Eine Wählerin sitzt am 14.09.2014 in einer Wahlkabine im Wahllokal in der Gaststätte "Schützenhaus & Steigerstube" in Ronneburg (Thüringen).

30.9.2016 | Von:
Wolfgang Gaiser
Martina Gille
Johann de Rijke

Einstellungen junger Menschen zur Demokratie. Politikverdrossenheit oder politische Kritik?

Ergebnisse

Insgesamt besteht fast die Hälfte der Befragten aus zufriedenen Demokraten (Tabelle 2). Distanziert, also sowohl skeptisch gegenüber der realen Demokratie als auch gegenüber dem Ideal der Demokratie, zeigen sich hingegen nur wenige. Die Kombination von Befürwortung des Ideals und Skepsis gegenüber der gelebten Demokratie in Deutschland wird von etwa der Hälfte der Befragten angegeben. Wobei von diesen knapp die Hälfte unzufriedene und die andere Hälfte kritische Demokratiebefürworter sind. Zufriedene Demokraten sind im Westen stärker vertreten, unzufriedene hingegen im Osten, während es keinen Unterschied bei den kritischen Demokraten gibt.[10]

Tabelle 2: Aufteilung nach Altersgruppen, Geschlecht, Bildungsgrad und West–Ost (Zeilenprozent)Tabelle 2: Aufteilung nach Altersgruppen, Geschlecht, Bildungsgrad und West–Ost (Zeilenprozent) (© bpb)


Besonders interessant sind die Fragen, welchen Einfluss Faktoren wie das Lebensalter, die Geschlechtszugehörigkeit und der Bildungsgrad auf die Zugehörigkeit zu den vier Typen haben, und ob es Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland gibt. Betrachtet man zunächst das Lebensalter, so zeigt sich, dass mit wachsendem Lebensalter die Demokratiezufriedenheit abnimmt. Mit wachsender Lebenserfahrung, die zwar mit einem steigenden Politikinteresse, aber auch mit einer gewissen Desillusionierung über Politik und mit einer wachsenden allgemeinen Kritikbereitschaft einhergeht, nimmt die Zufriedenheit junger Menschen mit der Politik und damit auch ihre Zugehörigkeit zu den zufriedenen Demokraten ab. Andererseits wirken sich das – mit dem Lebensalter – steigende Politikinteresse und die wachsende Unzufriedenheit mit der Demokratie dahingehend aus, dass unzufriedene und kritische Demokraten in den älteren Altersgruppen stärker vertreten sind. Für die kleine Gruppe der Distanzierten zeigen sich kaum altersspezifische Effekte.

Die dargestellten Zusammenhänge zwischen den Typen und dem Lebensalter gelten in West- und Ostdeutschland gleichermaßen – allerdings in Ostdeutschland jeweils auf einem niedrigeren (Anteil der Zufriedenen) beziehungsweise höheren Niveau (Anteil der Unzufriedenen).

Die Verteilung in die verschiedenen Typen variiert zum Teil deutlich nach Geschlechtszugehörigkeit. Die befragten Mädchen und jungen Frauen gehören fast doppelt so häufig dem Typ unzufriedene Demokraten an wie die Jungen und jungen Männer. Bei den kritischen Demokraten zeigt sich der gegenteilige Effekt: Die jungen Männer liegen deutlich über dem Durchschnittswert. Bei den zufriedenen Demokraten zeigt sich bei den jungen Frauen ein etwas über dem Durchschnitt (47 Prozent) liegender Wert. Betrachtet man jedoch diesen Zusammenhang für West- und Ostdeutschland getrennt, so bestätigt sich nur für Westdeutschland der beschriebene Zusammenhang, in Ostdeutschland zeigt sich dagegen ein schwacher gegenteiliger Effekt: die jungen Männer haben hier einen Anteilswert von 41 Prozent, die jungen Frauen von 38 Prozent. Bei den Distanzierten sind die jungen Männer insgesamt stärker vertreten.

Der Bildungsgrad ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, der die Bewertung von Demokratie und die politische Interessiertheit beziehungsweise Kritikbereitschaft beeinflusst. Die zufriedenen Demokraten sind in der höheren Bildungsgruppe stärker vertreten als in der niedrigeren. Junge Menschen mit höherem Bildungsgrad fühlen sich durch die Politik vermutlich besser vertreten als die mit niedrigem Bildungsgrad. Dementsprechend finden wir auch bei den Distanzierten häufiger junge Menschen mit maximal mittlerer Reife.[11] Die unzufriedenen und kritischen Demokraten unterscheiden sich hinsichtlich ihres Bildungsgrades nicht. Überdurchschnittlich viele in der Gruppe der Schülerinnen und Schüler, die bezogen auf den angestrebten Schulabschluss heterogen ist, aber insgesamt ein relativ niedriges Durchschnittsalter hat, sind zufriedene Demokraten (60 Prozent). Die Schülerinnen und Schüler sind auch weniger in den Typen unzufriedene und kritische Demokraten vertreten.

Lassen sich die vier Typen auch hinsichtlich weiterer sozialer oder politischer Einstellungen voneinander abgrenzen? Anhand der Daten der FES-Jugendstudie 2015 könnte man eine Vielzahl von Fragen zur weiteren Differenzierung verwenden. Im Folgenden sollen nur einige betrachtet werden, bei denen ausreichende Differenzierungen vermutet werden (Tabelle 3).

Tabelle 3: Aufteilung nach sozialen und politischen Einstellungen in ProzentTabelle 3: Aufteilung nach sozialen und politischen Einstellungen in Prozent (© bpb)


"Politikverdrossenheit" bezieht sich auf Aussagen wie Politik ist "nichts weiter als wählen gehen", "für Jugendliche uninteressant", "ein Haufen leerer Versprechen". Zustimmungen zu solchen Aussagen werden am ehesten von den Distanzierten gemacht, aber auch von den unzufriedenen Demokraten, die sich durch geringeres Politikinteresse auszeichnen. Am wenigsten Zustimmung erfahren sie von den zufriedenen Demokraten, nicht etwa den kritischen. Ein nicht unwesentlicher Hang zu undifferenzierten und negativen Meinungen über Politik ist also auch bei den kritischen Demokraten zu finden, wenngleich deutlich seltener als bei den unzufriedenen Demokraten.

Als zentrales Merkmal für die positive Bewertung des demokratischen Prozesses, allerdings ohne Bezug zur Demokratie als Prinzip, kann das Vertrauen in parteienstaatliche Institutionen gelten. Das höchste Vertrauen wird diesen Institutionen von den zufriedenen Demokraten entgegengebracht. Geringeres Vertrauen findet man bei den drei anderen Typen. Hier müsste allerdings die spezifische Ursache und Ausprägung des geringeren Vertrauens genauer erfasst werden, etwa ob die Institutionen generell als "korrupt" wahrgenommen und abgelehnt werden.[12]

Schließlich soll das Konzept der sozialen Orientierungsunsicherheit (Anomie) und seine unterschiedliche Ausprägung bei den vier Typen betrachtet werden.[13] Mit Anomie ist eine Gefühlslage gemeint, die Verunsicherung und Desorientierung gegenüber eigenen Handlungsmöglichkeiten und der Planbarkeit zukünftiger Lebensetappen und eine pessimistische Haltung in Situationen des gesellschaftlichen Umbruchs zum Ausdruck bringt. Eine solche Unsicherheit ist am häufigsten bei den Distanzierten und bei den unzufriedenen Demokraten anzutreffen, am seltensten bei den zufriedenen Demokraten. Die kritischen Demokraten unterscheiden sich allerdings hier kaum von den unzufriedenen. Größere politische Involvierung und Interessiertheit führen scheinbar nicht zu einer optimistischeren Einschätzung politischer Handlungsperspektiven in krisenhaften Zeiten. Aber auch hier ist wohl eher eine genauere Erfassung der Motivationslage der verschiedenen Typen erforderlich, um diese plastischer zeichnen zu können.

Schluss

Junge Menschen sind in der überwiegenden Mehrheit auf das demokratische Gesellschaftsmodell verpflichtet. Allerdings zeigen sich deutliche Differenzen bei den 14- bis 29-Jährigen, wenn man ihr Politikinteresse, ihre Kritikbereitschaft und ihre Bewertungen zur Performanz des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland einbezieht. Fast die Hälfte der jungen Leute lässt sich zwar als zufriedene Demokraten charakterisieren, doch ein Viertel gehört den kritischen Demokraten an, und ein weiteres Viertel besteht aus unzufriedenen Demokraten und Distanzierten. Während die kritischen Demokraten durchaus einen positiven Bezug zur Politik haben, sich für politische Belange interessieren, kritikbereit sind und sich ihr Politikverdruss und ihre soziale Verunsicherung noch in Grenzen halten, stellen die unzufriedenen Demokraten und Distanzierten aufgrund der geringen Unterstützung, die sie demokratischen Strukturen entgegenbringen, ihrem ausgeprägten Politikverdruss, ihrer hohen sozialen Verunsicherung und ihrer geringen politischen Mobilisierbarkeit eine Herausforderung für demokratische Gesellschaften dar. So zeigt sich, dass die kleine Gruppe der Distanzierten, die überproportional aus männlichen Befragten mit niedrigerem Bildungsstand besteht, auf ihre eher prekären Lebensumstände mit sozialer Verunsicherung und einer Distanz zum demokratischen System reagiert. Gerade jene eher politikfernen jungen Menschen gilt es durch geeignete politische Bildungsmaßnahmen in schulischen und außerschulischen Kontexten an demokratische Verfahrensweisen heranzuführen. Dabei muss jedoch auch beachtet werden, dass Politikferne bei jungen Menschen häufig mit eingeschränkten Lebens- und Zukunftsperspektiven einhergeht, wenn sie etwa in ihren Bildungswegen nicht erfolgreich waren.

Fußnoten

10.
In den Jahren nach 1990 waren die Differenzen teilweise wesentlich ausgeprägter, wie insgesamt auch bei politischen Einstellungen junger Menschen, was durch den Prozess der Vereinigung und deren Ausgestaltungen vielfältig festgestellt werden konnte. Zu empirischen Daten im Bezug auf die "kritischen Demokraten" siehe Johann de Rijke et al., Wandel der Einstellungen junger Menschen zur Demokratie in West- und Ostdeutschland – Ideal, Zufriedenheit, Kritik, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 3/2006, S. 335–352.
11.
In der Auswertung wurden die Befragten mit Hauptschulabschluss und mittlerer Reife zusammengefasst.
12.
Vgl. etwa Winfried Krüger, Vertrauen in Institutionen, in: Ursula Hoffmann-Lange (Hrsg.), Jugend und Demokratie in Deutschland, Opladen 1995, S. 245–274.
13.
Vgl. Wolfgang Gaiser/Martina Gille/Johann de Rijke, Jugend in der Finanz- und Wirtschaftskrise, in: APuZ 12/2011, S. 39–48; Dagmar Krebs, Soziale Desorientierung und Devianzbereitschaft, in: Hoffmann-Lange (Anm. 12), S. 337–357.
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