Brasilien, Demonstration, Rousseff

23.9.2016 | Von:
Michael Zeuske

Kuba: neue Perspektiven? - Essay

Stabil Instabil

Außerhalb des rekonstruierten Teils der Altstadt von Havanna und abseits der Tourismus-Resorts auf Inseln und Halbinseln ist das heutige Kuba vorrangig ein Kuba einstürzender Häuser und kaputter Infrastrukturen. Es ist immerhin noch ein sicheres Kuba, zumindest in Bezug auf schwere Verbrechen, nicht in Bezug auf die allgegenwärtige Kleinkriminalität. Die Kubaner denken (noch) in Kategorien von sozialer Gerechtigkeit, sind zugleich aber durch die lange Zeit des geduldeten Schwarzmarktes schon relativ gut an die Marktwirtschaft gewöhnt. Was die Gesundheitsversorgung und Bildung angeht, haben sie sicherlich schon bessere Zeiten erlebt, aber sie kennen sie wenigstens.

Das heutige Kuba ist auch ein Kuba des Exils: Vor allem viele junge und kreative Menschen verlassen das Land. Zugleich befürchten viele Kubaner, dass ihr Land zu einem Tobeplatz für ausländische Touristen, Eigentümer und Konzerne wird. Viele fürchten auch um die kubanische Geselligkeit und Gesprächskultur angesichts "der wirtschaftlichen Dynamik" und Hektik des Geldverdienens. Und sie möchten keine vollständige Öffnung des Landes, weil mit der Rückkehr der Exilkubaner, vor allem derer, die unter "Miami" verortet werden, die Rückansprüche auf Grundstücke und Häuser in den Vordergrund treten würden.

Blickt man zurück auf die seit dem Zusammenbruch des europäischen Staatssozialismus vergangenen Jahre, so ist zu erkennen, dass auch die Kubaner einiges durchgemacht haben: Sie haben rund zehn Jahre schwerste Krise durch die Verteilung der Lasten auf die ganze Gesellschaft erlebt (unter der Führung von Fidel Castro), nochmals sieben Jahre an Hin- und Her zwischen "mehr Staat" und Reformen (auch unter Fidel Castro) und nunmehr knapp ein Jahrzehnt vorsichtige Öffnungspolitik von Raúl Castro.[10] Angesichts der komplizierten politischen und wirtschaftlichen Lage im Partnerland Venezuela, auf dessen Unterstützung Kuba stets zählen konnte, deutet sich seit Mitte 2016 eine neue Krise vom Typ periódo especial an.

Für manche Gruppen hat sich einiges verbessert, und auf den Straßen gibt es mehr zu kaufen. Aber für den Großteil der Bevölkerung und die überwiegende Mehrheit der Arbeitenden ist es schwieriger geworden, den Alltag zu meistern. Zudem ergeben sich immer mehr und immer deutlichere soziale Hierarchien. Gleichzeitig ergeben sich durch die Reformen neue und mehr Möglichkeiten. Trotz der komplexen Lage und der nicht sehr fröhlich stimmenden inneren Perspektiven (die sich insofern deutlich von den äußeren unterscheiden) können diejenigen, die Kuba weiterhin dauerhaft eine linke Regierung wünschen, durchaus optimistisch sein – ein grundlegender Wandel ist mittelfristig nicht zu erwarten. Das liegt zum einen daran, dass es nennenswerte Bevölkerungsgruppen gibt, die durch Reformen, die zur internationalen Öffnung vor allem in Eigentumsfragen führen würden, noch viel mehr als jetzt zu verlieren hätten. Zudem gibt es auch noch eine sehr große Gruppe von Kubanern, die vom Staat abhängig sind – inklusive der Militärs und der in Armut lebenden Bevölkerungsteile sowie vieler "Gewinner". Zum anderen aber – ich weiß, dass man das im "Westen" nicht gerne hört – liegt es auch am Herrschaftssystem. Dieses ist, ganz neutral gesagt, historisch gesehen bislang das effizienteste, was die Kontrolle des komplizierten kubanischen Territoriums angeht. Es sind immer noch diejenigen an der Spitze, die es mit der Revolution geschaffen haben (insofern stimmt der Satz von der "permanenten Revolution" in gewissem Sinne), und in der Masse der Bevölkerung genießt es trotz aller Nöte grundsätzlich durchaus Akzeptanz, oft sogar bei denen, die nicht einmal mehr Witze über die "Alten" machen wollen.

Fußnoten

10.
Vgl. Michael Zeuske, Der Sieg der Castros im zweiten Kalten Krieg und das neue Kuba des 21. Jahrhunderts (2008–2016), in: ders., Kleine Geschichte Kubas, München 2016, S. 236–246.
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