Die Skulptur "Liebe deine Stadt" von Merlin Bauer zum gleichnamigen Projekt. Mehr unter www.liebedeinestadt.de

6.1.2017 | Von:
Jürgen Becker

Kölle. Oder: Der schlechte Ruf der Hölle. Einblicke in die kölsche Seele - Essay

Ambiguitätstoleranz und Dreifaltigkeit

Aber Köln ist nicht voll Panne, denn die AvO sind nicht überall. Immer schon zeigte Kölle am Rhing seine rheinische Seele, wenn die preußisch-pingeligen Ordnungskräfte in den Seilen hingen. Die Kölner Box-Legende Peter Müller schlug einst den Berliner Ringrichter Max Pippow k.o., nachdem dieser ihn wegen Klammerns ermahnte und ihn dabei einen "Zigeuner" nannte. "Da han ich ihn usjeknock." Eine lebenslange Sperre war die Folge. Doch – glückliches Köln – nach zehn Monaten wurde diese wieder aufgehoben. Wegen seiner gebückten Kampfhaltung hieß der fünffache Deutsche Meister in Köln nur "dä Aap" ("der Affe"). Die Familie von Müllers Aap hatte in Köln-Zollstock einen Gemüseladen, und meine Mutter ging dort einkaufen. Ich mochte kein Gemüse, aber es war schön, in diesem Viertel aufzuwachsen. Doch was den Kölner ausmacht, erfuhr ich damals nicht von Müllers Aap. Ausgerechnet ein alter Schwarzweißfilm mit Heinz Rühmann eröffnete mir die Seele des Kölners: "Stelle m’r uns mal janz dumm", sagt Professor Bömmel in "Die Feuerzangenbowle". Die Schüler sabotieren die Lehranstalt mit einem Schild: "Wegen Bauarbeiten geschlossen." Der empörte Lehrkörper ruft wütend nach strengen Sanktionen, ist außer sich und berät aufgebracht, was nun zu tun sei. Bömmel bleibt entspannt und hat die richtige Antwort: "nix".

Ambiguitätstoleranz – vom lateinischen ambiguus (zweifelhaft) – nennen Wissenschaftler die Fähigkeit, Dinge auszuhalten, die nicht so sind, wie sie der eigenen Meinung nach sein sollten. Die meisten Rheinländer kennen das Wort nicht, die Fähigkeit sehr wohl. Dass diese im Rheinland eigentlich stärker ausgeprägt ist als etwa in Preußen, beweist folgende Geschichte: Mein Freund, der Autor Dietmar Jacobs, reiste mit seinen beiden Töchtern, zwei und sechs Jahre alt, nach Berlin. Doch bereits die kurze Taxifahrt vom Bahnhof ins Hotel scheiterte: "Nee, die Kleene kann ick nich mitnehmen. Die brauch ’ne Schaale." Das zweite Taxi in der Schlange war ebenfalls tabu: "Ick hab keenen Sitz für die Kleene, dat jeht nich." Dem dritten Taxifahrer versicherte der Vater, dass er das Kind anschnallen werde und die Verantwortung übernähme: "Nee, uff keenen Fall. Det is jejen det Jesetz." Keiner der zehn Berliner Taxen nahm sich des gestressten Trios an, sie mussten die Strecke zu Fuß bewältigen. Zurück in Köln stiegen die drei am Hauptbahnhof ins Taxi. Der Fahrer drehte sich grinsend um und meinte im breitesten Kölsch: "Für normal darf ich üch jo janit metnemme – ävver et hilf jo nix, de Pänz müsse jo no huss", lachte und fuhr los. Der Kölner Taxifahrer akzeptierte, dass die Kinder nicht so saßen, wie es sein sollte. Einen größeren Kontrast zum Kölner Ordnungsamt kann man sich kaum vorstellen.

Womöglich ist diese Ambiguitätstoleranz historisch gewachsen. Im Rheinland hat das Kollaborieren mit dem Feind meist Vorteile gebracht. Die Westfalen haben den Feind, die Römer, zwar zurückgeschlagen, so wie es sein sollte. Doch was hatten sie davon? Keine römischen Errungenschaften wie Wasserleitung, Dampfbad, Kultur und Christentum. Stattdessen weiter Tier- und Menschenopfer. Im Rheinland zeugen die Knochen der elftausend Jungfrauen, die Gebeine der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom davon, dass die römische Hochkultur hier auf besonders fruchtbaren Boden fiel. Der Reliquienhandel hat Köln reich und zum Rom des Nordens gemacht, und den zeitlichen Vorsprung konnten die erst später christianisierten Westfalen nicht mehr aufholen.

Köln ist zuallererst mal römisch und dann erst katholisch. Das Katholische kommt im Rheinland so sehr an zweiter Stelle, dass man es im Grunde weglassen kann. So erlebt man am Rhein die Heilige Dreifaltigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, entstanden aus der römischen Trias – Jupiter, Juno und Minerva – in vielen Facetten: Karneval, Kirche, Klüngel oder im privaten Bereich "Suffe, Poppe, Kaate kloppe". Das lässt sich schwerlich übersetzen. Das ist Latein, ergänzt es doch das römische Duo Brot und Spiele um eine erotische Komponente.

So ist der rheinische Humor das philosophische Chassis der Ambiguitätstoleranz. Humor erfordert ein Gefühl des Spielerischen, die Freude an Widersprüchen. Religionen sind voller Widersprüche. Deshalb holt sich die Dreifaltigkeit des rheinischen Frohsinns – Prinz, Bauer und Jungfrau – ihren Segen im Kölner Dom ab. Die Religion segnet den Humor, oder ist es umgekehrt? Ist es nicht vielmehr der Humor, der hier die Religion segnet? Zeigt uns die Welt doch täglich, dass Religion ohne Humor brandgefährlich ist. Humor enthält eine Mischung von Elementen, die nicht zusammenpassen. Humor erfordert aber auch die Fähigkeit, Unsicherheit zu ertragen. Er bedroht die Autorität. Professor Bömmel in "Die Feuerzangenbowle" untergräbt gar seine eigene Autorität: "Wenn Ihr jetzt nit wisst, wie en Dampfmaschin jeht, könnt Ihr dat im Buch nachlesen. Et steht überhaupt alles im Buch, wat ich erzähle!" Will sagen: Im Grunde ist er völlig überflüssig.

Zusätzlich gehört zum Lachen ein Verlust der Selbstkontrolle und der Selbstdisziplin. All diese Elemente aber sind genaue Gegenpole zum Fundamentalismus. Dessen Anhänger schätzen ernste Tätigkeiten mehr als Spielereien, Sicherheit mehr als Unsinniges, Autorität mehr als Chaos. So haben auch die Taxifahrer im preußischen Berlin die Sicherheit und die Autorität des Gesetzgebers an oberste Stelle gerückt und dafür die Humanität geopfert.

Autoritärer Traum

Genau das passiert nun auch in Köln. Die berühmte Silvesternacht scheint das liberale Köln ein Stück autoritärer zu machen und spiegelt damit auf kleinstem Raum eine Entwicklung wider, die wir auf dem gesamten Globus beobachten können. Der Historiker Philipp Blom glaubt gar, dass man die Welt heute nicht mehr in rechts und links einteilen könne. Aus seiner Sicht teilt sich die Welt in zwei neue Lager: Ein Teil der Welt träumt den liberalen Traum, ein anderer den autoritären Traum. Der liberale Traum thematisiert die Menschenrechte und die Freiheit. Er hat seinen Ursprung in der Aufklärung, sieht die Welt individualistisch und vor allem pluralistisch. So wie das liberale Köln: Jede Jeck is anders.

Der autoritäre Traum hingegen ist so alt wie die Welt, aber er lebt immer wieder neu auf. So wie jetzt, wenn viele Menschen nicht oder nicht mehr an die Demokratie glauben. Der autoritäre Traum sucht nach starken Führern und einfachen Antworten, zu denen die langsame, kompromissbereite Demokratie nicht fähig sei. Der autoritäre Traum wütet gegen die Dekadenz der liberalen Lebensweise und der "unnatürlichen sexuellen Ausschweifungen", so Blom. Der autoritäre Traum verbindet Donald Trump in den USA mit Wladimir Putin in Russland und Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei; ebenso Marine Le Pen in Frankreich mit Jarosław Kaczyński in Polen und Viktor Orbán in Ungarn. Und auch Pegida und AfD haben in dem Punkt mit den Kämpfern des sogenannten Islamischen Staates und den Salafisten mehr gemein, als ihnen lieb ist. Sie alle erliegen dem autoritären Traum, propagieren die Reinheit der Völker, sehen Frauen in traditionellen Rollen und verteufeln immer die Homosexualität. Das ist der Lackmustest, daran können sie ihn festmachen. Der autoritäre Traum mag durchaus attraktiv sein für viele, denen Freiheit Angst macht und zu kompliziert ist. "Donald Trump sorgt dafür, dass wir nicht alle schwul werden." Dafür sorgt in Köln keiner.

Aber jetzt, wo die neokapitalistische und marktradikale FDP keine Rolle mehr spielt, kann man das Wort liberal auch wieder lustvoll in den Mund nehmen – vor allem, um sich vom autoritären Traum abzugrenzen. Aber der wird es in Zukunft schwer haben: Denn er achtet Fremde, solange sie in der Fremde bleiben. Er will Fortpflanzung nur innerhalb der eigenen Kultur. Vor 80 Jahren sprach man noch von Rasse, so Blom. Doch das ist Schnee von gestern. Wegen der Klimaerwärmung werden sich nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration bis 2050 nochmal 200 Millionen Menschen auf den Weg machen müssen, weil sie in ihrer Heimat sonst verdursten oder durch die ansteigenden Meeresspiegel ersaufen. Der liberale Traum ist eben auch für die Klimakatastrophe verantwortlich. Jeder von uns war dabei. Da haben wir alle mitgemacht. Und dann kommt nicht nur der Afrikaner, sogar der Holländer. Der kann das Wasser nicht mehr halten und wird bei uns um Asyl bitten.

Der Holländer? Da fragen sich viele, brauchen wir nicht doch eine Obergrenze? Nein, denn in Zukunft wird das kölsche "Jede Jeck is anders" ergänzt durch ein neues Motto: "Jede Jeck is von woanders." Was wir jetzt Flüchtlingskrise nennen, ist keine Krise, das ist ein Praktikum – eine Fingerübung in der Turnhalle. Damit wir Integrations-Profis sind, wenn die Klimaflüchtlinge kommen. Und sie werden kommen, das kann auch die AfD nicht verhindern. Das Land, das am geschmeidigsten integriert, hat am Ende die besten Chancen. Und wir werden immer besser! Allein schon deshalb, damit wir uns später nicht so blamieren wie der Kölner Busfahrer, der neulich einen Afrikaner an der Haltestelle sah: "Oh, Bimbo will Busfahren?" – "Ja" – "Wo will Bimbo denn hin?" – "Krankenhaus"– "Oh, Bimbo krank?" – "Näh Chefarzt".

Dennoch sagen viele, im Rheinland sei die Toleranz gegenüber Fremden vielleicht etwas größer als in anderen Teilen der Republik. Wenn, dann liegt das wohl vor allem daran, dass man hier gelernt hat, das Positive im Fremden zu erkennen und davon zu lernen. In Köln lebten wir vor 2000 Jahren rechts und links des Rheins als Germanenstämme auf sehr niedrigem Niveau. Wenn wir mal mussten, haben wir ein Loch in die Erde gegraben und darin unseren Darm entleert. Damit waren wir zufrieden. Doch dann kam der Römer aus der Fremde und schlug vor: Wir bauen jetzt Klos und leiten unsere Exkremente mit Rohren in den Rhein. Da waren die Germanen auch erst dagegen, weil das so anders war. Aber dann haben die irgendwann kapiert: Das ist super. Für das ganze Rheinland! Die Kölner haben gerufen: "Toll! Unsere Kacke fließt von uns weg den Rhein runter." Und in Düsseldorf haben sie gerufen: "Das Rheinwasser verändert seine Farbe. Da brauen wir Bier draus!"

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jürgen Becker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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