Brasilien, Demonstration, Rousseff

23.9.2016 | Von:
Kristina Dietz

Erschöpft. Konflikte um Natur, Rohstoffausbeutung und Großprojekte in Lateinamerika

Soziale Konflikte: Orte des Wandels in Zeiten der Krise?

Um die gegenwärtige Zunahme sozialer Konflikte um Naturaneignung und Rohstoffausbeutung in Lateinamerika begrifflich zu fassen, hat die argentinische Sozialwissenschaftlerin Maristella Svampa den Begriff des giro eco-territorial ("öko-territoriale Wende") geprägt.[25] Damit bringt sie zweierlei zum Ausdruck: erstens die Tendenz einer "ambientalización de las luchas" (einer "Verumweltlichung der Konflikte")[26] in Lateinamerika, also eine zunehmende Verzahnung von sozialen und ökologischen Forderungen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Entwicklung und Demokratie. Damit verbunden deutet der Begriff zweitens auf neue Akteurskonstellationen und -allianzen hin, die sich über Ebenen hinweg erstrecken und bei denen "alte" Interessengegensätze etwa zwischen Gewerkschaften, Umweltorganisationen und indigenen Verbänden, Großgrundbesitzern und Kleinbauern und -bäuerinnen, Stadt und Land, sozialen Bewegungen und lokalen Regierungen in den Hintergrund rücken.

Der oben erwähnte Protest gegen die Ausweitung der Kohlemine von Cerrejón im Norden Kolumbiens etwa wird getragen von einem Bündnis aus direkt betroffenen Frauenorganisationen der indigenen Gemeinschaft der Wayuu, nationalen Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen mit Sitz in Bogotá, einer städtischen Bürgerinitiative in der Provinzhauptstadt Rioacha und der Gewerkschaft der Kohlekumpel von Cerrejón. Ein solch heterogenes Bündnis wäre derzeit in Deutschland unvorstellbar, die Interessengegensätze vor allem zwischen Bergbaugewerkschaft und Umweltgruppen scheinen hierfür (noch) zu groß.

Die Wahrnehmung des Raubbaus an der Natur als eine kollektive Bedrohung existenzieller Lebensgrundlagen ist in den vergangenen Jahren an vielen Orten Lateinamerikas zu einem verbindenden Element zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen geworden. Dies verdeutlicht auf eindrückliche politisch-praktische Weise, dass soziale und ökologische Fragen nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Obgleich es in vielen der aktuellen Auseinandersetzungen zuvorderst um die Verhinderung von riesigen Staudämmen, industriellem Bergbau, Ausweitung der agrarindustriellen Produktion oder Abholzungen geht, fordern die Protestakteure – bewusst oder unbewusst – darüber hinaus mehr demokratische Mitsprache, die Neugestaltung der gesellschaftlichen Formen der Naturnutzung und -aneignung sowie die Umsetzung und Ausweitung bestehender sozialer, politischer und kultureller Rechte. Damit wenden sie sich gegen den Staat und beziehen sich gleichermaßen auf ihn, insbesondere dann, wenn sich soziale Bewegungen wie in den Fällen der lokalen Konsultationen gegen Bergbau auf staatlich verfasste Partizipationsrechte und direktdemokratische Instrumentarien berufen.

In den erweiterten Forderungen, in der Überwindung vermeintlicher Interessengegensätze sowie in der Anerkennung und Einforderung bestehender politisch-institutioneller Errungenschaften liegt das Potenzial für einen sozial-ökologischen Wandel. Wie weitreichend die Möglichkeiten für einen solchen Wandel gegenwärtig sind, ist indes eine offene Frage. Viele Protestakteure sind Repressionen und Drohungen ausgesetzt; die Zahl der Morde an Menschenrechtsaktivisten und -aktivistinnen in der Region ist erschreckend. Allein in Kolumbien kamen im vergangenen Jahr 228 Personen unter zum Teil ungeklärten Umständen zu Tode, insbesondere in ländlichen Gebieten.[27] Viele der Ermordeten waren in Protesten gegen Bergbau oder Mega-Projekte aktiv. Der gewaltsame Tod von Berta Cáceres im März 2016 in Honduras ist hierfür ein trauriges Beispiel. Cáceres war Aktivistin für die Rechte von Indigenen und Frauen. Politisch setzte sie sich gegen die Errichtung eines Wasserkraftwerks in Honduras ein, an dem auch die deutsche Firma Siemens beteiligt ist.[28]

Dies zeigt auch: Gesellschaftlicher Wandel in Lateinamerika hängt nicht allein von den Kräfteverhältnissen in der Region ab. Ebenso entscheidend sind vorherrschende Konsummuster unter anderem in Deutschland, die wesentlich auf der Ausbeutung von Rohstoffen im globalen Süden beruhen,[29] sowie eine europäische und deutsche Rohstoffpolitik, die bisher keine hinreichenden Antworten auf Unternehmensverantwortung und Menschenrechtsverletzungen bietet.

Fußnoten

25.
Vgl. Maristella Svampa, Neo-desarrollistischer Extraktivismus und soziale Bewegungen: Eine öko-territoriale Wende in Richtung neuer Alternativen?, in: Hans-Jürgen Burchardt/Kristina Dietz/Rainer Öhlschläger (Hrsg.), Umwelt und Entwicklung im 21. Jahrhundert. Impulse und Analysen aus Lateinamerika, Baden-Baden 2013, S. 79–92.
26.
Enrique Leff, La ecología política en América Latina. Un campo en construcción, in: Héctor Alimonda (Hrsg.), Los Tormentos de la Materia. Aportes para una ecología política latinoamericana, Buenos Aires 2006, S. 21–39.
27.
CINEP/Programa por la paz, Situación de derechos humanos y DIH en Colombia, Informe 2015, 13.4.2016, http://cinep.org.co/Home2/images/bandatos/INFORME_DDHH_2015.pdf«.
28.
Vgl. Claudia Fix, Mord mit Ankündigung, in: Lateinamerika Nachrichten 502/2016, S. 34ff.
29.
Vgl. Ulrich Brand/Markus Wissen, Sozial-ökologische Krise und imperiale Lebensweise. Zur Krise und Kontinuität kapitalistischer Naturverhältnisse, in: Alex Demirović et al. (Hrsg.), VielfachKrise. Im finanzmarktdominierten Kapitalismus, Hamburg 2011, S. 77–94.
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