Drohnenübung der Schweizer Armee auf dem Militärflugplatz Emmen.

26.8.2016 | Von:
Ulrike Esther Franke

Automatisierte und autonome Systeme in der Militär- und Waffentechnik

Warum Autonomisierung?

Der Trend zu immer weiterer Automatisierung militärischer Systeme kann auf eine Reihe von Gründen zurückgeführt werden.

So kann mithilfe automatisierter und autonomer Systeme schneller reagiert werden. Das wird in Zukunft noch wichtiger werden: Die Kriegführung ist immer stärker technologisiert, immer mehr Informationen müssen ausgewertet werden, Abläufe sind deutlich beschleunigt. Bereits heutzutage erreichen Marschflugkörper oder Raketen ihr Ziel schneller, als ein Mensch reagieren kann, um sie abzufangen. Das Flugabwehrraketensystem Patriot, das die Bundeswehr derzeit in der Türkei einsetzt, ist bereits in der Lage, automatisch und ohne menschliche Intervention feindliche Flugzeuge, taktische ballistische Raketen und Marschflugkörper abzufangen. Während des Gaza-Konflikts im November 2012 konnte das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome über 90 Prozent der aus dem Gazastreifen abgefeuerten Raketen abfangen.[4] Weder Patriot noch Iron Dome könnten funktionieren, wenn auf die Autorisierung des Abschusses durch einen Menschen gewartet werden müsste. Allerdings handelt es sich in beiden Fällen um defensive Systeme, die sich nicht gegen Menschen richten und deren Autonomie stark begrenzt ist.

Zudem sind autonome im Gegensatz zu ferngesteuerten Systemen schwerer zu entdecken und abzufangen. In ihrer derzeitigen Form müssen etwa Drohnen zu jedem Zeitpunkt den Kontakt zur Bodenkontrollstation halten, um Befehle zu empfangen und den Operateuren die gesammelten Daten wie Bilder und Videos zu übermitteln. Durch diese permanente Verbindung sind sie jedoch leicht von Radaranlagen zu entdecken und können abgefangen werden. Auch Manipulationen sind möglich: So verschwand im Dezember 2011 eine US-Drohne des zu diesem Zeitpunkt noch klassifizierten und technologisch höchst fortgeschrittenen Modells RQ-170 Sentinel in Iran. Die Vereinigten Staaten führten dies auf einen vermutlichen Absturz zurück. Kurz darauf präsentierte die iranische Regierung eine offenbar weitestgehend unbeschädigte Maschine und behauptete, iranische Cyberstreitkräfte hätten die Drohne gehackt, die Kontrolle übernommen und sie gelandet. Bereits 2008 hatten US-Truppen auf den Rechnern festgenommener irakischer Kämpfer Videos sichergestellt, die diese offenbar unbemerkt von US-Drohnen abgefangen hatten.[5] Ähnliche Vorfälle sind auch aus Israel bekannt.

Ein ebenfalls häufig angeführtes Argument für eine weitere Automatisierung in der Militär- und Waffentechnik ist die damit verbundene Reduzierung der Gefahr, der Soldaten ausgesetzt sind. Allerdings erlauben es viele der heutigen ferngesteuerten Systeme bereits, sich bei einem Einsatz außerhalb des Schlachtfelds aufzuhalten. So müssen beispielsweise Drohnenpiloten nicht mehr alleine im Cockpit sitzen und den damit verbundenen Stress aushalten. Das mag die Wahrscheinlichkeit von Fehlern, die durch Unachtsamkeit, Zeitdruck, Stress und andere Emotionen entstehen, verringern.[6] Jedoch kämpfen Drohnenpiloten mit einer anderen Art von Stress. Studien zeigen, dass US-amerikanische Drohnenpiloten häufiger an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden als andere Piloten der US Air Force.[7] Es wird vermutet, dass dies damit zusammenhängt, dass Drohnenoperateure ihre Ziele über längere Zeiträume überwachen. Eine Zielperson anzugreifen, nachdem man sie über mehrere Tage oder Wochen beobachtet hat, kann schwierig sein. Zudem bleiben Drohnenpiloten nach einem Angriff virtuell vor Ort: Die Drohne kreist noch einige Zeit über dem Angriffsort, um zu überprüfen, ob das Ziel tatsächlich getroffen wurde, und um ein damage assessment durchzuführen. Der ehemalige US-amerikanische Drohnenpilot Brandolf Bryant, der sich heute gegen die US-Drohnenkampagne in Pakistan, Jemen und Somalia einsetzt, beschreibt in diesem Zusammenhang schreckliche Szenen.[8] Zugleich werden Drohnenpiloten zum Teil massiv kritisiert: Sie seien "Schreibtischtöter", die gleichsam feige Menschen umbringen, die sie nur als Pixel auf einem Bildschirm erkennen können.[9] Der Wunsch nach einer weiteren Automatisierung könnte also auch durch den Wunsch bedingt sein, diese negativen Folgen ferngesteuerter Systeme zu vermeiden.

Eine stärkere Automatisierung würde ferner dazu beitragen, die Effizienz der Streitkräfte zu steigern: Ist ein System in der Lage, mehr Aufgaben selbstständig zu übernehmen, könnte ein Operateur möglicherweise mehrere Drohnen oder einen Schwarm kleinerer Systeme gleichzeitig steuern beziehungsweise kontrollieren. Das ist vor allem für Staaten mit kleineren Streitkräften interessant.

In Diskussionen über Zukunftsszenarien rund um autonome Systeme auch in ihrer letalen Konfiguration vertritt der Robotiker Ronald Arkin eine der ungewöhnlichsten Thesen. Ihm zufolge können Roboter die besseren Kämpfer sein: Da sie rationaler seien als Menschen, weil sie sich nicht selbst schützen müssen, keine Emotionen wie Trauer oder Wut empfinden und keine niederen Beweggründe haben, würden sie auf dem Schlachtfeld die ethischeren Entscheidungen treffen – die Kriegführung würde "humaner".[10] Problematisch an dieser Argumentation ist natürlich, dass Roboter nur das tun, wozu sie programmiert wurden. Ferner ist angesichts der steigenden Kosten für militärische Systeme fraglich, ob Streitkräfte die Zerstörung ihrer Systeme einfach in Kauf nehmen würden. Arkins interessanteste Idee ist allerdings, Robotern ethische und moralische Regeln einzuprogrammieren, ähnlich der "Robotergesetze" des Biochemikers und Science-Fiction-Autors Isaac Asimov.[11] Arkin möchte autonome Waffensysteme mit einer artificial consciousness ausstatten, die es dem Roboter erlaubt, das Völkerrecht sowie militärische Einsatzregeln (rules of engagement) zu erlernen. Ob dies möglich ist, wird kontrovers diskutiert.[12]

Fußnoten

4.
Vgl. Yaakov Katz/Yaakov Lappin, Iron Dome Ups Its Interception Rate to over 90%, 3.10.2012, http://www.jpost.com/Defense/Iron-Dome-ups-its-interception-rate-to-over-90-percent«.
5.
Vgl. Siobhan Gorman/Yochi J. Dreazen/August Cole, Insurgents Hack US Drones, 17.12.2009, http://www.wsj.com/articles/SB126102247889095011«.
6.
Vgl. o.A., Kühle Köpfe, maximale Kontrolle. Ein israelischer General über den Einsatz unbemannter Systeme, in: Internationale Politik 3/2013, S. 32–35.
7.
Vgl. etwa Wayne Chappelle et al., An Analysis of Post-Traumatic Stress Symptoms in United States Air Force Drone Operators, in: Journal of Anxiety Disorders 5/2014, S. 480–487.
8.
Vgl. etwa Ragnar Vogt, Geständnis eines Drohnenpiloten. "Es sah aus wie eine kleine menschliche Person", 27.10.2013, http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-10/usa-drohnen-pilot«.
9.
Vgl. etwa Vic Pittman, Cowardice Redefined. The New Face of American Serial Killers, 18.4.2013, http://www.salem-news.com/articles/april182013/american-killers-vp.php«.
10.
Vgl. Ronald C. Arkin, The Case for Ethical Autonomy in Unmanned Systems, in: Journal of Military Ethics 4/2010, S. 332–341; ders., The Case for Banning Killer Robots: Counterpoint, in: Communications of the ACM 12/2015, S. 46f.
11.
"Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.", Isaac Asimov, Meine Freunde, die Roboter, München 1982, S. 67.
12.
Vgl. etwa Robert Sparrow, Robots and Respect: Assessing the Case Against Autonomous Weapon Systems, in: Ethics & International Affairs 1/2016, S. 93–116.
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