfte die Organisation zu Beginn in erster Linie mit unkonventionellen einschließlich terroristischer Methoden und verübte im Irak Anschläge vor allem auf irakische Sicherheitskräfte und Schiiten, begleitet durch die Verbreitung von Gewaltvideos und Propaganda im Internet. Seit der Eroberung eines größeren zusammenhängenden Territoriums im Irak und in Syrien sowie von bedeutenden Städten wie Falludscha und Mossul und der Ausrufung eines Kalifats am 29. Juni 2014 greift der "Islamische Staat" bei den Kampfhandlungen im Irak und in Syrien hingegen auf konventionelle Methoden zurück. Doch ist dieser Übergang vom irregulären zum konventionellen Krieg quasi das Ziel jeder Rebellengruppe.[17]

Mit Blick auf die am russischen Beispiel herausgearbeiteten Hauptmerkmale hybrider Kriegführung lässt sich für den "Islamischen Staat" vielmehr feststellen, dass es anders als im russischen Fall nicht um die Möglichkeit geht, bestimmte Aktionen plausibel abstreiten zu können, sondern vielmehr darum, die Urheberschaft von Gewaltaktionen plausibel für sich zu reklamieren. Bei den meisten Anschlägen außerhalb des Irak und Syriens bleibt letztlich ungewiss, inwieweit die Führung des "Islamischen Staates" tatsächlich an den Planungen beteiligt war und ob es sich nicht vielmehr um autonom agierende Gruppen oder gar Einzeltäter handelt, die sich lediglich ideologisch auf den "Islamischen Staat" beziehen. Auch hier bleibt die Verantwortung für bestimmte Aktionen unklar und trägt eine aktive Informationspolitik dazu bei, diese Uneindeutigkeit zu bewahren.

Die aktuelle Verwendung des Begriffs der "hybriden Kriegführung" hat sich von den ersten Definitionen also ein Stück weit entfernt. Nicht die Vermischung von Elementen der regulären und irregulären Kriegführung macht den eigentlichen Charakter des "Hybriden" aus, sondern ein Vorgehen, dass die Zuschreibung einzelner Gewalthandlungen und Beiträge zur Kriegführung im Unklaren lässt. Treffender ließe sich also von "verdeckter" Kriegführung sprechen.

Fußnoten

12.
Statt von regulären russischen Soldaten wird auch von "Freiwilligen" beziehungsweise ehemaligen Soldaten gesprochen.
13.
Zu Desinformation und Propaganda als Element hybrider Kriegführung siehe auch den Beitrag von Marcel H. Van Herpen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
14.
Vgl. Erhart (Anm. 11), S. 99; Schmid (Anm. 6), S. 115.
15.
Vgl. Bernhard Koch, Tertium datur: Neue Konfliktformen wie sogenannte "hybride Kriege" bringen alte Legitimationsmuster unter Druck, in: Sicherheit und Frieden 2/2016, S. 109–113, hier S. 110; vgl. auch Erhart (Anm. 11) passim; Schmid (Anm. 6), S. 118.
16.
Vgl. Felix Wassermann, Chimäre statt Chamäleon. Probleme der begrifflichen Zähmung des hybriden Krieges, in: Sicherheit und Frieden 2/2016, S. 104–108.
17.
Vgl. Rob de Wijk, Hybrid Conflict and Changing Nature of Actors, in: Julian Lindley-French/Yves Boyer (Hrsg.), The Oxford Handbook of War, Oxford u.a. 2012, S. 358–372, hier S. 360, der Mao mit seinen theoretischen Schriften damit zum Erfinder des Konzepts der hybriden Kriegführung erklärt, auch wenn dieser den Begriff nicht benutzt hatte.
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